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Innere Führung auf dem Prüfstand

© Deutscher Bundestag/ Lichtblick / Andi Hill

Erneut haben wir einen tödlichen Unfall bei der Ausbildung zu beklagen. Zwei Soldaten starben in ihrem Mungo auf dem Übungsplatz Baumholder. Meine herzliche Anteilnahme gilt ihren Angehörigen, Kameraden und Freunden, ebenso all den anderen Hinterbliebenen, die eine oder einen ihrer Liebsten verloren haben. Sei es im Einsatz oder eben auch in der Ausbildung. Diese muss den heutigen Einsatzerfordernissen entsprechen. Wir müssen deshalb neu definieren, wie eine zeitgemäße Ausbildung und Einsatzvorbereitung aussehen soll. Sicher muss sie fordernd sein, an Grenzen führen, aber sie darf diese nicht überschreiten und muss vermeidbare Risiken vermeiden. Denn auch in der Ausbildung bleiben die Soldaten „Bürger in Uniform“, setzen die Prinzipien der Inneren Führung und nicht etwa Tradition und „Bauchgefühl“ die Maßstäbe, an denen sich Ausbildungskonzepte und Führungsverhalten orientieren müssen. Darauf zu achten ist auch eine Aufgabe des Wehrbeauftragten.

Das ist nicht völlig unbestritten. Ich bin kritisiert worden, weil ich dem Parlament von Klagen über das Führungsverhalten einzelner, keineswegs aller Vorgesetzten und Ausbilder auf der Gorch Fock nach dem Unfalltod einer Kameradin berichtet hatte. Diese fühlten sich in unangemessener Weise unter Druck gesetzt. Derartiges zu berichten ist mein gesetzlicher Auftrag. Ich habe dies übrigens nicht öffentlich getan, die Medien wurden aus anderen Quellen informiert.
Der Wehrbeauftragte ist vom Grundgesetz zur Unterstützung der parlamentarischen Kontrolle berufen, und nicht jeder freut sich, wenn die Kontrolle gerade ihm oder seiner Einheit gilt. Die Art der Kritik und die dabei vorgebrachten Argumente lassen jedoch aufhorchen.

Da wurde argumentiert, man müsse die Grundsätze der Inneren Führung „gelegentlich auch einmal zurückstellen, wenn der Auftrag oder die Ausbildung dies erfordert“. So, als seien Einsatz, Auftrag und Innere Führung Gegensätze. Ist denn das Konzept vom Bürger in Uniform nur etwas für eine „Schönwetter-Bundeswehr“? Ein Prinzip, das nicht taugt im Einsatz oder auf hoher See? Ich muss gestehen, ich hätte es bis vor kurzem nicht für möglich gehalten, noch einmal solche Fragen erörtern zu müssen.
Es war zu erwarten, dass die Grundsätze der Inneren Führung unter den Bedingungen und Herausforderungen der harten Einsätze auf den Prüfstand gestellt werden. Die deutschen Streitkräfte wurden gegründet, um nicht eingesetzt zu werden. Dies hat sich mit dem Wandel der Bundeswehr zur „Armee im Einsatz“ massiv verändert. Man könne in den harten Einsätzen in Afghanistan oder auf stürmischer See „keine Weicheier“ gebrauchen, der Nachwuchs solle sich nicht so anstellen, kann man von manchen „alten Hasen“ hören. Die jungen Leute, die in die Ausbildung kommen, müssten hart rangenommen werden, weil sie später in den Einsätzen oder auf See ja auch gefordert würden. Das stimmt gewiss, rechtfertigt aber nicht Fehlverhalten.
Es wäre falsch, hierin ein generelles Problem zu sehen. Es handelt sich bei diesen Äußerungen noch immer um Ausnahmen, denen man aber Beachtung schenken muss. Sie machen deutlich, dass das Konzept der Inneren Führung immer wieder neu vermittelt werden muss. Gerade der häufige Kontakt in den Einsätzen mit Verbündeten, die anderen Traditionen folgen und anderen Prinzipien verpflichtet sind, macht dies erforderlich.

Eines hat allerdings nichts mit der Vorbereitung auf die militärische Praxis zu tun: die Hinnahme vermeidbarer Risiken und Überforderungen. Wenn manche Verantwortliche lieber „Ratschläge selbsternannter Strategen und Experten“ kritisieren, statt sich als ernannte Experten selbst um die Behebung offensichtlicher Schwachstellen und Fehlentwicklungen zu bemühen, ist das weder hilfreich noch zielführend. Militärische Führer müssen selbst Kärrnerarbeit bei der Anpassung zeitgemäßer, auftragsorientierter Ausbildung und moderner Sicherheitskonzepte leisten.
Allein der Rückzug auf Tradition ist keine gelebte Innere Führung. Streitkräfte sind nur so gut wie ihre Fähigkeit, Fehler zu erkennen und diese zu beseitigen. Die Bundeswehr ist nur so gut wie ihre Fehlerkultur.

Hellmut Königshaus