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© Bundeswehr / Andrea Bienert

Das Internet - die Kirche - die Soldaten

Das Internet, moderne Medien, Kommunikation sind ständig wichtige Themen. Im Juni-Schwerpunkt werden sie anlässlich des „Welttags der sozialen Kommunikationsmittel“ am 5.6.2011 (in Deutschland am 11.9.2011) von vielen Seiten beleuchtet. Es geht um „Social Networking“, Blogs, WikiLeaks, die päpstliche Botschaft zum Mediensonntag – und auch die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages kommt zu Wort.

Grundsatz: "Kurz und lauter" von Msgr. Wolfgang Sauer

 

Überlegungen zur Kommunikation durch das Internet

Wenn es ein Medium gibt, das den Anspruch des Allumfassenden, mit anderen Worten des „Katholischen“, einlöst wie keines bisher, dann ist es das Internet. Eine theoretisch grenzenlose Vernetzung mit inzwischen hohen Anteilen der Interaktivität bietet sich nach dem genuinen Selbstverständnis der Kirche als ideale Plattform der Kommunikation an. Übrigens: längst bevor die Portale der deutschen Diözesen aktiviert wurden, haben die Web-Seiten des Vatikans bereits eine Vorreiterrolle eingenommen, mit tagesaktuellen Informationsangeboten und einem beeindruckend umfassenden Einblick in archivarisches Material.
Freilich hat sich in den zurückliegenden Jahren, in einem rasanten Fortentwicklungsprozess, das Nutzerinteresse über ein reines Info-Angebot (à la „Vatipedia“, um es etwas frech zu karikieren) weit hinaus entwickelt. Die verschiedenen Plattformen, die sich unter dem Sammelbegriff „soziale Netzwerke“ subsumieren lassen, erfreuen sich atemberaubend wachsender Mitgliederzahlen, nicht nur, aber vor allem bei der jüngeren Generation.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um die vordergründige Eitelkeit, im Internet eine möglichst weitgestreute Visitenkarte abzugeben. Das aus dem Werbeslogan bekannte „ich bin drin!“ ist heute für unzählbare Mitglieder der „Communities“ kein technischer Vorgang, sondern einer der Selbstfindung. In nicht wenigen Fällen dürfte die virtuelle Identität bedeutender sein als die in realen Lebensbeziehungen verifizierte Authentizität der Personen.

Kommunikation und Kommunion

Es überrascht nicht, dass sich die jährlichen päpstlichen „Botschaften zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel“ (hier: BWK 2011) wiederholt und mit wachsendem Schwerpunkt dem Thema „Kommunikation durch das Internet“ zuwenden, so auch die am 24. Januar 2011 publizierte Botschaft Papst Benedikts XVI. – Der Heilige Vater stellt eine „ernsthafte Reflexion über den Sinn der Kommunikation im digitalen Zeitalter“ an und lädt dazu ein, die ungeahnten Chancen des Mediums Internet in Bezug zu setzen mit einer christlichen Anthropologie. „Es ist wichtig, sich immer daran zu erinnern, dass der virtuelle Kontakt den direkten persönlichen Kontakt mit den Menschen auf allen Ebenen unseres Lebens nicht ersetzen kann und darf“, lautet eine der Kernaussagen der am Fest des Hl. Franz von Sales, des Patrons der Journalisten, veröffentlichten Botschaft.

Damit ist ein äußerst wertvoller Bezugsrahmen gesetzt, der das Apostolische Schreiben „Communio et progressio“ (1971) von Paul VI. in die Jetztzeit hinein akzentuiert. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ stellt der jüdische Philosoph Martin Buber in seinem bekannten Werk „Das dialogische Prinzip“ fest. Aus christlicher Sicht ist das Zeugnis der je eigenen Wahrheit, also nicht die medial vermittelte, sondern die unmittelbare Erfahrung der Gemeinschaft der Ursprung und das Ziel humaner Entwicklung und Interaktion.

