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Dies ist kein Land für Unschuld

Esther weiß nicht, wie es weitergehen soll mit ihr. Sie entschließt sich spontan, Soldatin bei der Bundeswehr zu werden. Dirk Kurbjuweit beschreibt eine Liebe zwischen den Kulturen vor politischem Hintergrund. Das Leben in Afghanistan, die langweilige Routine des militärischen Alltags, die dennoch dauernd bestehende Bedrohung durch Terroranschläge halten die Spannung. Esther hat zu gewährleisten, dass afghanische Mädchen in eine Schule gehen können. Sie lernt währenddessen Mehsud kennen, den Direktor der Schule. Ruhig und fast kühl ist der Roman, fremd bleibt das Geschehene und doch erklären die Gedanken und Handlungen vieles.

Bundeswehr-Soldatin in Kunduz und afghanische Kinder
Quelle: 2010 Bundeswehr / Kunduz

KOMPASS: Herr Kurbjuweit, „Kriegsbraut“ wird als erster deutscher Roman zum Afghanistaneinsatz, die erste belletristische Annäherung aus der Sicht einer deutschen Soldatin proklamiert. Literatur kann alles das, was Journalismus nicht schafft?

Dirk Kurbjuweit: Journalismus schafft es selten in die Seele eines Menschen hinein, in das tiefste Innere. Auch ein offener Gesprächspartner verbirgt etwas oder nimmt eine Rolle ein. Gerade Soldaten sind gegenüber Journalisten vorsichtig, da sie loyal sein wollen zur Bundeswehr oder Angst haben. Ich konnte meinen Gesprächspartnern zusichern, dass ihre Worte niemals in einer Zeitung auftauchen werden, dass sie im Roman unkenntlich bleiben. Da war eine andere Offenheit möglich. Zudem sind die Menschen in einem Roman meine eigenen Geschöpfe, sie können nichts vor mir verbergen. Ich komme tief in ihre Seele hinein. Weiterhin ist Journalismus der Wirklichkeit verpfl ichtet. Als Schriftsteller kann ich die Wirklichkeit in einer anderen Weise aufnehmen, verdichten, zuspitzen. Ich kann Wirklichkeit durch Verfremdung kenntlich machen.

KOMPASS: Der Kern des Buches dreht sich um das große Thema „Schuld – Unschuld“. Viele Gespräche zwischen Esther und Mehsud drehen sich darum. Sie holen das Kernthema zwischen die Kulturen, zwischen Frau und Mann, zwischen Militär und Zivil. Warum haben sie es an dieser ungewöhnlichen Schnittstelle herausgearbeitet?

Dirk Kurbjuweit: Wenn sich Menschen intensiv begegnen, tauchen bald Fragen der Schuld auf. Der Krieg ist, auch wenn das seltsam klingt, eine sehr intensive Begegnung zwischen Menschen. Es geht um Leben und Tod, und dann ist es fast unmöglich, unschuldig zu bleiben. Oberst Klein hat durch seinen Befehl, die Tanklaster bei Kunduz zu bombardieren, den Tod vieler Zivilisten zu verantworten. Damit hat er sich schuldig gemacht. Er ging aber davon aus, dass diese Tanklaster seine Soldaten gefährden können. Hätte er nicht gehandelt und die Tanker wären am deutschen Camp in die Luft gegangen, hätte er sich ebenfalls schuldig gemacht. Egal, wie man handelt, im Krieg entkommt man seiner Schuld nicht. Man wird unschuldig schuldig, und das war ja schon ein großes Thema der griechischen Tragödien. Mich interessieren solche Situationen, aber nicht, um moralische Urteile zu fällen, sondern um den Menschen zu verstehen, um zu ergründen, was er aushalten muss und wie er es aushalten kann. Begegnungen zwischen Mann und Frau sind oft – in einer ganz anderen Art und Weise – intensiv und bringen Situationen der Schuld hervor. Auch das interessiert mich. In „Kriegsbraut“ ist beides verknüpft.

