Sie sind hier: Kompass@ / Schwerpunkte / 09/11 und die Folgen

09/11 und die Folgen

Der 10. Jahrestag des Mehrfach-Attentats in den USA vom 11. September 2001 bildete den Anlass, die Bedrohung durch den weltweiten Terrorismus und die Auswirkungen der Anschläge in Amerika und auf der ganzen Welt genauer zu beleuchten. Dabei kommen sowohl die aktuelle deutsche Außenpolitik als auch ein Zeitzeuge zu Wort, sowie ein Journalist, der im September 2011 direkt aus New York berichtet.

                           

                                

Grundsatz: "Zehn Jahre nach den Anschlägen" von Staatsminister Dr. Werner Hoyer, MdB

Zehn Jahre nach den Anschlägen

in New York und Washington

 

Jahrestage bieten Gelegenheit, herausragende politische Ereignisse nach ihrer historischen Bedeutung einzuordnen – eine Rückschau, mit der eine kritische Bewertung des Umgangs mit diesem Ereignis verbunden sein sollte.
Auch der 10. Jahrestag der Anschläge am 11. September 2001 regt an zu vertiefter Betrachtung bisheriger Anti-Terror-Politik, zur vorläufigen Bilanzierung von Erfolgen, Rückschlägen und Fehlern. Dabei muss außerdem die internationale Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung diskutiert werden, ein für unsere auswärtige Politik wichtiger Aspekt des multidimensionalen und vielschichtigen Phänomens „Internationaler Terrorismus“, wie er von al-Qa‘ida propagiert und praktiziert wird.

Historische Zäsur und die Folgen für die Sicherheit in Deutschland und weltweit

Im politischen wie im medialen Diskurs firmieren die Anschläge von New York und Washington vielfach unter dem Kürzel „9/11“ und werden als ein Ereignis von epochaler Dimension gewertet. In der Tat handelte es sich bei „9/11“ um die einzige Angriffshandlung gegen das amerikanische Festland in neuerer Zeit, vorgetragen in einer höchst spektakulären Operation, die in der Folge gerne zum Paradigma für asymmetrische
Kriegsführung erklärt wurde; außerdem schienen die Anschläge ein Menetekel zu sein für die weit verbreitete These eines „Kampfs der Kulturen“.

Folgerichtig rief der NATO-Rat am Tag nach „9/11“ zum bisher einzigen Mal den Bündnisfall aus. Ebenfalls am 12. September verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen unter Kapitel VII der Charta die Resolution 1368, die Rechtsgrundlage für die gegen den al-Qa‘ida/Taliban-Komplex gerichtete Operation „Enduring Freedom“.
Am 20. September 2001 verkündete Präsident Bush vor dem Kongress den „war on terror“; ein Bündel innerstaatlicher Abwehrmaßnahmen folgte am 25. Oktober mit der Annahme des sogenannten „Patriot Act“.

Andere Länder, insbesondere Partnerstaaten der USA, schlossen sich dem Kampf gegen den Terrorismus an: Deutschland beteiligte sich an „Enduring Freedom“; am 1. Januar 2002 trat das Terrorismusbekämpfungs-Gesetz in Kraft.

Auch die Weltgemeinschaft reagierte: Neben der bereits erwähnten Resolution 1368 des Sicherheitsrates wurde am 28. September 2001 die Resolution 1373 verabschiedet, die alle Mitgliedsstaaten generell und ohne spezifischen Verweis auf eine Terrorgruppe zur Terrorismusbekämpfung verpflichtet. Der al-Qa‘ida/Taliban-Komplex war bereits mit Resolution 1267 (1999) mit Sanktionen (Vermögenseinfrierung, Reisebeschränkungen, Waffenembargo) belegt worden, die mit Resolution 1390 vom 16. Januar 2002 unter Hinweis auf „9/11“ bestätigt wurden.