Klarheit, Verlässlichkeit

Eine zunächst in ganz anderem Kontext formulierte Weisung aus der Regel des Hl. Benedikt könnte unseren Überlegungen einen starken Impuls schenken: „Deshalb“, so sagt der Mönchsvater, „sei das Gebet kurz und lauter – oratio brevis sit et pura“. Löst man das lateinische Wort „oratio“ aus seinem religiösen Zusammenhang und begreift damit – in ursprünglicher Etymologie – jedwede Form menschlichen Sprechens und Verlautbarens, dann wären damit zwei Prinzipien von allgemeiner Gültigkeit markiert: einerseits die schnörkellose Kürze und anderseits die dem Reden eines Menschen zugrunde liegende Lauterkeit des Herzens. Präzise Kommunikation in reiner Absicht, sprich ohne latente Tendenzen der Selbstdarstellung und ohne blumige Vernebelung.

Mir scheint, die hier vorgeschlagene Formel für sachgerechte und der Wahrheit verpflichtete Kommunikation dürfte im Kontext des beruflichen Tuns der Leser dieser Zeitschrift unschwer einzuordnen sein. Befehl und Gehorsam – nicht nur im militärischen Bereich – leben von der Klarheit des Auftrags und der Vertrauenswürdigkeit dessen, der den Auftrag definiert. Werden eine oder gar beide Komponenten dieser Kommunikationsstruktur vernachlässigt oder verletzt, kommt jedes System schnell an seine Grenzen. Autorität hat mit Echtheit und Verlässlichkeit zu tun, mit intellektueller Redlichkeit und Klarheit im Gedanken. Die in der persönlichen Anstrengung des Denkens geborene und nicht plagiathaft zusammengeklaubte Gedankenwelt anderer ist die Grundlage für zielführende Kommunikation und humanen Dialog.

Die Virtualität des Internets enthält, darauf wäre hinzuweisen, die suggestive Gefahr, Scheinwelten vorzugaukeln und ein irreführendes Image aufzubauen. Der rote Kopf dessen, der seiner Wahrheit davonläuft, verrät die Lüge; der Bildschirm zeigt die Unwahrheiten nicht an, die althergebrachten Methoden der Verifizierung versagen. Dies gilt nicht nur für die oder den, der sich ein Bild von seinem Gegenüber machen muss. Es gilt nicht weniger für den Hang zu einer unrealistischen Selbstdarstellung, die ob der technischen Perfektion dazu verführt, schließlich auch noch selbst an die künstliche Projektion zu glauben.

Das Internet taufen?

Vor dem Hintergrund der hier in gebotener Kürze skizzierten Chancen und Gefahren internetbasierter Kommunikation wächst der Kirche ein Auftrag zu, den sie tief in ihrem Selbstverständnis trägt, und den das 2. Vatikanische Konzil so formuliert hat: „Die Kirche ist von ihrem Wesen her missionarisch“. Welche Linien lassen sich von diesem Grundauftrag zum sachgerechten Umgang mit dem Internet ziehen? – Wie immer, wenn christliche Sendboten in einen neuen geographischen oder durch eine bestimmte Kultur definierten Raum vordrangen, war die so genannte „Inkulturation“ ein Gebot des Evangeliums. Es geht darum, die einem Volk, einer Sprache, einem System immanenten Gesetzmäßigkeiten zu achten und ernst zu nehmen und dann phantasievoll dafür Sorge zu tragen, dass „das Evangelium zur Welt kommt“. Dabei geht es in unserer Fragestellung um ungleich mehr, als den Wortlaut des Evangeliums durch modernere Verbreitungsmethoden – an denen der Apostel Paulus höchstes Gefallen gefunden haben könnte! – bis an die Ränder des Internets zu bringen. Nicht raffinierte Verbreitungstechnik ist das Ziel, sondern die Humanisierung der in der Virtualität vorherrschenden Gesetzmäßigkeiten.
Das Internet muss getauft und so zu einem Instrument der Humanisierung werden. Längst ist der Dialog über das Internet nicht mehr allein eine Frage ausgeklügelter Techniken, sondern ein permanentes Gebot „das Gesicht zu wahren“. In einem oft lautlosen Prozess, in dem das Medium sich der Form des Denkens und der Inhalte des Gedankens bemächtigt, braucht es also eine neue Sensibilität dafür, dass das Medium sich nicht verselbstständigt und das Werkzeug zum Akteur wird. „In-Formation“ muss als Beitrag zur Humanisierung verstanden werden, als Prozess der Reifung. Vieles spricht dafür, uns in diesem Prozess einer medienpädagogischen Sensibilisierung noch ziemlich am Anfang zu sehen. Und die Faszination ständig neuer Möglichkeiten verdeckt allzu leicht die Notwendigkeit der Anstrengung, die neuen Möglichkeiten auf ihre soziale Dimension und Qualität hin zu untersuchen. Vielleicht kommen wir bald auch im Kontext des Internets zu jener aus anderem ethischen Diskurs bekannten Feststellung, dass nicht alles sittlich erlaubt ist, was technisch möglich ist.