KOMPASS: Sie geben keine Antwort darauf, ob der militärische Einsatz richtig ist, sondern beschreiben, wie sich Soldatinnen und Soldaten in Extremsituationen, unter fremden Menschen, die sie schützen sollen, fühlen. Glauben Sie diese Perspektive findet allgemein zu wenig Beachtung? Dies ist kein Land für Unschuld Esther weiß nicht, wie es weitergehen soll mit ihr. Sie entschließt sich spontan, Soldatin bei der Bundeswehr zu werden. Dirk Kurbjuweit beschreibt eine Liebe zwischen den Kulturen vor politischem Hintergrund. Das Leben in Afghanistan, die langweilige Routine des militärischen Alltags, die dennoch dauernd bestehende Bedrohung durch Terroranschläge halten die Spannung. Esther hat zu gewährleisten, dass afghanische Mädchen in eine Schule gehen können. Sie lernt währenddessen Mehsud kennen, den Direktor der Schule. Ruhig und fast kühl ist der Roman, fremd bleibt das Geschehene und doch erklären die Gedanken und Handlungen vieles.

Dirk Kurbjuweit: Als Schriftsteller fälle ich keine Urteile, ich beschreibe. Als Journalist habe ich mich immer wieder für den Einsatz der Deutschen in Afghanistan ausgesprochen. Die deutsche Bevölkerung insgesamt ist jedoch skeptisch. Das führt auch dazu, nicht hinsehen zu wollen, sich mit dem Unwillkommenen nicht zu befassen. Die Soldaten sind aber in unserem Auftrag dort, das Parlament hat sie nach Afghanistan geschickt, und das Parlament repräsentiert die Bürger. Ich finde deshalb, dass wir den Soldaten wenigstens unsere Aufmerksamkeit mitgeben sollten, ein offenes Ohr und Auge für ihre Entbehrungen, Ängste und Dilemmata.

KOMPASS: Es gibt eine Begegnung mit einem Militärpfarrer nachdem Esther in einen Hinterhalt mit Toten geraten ist. Seelsorge bleibt in dieser Situation für die Betroffene allgemein, wird nicht konkret. Esther ist ratlos und spürt, dass alle Gespräche in Zukunft misslingen. Hätte Seelsorge in ihrem Roman anders funktionieren können, wenn das Gegenüber von der „wahren Schuld“ Esthers, von der ganzen Wahrheit gewusst hätte?

Dirk Kurbjuweit: Der Militärpfarrer hat keine Chance, da Esther ihn nicht an sich heranlässt. Sie ist nicht Christin und sie sieht den Pfarrer in diesem Moment als Teil eine Obrigkeit, der sie misstraut. Verschlossenheit ist insgesamt ein Problem bei Soldaten, die Schlimmes erlebt haben. Sie denken, dass die Kriegserfahrungen so extrem sind, dass jemand, der nicht dabei war, kein wahres Verständnis aufbringen kann.
Es gibt einen Graben zwischen denen, die dort waren, und denen, die nicht dort waren. Ich denke, dass dies die große Aufgabe der Soldaten, ihrer Familien und Freunde ist: dass sie den Graben zuschütten. Von den Soldaten verlangt das Offenheit, von den anderen den Willen, den Krieg mit den Heimkehrern nachzuerleben und deren Erzählungen in ihr eigenes Leben einzubeziehen.

Das Interview führte Barbara Ogrinz.

Buch-Cover "Kriegsbraut"

Kriegsbraut

Dirk Kurbjuweit ist seit 1999 Reporter für „Der Spiegel“, dessen Hauptstadtbüro er seit 2007 leitet. Sein Buch "Kriegsbraut" ist 2011 im Rowohlt Berlin Verlag erschienen.

Leseprobe:

„Für mich bist Du unschuldig.“ „Das Wort gibt es nicht in diesem Land. Man kann es aussprechen, aber es hat keine Bedeutung. Dies ist kein Land für Unschuld, in Afghanistan gibt es nur Schuldige.“ „Das glaube ich nicht.“ Weil Du eine Deutsche bist. Die Deutschen haben so viel Schuld auf sich geladen, dass die schon ein bisschen Schuld mehr nicht aushalten können. Ich habe viele Soldaten gesehen, Russen, Amerikaner, Afghanen, Pakistani. Niemand ist so wie die Deutschen, die Deutschen sind die nettesten Soldaten der Welt, sie schießen nicht, sie winken. Das ist Unsinn. Wenn sie den Mohnbauern zuwinken, statt ihre Felder anzubrennen und sie zu erschießen, gibt es billige Drogen in Deutschland, an denen die deutschen Kinder verrecken. Ist das Unschuld? Ich sage Dir: Man ist schuldige, sobald man afghanischen Boden betritt. Wer unschuldig sein will, muss zu Hause bleiben.“ „Aber wer zu Hause bleibt und zusieht, wie in Afghanistan ein neuer Bürgerkrieg ausbricht, macht sich auch schuldig.“ „Einigen wir uns darauf: Solange es Afghanistan gibt, ist niemand unschuldig.“