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Beten im Einsatz

Beide Stichworte ziehen sich durch den Schwerpunktteil der Ausgabe November 2011 und darüber hinaus:

Das Gebet thematisieren Professor Jörg Splett in seinem Grundsatztext, Brigadegeneral Josef Blotz in seinem Kommentar und Militärseelsorger Markus Hille im Beitrag „Auf ein Wort“; um die Auslandseinsätze geht es unter anderem im Interview mit Militärpfarrer Andreas Vogelmeier, in der Reportage vor Ort aus Afghanistan und in der Kolumne des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus.


 

Grundsatz: Beten für den Feind?

 

Dr. phil. Jörg Splett ist emeritierter Professor für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgender Jesuiten in Frankfurt/Main und Lehrbeauftragter Professor der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München.

Die Antwort vorweg: Selbstverständlich.
1. Basisüberzeugung der drei Schöpfungsreligionen ist, wie ihr Name sagt, der Schöpfungsglaube. Danach ist alles, was existiert, von Gott, allmächtig und allgütig, „ins Dasein gerufen". Dieser bildhafte Ausdruck meint dreierlei: Gott hat a) aus Nichts, besser: aus nichts geschaffen, d. h. weder aus einem ihm vorliegenden Material noch aus seiner eigenen Substanz (durch Ausfließen, Emanation); er hat b) die Dinge nicht einfach „gemacht", sondern – hier fehlt uns ein Wort wie im Hebräischen bará, das nur vom Schöpfergott ausgesagt wird – ganz und gar „geschaffen", d. h. nicht bloß vorgegebene Möglichkeiten realisierend (dafür steht klassisch „Ursache, causa", wes-halb man Gott nicht „causa" nennen sollte, schon gar nicht „causa sui"), sondern nach Wirklichkeit und Möglichkeit, so dass restlos alles Dass und Was und Wie sich ihm verdankt. Darum c) schafft Gott auch nicht bloß in einem punktuellen Herstellungsakt (Urknall oder ähnlich, wie der neuzeitliche „Deismus" annimmt), sondern in einem fortwährenden Tragen und Erhalten, ohne welches das Geschöpf nicht bloß unwirklich würde, sondern völlig verschwände. Zu solchem Schaffen war Gott, als absolut, nicht genötigt, weder durch einen Mangel (weil etwa „freundlos"1) noch zur Selbstentfaltung und Verwirklichung eigener Möglichkeiten noch durch einen Wesensdrang, wie Licht leuchtet und eine Quelle sprudelt. Gott wäre um nichts weniger göttlich, wenn er nicht geschaffen hätte. (Darum setzt ein klares und konsistentes Denken von Schöpfung die Annahme der Dreieinigkeits-Offenbarung voraus:

THOMAS V. A., STh I, 32, 1 ad 3: „Die Kenntnis der göttlichen Personen ist notwendig […] um über die Schöpfung richtig zu denken." R. SPAEMANN, Personen. Versuche über den Unterschied zwischen ,etwas‘ und ,jemand‘, Stuttgart 1996: 36: „Wenn später die Neuscholastik lehrte, die ,natürliche Vernunft‘ könne es zum Gedanken eines einpersönlichen Gottes bringen, so ist diese Lehre unvereinbar mit dem Gedanken einer freien Schöpfung. Ein einpersönlicher Gott hätte nämlich endliche Personen zu seinem notwendigen Korrelat."; 49: „Der philosophische Monotheismus ist daher immer ambivalent. Wenn er nicht trinitarisch wird, dann tendiert er notwendigerweise zum Pantheismus.")

