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Auf ein Wort

In dieser Rubrik kommen regelmäßig Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger zu Wort. Sie äußern sich ganz persönlich zu Anlässen aus dem Kirchenjahr oder dem allgemeinen Jahreslauf und notieren Gedanken, die ihnen aktuell bei ihrer Arbeit als Militärpfarrer, Pastoralreferent oder -referentin gekommen sind.
In den Artikeln geben die Autorinnen und Autoren ihre Meinung über das jeweilige Thema wieder und regen zum eigenen Nachdenken an.

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"Warten, Erwarten, …" Autor: Militärpfarrer Bernd F. Schaller, aus: Kompass 12/2011

„Siehe, es ist wieder Advent geworden im Jahr deiner Kirche, mein Herr. Wieder beten wir die Gebete der Sehnsucht und des Harrens, die Lieder der Hoffnung und der Verheißung. Und immer wieder ballt sich alle Not und alle Sehnsucht und gläubige Erwartung in das Wort zusammen: Komm! O seltsames Beten: Du bist doch schon gekommen und hast dein Zelt unter uns aufgeschlagen, du hast unser Leben geteilt mit seinen kleinen Freuden, seinem langen Alltag und seinem bitteren Ende. Konnten wir dich mit unserem ‚Komm’ zu mehr einladen als dazu?"

Mit diesen Worten beschreibt der große katholische Theologe des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, in seiner Betrachtung „Gott, der da kommen soll", die Zeit, in der wir uns gegenwärtig befinden: Der Advent umfasst nicht nur ein paar Wochen als Vorbereitung auf Weihnachten, sondern im Letzten den Zeitraum unseres Lebens. Immer wieder sind Menschen Wartende, Erwartende. Auch wenn sich nach und nach viele Erwartungen erfüllen, so entwickeln sich im menschlichen Leben stets neue Situationen und Umstände, aus denen Erwartungen erwachsen. Auf was warten wir nicht alles im Leben: Das Kind darauf, dass es endlich erwachsen ist, der Jugendliche darauf, dass er seine eigenen Wege gehen kann, der Arbeitslose auf eine Arbeitsstelle, der Kranke auf die Gesundung, der Soldat im Einsatz auf die Rückkehr zu seinen Lieben.

Wer etwas erwartet, der schaut über sich hinaus, von sich weg, ins Ungewisse, in die Zukunft, auf das, was kommen wird, vielleicht auch auf das, was er sich wünscht und erhofft. Und dabei macht jeder, der wartet, die Erfahrung, dass das Warten nicht einfach beseitigt werden kann, dass es gilt, das Warten auszuhalten, manchmal auch schmerzlich zu ertragen. Jemand, der etwas oder einen erwartet, der spürt nicht selten Hilflosigkeit, das Angewiesen-Sein auf einen anderen, etwas anderes. Manchem mag es dabei gehen, wie es der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer 1943 in einem Brief aus dem Gefängnis Berlin-Tegel an einen Freund geschrieben hat: „So eine Gefängniszelle ist übrigens ein guter Vergleich für die Adventssituation; man wartet, hofft, tut dies und jenes – letzten Endes Nebensächliches – die Tür ist verschlossen und kann nur von außen geöffnet werden."

Der Advent, den wir in jedem Jahr begehen, lässt uns auch im Glauben das erfahren, was wir in unserem Alltag spüren. Als glaubende und dabei immer suchende Menschen liegen manche Glaubenserfahrungen hinter uns, die sich aus dem Glauben aus Kindertagen entwickelt haben. Dabei wurden – wie im richtigen Leben – Erwartungen erfüllt, manches entsprach nicht unseren Erwartungen, nicht wenige Erwartungen blieben unerfüllt. Zurück blieb und bleibt die Erkenntnis, dass auch auf den Wegen des Glaubens der Blick immer von sich weg, auf einen anderen hin gerichtet bleibt, Ungewissheit zu spüren ist und Wünsche und Hoffnungen auf Zukunft bleiben.

Sowohl die Adventszeit vor Weihnachten als auch unsere Lebenszeit bleiben Wartezeiten, die oft ausgehalten werden wollen, die aber auch die Chance bieten, sich gestalten zu lassen. An uns liegt es, dass wir uns bei beidem nicht im Nebensächlichen verlieren und die Zeit, die uns geschenkt und anvertraut ist, „sinn-voll" nutzen. Dabei mag es nicht immer leicht sein zu wissen, dass nicht wir es sind, die es in der Hand haben, die oft verschlossene Tür zu öffnen. Andererseits kann es auch entlastend sein zu wissen, dass einer schon gekommen ist und immer wieder kommen wird, die Tür des Glaubens und des Lebens zu öffnen, nicht nur an Weihnachten!

Militärpfarrer Bernd F. Schaller, Katholisches Militärpfarramt Sigmaringen

"Warum beten?" Autor: Pastoralreferent Dr. Markus Hille, aus: Kompass 11/2011

„Als ich neulich beim Italiener zum Essen war, machte ich vor der Mahlzeit, wie es bei mir üblich ist, ein kleines Dankgebet und ein Kreuzzeichen. Sofort eilte ein Kellner herbei und fragte mich: Ist etwas nicht in Ordnung?" Hat das Gebet etwas Magisches? Oder ist das Gebet funktional wie ein Automat? So dass man z.B. vor Pilzmahlzeiten nur zu beten braucht und schon ist alles gut! Hat das Gebet eine besondere Macht, da sogar Nichtgläubige in der Not ein „O Gott" ausrufen und so ein Stoßgebet zum Himmel senden!

Was Gebet bedeuten kann, möchte ich im Folgenden beschreiben.