Ähnlich wie die industrielle Revolution scheint auch die kommunikationstechnische Innovation eine Herausforderung darzustellen, der sich die Kirche von ihrem Auftrag her stellen muss. Dabei kann es nicht darum gehen, nörgelnd und bedenkentragend den Entwicklungen hinterher zu humpeln, sondern mit einer kompetenten Professionalität die Welt der Technik mit dem Ethos des Humanum zu verbinden. Nicht abseits stehen, sondern mit pionierhaftem Mut das Neue auf seine Relevanz für die innersten Sehnsüchte des Menschen zu untersuchen, die Sehnsucht nach Heil und „Beim Namen gerufen werden“, nach Wahrhaftigkeit und verlässlicher Gemeinschaft. „Der Mensch ist der Weg der Kirche“, formulierte es der am 1. Mai selig gesprochene Papst Johannes Paul II. in seiner Antrittsenzyklika „Redemptor hominis“. Die moderne mediale Welt ist die Landschaft dieses Weges. Vieles spricht dafür, dass wir uns in einem Paradigmenwechsel der Kommunikationskultur befinden, von dessen weiterer Entwicklung wir nicht einmal träumen können.

Das Ich im Dialog

„Oratio brevis sit et pura“. Was Benedikt in seiner Regel für das Gespräch des Menschen mit Gott als geraten erscheinen ließ, definiert auch die anstehende Herausforderung in einer Kultivierung und Humanisierung der Kommunikation im Internet. Dass das werbeträchtige „I“ in der Hardware „mit dem Apfel“ nicht zum Kennzeichen eines in Antikommunikation entarteten Autismus wird, oder sich andere aus dem egoistischen Umgang mit der verbotenen Frucht entstehenden Sündenfälle ereignen, braucht es eine inzwischen schon im Kindesalter beginnende Schulung im sachdienlichen Umgang mit den Instrumenten. Es braucht ein feines Gespür für den unsichtbaren Übergang, an der das Instrument beginnt, den Menschen zu beherrschen. Es braucht zugleich ein beherztes Nutzen der neuen Möglichkeiten, damit die Maßstäbe des Sittlichen in Zukunft unmittelbarer in die Entwicklung neuer Techniken einfließen. Denn gerade weil „es köstlich wäre, von dem Baum zu essen“ (Gen 3,6), ist dem Menschen und vor allem den in der Welt der Kommunikation Tätigen aufgetragen, „stets mit großer Gewissenhaftigkeit und sorgfältiger Professionalität“ (BWK 2011) vorzugehen.

Dass damit auch einige „Spielregeln“ für die derzeitige Dialoginitiative der deutschen Bischöfe formuliert sein könnten, sei nur nebenbei erwähnt.

 

Zur Person: Msgr. Wolfgang Sauer,
Domdekan und Weltkirchenreferent in Freiburg, ist seit 1. Mai 2011 Geistlicher Direktor des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München. Das ifp ist die Journalistenschule in Trägerschaft der Katholischen Kirche. Es wurde 1968 im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz gegründet und bildet Journalistinnen und Journalisten für alle Medien aus.

 

Interview mit Thomas Wiegold

Moderne Medien, Sicherheitspolitik und die Soldaten

Kompass: Das Internet gilt schon seit geraumer Zeit als ein wichtiges Mittel der weltweiten Kommunikation. Vielfach gibt es Bestrebungen, es zu zensieren, lahm zu legen oder es – zumeist mit krimineller Energie gepaart – für Ziele zu verwenden, die mit Straftaten verbunden sind. Chancen und Risiken dieses modernen digitalen Kommunikationsmittels liegen also sehr nahe beieinander. Wie beurteilen Sie als selbst im Netz agierender User, und dies mit Blick auf die deutsche sicherheitspolitische Diskussion, diesen Teil der Medienlandschaft? Was macht der Bundesminister der Verteidigung dabei richtig, was macht er falsch?

