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Den Wandel gestalten – mit Profil in die Zukunft

Das Schwerpunktthema in der Ausgabe Oktober 2011 – nach dem Papstbesuch in Deutschland und vor der Gesamtkonferenz der Katholischen Militärseelsorge – beschäftigt sich mit dem Dialogprozess in der katholischen Kirche und den Strategieplänen der Militärseelsorge.

Auf den bereits zurückgelegten Weg blicken der Präsident des ZdK, Alois Glück (Grundsatzartikel), und das Mitglied im ZdK, General a. D. Karl-Heinz Lather, zurück. Erste Ergebnisse der neuen Sinus-Milieustudie werden vorgestellt (Kommentar zur Sache) – ergänzt durch Zahlen, Daten und weitere Informationen.

 

Grundsatz: "Einen neuen Aufbruch wagen - Für eine glaubwürdige Kirche in der Welt von heute"

 

von Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

Im Jahr 2010 hat die katholische Kirche in Deutschland einen massiven Vertrauensverlust erlitten. Er geht einher mit einer seit langem schwelenden Krise der Volkskirche. Die bisher erfolgten Maßnahmen zur Linderung und Wiedergutmachtung des Leids der Opfer sexuellen Missbrauchs und der Misshandlung in Heimen sowie zur künftigen Prävention solcher Taten sind unverzichtbar und überzeugend. Sie stellen aber nur einen Ausschnitt der notwendigen Schritte dar, damit die Kirche heute und in Zukunft im umfassenden Sinne glaubwürdig das Evangelium verkünden und konkretisieren kann.

Den Jahren 2011 und 2012 kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Wird es die Zeit der fruchtbaren Aufarbeitung des großen Vertrauensverlustes – oder erleben wir eine neue Welle der Frustration, der Enttäuschungen und in der Folge eine noch größere Abwanderung in die Distanz, eine neue Austrittswelle?

Aus heutiger Sicht ist der Ausgang offen. Es gibt immerhin große Hoffnungszeichen wie die Eröffnungsveranstaltung des auf fünf Jahre angelegten Dialogprozesses in der katholischen Kirche in Deutschland. In der Tagung am 8./9. Juli in Mannheim gaben die deutschen Bischöfe mit fast 300 Vertretern des kirchlichen Lebens eindrucksvoll Zeugnis von der gemeinsamen Hoffnung, aber auch von ihrem aufrichtigen Ringen um den richtigen Weg für die Kirche in Deutschland.

Immer wieder sind wir aber auch mit der Abwehr aller Bemühungen um Veränderungen konfrontiert. Wie kann hier ein konstruktiver Weg gefunden werden?

 

Eine Frage, sechs Antworten

Erstens: In unserer Kirche muss eine Debatten- und Streitkultur auf der Basis gegenseitigen Respekts entstehen. Wenn wir dazu unfähig sind, liefern wir ein weiteres Beispiel der Unglaubwürdigkeit unserer Reden, unserer Botschaften und der oft sehr rigorosen Forderungen und Erwartungen der Kirche an die Menschen. Was ist es dann wert, wenn wir von Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Würde des Menschen und vom „christlichen Menschenbild“ reden? Wir müssen lernen, dass Meinungsverschiedenheiten und auch Streit in der Sache nicht eine Gefährdung der Kirche sind, sondern ein Weg des Heiligen Geistes für Erneuerung und Weiterentwicklung. Nicht die Meinungsverschiedenheit, der Streit um den richtigen Weg ist das Problem, dies begleitet die Kirche seit dem Apostelkonzil, also von Anfang an. Es geht um den Geist der Auseinandersetzung. Wenn wir dies innerkirchlich nicht schaffen, haben wir auch der Welt nichts Glaubwürdiges mehr zu sagen. Mannheim war ein wichtiger Schritt zu einer solchen verbesserten Debatten- und Streitkultur. Wir haben einander intensiv zugehört und uns auf die Geschichte und die Sichtweise der jeweils anderen eingelassen. Wenn wir mehr miteinander vertraut sind, können wir auch unterschiedliche, mitunter konträre Ansichten besser aushalten.