1. Das Gebet erhebt den Menschen zu Gott

Im Gebet werde ich erhoben, das heißt, ich spreche mit Gott wie mit einem guten Vater, einem Papa. Einem Vater, der zuhört und versteht, der mir den Rücken stärkt und mich beschützt. Ja einem Vater, der hinter mir steht und mich unterstützt, wenn ich in mein Leben kommen will. Der mich nicht verlässt, der mit mir mitleidet und sich mitfreut. Ein Vater, der aufrichtet, der mich liebt wie ich in Wahrheit bin, sein Geschöpf, ja mehr noch sein Kind. Gott ermöglicht Leben und er liebt so sehr, dass er sich zu uns neigt und sich sogar in unsere Hand gibt. Gott vertraut! Das gibt mir Würde und Achtung, auch wenn ich im Scheitern verhaftet bin, dann richtet Gott auf. Indem ich mit meinem Verstand mein Leben in Begriffen vor Gott bringe, begreife ich mich als Menschen, als Ebenbild Gottes. Beten ist sprechen mit Gott.

2. Das Gebet bewahrheitet den Menschen in seiner Mitwelt 

Im Gebet bringe ich meine Welt vor Gott. Ich begreife mich als soziales Wesen mit Bezügen zur Umwelt und zu meinen Mitmenschen. Leben gelingt nicht allein, wir Menschen brauchen andere Menschen, um zu lernen, was es heißen kann, wirklich Mensch zu sein. Indem ich Gott von meinem Alltag erzähle und ihm danke für das Leben, ihn bitte um gelingendes Leben und ihn für seine Schöpfung preise, erkenne ich mich selbst in der Welt. So bewahrt mich das Gespräch mit Gott davor, mich nicht abgehoben von dieser Welt zu sehen, sondern als Teil dieser Welt zu begreifen.

3. Das Gebet erneuert den Menschen zu neuem Leben 

Im Gebet, in der Begegnung mit Gott werde ich erneuert, das heißt, Gott schenkt mir die Möglichkeit, immer wieder neu zu beginnen. Er schenkt mir einen Ausweg aus den Sackgassen meines Lebens. Im Gebet bekomme ich die Chance, mein Leben je neu zu bestimmen und mich mit der Veränderung in meinem Leben anzufreunden und Wandlung zu zulassen. Im Gebet darf ich meine Sorgen Gott mitteilen und so mich seiner Stütze vergewissern. Gott lässt nicht allein, er verlässt mich nicht. Ja auch in meiner Machtlosigkeit gibt Gott mir durch das Gebet die Möglichkeit, aktiv zu bleiben, indem ich meine Klage vor ihn, Gott, bringe. Immer bleibt Gott empfangsbereit und hält mir seine Hand entgegen. In der Zwiesprache mit Gott schenkt er mir sein Angebot der Befreiung von Ängsten, auf dass ich wirklich lebe!

Pastoralreferent Dr. Markus Hille, Katholische Militärseelsorge Dresden

"Diener der Diener" Autor: Pastoralreferent Stefan Hagenberg, aus: Kompass 10/2011

Er war in fast aller Munde: Der Papst anlässlich seines Besuches in Deutschland im vergangenen Monat.

Schon im Vorfeld hat dieser Besuch viel Wirbel hervorgerufen. Die Äußerungen deckten die gesamte Bandbreite von scharfem Protest bis hin zu inniger Zustimmung ab.

Rollenvielfalt

Das liegt sicherlich auch daran, dass der Papst mehrere Rollen in seiner Person vereint. Er ist unter anderem Staatsoberhaupt. Als solches hielt er seine Rede vor dem Bundestag und traf sich zu Gesprächen mit vielen Politikern. Vorrangig jedoch ist er das Haupt unserer katholischen Kirche. Als solches traf er sich mit Bischöfen, Laienvertretern, evangelischen Christen, sowie Vertretern der jüdischen und muslimischen Gemeinden in Deutschland.

Höhepunkte in dieser religiösen Funktion waren die drei Gottesdienste, die er zusammen mit vielen tausend Mitfeiernden zelebrierte. Ich möchte nun kein Resümee dieses Besuches ziehen, sondern auf etwas hinweisen, das meiner Meinung nach bei all dem Trubel rund um den Papstbesuch zu kurz kam. Zu jeder der angesprochenen Funktionen trägt der Papst einen Titel. „Heiliger Vater“, „Stellvertreter Christi“, „Pontifex Maximus“ sind einige von ihnen. Und dann der, auf den es mir ankommt: „Servus servorum domini“ – „Diener der Diener des Herrn“.

Stummer Diener ...

Einen Diener stellt man sich ja irgendwie mit Livree vor, der unauffällig in der Ecke steht und der nur in Erscheinung tritt, wenn man ihn ruft. Dann jedoch hat er das Gewünschte schnell und unkompliziert zu erledigen. Dies Bild trifft auf den Papst nicht zu – zumindest nicht auf den ersten Blick. Ein Staatsgast wird nun mal mit allen Ehren empfangen und kann sich nicht unauffällig in irgendeine Ecke zurückziehen. Dennoch ist das Auftreten Benedikts XVI. von Bescheidenheit geprägt. Er versucht auf seine Weise, die dienende Rolle seines Amtes auszufüllen und die Grundlage unseres Glaubens wach zu halten.

... lauter Diener

Ich fühlte mich an eine Begebenheit erinnert, die schon viele Jahre her ist und die einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat: Als Student stand ich eines Samstagabends vor dem Kino und studierte die Plakate. Auf einmal ertönte eine laute, raue Stimme direkt hinter mir: „Jesus liebt dich!“ Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Da stand ein Bettler hinter mir, der fortfuhr: „War nicht so gemeint! Haste mal ‚ne Mark?“ Ich hatte mich von meinem Schrecken erholt, betrachtete den heruntergekommen aussehenden Mann und bekam eine Idee. Ich ließ im Geiste das Kino Kino sein und lud den Mann zum Essen ein.

Daran hatte er jedoch kein Interesse, eine Mark wäre eigentlich genau das, was er bräuchte. Also gab ich ihm das Gewünschte und dachte noch lange über den Dienst nach, den der Bettler mir erwiesen hatte. Auf seine recht derbe Weise hatte er mir deutlich gemacht, dass ich ein von Jesus Geliebter bin. Was für eine frohe Botschaft! Andererseits war das, was ich als Dienst am Nächsten beabsichtigt hatte, gar nicht als solches geschätzt und angenommen worden.

