Auf die Familien kommt es auch im Einsatz an
Gerade musste ich mich bei einem Besuch in Afghanistan wieder selbst davon überzeugen, welche Belastungen unsere Soldatinnen und Soldaten im Einsatz für die Erfüllung ihres Auftrages, also für unser Land, auf sich nehmen. Wir können stolz auf sie und ihre Leistungen sein. Es gerät aber schnell in Vergessenheit, dass nicht nur die Soldatinnen und Soldaten größte Belastungen auf sich nehmen müssen. Jeder Einsatz und die damit verbundene mehrmonatige Trennung fordern auch von ihren Familien, von Ehefrauen und Ehemännern, Söhnen und Töchtern, Lebenspartnern und Eltern schwere Opfer.
Soldatenfamilien sind es zwar gewohnt, dass der Soldat in der Familie durch Lehrgänge, Übungsplatzaufenthalte oder Kommandierungen häufig abwesend sein muss. Aber ein Einsatz fern der Heimat, etwa auf dem Balkan, auf See oder in Afghanistan von oftmals sechs Monaten oder auch mehr, wie er heute mehr und mehr zur Regel zu werden scheint, ist damit nicht zu vergleichen. Nicht wenige Soldaten sagen dazu, nicht sie, sondern ihre Frau habe die größten Belastungen zu tragen. Und die Kinder zu Hause erst recht.
Die Frauen – oder auch die Männer –, die mit den Kindern zu Hause zurückbleiben, sie müssen stark sein. Und sie sind es auch.
Natürlich verändert sich das Familienleben, wenn Papa oder Mama sechs Monate nicht da ist. Es muss ja währenddessen auch ohne ihn oder sie funktionieren. Wenn der Partner dann zurückkommt und seinen „alten" Platz im Familiengefüge wieder einnehmen will, dann führt das nicht selten zu Problemen. Denn es dauert nicht lange, bis der Partner im Einsatz nicht mehr weiß oder versteht, was zu Hause abläuft. Und es ist verständlich, dass die Daheimgebliebenen nicht verstehen, was im Kopf eines Mannes vorgeht, der sechs Monate mit 17 anderen Männern in brütender Hitze auf einem Feldbett gehaust hat, beschossen wurde oder selbst kämpfen musste. Unterschiedliche Lebenswelten entfremden. Das ist leider so. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Soldatinnen und Soldaten mit ihren Familien kommunizieren können – besonders per Bildtelefonie – und so zumindest auf diesem Weg auch visuell in der Familie präsent bleiben. Gerade für junge Familien stellen die Einsätze zwangsläufig eine Zerreißprobe dar.
Erfahrungen aus der Militärseelsorge
Wie groß die Belastungen sind, das wissen nicht zuletzt die Militärseelsorger zu berichten. Zu ihnen kommen die Soldaten, wenn der Schmerz besonders groß ist, hier schütten sie ihr Herz aus. Darum nimmt die Militärseelsorge dort eine ganz wichtige Funktion wahr. Sie trägt entscheidend dazu bei, dass unsere Frauen und Männer nicht nur körperlich heil, sondern auch seelisch wohlbehalten aus dem Einsatz zurückkommen.
Eine Entwicklung, von der mir auch die Militärpfarrer in Afghanistan bei meiner jüngsten Reise berichteten, bereitet mir besondere Sorgen. Häufig beginnt ein Teufelskreis, wenn der Partner nach dem Einsatz seine Familie nicht mehr versteht und seine Familie ihn nicht. Bald ist der Soldat dann den heimischen Ärger leid und will nur noch zurück in den Einsatz. Von dort ist es dann nicht mehr weit bis zum Ende der Ehe oder der Beziehung. Nicht zuletzt aus diesen Gründen trete ich nachdrücklich dafür ein, dass unsere Soldatinnen und Soldaten – jedenfalls in der Regel – nicht länger als vier Monate in den Einsatz gehen. Wir brauchen nicht nur körperlich leistungsfähige und gut ausgebildete Soldatinnen und Soldaten, wir brauchen seelisch gesunde Frauen und Männer im Einsatz. Dafür ist der Rückhalt der Familien von entscheidender Bedeutung. Und deshalb darf der Einsatz nicht so ausgestaltet werden, dass er den Zusammenhalt der Familien zerstört. Alle zwei Jahre für maximal vier Monate in den Einsatz: Das ist eine Regel, zu der wir wieder zurückkehren müssen.
Hellmut Königshaus,
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages


