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© Kompass / Jörg Volpers

Mein Friede ist nicht von dieser Welt

Der „Österliche Friede“, den Jesus seinen Jüngern durch den Heiligen Geist zugesagt hat, ist mehr als nur ein Waffenstillstand oder rein menschliche Friedfertigkeit. Er steht unter dem „eschatologischen Vorbehalt“, dass er im Reich Gottes zwar bereits angebrochen ist, aber doch von uns Menschen hier auf Erden nicht abschließend verwirklicht werden kann. Zum Frieden von Ostern äußern sich der neue Militärbischof Franz-Josef Overbeck aus theologischer Sicht, politisch-praktisch der neue Verteidigungsminister Thomas de Maizière sowie politisch-ethisch Professor Heinz-Gerhard Justenhoven.  

Grundsatz:„Der Friede von Ostern“ von von Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen

„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch"

Friede ist ein großes Wort. Unzählige Assoziationen, Erwartungen, Hoffnungen, aber auch Enttäuschungen verbinden sich mit diesem einen Wort. In Anlehnung an Martin Buber könnte man sagen, dass auch das Wort Friede eines der durch Menschen am meisten missbrauchten Wörter ist. Was hat es nun damit auf sich, wenn Jesus der Christus als Auferstandener sich mit dem Gruß „Friede sei mit euch" (Joh 20,19) seinen Jüngern mitteilt? Um welchen Frieden geht es? Ist es wieder ein Friede, der abermals gebrochen werden wird, der wiederum nur Enttäuschte zurücklässt?

Schauen wir genauer hin. Das Johannes-Evangelium berichtet davon, dass Maria von Magdala am ersten Tag der Woche, nachdem sie mit Simon Petrus und einem anderen Jünger zum Grab gelaufen war, draußen vor diesem Grab stehenbleibt und weint. Sie weint, weil sie annimmt, dass man den Körper Jesu aus dem Grab weggenommen habe (Joh 20,2.13). In diesem Zustand tiefster Verzweiflung wird sie von zwei in weißen Gewändern gekleideten Boten, viele Übersetzungen sprechen auch von Engeln, auf ihr Klageweinen hin angesprochen. Und als sie mit den Worten antwortet „man hat meinen Herrn weggenommen", steht sie augenblicklich in unmittelbarer Nähe zu Jesus selbst, ohne ihn aber zu erkennen. In dieser mit Emotionen aufgeladenen Situation spricht Jesus Maria von Magdala mit den Worten an: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?" (Joh 20,15) Diese Fragen gehören nicht dem Zettelkasten letzter Worte berühmter Männer an, sondern es sind die ersten Worte des Auferstandenen im Johannes-Evangelium. Obgleich diese Fragen überflüssig zu sein scheinen, sind sie letztlich existenziell für ein Glaubensleben im Hinblick auf die zu gebenden Antworten: Weshalb bin ich betrübt? Wen suche ich?

Maria von Magdala ist so von ihrer Trauer befangen, dass sie in diesen Fragen immer noch nicht ihren Herrn erkennt. Dennoch hält sie Kurs auf der Suche nach ihrem Herrn. Erst als dieser sie mit ihrem Namen „Maria" anspricht, erkennt sie ihn. Es ist nun allzu verständlich, dass Maria ihren wiedergefundenen Herrn, den sie spontan „mein Rabbi" nennt, festhalten will, um ihn nicht abermals zu verlieren. Der Auferstandene aber entgegnet ihr mit Worten, die man auch mit „halt mich nicht fest" bzw. „halt mich auf meinem Weg nicht auf" übersetzen könnte. Zugleich aber trägt ihr Jesus auf, zu seinen Brüdern zu gehen und ihnen die Botschaft auszurichten: „Ich bin im Begriff, zu meinem und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott hinaufzugehen" (Joh 20,17). Maria von Magdala nimmt diesen Auftrag an, und sie, die selbst blind vor Trauer war, verkündet den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen" (Joh 20,18). Glaube bedarf also der Zeugenschaft und der Verkündigung zugleich. Löst diese Verkündigung freudige Zuversicht aus? Offenbar nicht. Denn diese Jünger haben sich aus Furcht vor ihrer Umgebung hinter vermeintlich sicheren Türen verschanzt.