Dienst erwiesen

Vielleicht geht es dem Papst ja ähnlich. Einiges, was er uns in bester Absicht mitgebracht hat, empfi nden wir nicht als hilfreich – anderes wird seinen Nutzen auf längere Sicht entfalten. Grundlegend bleibt die Zusage: „Jesus liebt dich“ – mit ihm haben wir eine Zukunft!

Pastoralreferent Stefan Hagenberg, Katholisches Militärpfarramt Bückeburg

"Wo Gott ist, da ist Zukunft" Autor: Militärdekan Walter Dreesbach, aus: Kompass 09/2011

Hamburg, „Deutschlands Tor zur Welt“, eine bunte Stadt, selbst in diesem verregneten Sommer. In der Mönckebergstraße, der Einkaufstraße, kommt mir ein junger Mann im T-Shirt entgegen: „Fuck the future“. Ob’s ernst gemeint ist?

Gerade hatten wir den Mut der Menschen in den arabischen Ländern bewundert, die ihr Recht und ihre Freiheit fordern, da beunruhigen uns die Proteste auf den Straßen in Griechenland, Spanien und zuletzt in England, da erschüttert uns der Anschlag eines Einzelnen in Norwegen, zugleich aber geben sie Fragen und Rätsel auf: Wie kommen junge Menschen in Europa zu solchen scheinbar spontanen und sinnlosen Gewaltausbrüchen?

Zukunft ohne Kinder und Jugendliche?

Die aktuelle weltweite Finanzkrise lässt manche sicher geglaubten Grundfesten in Zweifel geraten. Worauf kann man sich eigentlich noch verlassen? Wie soll ich meine Zukunft absichern? Diese Fragen treffen eine schon seit Jahren zutiefst verunsicherte Gesellschaft, die ihr Glück im Wesentlichen in Wohlstand und Wachstum gesucht hat und dafür bereit war, manches aufzugeben: Geborgenheit der Heimat für Mobilität, eheliche Treue für Autonomie, verlässliche Familie für Individualität, häusliche Erziehung für Erwerbsarbeit, Kinderreichtum für Unabhängigkeit. Jetzt wird jede zweite Ehe geschieden; fast jedes zweite Kind wächst bei nur einem Elternteil auf, häufig sind Kinder- und Elternarmut die Folge; über 100.000 Kinder werden jedes Jahr im Mutterleib getötet; überdies fehlen die vielen gleich einem Unglück „verhüteten“: die niedrigste Geburtenrate in Europa – in einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt. Der Mut derjenigen, die trotz dieses Trends die nervenaufreibende zeitliche und finanzielle Verpflichtung, auch das Opfer, über Jahrzehnte auf sich nehmen, ist bewundernswert.

Jetzt sucht die Bundeswehr händeringend nach qualifizierten Bewerbern; sie konkurriert dabei mit fast allen Branchen der Wirtschaft. Dringend sind wir auf Zuwanderer angewiesen, auch um die wachsende Zahl der Alten und Kranken betreuen zu können. Außerdem müssen wir immer mehr leisten, um im weltweiten Wettbewerb mithalten zu können. Dabei war ein Großteil unseres Wohlstandes – ökologisch wie finanziell – offenbar seit langem auf Kredit begründet, den spätere Generationen einmal zurückzahlen müssen; die werden aber nicht mehr so zahlreich sein ... Da kann sich mancher durchaus überfordert fühlen, und die Empfindlichkeiten gegenüber ungerechter Verteilung sind gerade bei kleiner werdendem Kuchen verständlich.

Suche nach dem Glück

Vielleicht ist uns die Seele abhanden gekommen, die Klammer, die uns nicht nur miteinander verbindet, sondern auch mit unserem Gestern und Morgen; die trägt im Hoch und Tief des Lebens, in Erfolg und Scheitern; die uns unsere Mitverantwortung spüren lässt für das Gemeinwohl; die uns dann aber auch der Zukunft trauen lässt. In einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft ist es anstrengender, die Orientierung nicht zu verlieren. 20 Mrd. Euro werden in Deutschland jährlich in der Werbeindustrie umgesetzt, um an das Streben nach Glück zu appellieren, das in irgendeinem zeitlichen Gegenstand angeblich seine Erfüllung finden soll.

Da mag die Botschaft der alt und müde gewordenen Kirche leicht aus dem Blick geraten, dass es eine Hoffnung gibt, die über den Tag hinaus trägt, uns aber auch fordert: Jesus Christus stellt Gottes Gerechtigkeit her, Er schenkt Vergebung und Frieden, Er überwindet Gräber und Gräben, Er ist uns vorangegangen in die Herrlichkeit des Vaters und wird wiederkommen zum Gericht: „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“

Von dieser Zukunft zu reden, sind wir berufen! Jeder „Dialog“ mit der hoffnungslosen, gottvergessenen Welt kann nur dieses Ziel haben. Dabei ist bei aller Zuversicht naiver Optimismus überhaupt nicht angebracht; Jesus selbst bleibt skeptisch: „Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?“ (Lk 18,8)

Militärdekan Walter Dreesbach, Katholisches Militärpfarramt Hamburg II

"Herausforderung Urlaub" Autor: Pastoralreferentin Carola Lenz, aus: Kompass 07-08/2011

Fünf Paar Socken, vier T-Shirts, zwei Jeanshosen, eine kurze Hose … – voller Vorfreude packe ich den Koffer, denn mein heranwachsender Nachfahre macht zum ersten Mal eigenständig Urlaub. Zehn Tage – das grenzt ja an Luxus!