2. Daraus folgt nun, dass alles Sein von Seiendem in dieser Welt Gewolltsein ist. Deutlicher, ohne Erbaulichkeit, sondern in Strenge: Geliebtsein. Denn Liebe besagt Gutheißung (JOSEF PIEPER) oder sagen und tun: Volo, ut sis – ich will, dass du seiest (HANNAH ARENDT)2. – „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre?" (Weish 11,24–26) Und das gilt besonders für Geist-Freiheits-Geschöpfe. Personen schafft Gott vollends (statt als Sklaven) ihretwegen, als „Selbstzweck". „Die Dinge entstehen aus Gottes Befehl; die Person aus seinem Anruf. Dieser aber bedeutet, dass Gott sie zu seinem Du beruft – richtiger, dass er sich selbst dem Menschen zum Du bestimmt" (ROMANO GUARDINI)3.  Dieses Ja und Du nun sollen/dürfen Menschen erwidern4. Jemanden lieben aber heißt auch dessen Liebe teilen. Freundschaft, schreibt SALLUST5, besage, dasselbe wollen und nicht wollen. Darum gehört zum ersten Hauptgebot der Gottesliebe das zweite: Nächstenliebe (Mt 22,36–40). Hassen, verachten also dürfen wir keinen Mitmenschen, niemand.

(Darum kann auch Jesu Wort über Judas, es wäre besser, er wäre nicht geboren (Mt 26,24), nicht wörtlich gemeint sein. Was wäre eine Dreieinigkeit, wenn der Vater sagte: Judas soll sein, der Sohn aber: besser nicht? Es kann also nur im umgangssprachlichen Sinn meinen: in deiner Haut möchte ich nicht stecken. Was musst du an Reueschmerz noch durchmachen, bis du heimkommst (wie auf dem bewegenden oberen Kapitell am ersten Südpfeiler der Basilika Sainte Madeleine in Vézelay, wo der Gute Hirte den Erhängten auf den Schultern trägt wie das verlorene Schaf, um deswillen er die 99 anderen in der Hut seines Vaters zurückgelassen hat).

THOMAS V. A. behandelt STh II-II, 25, 6 die Frage, ob die Sünder zu lieben seien (wobei er mit „Sünde[r]" nicht meint, woran man heute denkt: Diätverstöße oder Mogeln bei der Steuererklärung). Liebe = Caritas hat er zuvor (23, 1 u. 5) als Freundschaft bestimmt und unterscheidet nun bei den Sündern zwischen ihrer Sündigkeit und ihrer Menschnatur, die sie von Gott haben. Kraft ihrer Natur sind sie zur Seligkeit fähig, und in dieser Berufung sieht er das gemeinsame Gut(e), das nach ARISTOTELES die Basis für Freundschaft bildet.

Nicht unterschlagen sei hierzu der Gedanke des jüdischen Philosophen E. LEVINAS, dass wir für alle verantwortlich sind, selbst noch einmal für unsere Verfolger: Autrement qu’être ou audelà de l‘essence, La Haye 1978, 212 / Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht (TH. WIEMER), Freiburg/München 1992, 361. Dort 186/320 findet sich auch, wie wiederholt von ihm zitiert, das Wort des Staretz Sossima: „Ein jeder von uns ist vor allen an allem schuldig, ich aber bin es mehr als alle anderen" (Die Brüder Karamasoff [E. K. RAHSIN], München 1955 bzw. Darmstadt 1979, 471).

Im Licht dieser beiden, oder genauer: drei Wortmeldungen ergibt sich: Wir sollten allen so begegnen, dass wir beim Treffen zum ewigen Lobpreis einander in die Augen schauen können. Zu dieser Frage endgültiger Versöhnung verweise ich auf die kürzlich erschienene umfangreiche Untersuchung von D. ANSORGE, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes. Die Dramatik von Vergebung und Versöhnung in bibeltheologischer, theologiegeschichtlicher und philosophiegeschichtlicher Perspektive, Freiburg i. Br. 2009 (meine Rezension in: Theol. u. Phil. 85 [2010], 627–630).