Thomas Wiegold:  Das Internet ist Bestandteil unseres Alltags, und wie unser Alltag steckt es voller Chancen und Risiken – das ist also nichts grundlegend Neues. Leider gilt das auch für die sicherheitspolitische Diskussion: Wie im Alltag, im politischen Alltag, führt sie auch im Internet ein Nischendasein. Die Zahl der Menschen, die sich dafür interessieren, ist sehr gering – es sei denn, es geschieht ein schwerer Zwischenfall zum Beispiel in Afghanistan mit Gefallenen. Der Minister – oder richtiger: das Ministerium und die Bundeswehr – gehen mit den Möglichkeiten des Internets und vor allem der sozialen Netzwerke noch sehr zurückhaltend um. Wenn 47 Prozent der deutschen Online-Nutzer auf Facebook sind – können dann das Verteidigungsministerium und die Bundeswehr es sich leisten, dieses Medium zu ignorieren? Es gibt zwar Ansätze, wie den YouTube-Kanal der Bundeswehr. Aber das reicht alles bei weitem noch nicht aus.

 

Kompass: Was wäre in diesem Zusammenhang Ihr Rat? Kann eine online-gestützte Kommunikationspolitik mit Blick auf die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland auch aus dem Bendlerblock heraus unterstützt werden? Gibt es Grenzen?

Thomas Wiegold: Wenn die Politik – und auch die Bundeswehr – immer die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland fordern, müssen sie auch selbst dazu bereit sein: auf allen Ebenen, auf denen es eine politische Debatte gibt, und die gibt es mittlerweile eben fast immer auch online. Aber Politik tut sich, das erkennen wir auch auf anderen kontroversen Feldern wie der Energiepolitik, bisweilen recht schwer mit den scheinbar chaotischen Strukturen: Wer im Internet die Diskussion sucht, muss damit rechnen, dass er nicht die Diskurshoheit hat. Das tut vielen offensichtlich weh – dann lässt man es lieber gleich.

 

Kompass: Nun ist die Bloggerszene in Deutschland, die sich um Sicherheitspolitik und den soldatischen Dienst bemüht, nicht besonders ausgeprägt. Blogs kommen, Blogs schließen und sind oftmals nur kurzzeitig aktiv. Wo-ran liegt es nach Ihrer Erfahrung, dass es in Deutschland – gerade im Vergleich zu anderen Ländern – nur zaghafte Ansätze gibt?

Thomas Wiegold: Die Deutschen haben, und das ist ja nicht unbedingt schlecht, ein anderes, weit zurückhaltenderes Verhältnis zu ihren Streitkräften als andere europäische Länder wie Frankreich oder Großbritannien und erst recht als die USA. In Deutschland ist die Ablehnung bestimmter Einsätze, die natürlich legitim ist, meist gleich verbunden mit einer Ablehnung der Bundeswehr. Zu erkennen, dass eine kritische Solidarität mit Soldatinnen und Soldaten das eine, die Haltung zu einem bestimmten Einsatz etwas anderes ist – das müssen wir erst noch lernen.

 

Kompass: Kann das gelingen? Empathie für Soldaten und ihren Dienst auf der einen Seite und kritische Reflexion der Sicherheitspolitik in Deutschland und im Bündnis auf der anderen Seite?

Thomas Wiegold: Warum nicht? Zugegeben, das scheint manchen politischen Denk- und Diskussionsstrukturen mit ihrem Absolutheitsanspruch hier zu Lande fremd. Aber natürlich kann man zu den deutschen Soldaten stehen – und einen konkreten Einsatz für grundfalsch halten. Wir brauchen ein bisschen mehr die Bereitschaft zur differenzierten Betrachtung, ohne eine andere Meinung zu verteufeln.

 

Kompass: Sie selbst verantworten im Netz ein Blog, welches dazu auffordert, die „Augen geradeaus“ zu richten. Wie aus dem Namen Ihres Blogs unschwer zu erkennen ist, geht es Ihnen darum, Soldaten ein Kommunikationsforum anzubieten. Lassen sich dabei Einträge, die aus dem Kreis der soldatischen Blogger kommen, klassifizieren und systematisieren? Was wäre vor diesem Hintergrund Ihr persönlicher Rat an die Soldatinnen und Soldaten, die mit ihren Einträgen das Blog bereichern?