"Friede sei mit euch"

Der Dramaturgie des Johannes-Evangeliums entspricht es, dass in diese eher von Resignation gekennzeichneten Szenerie hinein noch am Abend desselben Tages Jesus zu den Jüngern kommt und sich in ihre Mitte stellt, obwohl die Türen zu ihnen verschlossen sind. Und in die beginnende Dunkelheit des Abends hinein – in einen scheinbar völlig abgeschlossenen Raum mit sich fürchtenden Menschen – gibt Jesus sich mit dem Gruß zu erkennen: „Friede sei mit euch". Bei Johannes sind es die ersten Worte, die Jesus nach seiner Auferstehung an die Jünger richtet. Der nicht unberechtigten Sorge, dass es sich bei dem solchermaßen vordringenden Jesus um einen Geist handeln könnte (vgl. Lk 24,37), wirkt Jesus selbst entgegen, indem er ihnen als sein „Beglaubigungsschreiben" seine Hände und seine Seite zeigt, welche die Wunden seiner Kreuzigung tragen. Diese einst tödlichen Wunden werden jetzt für die Jünger zu Zeichen der Freude, und auch sie beginnen jetzt, den Herrn wahrhaft zu sehen. In dieses erkennende Sehen der Jünger hinein spricht ihnen Jesus noch einmal seinen Frieden zu: „Friede sei mit euch" (Joh 20,21). Dieser hier verkündete Friede setzt sich von anderen Friedenskonzepten und -erwartungen ab, obgleich diese nicht einfach schlechthin in Opposition zu dem Frieden des Auferstandenen stehen müssen.

Woher kommt dieser Friede?

Was ist nun kennzeichnend für den Frieden, den Jesus verkündet? Zunächst, er hält Wort. Die Zusage, die Jesus während seiner Abschiedsworte an die Jünger gibt, löst er ein: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch". In dieser Zusage bleibt Jesus zugleich transparent, und er weckt keine falschen Hoffnungen: Frieden gebe ich euch, „nicht wie die Welt ihn gibt" (Joh 14,27). Aber ist das nicht wieder ein Friede, so könnte man enttäuscht einwenden, der nur ein schöner, aber blutleerer Traum bleibt, der mit den harten, dornigen Gegebenheiten dieser Welt nichts zu tun hat, zu tun haben will? Braucht denn die Welt nicht vielmehr Menschen und Lösungen, die Frieden in dieser so unerlösten Welt schaffen? Ist jener Friede nicht wieder so ein Versprechen „vom Himmel, womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel" (Heinrich Heine)?

Schauen wir also noch einmal in das Johannesevangelium hinein. Erst nach-dem Jesus den Jüngern Frieden als erste Gabe nach seiner Auferstehung wiederholt zugesagt hat, sendet er sie aus in die Welt, und zwar als selbst Neugeschaffene. Denn das hier Entscheidende verbirgt sich hinter dem Vorgang des Einhauchens: Er hauchte in sie hinein (Joh 20,22). Dieses merkwürdige Wort kommt im Neuen Testament nur an dieser Stelle vor und verweist zugleich auf äußerst wichtige Parallelen in den griechischen Übersetzungen alttestamentlicher Bücher, welche unter dem Titel Septuaginta (LXX) zusammengefasst werden. So heißt es in der zweiten Schöpfungserzählung, dass Gott nach Formung des Menschen ihm Lebensatem in sein Angesicht hinein blies, so dass der Mensch erst dadurch zu einer „lebendigen Seele" geworden ist (Gen 2,7 LXX). Der Prophet Elija hauchte in den gerade verstorbenen Sohn einer Witwe dreimal hinein, so dass dieser wieder zum Leben erwacht und Elija sich dadurch als ein Mann Gottes für andere erweist (1 Kön 17,21–24; vgl. zudem Ez 37,9 LXX). Kurzum, die Einhauchung durch Gott und seine Gesandten schafft Leben und erweckt vom Tod. 

Darum ist es wichtig, dass Jesus zu seinen Jüngern, die körperlich anwesend und nicht tot sind, zudem sagt „Empfangt heiligen Geist". Jetzt tritt deutlicher als bisher hervor, dass derjenige, der sich von Jesus, dem Auferstandenen, anhauchen lässt und heiligen Geist empfängt, in dieser Welt auch befähigt wird, Frieden zu schaffen. Wie dies auch heute noch möglich ist, lebt uns beispielsweise die Gemeinschaft Sant‘Egidio vor. Diese Gemeinschaft, die sich zuvörderst dem Gebet, der Verkündigung des Evangeliums, der Freundschaft mit den Armen und der Ökumene verpflichtet weiß, ist aus diesem Geist heraus zu einem vertrauensvollen Vermittler zwischen so manchen hartnäckigen Konfliktparteien geworden und hat wider so mancher Erwartung diese wieder miteinander ins Gespräch gebracht. Sant‘Egidio hat auf diese Weise aus dem Geist Jesu heraus zum Frieden in dieser Welt wirksam beigetragen (z. B. in Mosambik), gerade weil diese heute weltweit angewachsene Gemeinschaft dem Auferstandenen und der scheinbar schwachen Kraft des Gebets, aber nicht den Zeitgeistern dieser Welt vertraut.