Bemerkenswert, jedoch nicht verwunderlich ist die zeitliche Nähe dieser Abwehrmaßnahmen zu dem Ereignis, das sie auslöste. Diese für Staatsapparate eher ungewöhnliche Dynamik war ein Refl ex auf die Neuartigkeit der Bedrohung, ihre Konturlosigkeit, auf die totale Konspiration in der Vorgehensweise des terroristischen Gegners. Die mangelnde Berechenbarkeit, die die klassische Beurteilung der Feindlage unmöglich machte, wirkte verstörend – erinnert sei hier auch an die Anschläge unter Verwendung des bakteriologischen Kampfstoffs Anthrax in den USA unmittelbar nach „9/11“. Und nicht umsonst wird in der in 2003 vorgelegten „National Strategy for Combating Terrorism“ der US-Regierung mit Sorge auf den möglichen Einsatz von Massenvernichtungswaffen (MVW) durch Terroristen verwiesen. Ein solches Raisonnement war auch Teil der Rechtfertigung für die Invasion des Irak durch eine US-geführte „Koalition der Willigen“ im März 2003, indem dem MVW-verdächtigen Saddam Hussein Verbindungen zum al-Qa‘ida-Netzwerk nachgesagt wurden – fälschlicherweise, wie sich später herausstellte.

Bei dem Konstrukt eines „Duo infernale“ Saddam Hussein / Usama bin Laden wird ein Grundzug der Terrorismusbekämpfung im Anschluss an „9/11“ deutlich: Unter Heranziehung des klassischen Begriffspaares „Absicht und Fähigkeiten“ („intent and capabilities“) wurde den Terroristen zu Recht ein Höchstmaß an Absicht zu regelloser Gewaltanwendung unterstellt; freilich wurde daraus auch eine Kongruenz von Absichten und Fähigkeiten abgeleitet, die es so nie gab.
Durchaus auch mit Selbstkritik ist festzustellen, dass diese etwas überdehnte Wahrnehmung der terroristischen Bedrohung exakt dem Kalkül der Terrorstrategen entspricht, das auf maximale psychologische Wirkung terroristischer Anschläge in der Zielgesellschaft abstellt.

Diese Rezeption der terroristischen Bedrohung in Politik, Medien und Gesellschaft führte zu einer Gewichtsverlagerung im Spektrum der Politikfelder, zu einer relativen Stärkung des Politikfeldes Sicherheit. Auf Grund der substaatlichen Natur der Terrorakteure, der Transnationalität ihres Aktionsraumes und ihrer konspirativen Vorgehensweise sahen viele eine Verwischung der herkömmlichen Trennung von innerer und äußerer Sicherheit; damit ging eine Tendenz zur Überbetonung gegenüber anderen Politikfeldern einher.

Als erste Reaktion auf die „9/11“-Anschläge noch nachvollziehbar, ist eine solche Gewichtsverlagerung als Dauerzustand bedenklich, nicht zuletzt auch unter dem Gesichtspunkt nachhaltig erfolgreicher Terrorismusbekämpfung.
Voraussetzungen dafür sind nämlich nicht nur Effektivität, sondern auch Legitimität und Akzeptanz von Antiterror-Maßnahmen. Hier setzt ein weiteres wichtiges Kalkül der Terrorstrategen an, der Versuch nämlich, westliche Staaten zu diskreditieren, sie der Heuchelei und Doppelmoral zu bezichtigen.