Zwischen den Zeilen seiner langen Bedarfsliste kann ich die Liste meiner Bedürfnisse mitlesen. Bedürfnisse, zu kurz gekommen seit einem Menschenalter – gut, einem erst siebenjährigen Menschenalter. Aber gefühlt sind es manchmal Jahrzehnte. Zwischen den Zeilen also steht: Drei Stunden mal nur sitzen und lesen, beinahe jeden Tag, ohne zwischendurch aufzuspringen; aufs Rechnen verzichten (finanziell und vor allem als Hilfslehrerin); die Armbanduhr im Nachtschrank vergessen; bei Autofahrten alle (!) Verkehrsregeln beachten – als Alternative zur mütterlichen Punktlandung nach Planungen mit völlig unrealistischem Zeitansatz …

Der Junge sitzt im Bus, ich wieder im Auto. Allein. Logisch wäre, dass ich nun juble. Tue ich das? – Nein, das muss ich erst noch lernen. Der verhasstgeliebte Alltag hat mich soeben gutgelaunt und voller Vorfreude in der Person meines Sohnes verlassen, sitzen gelassen, nur mit mir selbst.
Kennen Sie das auch? Auf einmal sind die sehnlichsten Wünsche erfüllt. Im größten Stress standen die Wunschbilder klar vor Ihren Augen, immer wieder: wenn ich nur Zeit hätte, wenn ich erst nicht mehr eingebunden bin, wenn ich selbst gestalten kann, dann … – Und nun liegt all das ausgebreitet vor Ihnen. Doch warum fühlt sich das so komisch an? Wieso bricht jetzt nicht das uneingeschränkte Glücksgefühl aus Ihnen heraus?

Das Neue braucht Mut

Klar, wenn Sie sich erst mal dran gewöhnt haben, wird es leichter: Urlaub immer auf Lanzarote, jedes Jahr zum Campingplatz, Aktivurlaub wie immer im renovierungsbedürftigen Eigenheim … Dann entsteht der gewohnte Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe, oder zwischen Schreibtischtätigkeit und Bewegung, oder zwischen Eintönigkeit und Abwechslung. Dieses Gleichmaß hat ja auch sein Gutes, bringt die innere Waage wieder auf eine Höhe, wenn es gut geht.

Mut dagegen braucht das Neue, das ganz Andere, was ich so gar nicht kenne. Mutig wird ein Sommer, in dem ich mal hinter mir lasse, was mir so vertraut ist, in dem ich mich eine Weile trenne von all den liebgewordenen Alltäglichkeiten. Auch belastende Kleinigkeiten stützen mich ja, geben Struktur, entbinden mich von Entscheidungen. Eltern können in diesem Sinne leicht mutig sein: Die Kinder wachsen ja und plötzlich ist die nächste Herausforderung da, auf einmal werden sie wieder ein bisschen flügge und wir ein bisschen überflüssiger. Oder wir verbringen, dank der langen Sommerferien, wertvolle Zeit mit ihnen gemeinsam, lassen uns in ihre Denk- und Fühlwelten hineinnehmen, lassen uns anfragen: Wer bist du eigentlich?

Sie haben keine solchen Herausforderer Zuhause? Dann hilft nur noch der eigene kindliche Kern. Alle, die mal Kinder waren, hatten neugierige Fragen. Möglicherweise ist Ihre Neugier nicht ganz verschüttet. Vielleicht spitzt sie gerade grinsend hinter einem Aktendeckel hervor und flüstert: Bist du fertig? Lass uns gehen. Du lebst doch noch!

„Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.

Jesus sagte: Komm.“ (Mt 14,28f)

 

Auch Petrus hat die Neugier mitten im Alltag erwischt, mitten im Fischereibetrieb. Er sieht das Unglaubliche: Jesus auf dem Wasser, außenbords. Und zwischen den Bootsplanken lugt diese kindliche Idee hervor: Ich geh ihm entgegen. Mutiger als wir ist Petrus auch nicht gewesen – vielleicht ein bisschen verrückter. Probieren Sie doch auch mal was Neues, lernen Sie sich von einer ganz neuen Seite kennen. Sie werden überrascht sein. Ich jedenfalls sitze immer noch im Auto. Gleich werde ich starten. Der Alltag ist weg, der Druck ist weg. Und deshalb werde ich langsam fahren, achtsam. Sicher werde ich überrascht sein, was ich bisher alles übersehen habe. Und Zuhause werde ich lesen, ohne hektisch aufzuspringen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Es ist möglich.

 