Interview mit dem Bundesminister der Verteidigung Dr. Thomas de Maizière

„Auf pure Hoffnung sollte man nicht setzen, man muss das schon gut

vorbereiten und gut begleiten, aber eine Garantie gibt es nicht."

Kompass: Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland fokussieren ihre Friedensethik im Begriff des „Gerechten Friedens". Sind Ihrer Auffassung nach die Beiträge der beiden Kirchen für das praktische Politikhandeln hilfreich oder vertreten Sie eher die Auffassung, dass sich die Politik auf das Machbare konzentrieren und begrenzen soll?

Dr. Thomas de Maizière: Mein zweiter Punkt – auch aus dem Gefühl als evangelischer Christ – ist: Ich hielte es für falsch, nun einen Gegensatz so zu konstruieren, dass wir Sonntags und in der Synode oder wenn man theologisch diskutiert eine bestimmte Antwort gibt und diese am nächsten Tag vergisst, wenn man handelt. Das Handeln muss aus, wie ich finde, ethischer, und ich füge hinzu christlicher, Verantwortung, begründbar sein und deswegen ist auch Ethik eine Grenze pragmatischen Handelns. Das finde ich einen sehr wichtigen Punkt. Umgekehrt kann man aber auch nicht aus theologischen Betrachtungen sehr konkrete Ableitungen machen. Wir sagen ausdrücklich, dass der Staat ein Gewaltmonopol haben muss. Das ist völlig unbestritten. In dem Wort Gewaltmonopol hören die meisten nur das Wort Monopol, aber dahinter steckt ja auch das Thema Gewalt im Sinne der Durchsetzungsfähigkeit. Sie können ein menschliches Zusammenleben vermutlich nicht ordnen, ohne die Mittel zu haben, das friedliche Zusammenleben durchzusetzen, notfalls mit staatlicher Gewalt. Die Frage ist, wie sind sie legitimiert, wie sind sie gebändigt, wie sind sie kon-trolliert. Deswegen kommen wir mit allgemeinen Sätzen von „es gibt keinen gerechten Krieg mehr" und lasst uns doch stattdessen einen „gerechten Frieden machen" nicht weiter. Der Ausdruck des gerechten Friedens, gegen den ich überhaupt nichts habe, kann aber nicht als ethischer Ausweg dienen im Einzel- oder im Notfall trotzdem Gewalt ausüben zu müssen. Deswegen muss ich schon die Kernfrage stellen und beantworten, auch als Christ und darf mich mit dem schönen Begriff des gerechten Friedens nicht bemänteln. Auch ich bin für den „gerechten Frieden", wer ist denn dagegen, aber was, wenn er scheitert? 

Politik muss zunächst erst mal von der Wirklichkeit ausgehen. Politik hat auch Ihre Chancen und Grenzen. Zu den Grenzen gehören finanzielle Grenzen, materielle Grenzen anderer Art, faktische Grenzen, Entfernung, Klima und ich weiß nicht was sonst noch alles. Das Wort „pragma", „pragmatisch" kommt ja aus dem Griechischen und hat zu tun mit dem Wort „Handeln" und deswegen muss Politik und gerade Sicherheitspolitik immer pragmatisch sein, weil es bei guter Politik stets ums Handeln geht und nicht nur ums Betrachten. Und wer handelt, hat es schwerer als der, der betrachtet. Wir müssen in die Zukunft hinein handeln, wir müssen manchmal aus unklarer Lage heraus handeln. Das Betrachten ist oft im Nachhinein. Deswegen finde ich, dass das Betrachten eines militärischen Einsatzes unter dem Gesichtspunkt eines gerechten Friedens nötig und wichtig ist, aber man darf es nicht im Gegensatz zum pragmatischen Handeln bringen, weil es strukturell etwas anderes ist – das Handeln und das Betrachten. Das ist der erste Punkt.