Recht, Freiheit, Sicherheit

Den Ansatzpunkt bietet ein demokratieimmanentes Spannungsfeld: Bei der Terrorabwehr haben westliche Staaten das sensible Verhältnis von Freiheit und Sicherheit nicht immer sorgfältig austariert.Dabei entstandene Dissonanzen werden von Terroristen propagandistisch ausgenutzt. Und solche gab es: Die Exzesse im Gefangenenlager von Abu Ghuraib im Irak haben z. B. einen Rekrutierungsschub für den islamistisch motivierten Terrorismus ausgelöst. Mit „renditions“ und „black holes“ werden Praktiken der Strafverfolgung umschrieben, die rechtsstaatlichen Normen nicht genügen. Im Zuge robuster Antiterror-Operationen kommt es zudem immer wieder zu sogenannten „Kollateralschäden“. Im Sinne proaktiver Terrorabwehr haben westliche Staaten auch mit Ländern zusammengearbeitet, deren Menschenrechtsstandards die Normen der Vereinten Nationen nicht annähernd erreichen („Folterregime“).
Generell wurden die Erfordernisse der Terrorismusbekämpfung in der Dynamik nach „9/11“ unzureichend wahrgenommen, dies vor allem unter der Maxime der Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze. Objektiv wurden dadurch die Topoi der al-Qa‘ida-Propaganda – Doppelmoral, Dekadenz, Islam-Feindlichkeit des Westens – bedient.
Gleichzeitig erfuhr die terroristische Bedrohung durch die Schärfe und das Ausmaß der Gegenmaßnahmen quasi eine Bestätigung; sie wurde in einer Weise hochgehalten, die die Frage nach Proportionalität aufkommen lässt. Etwas pointiert lässt sich feststellen, dass die nach „9/11“ ergriffenen Antiterror-Maßnahmen den al-Qa‘ida-inspirierten Terrorismus materiell geschwächt haben, nicht jedoch in gleichem Maße seine Anziehungskraft. Diese Diskrepanz aufzuheben, ist Aufgabe künftiger Antiterror-Politik.
Ansätze hierzu sind festzustellen: Im UN-Sanktionsregime etwa, das immer wieder Kritik wegen intransparenter Verfahren ausgesetzt war, wurde durch die am 17. Juni dieses Jahres verabschiedete Resolution 1989 des Sicherheitsrates das Amt der Ombudsperson gestärkt. Terrorverdächtige, die durch Aufnahme in entsprechende Listen mit durchaus einschneidenden Sanktionen belegt werden, können bei der Ombudsperson ihre „Entlistung“ beantragen; diese kann mit ihrem Votum eine Streichung aus der Liste maßgeblich befördern.

Die Ende Mai d. J. vorgelegte dritte Fortschreibung der „National Strategy for Counterterrorism“ der USA spricht nicht mehr vom „war on terror“; vielmehr werden ganz spezifisch al-Qa‘ida und assoziierte Gruppen als Gegner bezeichnet, die von speziellen Einsatzkräften unter Anwendung adäquater Methoden bekämpft werden sollen. An prominenter Stelle werden die Grundprinzipien genannt, nach denen die Antiterror- Bemühungen sich richten; hier sind an erster Stelle zu nennen die Grundwerte der US-Gesellschaft (Beachtung der Menschenrechte, Stärkung von „good governance“, Rücksichtnahme auf private und zivile Freiheiten, Bewahrung der Rechtsstaatlichkeit).

Grenzen in der Bekämpfung des internationalen Terrorismus

Um zum Abschluss die Frage nach den Grenzen internationaler Terrorismusbekämpfung aufzugreifen: Hier scheint zunächst eine Klarstellung angezeigt. „Grenzen“ werden hier nicht so verstanden, dass internationale Terrorismusbekämpfung letztlich nicht erfolgreich sein kann. Das kann sie durchaus, vorausgesetzt die „Grenzen“, wie wir sie verstehen, werden eingehalten. Diese werden bestimmt durch ein ausgewogenes Verhältnis von Effektivität und Legitimität der Antiterror-Maßnahmen, das maßgeblich ist für ihre Akzeptanz. Etwas plakativ formuliert: Rigoroses und unsensibles Durchgreifen heute schafft die terroristischen Gegner von morgen.
Zehn Jahre nach „9/11“ ist der al-Qa‘ida-inspirierte Terrorismus sicherlich noch nicht überwunden. Terrorstrukturen sind anpassungsfähig, auch innovativ, etwa in der Nutzung moderner Kommunikationstechnologie. Regionale Instabilität, der Verfall staatlicher Ordnung bieten Gelegenheit zur Schaffung von Rückzugsräumen. Dennoch gab es Erfolge bei Antiterror-Maßnahmen. Personelle und materielle Verluste durch speziell entwickelte operative Methodik haben daran ihren Anteil. Noch wichtiger freilich ist das offensichtliche Versagen der al-Qa‘ida-Botschaft bei der politischen Neugestaltung in der arabischen Welt. Wirksam sind hier in erster Linie Ansprüche auf „good governance“, die es zu unterstützen gilt – wohlverstanden auch als langfristiger und wesentlicher Beitrag zur Terrorprävention.