Pastoralreferentin Carola Lenz, Katholisches Militärpfarramt Bremerhaven

"Was guckst du" Autor: Militärpfarrer Artur Wagner, aus: Kompass 06/2011

Biblischer gefragt: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ (Apg 1,11) Das ist eine Frage, die unsere derzeitige Situation in der Bundeswehr ziemlich gut umreißt. Botschaften bezüglich ihrer neuen Struktur hört man viele, aber bisher ist die große Erleuchtung noch nicht gekommen. Eine Situation, in der sich auch die Apostel nach der Auferstehung Jesu – genauer zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – befanden. Jesus war ihnen sichtbar abhanden gekommen und so schauten sie ziemlich ratlos in der Gegend herum, bis sie endlich vom Heiligen Geist erleuchtet die Kirche aus der Taufe hoben.
Beide Feste, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, feiern wir in diesem Juni, doch kaum einer versteht noch, welche Dynamik sich hinter den Glaubensaussagen versteckt. Sicher, auch in unserer postmodernen Gesellschaft werden die Feste gefeiert, besonders Christi Himmelfahrt – allerdings unter anderen Vorzeichen. Als die katholische Kirche in der Gesellschaft noch bestimmend war, zogen die Gläubigen an Christi Himmelfahrt und die Tage zuvor mit Bittprozessionen durch die Fluren – heute tun dies Scharen von „Gläubigen“ einer profanen „Religion“. Ihre Fahnen sind zwar nicht zu sehen, dafür aber zu riechen. Die Gesänge erfolgen lautstark eher auf dem Heimweg und anstelle von Heiligenstatuen und Reliquien führen sie Relikte klösterlicher Braukunst wie Franziskaner und Paulaner mit sich. Aus Christi Himmelfahrt ist Vatertag geworden und Pfingsten ist für viele Familien die bessere Variante für den Jahresurlaub – da guckst du!
Dennoch sollten uns weder die Initiationsriten einer aussterbenden Männlichkeit im Gender-Zeitalter, noch der Drang nach Erholung und Ruhe davon abhalten, über die spirituellen Wurzeln dieser Feste nachzudenken. Sie können uns auch heute helfen, unseren Alltag zu deuten und zu bewältigen. Verfolgen wir die Berichte über die Auferstehungserfahrungen der Jünger, so war Jesus nicht einfach aus dem Tod zurückgekehrt – wie etwa Lazarus. Er war selbst schon Teil der neuen Wirklichkeit, in die uns seine Botschaft ruft. Himmelfahrt ist dann die Erfahrung der Jünger, dass zum Abschied auch das Loslassen gehört, damit diese neue Wirklichkeit anbrechen kann.
Natürlich ist Jesus nicht „in die Luft gegangen“, wie dies an Christi Himmelfahrt in mancher barocken Kirche anschaulich dargestellt wurde. Dennoch entspricht unserer menschlichen Sehnsucht eher, dass er ins Licht und in die Freiheit des Himmels aufgestiegen und nicht einfach irgendwo im Boden der Geschichte versunken ist.
Wie gingen die Jünger mit der neuen Situation um?
Ziemlich ratlos – so lesen wir zu Beginn der Apostelgeschichte (Apg 1–2). Sie standen da und hatten keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Solche Situationen der Ideenlosigkeit und Ratlosigkeit kennt wohl jeder aus dem eigenen Leben, und wenn wir an den bevorstehenden Umbau der Bundeswehr denken, dann kann uns ein ganz ähnliches Gefühl beschleichen …
Doch – und das ist das Erstaunliche – wahre Jünger resignieren nicht, sie legen weder ihre Ämter nieder, noch schleichen sie sich davon. Sie kehren zum Ort des Geschehens zurück. Sie kommen immer wieder zusammen. Sie halten die Abwesenheit Jesu aus und beten gemeinsam, bis ihnen endlich ein Licht aufgeht und sie mit neuer Begeisterung ihre Heidenangst überwinden. Mehr noch, sie werden ganz Feuer und Flamme für die Sache Jesu. Das sprengt alle bisher denkbaren Strukturen: Aus diesem geistgewirkten Aufbruch entsteht die Welt umfassende, die katholische Kirche.
Eine ähnliche Glaubenserfahrung machen Menschen bis heute, wenn sie an Grenzen – bis hin zu jener des eigenen Lebens – stoßen. Um mit Begrenztheiten leben zu können, kann es hilfreich sein, an den Ursprungsort zurückzukehren, sich der Wurzeln zu versichern. Den Anfang anschauen kann helfen, die Angst zu bewältigen, da ich nun die Ursachen für die jetzige Situation klarer sehe. Dann aber gilt es, nicht stehen zu bleiben, sondern mit denen zusammenzukommen, die auch nicht weiter wissen oder ein ähnliches Schicksal tragen, sich als Gemeinschaft zu treffen, wie die Apostel. Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit zu beweinen, sondern gemeinsam loslassen zu lernen.
Erst als die Jünger Jesu lernten, ihn loszulassen und im Hier und Jetzt die Leere auszuhalten, spürten sie, dass diese Leere neu gefüllt wurde. Die Gegenwart auszuhalten und sie im Gebet vor Gott zu tragen ist auch bei uns Voraussetzung für eine geisterfüllte Zukunft. In diesem Sinne dürfen wir auf einen neuen Aufbruch hoffen und zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten das Loslassen feiern und um Erleuchtung beten. Vielleicht erleben wir dann auch so etwas wie Pfingsten, einen neuen, begeisternden Aufbruch im eigenen Leben. In der Hoffnung, dass wir nach der Reform nicht dümmer aus der Wäsche schauen als davor, wünsche ich Ihnen allen die Kraft des Heiligen Geistes!

Militärpfarrer Artur Wagner, Kath. Militärpfarramt Walldürn

"Ostern geht weiter" Autor: Militärpfarrer Jürgen A. Eckert, aus: Kompass 05/2011

„So, jetzt haben wir Ostern wieder geschafft und hinter uns gebracht“, meinte jemand nach dem Abendgottesdienst am Ostermontag in der Pfarrgemeinde. Diese Person hatte sich für die Gestaltung der Osterfeiern sehr engagiert und freute sich nun über den reibungslosen Verlauf der Gottesdienste.
Allerdings beschäftigt mich ihre Aussage immer wieder – bin ich mir doch sicher, wir können die Feier von Ostern nicht einfach im Kalender abhaken und wieder zur Normalität zurückkehren. Wenn wir ernst nehmen, was wir an Ostern feiern, dann wird das nicht ohne Auswirkungen für unser Leben bleiben. Denn Ostern ist weit mehr als ein jährlicher Termin im Kalender – für Christen ist es ein Grunddatum gläubiger Weltsicht.