Kompass: Deutschland leistet, zusammen mit weiteren Staaten, als International Security Assistance Forces (ISAF) mit Sicherheitskräften der Islamischen Republik Afghanistan und auf deren Wunsch, seit nun gut zehn Jahren einen, für Stabilität und Sicherheit in der Region, wichtigen Beitrag. Stabilität und Sicherheit alleine und nur für sich genommen, können noch keinen Frieden im umfassenden Sinne ausmachen. Steht am Ende der „Übergabe in Verantwortung" ein tatsächlicher Friede in Afghanistan oder ist nicht zu befürchten, dass nach einem Abzug Bürgerkriege oder vergleichbar ähnliche Instabilitäten die Situation bestimmen werden?

Dr. Thomas de Maizière: Wir sind erstens dort, weil wir nicht wollen, dass Afghanistan wieder zum Exportland für internationalen Terrorismus wird. Das gelingt zweitens dann, wenn die Sicherheit und Stabilität in verantwortungsvolle afghanische Hände kommt. „Übergabe in Verantwortung", das geht nicht über Nacht und wir haben dafür, und zwar nicht nur die Deutschen, sondern international einen Zeitplan ins Auge gefasst, bis zum Jahr 2014, stufenweise die Verantwortung zu übergeben. Und jetzt kommt ein dritter wichtiger Punkt: Ich glaube nicht, dass dann sämtliche internationale Beteiligung erledigt ist. Es spricht viel dafür, dass dann anschließend in Form von Beratung, Ausbildung, auch bei Sicherheitsstrukturen, Armee und Polizei, es weiterhin ein internationales Engagement geben wird.
Und dieser Weg von Übergabe in Verantwortung, die dann in eine beratende Begleitung übergeht, ist ein gewisser Schutz gegen das Szenario, das Sie ansprechen. Aber wahr ist schon, und das kennen wir ehrlich gesagt auch im privaten Bereich, wenn wir jemandem Verantwortung übertragen und ihn dafür gut vorbereiten, dann kann es trotzdem sein, dass diese Verantwortung missbraucht wird. Entweder gibt es Verantwortung, dann gibt es auch den Missbrauch der Verantwortung, das ist ehrlich gesagt, Ausdruck von Freiheit. Oder es ist keine Verantwortungsübergabe, dann wäre es ein Protektorat. Und ich glaube nicht, dass wir von der „Übergabe von Verantwortung" sprechen, wenn die internationale Gemeinschaft als so eine Art Vormund oder Betreuer in Afghanistan bleibt, um mal einen zivilrechtlichen Ausdruck zu verwenden. Natürlich kann das misslingen, aber es ist der einzige Weg, dass es gelingen kann. Auf pure Hoffnung sollte man nicht setzen, man muss das schon gut vorbereiten und gut begleiten. Wir arbeiten sehr ernsthaft daran, dass gerade das nicht passiert.

Kompass: Mit Blick auf das politisch gewollte Vorhaben, deutsche Streitkräfte „vom Einsatz her denkend" neu auszurichten. Sehen Sie ethische Grenzen und worin sind die Ihrer Meinung nach bestimmt, wenn es in den nächsten Jahren darum gehen wird, Bundeswehr- und Streitkräftereform zu einem Abschluss zu bringen?

Dr. Thomas de Maizière: Es ist für Norwegen und einige andere Staaten, Kanada, Neuseeland, auch Dänemark eine Tradition; Polen entwickelt so eine Tradition, eine Ehre, wenn die internationale Völkergemeinschaft sagt, hier muss – die UNO selbst hat ja keine Truppen – ein Einsatz im Interesse der internationalen Völkergemeinschaft stattfinden. Da gibt es also kleinere Staaten die traditionell sagen: „Wir sind dabei".
Das sind jetzt nicht immer Kampfeinsätze oder Interventionen. Und ich will ein anderes Beispiel nennen: Deutschland hat einen Beitrag dazu geleistet, dass es halbwegs vernünftige Wahlen im Kongo gegeben hat. Es gibt Gegenden in dieser Welt, da sind Deutsche willkommener als andere Nationen und es gibt Gegenden in der Welt, da sind wir vielleicht nicht so willkommen. Deswegen heißt „die Bundeswehr vom Einsatz her denken" zunächst nicht mehr, als dass wir, wie andere Staaten auch, unser Stück internationaler Verantwortung, etwa in Einsätzen der Vereinten Nationen, übernehmen. Und da sage ich, wir haben dazu allen Grund, erstens, weil wir von 1949 bis 1990 nicht gefragt worden sind, und zweitens, weil wir auch sonst eine wichtige Stimme in der Welt sind und sein wollen und eine große Wirtschaftsmacht; wir haben Wohlstand und aus Wohlstand wächst Verantwortung, jetzt nicht nur für sichere Handelswege, sondern auch dafür, dass unser Wort in der Welt Gewicht hat und auch im Blick auf unsere Tradition, politische Debatten zu führen, Kompromisse zu schmieden und Stabilität herzustellen. Vom Einsatz her denken heißt auch, dass man dann erfolgreich einen Einsatz zu Ende bringt.

