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Sanfte Landung in neuen Welten

Erster Pastoralbesuch des Katholischen Militärbischofs in Afghanistan

Heiß und staubig weht Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck beim Aussteigen aus der Transall in Afghanistan die Luft entgegen. Eine andere Welt tut sich auf bei seinem ersten Pastoralbesuch am Hindukusch, 5.000 km Luftlinie von Deutschland entfernt. Dort, wo ca. 5.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten im ISAF-Einsatz für die Stabilisierung des Landes, zur Ausbildung und zum Aufbau einer afghanischen Armee und zur zivil-militärischen Entwicklungszusammenarbeit eingesetzt sind, will sich der Militärbischof persönlich über den Dienst der deutschen Soldatinnen und Soldaten informieren. Generalmajor Markus Kneip, der Kommandeur des Regionalkommandos Nord, der Ende Mai selbst bei einem Sprengstoffanschlag im Gouverneurspalast von Taloqan schwer verletzt wurde, empfängt den obersten Militärseelsorger. Am Ehrenhain bezeugen der Militärbischof und der Kommandeur den gefallenen Soldaten ihren Respekt und sprechen für sie ein Gebet.

(Quelle: KMBA / Magdalena Beyel)
(Quelle: KMBA / Magdalena Beyel)
(Quelle: KMBA / Magdalena Beyel)

Vier Monate in einem klimatisch extremen Umfeld zu leben, fern von der Heimat und in ständiger Konfrontation mit Gewalt, Tod und Verwundung, ist für die zumeist jungen Leute nicht immer einfach. „Ich stehe zu meinem Auftrag", sagt eine Hauptfeldwebel im Camp Marmal in Mazar-e Sharif. „Was ich aber nicht verstehe, ist die Ignoranz über diesen Einsatz in Deutschland." Die Soldaten jammern nicht. Sie müssen weithin auf eine Privatsphäre verzichten; es wird in Gemeinschaft gelebt und gearbeitet. Es gibt keinen Rückzug ins Private. Militärbischof Overbeck spürt die große Spannung, in der die Soldaten leben. Er bezeichnet dies als besondere Form der Solidarität, in der sie Verantwortung für das Weltgemeinwohl übernehmen. Auch er bemängelt die geringe gesellschaftliche Anerkennung in der Heimat. Gespannt ist er auf die Begegnung mit den Militärpfarrern An-dreas Vogelmeier in Mazar-e Sharif und Marius Merkelbach in Kunduz. Beide sind seit Mitte Juli als Seelsorger im Einsatz. Herzlich und voller Freude ist der Empfang für den Militärbischof und seine Delegation, darunter Brigadegeneral Reinhard Kloss, Stabsabteilungsleiter im Führungsstab der Streitkräfte, und Leitender Militärdekan Joachim Simon, verantwortlicher Dekan für die Seelsorger im Einsatz. Bischof Overbeck feiert in Konzelebration mit den Geistlichen an den jeweiligen Standorten Gottesdienste. In der „Gottesburg" in Kunduz ist der Altar aus Anlass des Erntedankfestes mit Früchten geschmückt.„Welchen Einsatz muss man leisten, um gute Früchte zu bekommen?", gibt der Bischof in seiner Predigt zu bedenken. Sein Resümee lautet: Der Einsatz muss zu einer friedlichen Bewältigung des Konflikts durch Schärfung des Rechtsempfindens führen; er muss zu mehr Solidarität und Gemeinschaft und vor allem zu mehr Verständnis für eine globalisierte Welt befähigen. Nicht zuletzt müsse auch soldatisches Tun vor dem eigenen Gewissen wie vor Gott verantwortet werden. Beim anschließenden Kirchenkaffee wird Militärbischof Overbeck von den Soldatinnen und Soldaten umringt. Für sie ist der Besuch ihres Bischofs wichtig. Er nimmt ihren Dienst ernst und nimmt sie als Menschen wahr. Das tun auch die Militärgeistlichen. Jeder Soldat weiß, dass die Pfarrer ihre Anliegen, Probleme und Sorgen vertraulich behandeln, dass sie ihnen beistehen, wenn das Heimweh plagt, wenn zuhause in der Familie Probleme auftauchen oder durch eigene, erzwungene Anwendung von Gewalt Schuldgefühle entstehen. „Für mich ist die Aufgabe hier in Kunduz sinnvoll und sie macht mir Freude“, sagt Marius Merkelbach. Die Pfarrer tragen Schutzkleidung, ähnlich der Uniform der Soldaten, und sind nur am Kreuz auf ihrer Schulterklappe zu erkennen. Beide Geistliche arbeiten eng mit den evangelischen Militärpfarrern zusammen, quasi Tür an Tür. Ökumenische Gottesdienste sind eine Selbstverständlichkeit. Die Brüderlichkeit untereinander wirkt wohltuend. Gute Zusammenarbeit klappt auch innerhalb des psychosozialen Netzwerkes. Seelsorger, Psychologen und Ärzte bilden ein Beratungs-Team und unterstützen sich gegenseitig. „Ich würde mir eine stärkere Einbeziehung der Familie in die Nachbereitung des Einsatzes wünschen“, wirft Psychologin Major Tatjana Quintana in Kunduz ein, „die Familien müssen den Einsatz mittragen, sonst geht es nicht.“Zurückgekehrt in Mazar-e Sharif ist der Bischof bei seinem Rundgang durch das Camp Marmal sehr beeindruckt vom Feldlagerlazarett, das sich als eine gut ausgebaute Klinik präsentiert, in der ein multinationales Team von Ärzten alle Soldaten aus dem deutschen Verantwortungsbereich im Norden Afghanistans im Krankheits- und Notfall medizinisch bestens versorgt. Beim Besuch des Logistikunterstützungsbataillons 472 aus Kümmersbruck bekommt der Bischof sehr lebendige Eindrücke von der alltäglichen handwerklichen Arbeit der Soldaten, die für die Einsatzfähigkeit der Truppe unabdingbar ist.Am Sonntagmorgen ist die Kapelle in Mazar-e Sharif „Haus Benedikt“ bis auf den letzten Platz besetzt.