Es kann jedoch nicht bloß erlaubt, sondern geboten sein, einen ungerechten Angreifer zu töten. Mit Kummer im Herzen – so wie nach dem Talmud Gott bekümmert war über den Tod der Ägypter im Roten Meer und den Engeln das Jubeln verbot: „Meine Geschöpfe ertrinken im Meer, und ihr wollt einen Gesang anstimmen? (b Sanh. 39b). Oder die Männer vom 20. Juli beim Attentat auf Hitler. Aber natürlich sollten wir mit Gott wünschen, dass solch ein Feind nicht ewig verloren gehe6.

Vor diesem Hintergrund habe ich wiederholt im Gespräch mit atheistischen Humanisten gefragt, wie sie bei einer aufgedrungenen Hilfsnotwehrtötung (bei Eigennotwehr darf man den Tod des Angreifers ja nicht anzielen, sondern nur in Kauf nehmen; anders im Krieg oder beim finalen Rettungsschuss), wie sie in einer solchen Lage die Tötung eines Menschen von der Beseitigung eines untermenschlichen Schädlings unterscheiden wollen. Nicht als ob christliche Nächstenliebe darin bestünde, jemanden zu töten und zugleich für ihn zu beten. Aber wie bei gewissen „Kreuzexperimenten" in den Naturwissenschaften wird manches erst in Extremsituationen deutlich. Und wer einwirft, er wisse nicht, was das solle, tot sei tot, der wäre daran zu erinnern, dass Paläoanthropologen überzeugt sind, es mit Menschen zu tun zu haben, wenn sie gepflegte Begräbnisstätten entdecken.

3. Warum indes überhaupt Bittgebet zum allwissend allmächtigen Gott?7 – Die Antwort findet sich wieder beim AQUINATEN: Gott will uns die Würde der (Mit-)Urheberschaft geben.8 Hier lässt sich in der Tat mit den Rabbinen „vom Größeren aufs Kleinere" schließen: Alle Menschen sind, wie eingangs bedacht, Geschöpfe Gottes; aber keinen und keine von uns hat Er persönlich geknetet wie Adam. Geschaffen sind wir in der Weise von Zeugung, Empfängnis, Geburt. Verdanken wir aber schon unser Dasein anderen Menschen, warum dann nicht auch dies und jenes im Leben? Durch das, was sie für uns tun – und was sie für uns erbitten. Auch dies ist ein Tun, und zwar über das Bitten hinaus; THOMAS zitiert dazu ARISTOTELES9, Freundeshilfe sei in gewisser Weise gleich eigener Tat.

Zudem ist hier nicht bloß an das ewige Leben zu denken, sondern durchaus auch an das irdische, hier und jetzt. Vom Bittgebet sagt THOMAS, es sei sich aussprechende Hoffnung10. Sollten wir nicht hoffen, dass auch der Feind zur Einsicht komme, sich der Wahrheit und dem Guten öffnet?

* * *

Ein eigenes Thema wäre die Herausforderung, die jeder Krieg an die Menschlichkeit der Kämpfer bedeutet. Wie schnell gewöhnt sich der Mensch an die Abwertung des Feindes, an Misstrauen, Täuschung, an das eigene Töten? Gibt es ein einfacheres Mittel zur Bewahrung des Bewusstseins von der Menschenwürde jedes Einzelnen, auch des Kämpfenden, auf beiden Seiten, als das Gebet für den Feind?

 