Der Autor: Dr. Werner Hoyer, FDP, Mitglied des Deutschen Bundestages, Staatsminister im Auswärtigem Amt

Besonderer Dank gilt Herrn Dr. Manfred Mimler für seine Unterstützung bei der Ausarbeitung dieses Artikels.

Interview mit Militärgeneralvikar Prälat Walter Wakenhut

Kompass: Zum Zeitpunkt der vier koordinierten Selbstmordattentate auf symbolträchtige Ziele in den Vereinigten Staaten am 11. September 2001 waren Sie auf der Rückreise von El Paso (USA) nach Deutschland. Was trug sich Ihrer Erinnerung nach damals im Kontext Ihrer Rückreise zu?

Prälat Wakenhut: Als Militärpfarrer Norbert Achcenich uns zum Flughafen abholen wollte, sagte er nur: „Schreckliches ist passiert. Ihr werdet nicht zurückfliegen können.“ Dann überstürzten sich die Ereignisse. Im Fernsehen konnten wir immer wieder sehen, wie die beiden Hochhaustürme in sich zusammenfielen, wir erlebten den Schrecken der Menschen und erfuhren die eigene Hilfl osigkeit angesichts solch nicht auszudenkenden Terrors.
Es war eine eigenartige Stimmung, die sich da ausbreitete. Es war auf einmal ganz still, kein Flugzeug war mehr am – sonst sehr lauten – amerikanischen Himmel. Überall, gleich wo man war, spürte man, dass da Menschen, ja eine ganze Nation, in der Tiefe ihrer Seele getroffen waren. Und wir waren sehr froh, als wir am Ende der Woche – allerdings ohne Gepäck – endlich wieder in Berlin waren.

Kompass: Vielfach wird dieser Tag als historische Zäsur mit weltweiten Folgen charakterisiert. Ahnten Sie zum damaligen Zeitpunkt, was auf die Welt zukommen würde?

Prälat Wakenhut: Die Folgen dieser schrecklichen Tat waren damals nicht absehbar, so sehr uns allen klar war, dass wir Zeugen eines die ganze Welt bewegenden Ereignisses wurden. Das ganze Ausmaß dieser Katastrophe, Ursache und Wirkung waren aber noch
nicht auszumachen. Wir wussten nur, jetzt muss etwas geschehen. Und manche Reaktion, die wir heute nicht mehr verstehen, ist nur aus dem damaligen Augenblick heraus nachvollziehbar. Die Verwundung der amerikanischen Nation war einfach zu groß: Ihr Herz blutete.
Vieles, was wir aus heutiger Sicht ganz anders bewerten, ist so zu erklären. Dass der Kampf gegen den weltweiten Terrorismus sich so lange hinziehen und vor allem solche Ausmaße annehmen würde, war damals allerdings nicht zu erahnen. Es bestand vielmehr die Hoffnung, dass dieses Problem schnell aus der Welt geschafft wäre. Die Entwicklung ist anders gelaufen; der 11. September wirkt ja bis heute nach. Unsere Soldaten und Soldatinnen in Afghanistan erfahren das Tag für Tag am eigenen Leib und manche müssen das leider auch mit ihrem Leben bezahlen.

Kompass: Und Ihre Auffassung heute, nachdem Deutschland seine Solidarität mit den Vereinigten Staaten dokumentierte und sich seit zehn Jahren mit eigenen Streitkräften und in unterschiedlichen Operationen am Kampf gegen den Terrorismus beteiligt? Was sagen Sie als Leiter der Katholischen Militärseelsorge dazu? Ist das alles gerechtfertigt, oder sehen Sie Grenzen?