Zweitens: Wenn wir wieder Vertrauen gewinnen wollen, dürfen wir nicht die innerkirchliche Befindlichkeit in den Mittelpunkt stellen. Wir müssen die Perspektive der Verletzten und Enttäuschten kennen. Die Schockerfahrung der sexuellen Gewalt in der Kirche hat an einem Punkt bereits zu einer entscheidenden Richtungsänderung geführt: Die Opfer rückten in den Mittelpunkt, der einzelne Mensch stand im Zentrum, nicht ein falsch verstandener Schutz der Institution Kirche, als sei sie Selbstzweck. Vertrauen ist unauflöslich mit Glaubwürdigkeit verbunden, Glaubwürdigkeit geht verloren, wenn die Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu groß werden. Voraussetzung für Vertrauen sind ebenso Transparenz, Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen und der richtige Umgang mit Macht und Machtausübung.

Drittens: muss die katholische Kirche mehr als bisher Vielfalt bejahen. Im Interviewband „Salz der Erde“ antwortete Kardinal Ratzinger auf die Frage, wie viele Wege zu Gott es gebe: „So viele, wie es Menschen gibt.“ Gottesbeziehung und Glaubensweg sind mit persönlicher Prägung und dem eigenen Lebensweg eng verbunden. Ein großer Reichtum unserer Kirche ist die Vielfalt der Frömmigkeitsstile, der Glaubenswege, des individuellen und gemeinschaftlichen geistlichen Lebens. Die Vielfalt ist eine große katholische Tradition, etwa in den Orden; theologisch gesehen ist sie ein Zeichen für das Wirken von Gottes Geist in seiner Kirche. Dem darf nicht mit Angst begegnet werden. Eine neue Sensibilität und Offenheit ist auch für all die Suchenden und Zweifelnden notwendig und all diejenigen, deren Lebenswelten uns schwer verständlich sind. Der gegenwärtige Konflikt in der katholischen Kirche kommt auch daher, dass bestimmte Ausprägungen beanspruchen das festzulegen, was katholisch ist, das andere wird ausgegrenzt. Wohlgemerkt, es geht dabei nicht um die Grundlagen des Glaubens, sondern um die Vielfalt der Gottesbeziehungen und des Glaubenslebens.

Viertens: Die Vertiefung des Glaubens und Reform von Strukturen sind kein Gegensatz. Natürlich lösen Strukturveränderungen nicht automatisch die Probleme der Kirche. Aber die Kirche wird über ihre Strukturen erlebt, und sie lebt in diesen Strukturen. Sie sind die Behausung, der Raum für die innere Entwicklung. Wenn die Kirche in immer mehr Diözesen auf den Priestermangel mit Strukturreformen reagiert, die die Institution Kirche von den Gläubigen entfremdet, dann tragen diese Strukturen zu einer Krise des Glaubens und der Glaubenspraxis bei. Zwar sind die Gemeindestrukturen sicherlich niemals allein ursächlich für die Entwicklung des Glaubens, aber es sind diese Rahmenbedingungen, die Entwicklungen ermöglichen oder verhindern. Wenn die Kirche nicht mehr vor Ort greifbar ist und aus der Lebenswelt der Menschen verschwindet, dann ist sie irgendwann auch nicht mehr relevant für das Leben der Menschen.
Sich nur auf Strukturen zu fixieren, wäre freilich tatsächlich nur eine vordergründige „Modernisierung“ der katholischen Kirche. Ihre künftige Ausstrahlung und Anziehungskraft wird wesentlich bestimmt sein von ihrer geistlichen Kraft und Ausstrahlung, die wiederum mit Personen und Gemeinschaften und deren Wirkung auf Menschen verbunden ist. Daher halte ich es für ganz entscheidend für den Weg unserer Kirche in den nächsten Jahren, ob es gelingt, Strukturen so einzurichten, dass darin die fraglos vorhandenen und weiter zu vertiefenden Charismen der Gläubigen zur Geltung und zur Entfaltung kommen. Es geht dabei nicht darum, als Selbstzweck möglichst viel von den jetzigen Strukturen zu erhalten, sondern um die Präsenz des Glaubens und der Kirche in der Welt von morgen. Veränderungen und Weiterentwicklungen sind
dafür wichtig, sie dürfen aber nicht mit dem selbstverordneten Rückzug aus  Lebensräumen der Menschen und der Kirche beginnen.