Quellennachweise: • 1 F. SCHILLER, Die Freundschaft. Sämtl. Werke (G. FRICKE / H. G. GÖPFERT), München (1965) 51973, I, 93. • 2 J. PIEPER, Über die Liebe, München 1972, 38f. / Werke (B. WALD), Hamburg 1995–2007, 4, 314f. – H. ARENDT (in Anknüpfung an ihre Dissertation über die Liebe bei AUGUSTINUS): Vom Leben des Geistes. II. Das Wollen, München/Zürich 1979, 102. • 3 Welt und Person. Versuche zur christlichen Lehre vom Menschen (1940), Mainz 61988, 144. • 4 NIKOLAUS CUSANUS: „Du sprichst in Deinem Wort zu allen, die sind, und rufst ins Sein, die nicht sind [...] Du sprichst zur Erde und berufst sie zur menschlichen Natur. Und die Erde hört dich, und dieses ihr Hören ist das Werden des Menschen - et hoc audire eius est fieri hominem." De visione Dei – Vom Schauen Gottes (1453), Kap. X (Studienausg. [GABRIEL/DUPRÉ] III 134-137) • 5 SALLUST, Catil. 20, 4. • 6 Abschreckendes Gegenbild ist Hamlet, der seinen Onkel nicht tötet, weil er ihn gerade beim Beten überrascht (zum Ende von III, 3) • 7J. SP., Gebet zur ewig allwissenden Allmacht, in: Der Logos-gemäße Gottesdienst (Hg. R. VODERHOLZER), Regensburg 2009, 26–45. • 8 STh I, 23, 8, ad 2. Er will bestimmte Dinge nicht tun, wenn er nicht darum gebeten wird. • 9 STh I-II 5, 5 ad 1 (Nik. Eth. III, 5 1112 b 27). • 10 STh II-II, 17, obi. 2: petitio est interpretativa spei.

Interview mit Militärpfarrer Andreas Vogelmeier, z. Zt. in Afghanistan

Kompass: Herr Pfarrer Vogelmeier, Sie sind seit Mitte Juli im Einsatz in Mazar-e Sharif. Was unterscheidet Ihre Aufgabe im Einsatz von der an Ihrem Standort in Stetten am kalten Markt?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Zunächst teile ich die Lebensumstände der Soldaten natürlich viel existenzieller als zu Hause. Ich habe auch Dienst rund um die Uhr: 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Ich habe kein Wochenende, wo ich ausspannen kann. Ich habe die Hitze zu ertragen, den Sand, den Staub. Wenn wir rausfahren, teile ich mit den Soldaten auch die Gefährdungen. Ich lebe in einer ungewohnten Umgebung, an die ich mich erst einmal gewöhnen musste, an die ich mich anpassen muss, in der ich auch versuchen muss, selbst zurecht zu kommen.
Kompass: Mit welchen Anliegen treten die Soldaten an Sie heran?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Nun. Heimweh spielt eine große Rolle. Das Vermissen der Familie, auch die Schwierigkeit sich hier anzupassen, hier zurecht zu kommen in dieser langen Zeit – vier bis sechs Monate. Angst spielt auch eine Rolle. Hier bei der Militärseelsorge können die Soldaten offen ihre Angst und Gefühle, ihr Entsetzen zum Ausdruck bringen, auch einmal Tränen zeigen, wo sie sich sonst schämen würden. (Vermutlich, denn sie wollen ja keine Schwäche zeigen vor den anderen.) Hier dürfen sie sich ausdrücklich zu ihrer Schwäche bekennen. Das kann auch mal entlastend wirken.


Kompass: Was machen Sie, wenn Sie merken, dass Sie als Seelsorger doch nicht der richtige Ansprechpartner für die Probleme der Soldaten sind?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Zunächst einmal höre ich ganz genau zu und versuche herauszufinden, wo das Problem liegt. Wenn ich dann merke, das gehört eher in eine andere Fachrichtung – Truppenmedizin, Psychologie oder sogar Psychiatrie –, dann werde ich dem Soldaten empfehlen, sich an diese Spezialisten zu wenden. Ich stelle die nötige Verbindung her. Ich übe quasi eine Art Brückenfunktion aus. Da arbeite ich Hand in Hand mit den Psychologen und Ärzten.
Wenn die Psychologen merken, da geht es mehr um Sinnfragen oder um Schuld, um Schuldgefühle, um Glaubensfragen, dann schicken sie den Soldaten  zu mir. Wir arbeiten hier gut und vertrauensvoll zusammen und versuchen das bestmögliche Resultat für die Soldatin oder für den Soldaten zu erzielen.

