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„Der Stern glitzert noch"

Gedanken zum Weihnachtsfest 2011 von Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck

Es sammelt sich viel mit der Zeit, so erzählt eine Weihnachtsgeschichte. Da muss ab und zu aufgeräumt werden. Die Mutter geht deshalb mit ihrem Kind auf den Speicher. Während die Mutter aufräumt, findet das Kind allerlei spannende Gegenstände. Eine ganze Welt tut sich da auf. Eine Welt aus allen Dingen, die im Laufe der Jahre auf die Seite gelegt worden sind: eine Welt aus Kleidern und Büchern, abgelegten Schirmen und vergilbten Fotos, verstaubten Bilderrahmen, Wäschekörben und Kisten und allem, was nicht mehr gebraucht wird. Immer wieder kommt das Kind zur Mutter gelaufen, weil es etwas Neues entdeckt hat: eine verrostete Fahrradfelge, einen alten Kerzenleuchter, Bilder von früher und auf einmal einen Weihnachtsstern.

Quelle: Nicole Cronauge / Bistum Essen
Quelle: Nicole Cronauge / Bistum Essen

Der hatte schon lange da gelegen, seine Zacken sind etwas verbogen und das Goldpapier hat Staub angesetzt. Mit dem Stern in der Hand läuft das Kind zu seiner Mutter: „Was ist das?", fragt es. „Ein Stern", sagt die Mutter. „Früher haben wir ihn gebraucht. Da haben wir noch Weihnachten gefeiert. Aber wir brauchen ihn nicht mehr." „Ein Stern", wiederholt das Kind, „er ist schön!" „Komm, wirf ihn in den Müllschlucker", sagt die Mutter, „er ist über!" Das Kind gehorcht. Der Stern fällt ins Dunkel. Das Kind steckt seinen kleinen Kopf in den Schacht und sieht den Stern noch. Tief unten liegt er. „Sieh mal", sagt es, „er glitzert noch."

So geht es vielen Menschen mit dem Weihnachtsfest. Wie viele unter uns wissen noch, worum es dabei geht? Wie viele feiern noch, was es da zu feiern gibt? Zweitausend Jahre sind eine lange Zeit! Sie lässt vieles vergessen. Trotz allem: Weihnachten hat bei uns kaum an Glanz verloren. Kaum einer möchte auf dieses Fest verzichten, und nur wenige gehen an den Weihnachtstagen achtlos vorbei.
Wenn sie es dennoch versuchen, wirkt es oft verkrampft. Jeder möchte an Weihnachten gerne zu Hause sein, und wenn er es nicht kann, befällt ihn eine innere Traurigkeit. Es gibt Radio- und Fernsehsendungen, es gibt Briefe, E-Mails und Handys für Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen das Weihnachtsfest fern von zu Hause verbringen müssen. Ich denke dabei besonders an unsere Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz.

Es gibt aber auch Menschen, die gar niemanden mehr haben und die sich besonders an Weihnachten vor dem Alleinsein fürchten. Betriebe haben ihre Weihnachtsfeier, in jede Wohnung gehört ein Weihnachtsbaum, manchmal sogar eine Krippe. Die alten Lieder werden gesungen oder laufen von der CD, vom holden Knaben im lockigen Haar und dem trauten hochheiligen Paar. Ein Festessen muss her, und der Gang zur Kirche gehört auch dazu. Weihnachten glänzt immer noch.

Woran liegt das? Daran, dass die Geschichte auf uns so anrührend wirkt mit der Mutter und ihrem Kind, weitab in dunkler Nacht in einem einsamen Stall? Oder hat Weihnachten seinen Glanz daher, dass es in uns Erinnerungen weckt? Erinnerungen an jene Zeit, als wir selbst noch Kinder waren, die das Fest gespannt erwarteten, und sich in unseren Augen das Kerzenlicht am Weihnachtsbaum, unter dem die Geschenke lagen, widerspiegelte?: „Am Weihnachtsbaume, die Lichter brennen, wie glänzt er festlich, lieb und mild."

Quelle: KMBA / Doreen Bierdel

Kommt der Glanz des Weihnachtsfestes vielleicht daher, dass sich die an uns erinnern, die uns das ganze Jahr über vergessen haben, und dass wir an jene denken, die uns aus dem Sinn gekommen sind? Gemeinsamkeit tut gut! Gerade an Weihnachten. Oder was verleiht diesem Fest sonst seinen Glanz, einen Glanz, den noch so viel Staub nicht verdecken, den uns keine Dunkelheit unseres Lebens endgültig nehmen kann? Weihnachten leuchtet immer wieder auf! Vielleicht, weil wir ahnen, dass es Ereignisse gibt, die nie ganz Vergangenheit werden, und die nichts von ihrer Kraft verlieren, auch wenn uns zwei Jahrtausende von ihnen trennen?

Dass das so ist, liegt nicht an uns. Es liegt daran, dass Weihnachten ein göttliches Ereignis ist. Das macht seinen Geheimnischarakter aus und begründet seinen bleibenden Glanz. Gott ist in Jesus von Nazaret Mensch geworden. Gott ist kein Hirngespinst der Menschen, er ist kein ideologisches Gebilde, das sie sich ausgedacht hätten, damit die Welt und das Leben für sie schöner werde. Wer immer an diesen Jesus, den Mensch gewordenen Gottessohn, glaubt, der kann spüren: Gott ist keine isolierte Größe, kein lebloser Gedanke, kein „unbewegter Beweger".

Er ist viel mehr. Er ist so sehr Liebe, dass er nicht bei sich bleiben wollte, sondern Mensch wurde, begonnen hat, die Liebe, die sein Wesen ist, in den Lebensereignissen des Menschen Jesus von Nazaret zum Ausdruck zu bringen. In allem, was in seinem menschlichen Leben geschieht – seine Geburt, seine Verkündigung, seine Wunder, sein Leiden und Sterben und sein Auferstehen – spricht sich diese Leben spendende göttliche Liebe zu uns bleibend aus. So können wir, die wir Menschen sind, auf diese Liebe Gottes zu uns mit unserer Liebe zu ihm und zu unserem Nächsten antworten. Wo unser Menschsein Ausdruck unserer Liebe zu Gott und zum Nächsten ist, dort leuchtet Weihnachten auf, etwas von jenem Glanz, der dem göttlichen Charakter dieses Ereignisses eigen ist, und ihm nie verloren geht, auch heute nicht und auch nicht für Sie, ob Sie zu Hause, ob Sie in der Fremde oder ob Sie ganz alleine auf sich gestellt sind.

 

Ihnen allen ein frohes Weihnachtsfest und ein gesegnetes neues Jahr 2012.

Ihr Militärbischof

                                 

                                                       

24.12.2011 Audio Radio Andernach: Weihnachtsgruß in den Einsatz von Militärbischof Overbeck

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