Fünftens: Die Krise der Kirche ist im Kern die nun schon Jahrzehnte währende Krise der Glaubensverkündigung. Sie begann mit dem Wandel der Gesellschaft in den sechziger Jahren. Die wachsende soziale und räumliche Mobilität, die allmähliche Auflösung der Bindekraft der Milieus veränderten das Denken der Menschen und ihre Ansprüche an die Gemeinschaft. Dies waren keineswegs nur negative Entwicklungen, wie ein verbreiteter Kulturpessimismus in unserer Kirche glaubt. Für das kirchliche Leben bedeutete dieser Wandel eine grundlegende Veränderung der Situation der Kirche als dominante Macht gegenüber dem Einzelnen und in Gesellschaft und Staat. Bedurfte es früher einer bewussten Entscheidung, um sich aus der kirchlichen Ordnung zu lösen, so ist es heute die genau umgekehrte Situation. Der Glaube war vor allem ein Gehorsamsglaube, stark von Einordnung und Unterordnung geprägt; der Herausforderung, sich den Glauben bewusst anzueignen, mussten sich nur jene stellen, die etwa vom Land in die Stadt zogen.
Die Kirche hat diesen Wandel der gesellschaftlichen Bedingungen und der Lebenssituation und der Haltungen des modernen Menschen zu wenig aufgenommen und angenommen. Sie hat darin mehr Gefahren gesehen als die Möglichkeit des Christenmenschen, sich
frei für seinen Glauben, für seine Kirche zu entscheiden. Noch heute ist diese Angst vor der Freiheit der Menschen zu spüren. Wenn aber die frühere volkskirchliche Gestalt des Christentums immer weiter verschwindet, heißt das nicht, dass die Kirche ihre Verankerung im Volk aufgeben sollte. Sie mag dann nicht mehr die kulturell tonangebende Kirche des Volkes sein, kann und sollte aber doch Kirche im Volk und – als diakonische Kirche im Verbund mit anderen gesellschaftlichen Kräften – besonders Kirche für das Volk sein. Oder in den Worten der Bergpredigt: Salz der Erde. Zu den Besonderheiten der gegenwärtigen Situation zählt, dass die christlichen Kirchen als Autorität für die persönliche Lebensführung immer weniger akzeptiert werden, es aber große Erwartungen als Autorität für die ethischen Maßstäbe in der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung gibt.

Sechstens: Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich der Moderne gestellt. Die Dokumente und Orientierungen dieses Konzils mit der Einbeziehung der Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte in der Kirche, in der Gesellschaft und der globalen Welt sollten die allgemein akzeptierte Grundlage sein. Das anstehende 50. Jubiläum des Beginns des Konzils 2012 ist dafür ein naheliegender Bezugspunkt. Denn das Konzil hat gezeigt: Die Kirche ist nicht nur Menschenwerk; an menschlichen Maßstäben gemessen, müsste sie längst untergegangen sein. Vor 50 Jahren ist sie aber voller Gottvertrauen aufgebrochen – ein Gottvertrauen, das Katholiken auch heute haben sollten.

Beim Katholikentag im kommenden Jahr – abermals in Mannheim – soll das unter dem Leitwort „Einen neuen Aufbruch wagen“ ganz besonders deutlich werden.

 

Der Beitrag ist die ergänzte und aktualisierte Fassung eines Artikels in der Süddeutschen Zeitung vom 25.2.2011.

Kommentar von Ingrid Eilers, Diplom-Soziologin, Studienleiterin Sozialforschung bei Sinus Heidelberg

Wahrnehmung und Bewältigung

der Vertrauenskrise in der Volkskirche – durch die Milieubrille gesehen


ein Kommentar von
Ingrid Eilers, Diplom-Soziologin, Studienleiterin Sozialforschung bei Sinus Heidelberg

Seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg im Januar 2010 hat die katholische Kirche deutlich an Glaubwürdigkeit verloren. Das wird sichtbar in Umfrageergebnissen, in Meinungsbildern, die in den Medien verbreitet und in der Öffentlichkeit diskutiert werden, sowie in sprunghaft gestiegenen Kirchenaustrittszahlen. Die katholische Kirche spricht selbst von einer „tiefgreifenden Vertrauenskrise“ und hat mit der Initiierung eines auf vier Jahre angelegten, kirchlichen Dialogprozesses reagiert.