Kompass: Haben die Soldaten Glaubensfragen, sind sie auf der Suche nach Gott, oder zweifeln sie?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Was ich häufig erlebe ist, dass die Soldaten zum Teil ihre Schwierigkeiten, die sie mit der Kirche in Deutschland haben, diskutieren möchten. Sie schätzen an uns Militärpfarrern den leichten Zugang, das offene Gespräch und sie sind froh sagen zu können, was ihnen „stinkt“, auch am System Kirche.
Andererseits führe ich intensive Gespräche über den Glauben. Ich werde demnächst eine Erwachsenentaufe feiern auf dem „OP North“. Das ist schon ungewöhnlich, auf den Berghügeln mitten im „Feindesland“ einen Soldaten in die katholische Kirche aufzunehmen. Da freue ich mich schon sehr darauf. Es ist in zwei Wochen, und  da muss ich noch allerhand vorbereiten in der kurzen Zeit. Es war aber der ausdrückliche Wunsch des Soldaten, im Einsatz getauft zu werden.

Kompass: Wer ist der Taufpate?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Einer seiner Kameraden.

Kompass: Ist die Familie zu Hause damit einverstanden?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Die Familie ist schon katholisch, auch die Lebensgefährtin. Die wissen es nur noch nicht, das ist dann eher die Überraschung.

Kompass: Sie als Militärpfarrer werden ja mit den verschiedensten Aufgaben und Wahrnehmungen konfrontiert. Was war bisher – in diesen dreieinhalb Monaten – für Sie das Schwierigste?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Ich habe auch schon darüber nachgedacht: Ich glaube das Schwierigste, was wir Militärpfarrer tun müssen, musste ich bisher nicht tun, da bin ich auch wirklich froh. Wir hatten bisher keine gefallenen Soldaten und auch die wenigen Verwundeten, die wir hatten, die wir auch besucht haben, haben das alle gut  überstanden. Es gab auch schwer  Verwundete, aber es ist keiner von ihnen gestorben, sie sind alle schon zu Hause in Deutschland.
Also das, wofür ich zutiefst gebraucht werde, haben wir noch nicht anwenden müssen, darüber sind wir auch alle sehr froh und ich hoffe, dass es so bleibt. Die anderen Dinge waren für mich jetzt nicht schwerer als das, was ich in Deutschland im täglichen Dienst oder auch bei der Feuerwehrseelsorge tun muss oder getan habe. 

Kompass: Was empfinden Sie in Mazar-e Sharif als sehr schön, als angenehm?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Es gibt viele schöne Erlebnisse, es ist schwer, das alles zu sortieren. Einerseits die Feldgottesdienste, die ich halten durfte, in der ganz eigentümlichen Atmosphäre, in der Dämmerung. Wenn man sich dann bewusst macht, außen herum halten die Soldaten Wache, damit uns nichts passiert, während wir den Gottesdienst feiern. Für mich ist es ein richtiges Highlight, wenn eine meditative Stimmung z. B. in unserer Kapelle, hier im „Haus Benedikt“ aufkommt. Das ist auch wieder so ambivalent in Afghanistan. Man feiert in aller Stille einen Gottesdienst und draußen fahren mit dröhnenden Motoren die geschützten Fahrzeuge. Es ist keine heile Welt, in der wir leben, aber der Glaube gibt mir Halt.
Jedoch erlebe ich im Einsatz mein Beten anders als zu Hause. Hier im Kriegsgebiet erschließen sich mir die Psalmen sozusagen ganz neu. Wenn es da zum Beispiel heißt: „Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.“ (Psalm 23), oder: „Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet.“ (Psalm 31) Wir haben hier Feinde, die uns Böses wollen. Man ist hier viel näher an der Realität Israels vor über 2.000 Jahren, wo die Psalmen entstanden sind, als in Deutschland, wo wir ja relativ sicher leben.