Thomas Wiegold: Wer bei mir kommentiert, kann das unter Pseudonym tun – und das will ich auch ganz bewusst. Deshalb kann ich aber nur aus den Äußerungen schließen, ohne es wirklich zu wissen, wer Soldat ist und wer nicht – und mein Blog richtet sich ja bei weitem nicht nur an Soldaten, sondern an alle, die Interesse an diesem Thema haben. Mein Rat an die Soldaten, die sich in meinem Blog äußern und damit für alle Leser zur Bereicherung beitragen: Den gesunden Menschenverstand einschalten und vor dem Abschicken eines Kommentars nachdenken, ob mit dieser Äußerung jemand gefährdet wird. Das ist die einzige Grenze, die ich ziehen würde.

Das Interview führte Josef König.


Zur Person: Thomas Wiegold,
Jahrgang 1960, von September 1999 bis Juli 2010 bei FOCUS Redakteur in der Parlamentsredaktion in Berlin mit den Schwerpunkten Verteidigung und SPD.
Seitdem freiberuflich mit dem Schwerpunkt Verteidigung und Sicherheitspolitik tätig. Sein Blog „Augen geradeaus!“ wurde in diesem Jahr für den „Grimme Online Award“ nominiert.

 

Kommentar von Dr. Christoph Bieber

Zwischen See Genezareth und Silicon Valley?


Ein Kommentar von Dr. Christoph Bieber,
seit Mai 2011 Inhaber der Welker-Stiftungsprofessur für Ethik in Politikmanagement
und Gesellschaft an der „NRW-School of Governance“ der Universität Duisburg-Essen

Das Internet ist „wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens“ – die Worte des Heiligen Vaters zum diesjährigen Welttag der sozialen Kommunikationsmittel enthalten gleich mehrere starke Aussagen, die sich sehr detailliert mit den veränderten Möglichkeiten und Grenzen des Austauschs in sozialen Netzen auseinandersetzen. Auf den ersten Blick mag eine solch offene Anerkennung der digitalen Lebenswelt überraschen, zumal sich viele gesellschaftliche Institutionen genau damit eher schwer tun – Schulen, Universitäten, Parteien, Interessenverbände, Medien, sogar viele Unternehmen stehen den Entwicklungen des Web 2.0 oft zögerlich gegenüber. Doch auf den zweiten Blick erscheint es durchaus konsequent, dass die sozialen Kommunikationsmittel gerade im kirchlichen Umfeld hohen Stellenwert genießen – die Ansprache von Freunden und Bekannten, aber auch Fremden, die Bildung von Gruppen und der Aufbau von Netzwerken können von jeher als Kernkompetenz religiöser Gemeinschaften angesehen werden.

Botschaft und Botschafter
gehören zusammen

Es mutet beinahe seltsam an, dass der Bogen vom See Genezareth zum Silicon Valley nicht schon häufiger geschlagen wurde: „Menschenfischen“ ist sicher eine Hauptaufgabe von Facebook, Google oder Apple, wenngleich die Protagonisten des „Social Web“ damit sicher etwas anderes verbinden, als die ursprüngliche Bedeutung im Evangelium vermuten ließe. In dieses Bild passt ebenfalls, dass es gerade in Kalifornien nicht wenige „technology evangelists“ gibt, die sich mit der Verkündung und Verbreitung neuer Entwicklungen auseinandersetzen. Ein weiterer Schlüsselsatz der päpstlichen Botschaft greift diese kommunikative Offenheit auf, formuliert aber auch eine klare Position bezüglich anonymer und persönlicher Kommunikation im Netz: „Im Übrigen kann es auch in der digitalen Welt keine Verkündigung einer Botschaft geben ohne konsequentes Zeugnis dessen, der verkündigt.“

Es wäre allerdings falsch, hieraus ein Statement zur aktuellen Datenschutzdebatte rund um Volkszählung oder Vorratsdatenspeicherung herauslesen zu wollen. Wichtig ist zunächst eine grundsätzliche und klar formulierte Haltung, die sich auch in der konsequent modernisierten Online-Kommunikation des Heiligen Stuhls niederschlägt. Website und YouTube-Kanal werden längst ergänzt durch Facebook-Präsenzen und iPhone-App, die neuen Arenen sozialer Kommunikation werden durchgängig mit Inhalten versorgt und es bieten sich Schnittstellen für eine wechselseitige Kommunikation mit interessierten Nutzern: „Ich möchte jedenfalls die Christen dazu einladen, sich zuversichtlich und mit verantwortungsbewusster Kreativität im Netz der Beziehungen zusammenzufinden, das das digitale Zeitalter möglich gemacht hat. Nicht bloß um den Wunsch zu stillen, präsent zu sein, sondern weil dieses Netz wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens ist.“