Wenn nun die Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs, Kompass. Soldat in Welt und Kirche, Anfang April erscheinen wird, dann werden wir einen Einsatz erfolgreich nahezu beendet haben, wie den in Bosnien-Herzegowina, und im Kosovo sind die Truppen schon reduziert. Einsatz ist ein ganz breites Spektrum von Wahlbeobachtung bis zu möglicherweise einer Intervention, mit UNO-Mandat. Und sich darauf seriös und verantwortungsvoll vorzubereiten, das ist in der Tat eine neue und wichtige Aufgabe der Zukunft der Bundeswehr.

Und noch ein letzter Punkt: Wir denken die Bundeswehr nicht nur vom Einsatz her. Es bleibt das Thema Landesverteidigung, es bleibt das Thema Katastrophenschutz, es bleibt die Aufgabe Sicherung des Luftraumes, Sicherung unserer Häfen und Seegrenzen. Es ist völlig unbestritten, dass das Aufgaben der Bundeswehr sind und in Wahrnehmung dieser Aufgabe eben auch ein Einsatz.
Auf dem weiteren Weg der Neuausrichtung der Bundeswehr gilt: Die verfassungsrechtlichen Grenzen bleiben selbstverständlich. Das Konzept des Staatsbürgers in Uniform, die Innere Führung, ist nicht gedacht für Schönwetterperioden, nur dafür brauche ich so was gar nicht, sondern das Konzept ist gedacht gerade für die Zeiten, wenn es schwierig wird zu führen. Das hat was mit der Verankerung der Bundeswehr in der Gesellschaft zu tun und ist eine Haltung und ein Führungsprinzip gerade in schwierigen Situationen. Das muss sich erst recht bewähren im Einsatz und hat sich bewährt im Einsatz.

Ich möchte zunächst die Frage aufwerfen, was „Einsatz" eigentlich bedeutet. Dazu ein kleiner Exkurs: Das Land, das mit die meisten Soldaten in internationalen Einsätzen hat, ist das im nördlichsten Teil Europas gelegene Land Norwegen.
Die Verankerung der Bundeswehr in der Gesellschaft war vielleicht leichter bei einer Wehrpflichtarmee. Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht und Aufbau einer Armee mit Freiwilligen gibt es sicher neue Aufgaben. Aber so zu tun, die Innere Führung war was für Friedenszeiten – Staatsbürger in Uniform und Innere Führung und im Einsatz taugt das sowieso nicht und deswegen müssen wir das alles neu denken – das trifft gerade nicht zu. Umgekehrt, in normalen Zeiten ist Innere Führung und Staatsbürger in Uniform quasi selbstverständlich und wird nicht auf die eigentliche Probe gestellt, wohl aber in Krisenzeiten und im Einsatz.

Das Interview führte Josef König

Kommentar von Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven

Die Glaubenshoffnung will in politisch-ethischem Engagement gelebt werden


Ein Kommentar von Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven, Leitender Direktor des Instituts für Theologie und Frieden, Vorstand der Katholischen Friedensstiftung

Christus erscheint den Jüngern nach seiner Auferstehung und begrüßt sie mit den Worten: „Der Friede sei mit euch!" (Lk 24,36) Es ist nicht nur eine Begrüßungsfloskel, sondern Christus fasst den Kern seines Lebens und seiner Verkündigung zusammen. Er ist gekommen, um den Menschen Frieden zu bringen. Dieser Friede betrifft zuerst das Verhältnis zu Gott. An die Stelle von Sorgen und Angst um die eigene Existenz tritt Vertrauen in Gott, der für alles sorgt. Dieses Vertrauen kann den Gläubigen in einer Weise verändern, dass auch der Umgang mit den Mitmenschen ein anderer wird.