Prälat Wakenhut: Krieg ist und bleibt ein Übel und ist mit allen Mitteln zu vermeiden. Der Einsatz unserer Soldatinnen und Soldaten hat ja als erstes den Zweck und das Ziel, der Menschenwürde und den Menschenrechten Geltung zu verschaffen. Es muss immer um
einen gerechten Frieden und nicht um einen „gerechten Krieg“ gehen.
Dass das nicht immer unseren westlichen Vorstellungen gemäß verlaufen muss und kann, das haben wir in den letzten Jahren – nicht zuletzt auch in Afghanistan – gelernt. Das Weltgemeinwohl, wo immer es gefährdet ist, muss verteidigt werden – im extremen Notfall
auch mit Waffen. In diesem Sinne sind und bleiben die Soldaten Diener des Friedens, als die sie das Zweite Vatikanische Konzil sieht. Die deutschen Bischöfe haben sich in ihrer Erklärung zum gerechten Frieden entsprechend geäußert.

Das Interview führte Josef König.

Kommentar von Klaus Prömpers, ZDF-Korrespondent in New York

 

Aus der Schwäche wächst neue Stärke

ein Kommentar von Klaus Prömpers, ZDF-Korrespondent in New York

„Wir sind stärker geworden“, sagt Frances Pascale, Chefin des Notmedizinischen
Dienstes der New Yorker Feuerwehr in Manhattan. „Und zwar wir alle, die New Yorker und alle Bürger der USA“, fügt sie hinzu. Das sei eines der Ergebnisse von 9/11. Und
das hört man in diesen Tagen an vielen Stellen der Stadt. Gemeint ist damit: Die USA haben ihre Unverwundbarkeit verloren. Aber gleichzeitig haben sie sich zur Wehr gesetzt mit den Kriegen im Irak und in Afghanistan und sie haben den Heimatschutz, wie es wörtlich übersetzt heißt, wesentlich ausgebaut. Die Kontrollen an allen Grenzen und vor  U-Bahn-Stationen sind auffälliger als jemals zuvor.
Flächendeckend sind sie allerdings bis heute nicht. Das ist einfach nicht zu schaffen. Sieht man in der Grand Central Station drei hoch bewaffnete Polizisten mit Maschinenpistolen patrouillieren, dann muss man allerdings auch wissen, in keineswegs allen der mehr als 450 U-Bahn-Stationen ist solcher Schutz möglich. Und bei täglich mehr
als 5 Mio. Einwohnern aus den Außenbezirken, die nach Manhattan zur Arbeit kommen, bleibt ein erhebliches Risiko, was Anschläge aller Art angeht. Somit ist – trotz vieler Maßnahmen, die die New Yorker Polizei und die Politik nach dem Tod der fast 3.000 Menschen ergriffen haben – hundertprozentige Sicherheit nicht garantierbar.

