Was sind uns unsere Soldatinnen und Soldaten wert?
Was sind uns unsere Soldatinnen und Soldaten eigentlich wert, die für uns alle Gefahren auf sich nehmen, Risiken für Leib und Leben? Was gibt ihnen unser Land, was unsere Gesellschaft zurück für ihren Einsatz? Diese Frage beschäftigt mich seit Beginn meiner Amtszeit. Denn leider musste ich mich schon mehrfach mit Tod, Verwundung und dem Leid von Hinterbliebenen und Angehörigen befassen.
Das ist kein einfaches Thema, aber wir können und dürfen ihm nicht ausweichen. Das beginnt bereits bei der Ausstattung und Ausrüstung. Tun wir wirklich alles, um Gefahren von unseren Soldatinnen und Soldaten im Einsatz abzuwenden oder wenigstens soweit möglich zu minimieren? Mit welcher Ausrüstung und Ausbildung schicken wir Soldaten nach Afghanistan, ins Kosovo oder ans Horn von Afrika? Die Antwort lautet: Beides ist Gott sei Dank schon viel besser geworden, auch wenn noch einiges zu tun bleibt.
Aber was tun wir für Frauen und Männer, die aus dem Einsatz zurückkommen, die verwundet sind an Körper oder Seele, die ihr Leben lang gezeichnet sein werden von dem, was sie im Auftrag der Bundesrepublik erlebt haben? Und was tun wir im schlimmsten Fall, wenn eine Soldatin oder ein Soldat nicht mehr lebend aus dem Einsatz zurückkommt?
Wie kümmert sich der Staat um Hinterbliebene, um Ehefrauen, Kinder, Eltern, Lebenspartner?
Auch bei der Fürsorge haben wir in Deutschland mit dem Einsatzversorgungs- und dem Einsatzweiterverwendungs-Gesetz einen Schritt nach vorne gemacht – aber leider war dieser Schritt deutlich zu kurz, um im Bild zu bleiben.
Denn in der Praxis müssen verwundete und traumatisierte Soldatinnen und Soldaten noch viel zu häufi g um Therapien und finanzielle Unterstützung kämpfen. Das entspricht nicht der Verantwortung, die die Gesellschaft und die Politik gegenüber den Soldatinnen und Soldaten tragen.
Besonders schwierig ist dies im Falle traumatischer Belastungen. Da muss der Betroffene zweifelsfrei beweisen, dass der Einsatz an sich oder ein Erlebnis im Einsatz ursächlich war. Es reicht nicht, dass ein Soldat beispielsweise an einem schweren Gefecht beteiligt war oder einen Sprengstoffanschlag überlebt hat. Das führt dazu, dass sich Verfahren zur Anerkennung einer Traumatisierung über lange Zeit hinziehen – ähnlich wie Verfahren zur Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung. Für die Betroffenen ist diese Unsicherheit äußerst zermürbend. Nicht selten steht der Soldat nach diesem umfangreichen Verfahren
mit leeren Händen da. In meinen Gesprächen mit Verwundeten und Traumatisierten wird immer wieder deutlich, was für eine große Belastung das für die Soldatinnen und Soldaten ist. Einer hat mir jüngst sogar gesagt: „Da überlebst du den schlimmsten Tag deines Lebens und gehst anschließend am Wehrdienstbeschädigungs-Verfahren kaputt.“
Wie es besser geht, zeigen unsere Verbündeten, beispielsweise in Kanada und den USA. Dort gibt es eigene Ministerien für Veteranen-Angelegenheiten. In den USA ist der Haushalt dieses Ministeriums drei Mal so groß wie bei uns der gesamte Verteidigungsetat, nämlich 126 Milliarden Dollar. Beeindruckt hat mich die Mentalität, mit der die Gesellschaft dort Veteranen begegnet. Auch der militärische Dienstherr kümmert sich weiter um sie. Ganz gleich, was passiert ist: Die Männer und Frauen bleiben Soldaten. Ich
habe beispielsweise in einem Verband einen Verwundeten getroffen, der im Irak beide Beine verloren hatte, dennoch in der Army blieb und sogar noch befördert wurde. Bei uns wäre das noch undenkbar. Das müssen wir ändern.
Jeder, der im Auftrag unseres Landes in den Einsatz geht und dabei einen Schaden erleidet – sei es am Körper oder an der Seele – muss mit seinen Angehörigen sozial abgesichert sein. Es darf nicht sein, dass er um Leistungen kämpfen muss. Denn gekämpft hat er schon mehr als genug – für uns alle.
Hellmut Königshaus