Menschenfischen in der Politik

An dieser Stelle findet sich dann auch eine markante Unterscheidung zu den Online-Aktivitäten politischer Akteure, die nur selten ein umfangreiches Bekenntnis zum Leben in den digitalen Netzen formulieren, sondern das Internet allzu oft nur im unmittelbaren Umfeld von Wahlen entdecken und sich nach den Abstimmungen wieder den analogen Routinen zuwenden – online sind viele Politiker nur „Menschenfischer auf Zeit“. Dies könnte nicht nur eine fatale Strategie für die Kommunikation mit künftigen Wählergenerationen sein, deren digitale Medienbiografie oft schon im Kindergartenalter beginnt. Eine erste Quittung stellen Überalterung und Mitgliederschwund der Parteien dar, auch die stetig sinkende Beteiligung junger Wählergruppen scheint dafür ein Indiz zu sein. Darüber hinaus ist dieses wankelmütige Verhalten einer lediglich Kampagnen-orientierten Online-Nutzung eine Absage an eine dauerhafte und nachhaltige Kommunikation mit vernetzten Bürgerinnen und Bürgern.

Der oft bemühte Dialog zwischen Politik und Bürgerschaft verläuft meist kanalisiert und gesteuert im Sinne klassischer Top-Down-Strukturen, nur ganz selten wird dieses Korsett durch innovative Strukturen durchbrochen. Beispiele dafür liefern offene Systeme wie die Nutzung der Beteiligungsplattform „Adhocracy“ im Rahmen der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“, die wachsende Zahl digital koordinierter Bürgerhaushalte oder die vielfältigen Projekte unter dem Label „Open Data“. Hierbei entfalten sich neue Formen von Bürgerbeteiligung in der Entwicklung von Anwendungen, die auf öffentlich verfügbare Daten zugreifen und dadurch einen Mehrwert auch für kommunalpolitische Akteure und Behörden hervorbringen.
Dennoch zielen die Diagnosen einer „Online-Wüste Deutschland“ in eine falsche Richtung. Die Potenziale des „Mitmach-Netzes“ erschließen sich nicht durch bloße Beobachtung, sie müssen durch aktive Aneignung erlernt werden. Da es für die „richtige“ Nutzung sozialer Medien aber keine Gebrauchsanweisung gibt, sind Bedienungsfehler vorprogrammiert – gerade die Politik ist jedoch ein Gesellschaftsbereich, dem man mangelnde Experimentierfreude nicht vorwerfen kann. Beinahe jeder Online-Wahlkampf bringt Innovationsversuche hervor, leider sind nur die wenigsten von Erfolg gekrönt. Dennoch sind diese Mühen zu honorieren – andere Gesellschaftsbereiche blenden die Entwicklung digitaler Kommunikationsräume aus und ducken sich weg. Das aber ist erst recht nicht die richtige Antwort auf medialen und gesellschaftlichen Wandel.

Und die Soldaten?

Doch längst nicht nur Parteien, Parlamente und Regierungen treffen stets auf neue Herausforderungen durch die digitalen Medienumgebungen, auch die Rolle und Verantwortung von Soldaten wird gerade einer äußerst heftigen Prüfung unterzogen: Die Veröffentlichung von Militärdokumenten durch Wiki-Leaks, die Rolle (und das ethische Dilemma) des US-Soldaten Bradley Manning als vermeintliches „Leck“ oder auch die mediengestützte „Operation Geronimo“ deuten an, dass der Umgang mit sensiblen Informationen im Militärbereich immer wichtiger wird. Mit Blick auf das künftige Politikmanagement im Umfeld der Bundeswehr scheint es passend, dass Thomas de Maizière die Leitung des Verteidigungsministeriums übernommen hat. In seiner vormaligen Position als Innenminister hat er „14 Thesen zum Internet“ entwickeln lassen – gleich die erste will das „Bewusstsein für gemeinsame Werte schärfen“. Es gibt gute Gründe dafür, diese Ansätze auch in die Arbeit an neuer Wirkungsstätte einfließen zu lassen.

 

    

     

Kompass Juni 2011

Kompass_06_2011.pdf

Thema: Das Internet - die Kirche - die Soldaten

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