Versuch der Vergangenheitsbewältigung

In zahllosen Ausstellungen, Gottesdiensten und Symposien versuchen die 8,2 Mio. Einwohner der Stadt, mit dem zehnten Jahrestag der Terroranschläge auf die zwei Türme des World Trade Centers fertig zu werden. Jeder weiß bis heute ganz präzise, wann er wo von der Katastrophe erfahren hat. Fragen danach werden wie aus der Pistole geschossen
beantwortet. Das 9/11-Museum im Ground Zero wird startklar gemacht für den Tag nach dem Jahrestag. Bereits heute kann man im Internet Karten bestellen und die ersten zwei Monate sind schon so gut wie ausgebucht. Aber für Touristen geht dann doch immer noch was. An der Stelle des Attentats ergießt sich nun Wasser in zwei tiefe quadratische Brunnen, exakt im Umriss des Grundrisses der Türme eins und zwei. Auf den Rändern sind die Namen aller Opfer der beiden Flüge aufgelistet. Die Angehörigen dürfen am 11. September als erste das komplette Kunstwerk besichtigen. Es wird viele Emotionen wach werden lassen, wenn die Namen all derjenigen verlesen werden, die damals in New York und Washington ums Leben kamen. Der frühere Präsident George W. Bush wird ebenso bei der Gedenkveranstaltung am Sonntagmorgen sein wie sein Nachfolger Barack Obama.
Beide werden keine Reden halten, sondern Gedichte vortragen. Ein Jahr vor der nächsten Präsidentschaftswahl soll das Erinnern nicht vom Wahlkampf überschattet werden.
Als am 5. Mai die US-Marines in Pakistan Osama bin Laden erschossen hatten, da gab es ein kleines Freudenfest am Ground Zero, dort wo jetzt der neue Turm des Welthandelszentrums emporwächst, noch höher als die beiden Vorgänger.
Aber die Freude währte nur einen Tag. Viele Angehörige der Opfer der Terroranschläge artikulierten damals, freuen könnten sich nur diejenigen, die niemand bei den Anschlägen verloren hätten. Der Tod des mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge könne die
Toten nicht wieder lebendig machen und das Leiden all derer nicht kompensieren,
die auch zehn Jahre nach der Katastrophe immer noch unter den gesundheitlichen
oder den psychischen Folgen dieser wenigen Minuten leiden.
Alte wie Junge hat das Ereignis traumatisiert. In jahrelangen Prozessen versuchen
Psychologen vielen Menschen zu helfen, aus ihrer Verlustangst, ihrer Einsamkeit, ihrer Angst vor neuen Anschlägen zu entkommen: Keineswegs immer mit Erfolg. Dr. Margaret Dessau ist eine von jenen Menschen, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Von ihrem Balkon aus musste sie hilfl os mit ansehen, wie die Flugzeuge in die Türme rasten. Wie  Menschen in ihrer Not aus den Türmen sprangen, um sich vor den Flammen und dem Inferno zu retten. Sie sah die Türme kollabieren, die Staubwolke und die giftigen Stoffe, die sich dann durch Lower Manhattan wälzten. Und nun sieht sie jeden Tag das Loch, dort wo einst die höchsten Häuser der Stadt standen. 2009 starb ihr Mann an einer Lungenerkrankung, obwohl er nie geraucht hatte – Spätfolge der damals eingeatmeten Gifte? Ihre Eltern flohen vor den Nazis aus Deutschland in die
USA. Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Und wie viel Leid kann er umsetzen in neue Energien, ohne generell am Leben zu verzweifeln?

Eine halbe Million Menschen lebten und arbeiteten in der unmittelbaren Umgebung des World Trade Centers. Tausende Helfer kamen hinterher dorthin, um zunächst Verletzte und Überlebende zu bergen. Später wurde wochenlang nach den sterblichen Überresten der Opfer gesucht. New York hielt 2001 den Atem an, ob des unvorstellbaren Ausmaßes der Terroranschläge und mit ihm die ganze Nation und die ganze Welt. Nicht nur die Menschen in Washington und in Pennsylvania, wo ebenfalls Flugzeuge im Pentagon und auf
dem Acker von Shanksville Menschen in den Tod rissen.

Das kleine Viereck am südlichen Rande Manhattans wird nun neu gebaut: Mit Gedenkstätte und Museum, mit einem neuen Bürogebäude und neuen U-Bahn-Zugängen. Erste Überlegungen werden laut, ob man der Gegend nicht auch wieder einen anderen Namen geeinben solle als „Ground Zero“. Denn das besagt im Grunde nichts anderes als
den exakten Explosionsort einer Bombe, dort, wo die Zerstörung am größten war. In der neuen Welt der vielfachen Absicherungen und des latenten Misstrauens lebt es sich längst nicht mehr so unbeschwert und leicht wie einst in den wilden Siebziger- und Achtzigerjahren in New York. Und doch behaupten viele New Yorker, das Leben sei wieder (fast) normal.
New York zehn Jahre danach, das ist wieder die pulsierende Stadt der Wall Street mit allen Aufs und Abs der letzten Wochen. Aber vor der Wall Street herrscht strenge Einlasskontrolle. Die damals ausgesetzten Touristenführungen durch den Tempel des Kapitals sind bis heute nicht wieder aufgenommen worden. Die weiträumigen Absperrungen rund um die Börse finden sich auf vielen Touristenfotos wieder. Und diese Absperrungen gibt es auch vor den Vertretungen Großbritanniens und anderer Länder, die mit den USA in die Kriege im Irak und in Afghanistan gezogen sind. Aus den Trümmern des World Trade Centers ist mancher Stahlträger hinaus ins weite Land der USA gefahren
worden, um überall im Land an diese Wahnsinnstat zu erinnern. Sie hat den Amerikanern ein Stück Verwundbarkeit hinterlassen, von der sie lange geglaubt hatten, sie könne so etwas nicht treffen.
Muslime haben es nach wie vor schwer in den USA. Das zeigt überdeutlich die Diskussion über ein muslimisches Gemeinschaftszentrum, dass einmal in der Nähe von Ground Zero geplant wurde. Bis heute ist es am Widerstand vieler Amerikaner gescheitert. Es wird
fälschlich als Bau einer Moschee denunziert, denn es soll kein Gebetshaus sein, sondern ein Begegnungszentrum.