In dem Maß, in dem die Kirche in den ersten Jahrhunderten aus kleinen Hausgemeinschaften zu großen Ortskirchen gewachsen ist, hat sie nicht nur den binnenkirchlichen Umgang im Licht dieses Glaubens reflektiert, sondern auch das Verhältnis zu allen anderen Menschen in ihrer nichtchristlichen Umwelt. In dieser Zeit wurde auch immer offenkundiger, dass die Wiederkunft Christi und das Ende der Welt nicht unmittelbar zu erwarten seien, wie anfangs noch gedacht. Als Antwort darauf entwickelte die frühe Kirche ihre Position der Weltverantwortung im Licht des Christus-Ereignisses. Wie schon die frühen Kirchenväter sucht jede Epoche neu nach einer Haltung zu der Frage: Wie können wir im Licht des Glaubens an Jesus Christus das Verhältnis nicht nur innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen, sondern generell unter den Menschen friedlich gestalten? Diese Herausforderung stellt sich nicht nur jeweils für den einzelnen Menschen, sondern gerade auch für die Gemeinschaft.

 Friede – christlich und politisch

Das Engagement für den Frieden in der politischen Gemeinschaft wie auch zwischen verschiedenen Völkern ist eines der großen Themen des II. Vatikanischen Konzils (1962–1965) gewesen. Nach Wegen zu einem politischen Frieden auf der Basis der Gerechtigkeit angesichts der Friedensgefährdungen unserer Zeit zu suchen, bezeichnete das Konzil als zentrale Aufgabe der Kirche in der Welt von heute. Im Glauben gründet die Hoffnung, dass Frieden auf Erden keine Utopie bleibt bis ans Ende der Zeiten. Daher sind wir Christen davon überzeugt, dass das Engagement für den Frieden in der Welt sinnvoll ist. Wir sind trotz der Erfahrung von Kriegen und Konflikten davon überzeugt, dass Frieden möglich ist: Die im Glauben begründete Hoffnung hat ihren Grund in der Befreiung des Menschen durch die unendliche Liebe Gottes, durch Tod und Auferstehung Jesu Christi. Diese Glaubenshoffnung will dann auch in politisch-ethischem Engagement gelebt werden.

Der politische Friede, für den zu arbeiten wir ethisch gefordert sind, bezeichnet einen Zustand, in dem Leben und Freiheit der Mitglieder einer Gesellschaft geschützt sind. Der Freiheitskampf der Menschen in vielen arabischen Ländern gibt derzeit davon beredtes Zeugnis. Dieser Friede ist also nicht naturhaft gegeben, sondern muss gestiftet werden. Frieden zu stiften gelingt, wenn sich Gemeinwesen nach innen wie nach außen an Gerechtigkeit orientieren und insbesondere grundlegende Menschenrechte beachten. Auf diese Weise kann es gelingen, mehr Frieden in den Staaten wie in der Völkergemeinschaft herzustellen. Dies ist nicht nur eine Aufgabe für Politiker, sondern jeder Bürger partizipiert als Wähler daran: Wollen und wählen wir eine Außen- und Sicherheitspolitik, die sich im Wesentlichen an der Durchsetzung unserer staatlichen Interessen orientiert? Oder sollte Politik nicht – an Gerechtigkeit und Menschenrechten orientiert – viel mehr die Interessen der Armen und Schwachen in der sogenannten Dritten Welt in den Blick nehmen, damit sie nicht zu Opfern der Durchsetzung unserer Interessen werden? Derzeit scheinen sich Wahlbürger in Deutschland kaum für diese den Frieden in der Welt betreffenden Herausforderungen zu interessieren, Beitragserhöhungen und Zuzahlungen für die Krankenkasse können da schon eher politische Emotionen hervorrufen.

Während die meisten Bürger nur über die öffentliche Debatte und Wahlen an den politischen Entscheidungen beteiligt sind, sieht dies für Soldaten in Deutschland seit einigen Jahren anders aus. Die Einsätze in Bosnien, Kosovo und erst recht in Afghanistan zwingen Christen in Uniform ganz neu, sich ein eigenes ethisches Urteil über den politischen Auftrag zu machen. Der Verweis auf die Entscheidung des Parlaments allein trägt dann nicht durch, wenn die Zweifel am Sinn des Einsatzes wachsen. Dabei können sich die Soldaten im Einsatz nicht den Luxus leisten, in aller Ruhe zu analysieren. Sie müssen unter den Bedingungen der Unsicherheit entscheiden. Die Orientierung an friedensethischen Werten und Normen kann bei der Suche nach einem eigenen Urteil helfen. Hier haben Pastoral und Friedensethik eine gemeinsame Aufgabe im Dienst an den Soldaten.

    

     

Kompass April 2011

Kompass_04_2011.pdf

Thema: Mein Friede ist nicht von dieser Welt

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