Kompass: Wenn Sie Mitte November wieder nach Hause gehen, was nehmen Sie mit?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Das ist für mich schwer zu sagen, weil ich noch nicht am Ende bin. Bis jetzt muss ich sagen, es war für mich ein Einsatz, den ich als zutiefst sinnvoll erlebt habe, auch von meinem Dienst her, wo ich auch wirklich noch mal in extremster Situation erleben durfte, dass der Glaube trägt und Halt gibt. Wie gesagt, ich bete anders. Ich denke auch, dass mein Blick auf die Welt ein anderer sein wird, wenn ich heimkomme. Aber das kann ich erst sagen, wenn ich wieder in Deutschland bin, die deutsche Luft atme, in den Supermarkt gehe und wieder Auto fahren darf.

Kompass: Wer fängt Sie zu Hause auf?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Ich habe das ganz genau geplant. Meine Familie darf nicht zum Flughafen kommen. Da bin ich noch Seelsorger. Da brauche ich meine ganze Konzentration für die Soldaten, die mit mir zurückkommen werden. Ich komme dann dran, wenn der Einsatz ganz vorbei ist. Meine Familie und Freunde sollen in meiner Wohnung auf mich warten. Sie werden sozusagen den Kühlschrank voll machen, die Wohnung heizen und gucken, dass alles passt, damit ich wieder daheim einziehen kann. Also, da sind genügend Menschen, die mich auffangen. Da habe ich keine Angst.

Kompass: Würden Sie oder werden Sie noch mal als Militärpfarrer in einen Einsatz gehen?
Militärpfarrer Vogelmeier:
Ich habe schon ein paar Mal darüber nachgedacht. Momentan bin ich erst mal froh, wenn ich diesen geschafft habe. Es kann ja sein, dass noch Dinge passieren, jetzt in den letzten sechs, sieben Wochen, die mich dermaßen belasten, dass ich sage, ich kann nie wieder gehen. Aber ich wünsche mir schon, dass ich noch mal gehen kann, weil es eine wichtige Aufgabe ist, und weil ich mit Sicherheit nie mehr so intensiv Seelsorger sein werde wie hier.

Das Interview führte Magdalena Beyel.

Kommentar von Brigadegeneral Josef Blotz, seit dem 1. Oktober 2011 Abteilungsleiter II der Deutschen EU-Vertretung in Brüssel

Beten für die Feinde

ein Kommentar von Brigadegeneral Josef Blotz

Ganz ehrlich: In fast tausend Einsatztagen in Bosnien und Afghanistan habe ich mir mehr als einmal die Frage gestellt, wer „Freund“ und wer „Feind“ ist. Über die Zeit vor, während und nach Konflikten und Kriegen können sich die Interessen der beteiligten Parteien, deren Ziele und Koalitionen verändern – und damit auch die Definition von Freund und Feind. Schon das mag es manchem nicht immer einfach machen, die Frage zu beantworten, ob man „sogar“ für die Feinde beten soll.

Als Kommandeur eines ISAF-Einsatzkontingents stand ich im Mai 2007 in Kunduz vor den Särgen von drei gefallenen Kameraden. Jeder, der einen solchen Moment erlebt hat, kann nachempfinden, wie Zorn, Trauer und – geben wir es zu – Vergeltungsgedanken unsere Empfindungen bestimmen. In der Trauerfeier und in meinen persönlichen Reflexionen war das Beten natürlicher, selbstverständlicher Teil der Verarbeitung des Geschehenen. Wir beteten für das Seelenheil der Gefallenen und Verwundeten, für deren Angehörige und schließlich für uns selbst – nur nicht für den Feind, den Taliban-Selbstmordattentäter, der die mir anvertrauten Soldaten getötet hatte. Warum? Nun, vermutlich aus einer Mischung von Betroffenheit, Gedankenlosigkeit und mangelndem Glauben an die Kraft des Gebetes.