Gerne möchte ich mit Ihnen teilen, was Ostern für mich persönlich bedeutet und welche positiven Auswirkungen die Osterbotschaft für mich als gläubigen Menschen hat.
Zunächst gilt es auf die dramatischen Ereignisse im Leben Jesu zu schauen: Am Karfreitag steht das Sterben Jesu am Kreuz im Mittelpunkt. Da ist die Rede von Jesus, der in einen tödlichen Konflikt geriet, weil er nicht aufhörte, von dem zu sprechen, was ihm am Herzen lag: das Wohlergehen der Menschen und ihr versöhntes, befreites Umgehen untereinander und mit Gott. Davon hat dieser Jesus nicht nur geredet und gepredigt, das hat er selbst gelebt. Das hat er in der Hinwendung zum Menschen in seinen ganz unmittelbaren Nöten, Sehnsüchten und Wünschen zu erleben gegeben. Damit hat er offenbar andere begeistert. Sie sind seinem Beispiel gefolgt. Davon berichten uns die Schriften des Neuen Testaments.
Und: Jesus ging seinen Weg in großer Tapferkeit – auch dann, als ihm Widerspruch und Ablehnung begegneten; auch als sich die auf ein dramatisches Ende zulaufende Verschärfung des Konfliktes mit den Mächtigen bzw. jenen, die sich dafür hielten, abzeichnete.
Mich fasziniert die Treue dieses Menschen, mit der er seinen Weg in großer Ehrlichkeit ging, auch wenn es schwer wurde. Mich fasziniert die Stärke dieses Menschen, mit der er auch unter Lebensgefahr nicht verriet, was er Zeit seines Lebens predigte und was ihm wichtig war: Dass es sich lohnt, für Menschlichkeit und Würde einzutreten; dass allen Menschen ein Leben in Frieden und Freiheit verheißen ist; dass unser Leben dann gelingen wird, wenn wir auch das Wohlergehen der anderen nicht aus dem Blick lassen.
Seiner inneren Führung ist Jesus bis zuletzt treu gefolgt! Dafür ging er sogar in den Tod.
Jesus ist für mich somit mehr als ein Opfer menschlicher Gewalt. Er ist ein leuchtendes Beispiel für die treue Hingabe an eine gerechte Sache. Für mich als Christ an nichts Geringeres als an den Willen Gottes, das Leben. Das ist das eine, was mir Ostern bedeutet!
Das andere ist die Erfahrung von der Auferstehung Jesu, die die Frauen und Männer machten, die zu seiner Gefolgschaft gehörten. Was denen, die uns als Osterboten die Kunde von der Auferweckung Jesu berichten, tatsächlich widerfuhr, kann man wohl nur schwer eruieren. Allerdings machte sie dieses Erleben selbst zu glühenden Boten der Frohen Botschaft vom Sieg des Lebens und stärkte sie, die Welt nicht nur im Lichte von Ostern zu sehen, sondern selbst mitzuhelfen, damit das Leben möglichst aller Menschen gelingen kann.
Frauen und Männer, die Ostern so begreifen, setzen sich für die positive Gestaltung unserer Welt und der Lebensbedingungen der Menschen ein. Ihnen sind die Freiheit und das Wohlergehen der anderen nicht gleichgültig. Mit Ostern feiere ich meine feste Hoffnung, dass dieses Mühen nicht vergeblich sein wird. Am Ende steht nicht das Scheitern am Kreuz (Karfreitag), sondern der Sieg des Lebens, nach dem sich alle Menschen sehnen. Die Feier von Ostern sagt mir: Das Leben ist stärker als aller Tod!
Das ist die österliche Botschaft, die wir Christen nicht nur in den 50 Tagen bis Pfingsten feiern, sondern von der wir uns alle Tage unseres Lebens getragen wissen dürfen und die wir das ganze Jahr bei jeder Eucharistie feiern.
Übrigens, jene Person, die nach den gelungenen Osterfeierlichkeiten so erleichtert war, kennt selbst die tiefe Bedeutung der Botschaft von Ostern. Daher engagiert sie sich nicht nur für Gottesdienste. Sie besucht auch regelmäßig Menschen in einem Alten- und Pflegeheim, die selbst keine Angehörigen mehr haben, und setzt sich so für ein gelingendes Leben miteinander ein.
Ich wünsche Ihnen, liebe Soldatinnen und Soldaten, dass Sie aus dieser frohen und zum Handeln befreienden Botschaft heraus leben können und auch als Soldat bzw. Soldatin immer dem treu bleiben können, was Ihnen kostbar und heilig ist: Dem Leben und der Würde, die allem Leben zukommt.

Noch einmal und immer wieder: Eine frohe Osterzeit!

Militärpfarrer Jürgen A. Eckert, Katholisches Militärpfarramt Appen

"Österliche Begegnungen" Autor: Militärpfarrer Dr. Jochen Folz, aus: Kompass 04/2011

Wenn wir diesen Monat wieder Ostern – das wichtigste Fest aller Christen auf der ganzen Welt – feiern, dürfen wir uns wieder erinnern lassen an die vielen Begegnungen der Menschen mit dem Auferstandenen: Jesus trifft die Frauen am Grab, Jesus kommt zu den Aposteln, Jesus begleitet die Jünger nach Emmaus … Ostern ist sozusagen auch ein Fest der Begegnungen. Diese sich immer wieder ereignende Erfahrung der Gemeinschaft mit Jesus war nach dem Erlebnis seines Leidens und Sterbens entscheidend für das Selbstverständnis der Jüngerinnen und Jünger.
Von einer besonderen Art der Begegnung mit Jesus am See von Tiberias berichtet der Evangelist Johannes. Die Gruppe um Simon Petrus ging ihrer gewohnten Tätigkeiten als Fischer nach und war somit gewissermaßen wieder im Alltag angekommen. Als ob nicht schon die Geschehnisse der vergangenen Tage und Wochen verwirrend genug gewesen wären, bleibt der nötige Erfolg beim Fischen aus: Sie kehren im Morgengrauen mit einem leeren Netz zurück. Als sie nicht mehr weit vom Ufer entfernt sind – der Evangelist Johannes spricht von einer Entfernung von 200 Ellen, die ungefähr 105 Metern entspricht – entdecken sie eine Gestalt am Ufer. Sie erkennen Jesus zunächst nicht, folgen aber doch seinen Worten: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus!“ Dies scheint auf den ersten Blick eigenartig, zumal kein Fischer auf die Idee kommen würde, bei Tageslicht ein Netz auszuwerfen.

Es muss die Jünger also etwas bewegt haben, dass sie es trotzdem noch einmal versuchen. Jedenfalls können sie es dann „nicht wieder einholen, so voller Fische war es.“ In diesem Moment sagt Johannes, „der Jünger den Jesus liebte“, zu Petrus: „Es ist der Herr!“

So, wie der Evangelist es schreibt, ist es mehr ein vertrauensvoller Hinweis als ein überraschter Ausruf – als ob zumindest Johannes es schon gespürt hat.

