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Weihnachten hinter Stacheldraht

Zum grafischen Werk von Karl M. Ziegler SDB

        

               

„Maria durch ein' Dornwald ging - Kyrie eleison“ – bei dem Titel dieser Grafik kommt vielen Lesern wohl sofort die Melodie des gleichnamigen Liedes in den Sinn, das vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit gesungen wird. Eigentlich ist es jedoch kein Weihnachts-, sondern ursprünglich ein Wallfahrtslied. Es entstand um die Mitte des 19. Jahrhunderts im thüringischen Eichsfeld. Durch die Liederbücher der Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewann das Lied aber vor allem für die Weihnachtszeit an Popularität.

Daran wird gewiss auch der Grafiker dieses Bildes gedacht haben, als er das Motiv im Winter 1946 mit einem Stichel aus einer Linolplatte herausarbeitete. Es stellt eine junge Frau dar, die inmitten dornigen Gestrüpps steht, gekleidet in ein langes Kleid und einen mantelartigen Umhang. An den spitzen Ästen, die sich der jungen Frau entgegen zu strecken scheinen, haben sich Rosenblüten und -blätter ausgebildet. Sie sind Zeichen für das Wunder, das sich durch die Gegenwart der jungen Frau ereignet. Die junge Frau ist Maria, die unter ihrem Herzen, über dem sie ihre Hände kreuzweise zusammengelegt hat, „ein kleines Kindlein ohne Schmerzen“ (2. Strophe) trägt. Als sie „das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen!“ (3. Strophe). Das vermeintlich abgestorbene Geäst, das sich lebensfeindlich in den Weg streckt, wird durch die schwangere Frau, die den Retter der Welt unter ihrem Herzen trägt, zu neuem Leben erweckt, indem es volle Rosenblüten hervorbringt. Die Rosen sind dabei nicht nur Symbol für das neue Leben, sondern zugleich ein Zeichen, dass Maria jungfräulich geblieben ist. Die Rose ist in der christlichen Ikonografie ein Attribut von Jungfrauen.

Künstler und Ordensmann im Gefangenenlager

Die schwarz-weiß kontrastierende Grafik, die nicht nur der technischen Umsetzung als Linolschnitt, sondern auch der Zeit ihrer Entstehung im Kriegsgefangenenlager bei Colchester geschuldet ist, unterstreicht die Bildaussage zusätzlich. Der Grafiker, Karl M. Ziegler, war ein künstlerisch begabter deutscher Kriegsgefangener in einem britischen Prisoner-of-War-Camp bei Colchester. 1914 in Wuppertal-Elberfeld geboren und durch die katholische Jugendbewegung geprägt, hatte er 1938 die Gelübde in der Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos (SDB) abgelegt, bevor er im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen wurde. Als er in Kriegsgefangenschaft geraten war, erhielt er – wie viele andere – von der britischen Militärverwaltung die Möglichkeit, im Kriegsgefangenenlager vor Colchester theologische Studien durchzuführen. Ziegler fertigte für die große Lagerkapelle mehrere Altarbilder für die unterschiedlichen Zeiten des Kirchenjahres an. Ferner schuf er für jede Ausgabe des von Februar 1946 bis August 1947 erscheinenden „Werk-Briefes“ die Titelblätter. Auch diese nahmen auf die Zeit im Kirchenjahr Bezug und zeigten meist einen Heiligen oder zentrale Glaubensinhalte. Der „Werk-Brief“ war eine Art pastorale Handreichung für katholische Lagerseelsorger und deren Laienhelfer, die von Theologen des Camps Nr. 186 Berechurch Hall bei Colchester herausgegeben wurde. Sie fand in sämtlichen Kriegsgefangenenlagern der britischen Inseln Verbreitung.

In einem großformatigen, gebundenen Heft, das sich im Archivbestand aus dem Theologencamp im britischen Kriegsgefangenenlager Berechurch Hall bei Colchester (vgl. Kompass-Ausgaben 3 und 4/2011) erhalten hat, liegt eine kleine Sammlung von Zieglers in der Kriegsgefangenschaft entstandenen Arbeiten als Werkheft vor. Ziegler widmete es dem damaligen Lagerpfarrer Alexander Grones (1914–2000) aus dem Bistum Trier „in dankbarer Erinnerung an die Studienzeit in Colchester“. In diesem Werkheft befindet sich auch ein von Ziegler gestaltetes Exlibris für Grones.

Glaube und Kultur

In Zeiten des Mangels, in denen neben den notwendigsten Dingen zur Lebenserhaltung auch Materialien für den Alltag nur schwer zu bekommen sind, wirkt es fast als Luxus, sich den schönen Künsten zu widmen. Doch ebenso wie das Brot für die leibliche Existenz, sind die verschiedenen Ausdrucksformen geistiger Kultur unverzichtbar für die geistige und geistliche Existenz des Menschen. Zudem war für Karl M. Ziegler (gest. 1990) die Kunst ein bevorzugtes Medium der Verkündigung. Er „empfand jedes kreative Tun als Ausdruck gelungenen Lebens, als Vorwegnahme eines Stückes letztlich im Glauben erhoffter Glückseligkeit“ (Nachruf 1990). So wurde im POW-Camp 186 bei Colchester/Essex dem Lagerleben ein Teil seiner Härte durch vielfältiges Kulturengagement genommen. Neben kirchlichen Chören (ev. und kath.), einem Lagerchor und einem Theaterorchester sorgten im POW-Camp 186 ebenso eine Theater- und eine Kleinkunst-Bühne für Abwechslung. Die Gefangenen erhielten Anregungen für ihre geistige Bildung. So konnten sie ihre Würde auch unter erschwerten Lebensumständen bewahren.

Text: Dr. Monica Sinderhauf