Zwischen Kunduz und Kabul

2010/11 habe ich solche Situationen in Kabul mehrfach wieder erleben müssen. In vielen Fällen waren diesmal amerikanische und afghanische Soldaten und Polizisten zu Tode gekommen. Es war deutlich zu spüren, dass die Haltung vieler uns nahestehender Kameraden aus Nationen rund um den Globus irgendwie anders geworden war, auch meine. Wir beteten dafür, dass fehlgeleitete, verblendete und für sinnlose Gewalt instrumentalisierte junge Afghanen zu der Einsicht kommen mögen, dass sie ihr Seelenheil nicht aufs Spiel setzen.
Es war in diesen Augenblicken tröstlich zu sehen, dass Feindesliebe und die Idee des Betens für den Feind durchaus kein Alleinstellungsmerkmal des christlichen Glaubens sind. Unsere Kameraden mit ganz anderen religiösen Hintergründen stimmten mit uns überein in ihrer Bereitschaft zu vergeben und auf Rache zu verzichten. Übergreifend kann der Wunsch nach Versöhnung als gemeinsames Ziel unserer Anstrengungen gesehen werden. Als Chance, Gewalt und Vergeltung als Mittel der Auseinandersetzung zu überwinden. Wir Christen sind dazu bereit.

Es hat mich Zeit gekostet, bei der Forderung des Herrn, auch den Feind zu lieben und für ihn zu beten, anzukommen. Die Umstände hatten einen Bewusstseinswandel ermöglicht, hatten irgendwie Mut gemacht, der Trauer und Frustration über Unzulänglichkeiten und Widrigkeiten schlimmster Art mit einer anderen Dimension menschlichen Handelns zu begegnen.

Eine christliche Stimme

Noch etwas hatte mir geholfen: Die sonntägliche Heilige Messe bei Monsignore Giuseppe Moretti in der Kapelle der italienischen Botschaft, direkt neben dem HQ ISAF in Kabul.
Msgr. Moretti, seit über dreißig Jahren im Land und Zeuge von Unheil wie von Hoffnung, ist der Superior der Vatikanischen Missio Sui Iuris in Afghanistan; seine Kapelle ist die einzige katholische Kirche im Land. Jeden Sonntag trifft sich hier die kleine katholische Gemeinde Kabuls: Mitarbeiter von Botschaften und NGOs, Soldaten aller Herren Länder.
Moretti sagt: „We constantly pray for peace. When sad things happen, when soldiers or civilians are killed, we meet the following Sunday to commend them to God’s goodness and pray for them irrespective of their religion or ethic background.” Moretti hat uns im Einsatz geholfen, im Gebet keine Unterschiede zu machen, auch nicht zwischen Freund und Feind.
Wir können also festhalten: Krieg ist möglich und ganz real – nur in Afghanistan. Aber: Frieden ist ebenso möglich – wir sehen auch das täglich, wenn wir genauer hinschauen, wenn wir im Sinne der Frohen Botschaft handeln und beten.
Was hindert uns eigentlich daran, den Herrn zu bestürmen, auch diejenigen anzunehmen und zum Vater zurückzuführen, die verloren zu sein scheinen? Uns zu überwinden und im Gebet diejenigen zu stärken, denen es am Mut zur Umkehr fehlt, die Konfrontation durch Kooperation zu ersetzen.

2011 habe ich auch erleben dürfen, dass wir mit Afghanen gemeinsam für Frieden und Umkehr auf der „anderen Seite“ gebetet haben. Beten für den Feind kann uns am Ende helfen, mit unserem Schmerz besser umzugehen. Und den Schatz im Himmel vergrößert es allemal.

    

     

Kompass November 2011

Kompass_11_2011.pdf

Thema: „Beten im Einsatz“ und Strategiepläne der Militärseelsorge

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