In einem solchen Spannungsbogen befi ndet sich auch der Mensch in der Nachfolge Jesu: Einerseits bleibt Jesus zwar den leiblichen Augen verborgen, andererseits folgt das offene Herz doch seiner Botschaft. Dafür braucht es aber diese Vertrautheit des Johannes, die aus einer gegenseitigen Liebe entsteht und immer tiefer wird. Es ist eine Vertrautheit, wie es sie zwischen Menschen gibt, die das entsprechende Einfühlungsvermögen füreinander entwickeln und dann in bestimmten Situationen oft keine Worte mehr brauchen. Damit zeigt uns das Evangelium auch einen Weg zur Erkenntnis der Gegenwart Jesu in unserem Alltag: Aus einem inneren Erfahrungsschatz der Nähe Gottes in unserem Leben können wir Dinge tun, die uns bei äußerer Betrachtungsweise widerstreben dürften.

Petrus vertraut auf Johannes, der ihm allein im Vertrauen zu erkennen gab, dass es Jesus ist, und springt aus dem Boot in den See – Jesus entgegen. Es ist seine Entscheidung gewesen, nicht mehr abzuwarten und Johannes hat ihm die Möglichkeit dafür überlassen. Die Liebe macht Johannes zwar sicher, aber nicht vorlaut. Jeder der Jünger darf und muss seine je eigene Erfahrung machen.

Als die Jünger dann mit Jesus am Kohlefeuer sitzen und er sie zum Essen einlädt, brauchen auch sie nicht mehr nach ihm zu fragen, denn „sie wussten, dass es der Herr war.“

Dass auch wir immer wieder diese Erfahrung machen dürfen, wünscht Ihnen Militärpfarrer Dr. Jochen Folz aus Leer

"Innehalten - Nachdenken - Einfühlen" Autor: Pfarrer Peter Arnold, aus: Kompass 03/2011

„Die Zeit rennt“ – das hören und sagen wir auch oft selbst. Hinter einer solchen Aussage oder Feststellung kann vieles stecken!

Ich bin daher dankbar, dass ich durch meine Tätigkeit und mein Leben in der Kirche vorgegebene Strukturen habe, die mich dazu herausfordern nachzudenken. Das Kirchenjahr ist für mich eine solche Ordnung, die mich einbindet und auch sensibel macht, zum Beispiel für die wiederkehrenden Strukturen der Jahreszeiten und deren Feste!

Nach den „tollen Tagen“
In diesen Tagen feiern wir Fasching und danach mit dem Aschermittwoch den Beginn der 40-tägigen Österlichen Bußzeit (Fastenzeit). Mir ist wichtig, den Beginn dieser Vorbereitungszeit auf Ostern nicht alleine zu begehen, sondern mit anderen in der Gemeinschaft eines Gottesdienstes im Singen, Beten und Feiern von Symbolhandlungen. Daher gehe ich am Aschermittwoch in den Gottesdienst und lasse mir ganz bewusst das Aschenkreuz auf die Stirn zeichnen. Ich reihe mich ein bei den anderen und mit den anderen. Ich stelle mich in die Gemeinschaft der Botschaft: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!“ und „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!“

Ich will mich der Realität der Sterblichkeit stellen: Ich will innehalten, diese Realität bedenken und mich in sie einfühlen. Dies macht mir auch Angst und ich will sie am liebsten wegstecken, wegdrücken, verdrängen. So, wie es leider oft in unserer Gesellschaft geschieht … Und doch merke ich, letztendlich geht das nicht, wir werden spätestens beim Tod eines lieben Menschen oder beim Tod von Kameradinnen und Kameraden im Auslandseinsatz in diese Realität grausam zurückgeholt.

Daher will ich mich in dieser wichtigen Frage nicht von außen steuern lassen, sondern halte freiwillig meine Zeit an durch die Einladung zum Aschermittwoch, die Feier der Erteilung des Aschenkreuzes, oder bei einem Kreuzweg-Gebet – mit der daraus folgenden persönlichen Auseinandersetzung mit der Begrenztheit, der Sterblichkeit.

Tod und Auferstehung

Die alte Symbolik der Asche birgt in sich auch starke Hoffungsenergie: In vielen Religionen ist die Asche nicht nur Zeichen der Reinigung, der Umkehr, sondern auch der Verwandlung des Todes: Phönix steigt verwandelt aus seiner eigenen Asche.

In der katholischen Liturgie wird seit dem 12. Jahrhundert die Asche für den Gottesdienst aus den Palmzweigen vom Palmsonntag des Vorjahres gewonnen. Diese grünen Zweige sind Boten des Lebens nach einem langen Winter und verkünden: Der Tod ist nicht die letzte Antwort – und auch im Tod ist Leben. Diese Palmzweige werden dann unterm Jahr in vielen katholischen Familien als österliches Hoffnungszeichen hinter das Kreuz gesteckt. Seit ich mich mit dem Tod persönlich auseinandergesetzt habe, ist meine Erfahrung: Im Innehalten, Nachdenken und Einfühlen ist mir der Tod – wie in den alten deutschen Märchen – zum „Gevatter Tod“ geworden, zu meinem Lebensmeister. Das kann ich mit dem Aschenkreuz am Aschermittwoch immer wieder feiern und Ermutigung holen für den Weg meiner Umkehr zum Glauben an das Evangelium.

Ich wünsche Ihnen einen guten Weg!