Der Vertrauensverlust war deshalb so gravierend, weil systematischer Missbrauch durch Personen erfolgte, die von Amts wegen uneingeschränkte Vertrauenswürdigkeit genießen. Priester sind Menschen, die im Auftrag Gottes reden und handeln, denen man seine dunkelsten Seiten („Sünden“) offenlegen kann, im Vertrauen darauf, dass sie das Beichtgeheimnis wahren und Vergebung zusprechen. Man erwartet von ihnen, dass sie Vorbilder sind und das leben, was sie öffentlich verkündigen. Dieses „kindliche Vertrauen“ ist durch die Missbrauchsfälle schwer erschüttert worden. Oder um es mit Heinrich von Kleist und der Marquise von O. zu sagen: „Ihr würdet mir nicht als Teufel erschienen sein, wenn ihr mir nicht zuerst als Engel erschienen wärt.“
Wie sehr Menschen von dem Vertrauensverlust betroffen sind und welche Strategien sie entwickeln, damit umzugehen, hängt davon ab, in welcher Weise sie Eigenverantwortung wahrnehmen oder Verantwortung für ihr Leben an andere delegieren: Jemand, der sehr eigenverantwortlich denkt und handelt, ist weniger von der Vertrauenswürdigkeit anderer abhängig als jemand, der andere für das eigene Leben mit verantwortlich macht. Die Milieubrille hilft, diese Unterschiede wahrzunehmen und sensibel damit umzugehen.

Konfliktbewältigung durch Verantwortungsübernahme

Ein Teil der Führungspersönlichkeiten in der katholischen Kirche denkt und handelt nach einer Werthaltung, die im Sinus-Milieumodell als „traditionelle Grundorientierung“ beschrieben wird. Es geht darum, überkommene Werte zu bewahren, gemeinsam als richtig erachtete Normen und Verhaltensregeln zu befolgen, ein „gottgefälliges Leben“ zu führen. Man weiß, dass es leider auch immer wieder „schwarze Schafe“ unter den Gleichgesinnten gibt. Aber die bewährte Konfliktbewältigungsstrategie lautet: „Es ist mir wichtig, dass nichts nach außen dringt, wenn es in unserer Familie Probleme gibt.“ Nach dieser Devise verlief anfangs das interne Krisenmanagement der katholischen Kirche: nach außen Schweigen sowie die Versicherung, dass die Verfahren intern nach Kirchenrecht abgewickelt würden.
Für die konservativ-etablierte Führungselite konnte das aber nicht genug sein. Menschen aus gehobenen Milieus liegt es nicht, nur auf die Verhältnisse zu reagieren, sondern sie möchten die Dinge selbst in die Hand nehmen und aktiv gestalten. In dem Bewusstsein, Verantwortung für sich selbst, für das Ansehen der katholischen Kirche und für die Perspektive der katholischen Kirche in einer veränderten Gesellschaft zu übernehmen, war die Initiierung des Dialogprozesses deshalb ein mutiger und entschlossener, der Milieulogik folgender Schritt.
Mit dieser Initiative wurde der Konflikt von der konkreten Ebene individueller Betroffenheit auf die abstraktere, Lösungsvorschlägen besser zugängliche und öffentlich diskutierbare Ebene der Perspektiventwicklung gehoben. Das kann man als Chance zur Konfliktbewältigung sehen, aber auch als ein Ausweichen auf einen anderen Schauplatz – je nachdem, von welcher Perspektive aus man diesen Prozess betrachtet. Sicher ist, dass der Dialogprozess unter einem hohen Erwartungsdruck steht und letztlich an den in vier Jahren erzielten Ergebnissen gemessen werden wird.

Abhängigkeit und Ohnmacht

Das Pendant zur traditionell orientierten Führungselite sind Menschen, die sich an Autoritäten orientieren und ihr Leben an den von diesen propagierten Werten und Normen ausrichten (im Sinus-Milieumodell: Traditionelle, Bürgerliche Mitte, Prekäre). Sie sind bestrebt, vorgegebene (Lebens-)Aufgaben gewissenhaft und ordentlich zu erfüllen und anderen nicht zur Last zu fallen. Dafür erwarten sie Liebe und Zuwendung, wie Kinder von ihren Eltern.