(Quelle: KMBA/Magdalena Beyel)
(Quelle: KMBA/Magdalena Beyel)
(Quelle: KMBA/Magdalena Beyel)

Auch hier gestaltet, wie in Kunduz, ein Kirchenchor aus Soldaten den Gottesdienst mit. Bischof Overbeck greift in Bezug auf die Lesungen dieses Sonntags, die die Beziehung zwischen Gott und den Menschen thematisieren, drei klassische Lebensvollzüge auf: Zum einem sei es das Gebet, das Eintreten in die Beziehung zu Gott und zu Jesus – ein Grundvollzug des Mensch- und Christseins; zum anderen die Achtung der Menschenwürde, vor allen Dingen die Achtung der Würde der Frauen und der Unterdrückten; und schließlich fordert er eine gelebte Solidarität. Das seien Lebensbereiche, die für die Soldaten in Afghanistan eine Herausforderung darstellten, aber in Rückbeziehung auf Gott erfahrbar und möglich seien.Bischof  Overbeck hat für die Feier der Eucharistie eine Hostienschale und einen Kelch mitgebracht, die bei dieser Gelegenheit gesegnet werden. Nach dem Gottesdienst trifft sich auch hier der Bischof zu anregenden Gesprächen mit den Soldaten und Soldatinnen.

Über die Eindrücke seines ersten Aufenthalts in Afghanistan sagt Militärbischof Overbeck, er hoffe, dass dieser Dienst der Soldaten Früchte trage, dass die Menschen Gerechtigkeit und Frieden immer mehr zur Maxime ihres Lebens machten, dass das Gewissen und Rechtsempfinden geschärft werde und Konfliktbewältigung nicht durch Gewalt geschehe. 

Magdalena Beyel

                                                               

                                                   

Artikel aus Kompass 11/2011

Artikel_erschienen_im_Kompass_11_2011.pdf

1.2 M

                                                               

                                                   

24.10.2011 Problematische Auslandseinsätze von Christoph Strack - Deutsche Welle

Seelsorge für Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz hat einen besondern Stellenwert für die Truppe und erst recht für die Kirchen. Besonders die katholische Militärseelsorge sieht sich jedoch vor neuen Herausforderungen.

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