Pfarrer Peter Arnold, Militärgeistlicher im Nebenamt für Le Luc / Frankreich,„Centre Abbé Franz Stock“ in Aix-en-Provence

"Da ist einer, der lächelt dich an" Autor: Militärdekan Georg Kaufmann, aus: Kompass 02/2011

Der Alltag von Soldaten und ihren Familien ist durch manche Hürden geprägt, die andere nur zum Teil kennen. Manchmal ist es so, dass wir die äußeren Umstände, in denen wir leben, nicht oder nur kaum beeinflussen können. Gerade in den derzeitigen Ungewissheiten ist das sehr deutlich spürbar. Es ist uns aber immer möglich, unsere eigene Wahrnehmung zu verändern oder unser inneres Verhältnis zu dem, was so tagaus tagein über uns hereinströmt.

In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass ich selbst aus einer Familie mit acht Kindern stamme. Da war und wird es bis heute nie langweilig! Ich erinnere mich daran, dass
ich mich als Kind öfter lange in die Kirche gesetzt habe. Das ging aber nur, wenn niemand anderes dort war. Die Kirche war ein Ort, wo ich zur Ruhe kommen konnte, wo ich nichts leisten oder darstellen musste, wo alles sein durfte. Und dann war da noch etwas, das Gefühl: „Da ist einer, der lächelt dich an“ – der will nichts von dir, der verlangt nichts von dir, der freut sich einfach nur, dass es dich gibt. Es war wohltuend und beruhigend, danach wieder nach Hause zu gehen und irgendwie den ganzen Tag mit all seinem Gewühle und Gewuddle ganz anders zu erleben und zu leben. Heute bezeichne ich diese Erfahrung als meine erste bewusste Gotteserfahrung, und sie hat sich durch meinen weiteren Lebenslauf und mein Studium bis heute als das zentrale Gottesbild erwiesen,
für das ich auch Priester geworden bin. Versuchen Sie doch, sich ein- oder zweimal die Woche einfach in einen Kirchraum zu setzen und sich von diesem Gott Jesu Christi anlächeln zu lassen. „Es gibt dich!“, sagt er dort zu Ihnen, und: „Es ist schön, dass
es dich gibt!“ Wenn Sie sich das von Gott einfach sagen lassen (es hilft sehr, sich dafür in eine Kirche zu begeben!), dann bleiben zwar vielleicht die Anforderungen und Hürden
Ihres Alltages dieselben. Ganz sicher ist es aber doch so, dass Sie sich gestärkter und leichter all dem stellen können, was der Alltag so an Herausforderungen für Sie mit sich bringt.

Militärdekan Georg Kaufmann aus dem Katholischen Militärpfarramt Kiel

"Weltfriedenstag – Den Frieden feiern" Autor: Pastoralreferent Robert Bömelburg, aus: Kompass 01/2011

In der Warteschlange vor der Ausgabe vegetarischer Suppe kam ich mit drei Soldaten ins Gespräch – wie sich herausstellte, kamen die Rekruten aus Ahlen und waren muslimischen
Glaubens. Das war für mich die erste wirklich überraschende Begegnung auf dem Domplatz im Anschluss an den Gottesdienst mit Bischof Felix Genn beim Internationalen Weltfriedenstag 2010 in Münster. Der Bischof habe gut gesprochen, meinten sie, und in der gemeinsamen Verantwortung für den Frieden hätten sie sich gut einbezogen gefühlt. Überhaupt sei das eine schöne Erfahrung, zusammen mit anderen Kameradinnen und Kameraden in der Öffentlichkeit ein Zeichen für den Frieden zu setzen.
Am Stehtisch führten wir das Gespräch im Kreis von Soldaten fort, die sich als katholisch, evangelisch und ohne Bekenntnis vorstellten. Uns alle verband das Gespräch über den Frieden, der so schwer zu erreichen sei, obwohl ihn doch alle als Sehnsucht in sich trügen.
Uns alle verband die Sorge um die Soldatinnen und Soldaten, die im Krieg Gesundheit und Leben einsetzen und das Mitgefühl für ihre Lieben daheim, die bis zur Rückkehr mit der Angst um das leibliche und seelische Wohl leben müssen.

Vom Weltfriedenstag am 1. Januar zum Internationalen Soldatengottesdienst

Die Schritte auf dem Weg zu diesem Feiertag für den Frieden wirken auf mich als Seelsorger manchmal eher wie das Bohren dicker Bretter. Soldatinnen und Soldaten werden eingeladen und aufgerufen an den Feiern der Internationalen Weltfriedenstage teilzunehmen. Sie können sich dazu vom Dienst freistellen lassen und werden von ihren Vorgesetzten dazu ermuntert, soweit nicht dringende Dienstgeschäfte dagegen sprechen. Interesse und Zustimmung führten in den vergangenen fünf Dienstjahren jedoch nicht zu einem Anwachsen der Beteiligung, trotz der frühzeitigen Ankündigung und Aufnahme des Termins in die Jahresplanung, vieler persönlicher Gespräche, Anfragen und Informationen zum jeweiligen Thema der Weltfriedenstage. Die Soldaten aus Ahlen, Augustdorf, Münster oder Rheine vertraten die Überzeugung, dass es eigentlich viel mehr solcher Gelegenheiten wie den Internationalen Weltfriedenstag bräuchte. Sie haben großes Interesse, als Soldat oder Soldatin in der Öffentlichkeit auf ihren Dienst aufmerksam zu machen, durch den sie sich für den Frieden einsetzen wollen. Die Begegnung tat ihnen gut und bestärkte sie in der Gewissheit, mit ihrer Teilnahme die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Viele kleine Schritte

Der Internationale Weltfriedenstag gibt aus meiner Sicht einen Weg in die richtige
Richtung vor: Miteinander feiern wir den Frieden und preisen Gott für den Frieden, den wir schon haben. So stärken wir uns in der Hoffnung, dass unsere kleinen Schritte Wirkung zeigen. Wir sprechen über den Frieden und bitten Gott um Beistand und Hilfe. Wir wecken Offenheit und fördern die Tatkraft und Zuversicht für jene Schritte, die dem
Frieden dienen, wo wir ihn noch dringend brauchen.

Robert Bömelburg ist Pastoralreferent im Katholischen Militärpfarramt Rheine