Reden und Handeln von Priestern sind für katholische Gläubige mit dieser Grundorientierung gültige Richtschnur für das eigene Leben. Bei „Übertretungen“ regt sich das schlechte Gewissen. Vom Priester zurückgewiesen zu werden, kommt für viele einer Ablehnung durch Gott gleich. Wenn Priester andere, von ihnen abhängige Menschen missbrauchen, entsteht eine klassische Double-Bind-Situation, die sich auch in Eltern-Kind-Beziehungen verhängnisvoll auswirkt: Das Opfer darf den Priester nicht zurückweisen, weil es damit etwas absolut Lebensnotwendiges (die Zuwendung Gottes) zurückweisen würde. Das ist eine Konfliktkonstellation, die wahrscheinlich kein Priester, sondern nur ein Psychotherapeut mit den Betroffenen aufarbeiten kann. Die Kirche kann allerdings durch Mitwirkung bei der strafrechtlichen Aufklärung maßgeblich zur Gesundung der betroffenen Personen beitragen.

Viele traditionell orientierte Menschen sind, auch wenn sie nicht selbst missbraucht wurden, durch die Vorfälle in der katholischen Kirche in ihren Grundüberzeugungen zutiefst erschüttert worden. Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Und welchen Priestern kann man jetzt noch trauen? Kann man Gott noch trauen, wenn er so etwas zulässt? Wie groß die Anzahl der Menschen ist, die durch die öffentlich bekannt gewordenen Missbrauchsfälle durch kirchliche Mitarbeiter das Vertrauen in Gott verloren haben – obwohl sie sich aus Furcht vor seinem Zorn nicht trauen, aus der Kirche auszutreten – kann die Kirche nur erahnen.

Konfliktlösung durch Stärkung der Eigenverantwortung

Eigenverantwortung ist der Weg, sein Leben selbst steuern und gestalten zu können. Damit ist nicht gemeint, dass nur einige wenige Verantwortung für sich und andere tragen, wie im traditionellen Führungsmodell, sondern dass jeder Mensch befähigt wird, für sich selbst zu leben und zu handeln. Das macht manchen Menschen Angst, weil sie entweder anderen diese Fähigkeit nicht zutrauen, oder weil sie selbst nicht gelernt haben, für sich Verantwortung zu übernehmen.

Um eigenverantwortlich zu leben, ist es notwendig, dass sich der Einzelne über sich selbst klar wird, über die eigenen Fähigkeiten, Potenziale und Ressourcen. Auf die Kirche übertragen heißt das: Es entspricht dem Konzept der Eigenverantwortung, dass die katholische Kirche im Dialogprozess zunächst eine Statusbestimmung vornimmt: Wo stehen wir? Welche Ressourcen haben wir? Wo liegen Dinge brach, die genutzt werden wollen für eine Kirche der Zukunft?
Das Konzept der Eigenverantwortung entspricht der Weltsicht der postmateriellen und postmodernen Milieus und wird von Führungspersönlichkeiten ebenso wie von engagierten Christen in den Gemeinden vor Ort getragen. Wenn dieses Konzept bei der Bewältigung der Vertrauenskrise in der katholischen Kirche greifen soll, dann müssen der Statusbestimmung Maßnahmen zur Stärkung der Eigenverantwortung folgen. Die drei Jahresthemen Diakonia, Liturgia und Martyria stehen schon fest. Daran, wie diese Themen inhaltlich gefüllt werden, wird sich entscheiden, bei welchen Menschen, in welchen Milieus durch den Dialogprozess Vertrauen verspielt, zurückgewonnen oder ganz neu gewonnen wird. Mit Blick auf den „Nachwuchs“ in einer Kirche der Zukunft wird es notwendig sein, nicht nur Vorhandenes behutsam zu erneuern, sondern auch Werthaltungen und Logiken der Milieus der Neuorientierung in den Dialogprozess zu integrieren.

    

     

Kompass Oktober 2011

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Thema: Den Wandel gestalten – mit Profil in die Zukunft

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