New York – zehn Jahre danach

New York zehn Jahre nach 9/11, das ist eine andere Stadt. Die Menschen sind zusammengerückt angesichts der Gefährdung. Sie haben neuen Mut gefunden, die Wunde der Stadt wieder zu schließen, ohne die Erinnerung zu behindern. Die Anschläge der Terroristen haben angesichts des tausendfachen Leids zu neuer Solidarität geführt. Wie lange die halten wird, weiß keiner. 140.000 Obdachlose gibt es in ganz New York, viele Menschen brauchen zum täglichen Überleben Hilfen von Ernährungsprogrammen, die sich die Reste der Lebensmittel aus Restaurants und Lebensmittelläden kurz vor dem Wegwerfdatum holen und den Armen zugänglich machen. Trauer und Erinnerung, Wut und Enttäuschung sind nicht wesentlich geringer als vor zehn Jahren. Bis heute verstehen viele Menschen nicht, wie das alles den USA passieren konnte, ohne dass scheinbar irgendjemand etwas ahnte. Neu anpacken, das liegt den Amerikanern sehr, gerade auch den New Yorkern. Darum bemühen sie sich nun seit zehn Jahren, wie man spüren und sehen kann, nicht ganz ohne Erfolg, trotz der wirtschaftlich schwierigen Jahre 2008 und 2011. Eins ist den Terroristen nicht gelungen: den Optimismus der USA, den Glauben an die eigenen Möglichkeiten, die ja unbegrenzt sein sollen, auszulöschen. Sie kämpfen
ums eigene Überleben und die Rehabilitation aller Opfer, auch wenn gerade im letzteren Fall Regierung und Gerichte manchmal bei der Anerkennung von Entschädigungen sehr hartherzig sein können. Private Spender wiegen das dann schnell auf, wenn der Staat versagt. Vieles in New York läuft bis heute über solche privaten Initiativen. Auch die Hilfen für die Opfer von damals, die viele noch lange brauchen werden,
selbst wenn die Stadt und ihre Bürger stärker geworden sind.

    

     

Kompass Ausgabe September 2011

Kompass_09_2011_Freigabe.pdf

Der 10. Jahrestag des Mehrfach-Attentats in den USA vom 11. September 2001 bildete den Anlass, die Bedrohung durch den weltweiten Terrorismus und die Auswirkungen der Anschläge in Amerika und auf der ganzen Welt genauer zu beleuchten. Dabei kommen sowohl die aktuelle deutsche Außenpolitik als auch ein Zeitzeuge zu Wort, sowie ein Journalist, der im September 2011 direkt aus New York berichtet.

4.1 M

    

     

"Terrorismus als ethische Herausforderung"

10 Jahre nach dem „11. September“
Deutsche Bischöfe unterziehen die Anti-Terror-Politik einer ethischen Bewertung weiter


Terrorismus bekämpfen – ja, aber!

von Heinz-Gerhard Justenhoven

Katholische deutsche Bischöfe fordern: Die Überwindung von Feindschaft muß auch den Kampf gegen Terroristen prägen   weiter