Im Mittelpunkt: der Mensch
Die jetzt eingeleitete Bundeswehrreform weckt bei den meisten Betroffenen eher Sorgen als Hoffnungen. Das ist bei Veränderungen, deren Ausmaß und Tiefe man nicht einschätzen kann, immer so. Und es sind ja geradezu existenzielle Fragen, die sich nun jeder Soldatin und jedem Soldaten stellen:
• Was bedeutet das für meine
persönlichen Laufbahnziele?
• Bleibt meine Einheit, bleibt
mein Standort erhalten?
• Muss ich wieder oder noch weiter
pendeln?
Natürlich können diese Fragen erst beantwortet werden, wenn die Entscheidungen
über die Struktur der „neuen“ Bundeswehr getroffen sind. Das sollte im Interesse der betroffenen Soldatenfamilien nun schnell geschehen, weil diese hierdurch ja zu eigenen
Weichenstellungen gezwungen sein werden. Bleibe ich Soldat, oder muss ich mich jetzt auf dem Arbeitsmarkt umsehen? Muss ich schon wieder umziehen? Soll dann meine Familie
mitkommen, selbst wenn das einen Schulwechsel der Kinder in ein anderes Bundesland erfordert und der Partner womöglich keinen Arbeitsplatz findet? Das sind Fragen, die schon bisher die Attraktivität des Soldatenberufs getrübt haben und nun besonders
wichtig werden. Dabei wird die Frage, wie der Dienstherr jetzt mit den Aktiven umgeht, eine weitreichende Signalfunktion haben. Dass die Antworten befriedigend ausfallen, daran müssen die Gesellschaft und natürlich Im Mittelpunkt: der Mensch die Bundeswehr ein ebenso großes Interesse haben wie die betroffenen Soldatenfamilien selbst. Die demografische Entwicklung wird die Bundeswehr bei der Nachwuchsgewinnung in eine
schwierige Konkurrenz mit dem privaten Sektor und dem übrigen Öffentlichen Dienst zwingen.
Dies macht deutlich, dass bei Struktur und Standortentscheidungen nicht nur betriebswirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen dürfen. Die Reform bietet die Chance, durch regionale Zusammenfassung der einzelnen Truppengattungen und der ihnen zugeordneten Fortbildungseinrichtungen in Zukunft die Zahl der Versetzungen und Kommandierungen zumindest einzuschränken. Wer beispielsweise als Pionier an einem
Pionierstandort beginnt, soll die Gewissheit haben, dass er später seine Laufbahn als Pionier auch an diesem oder einem nahegelegenen Standort beenden kann. Dann können sich die Soldatinnen und Soldaten dort einrichten, einen Freundeskreis aufbauen, ihre Partner können sich nach einem dauerhaften Arbeitsplatz umsehen und die Kinder im selben Schulsystem verbleiben. Die jetzt womöglich notwendigen zahlreichen Versetzungen sollten nun wirklich als die letzte große „Welle“ in Erinnerung bleiben.
„Regionale Zusammenfassung“, damit meine ich keine reinen Großkasernen und erst recht keine Standortschließungen. Man kann bisher militärisch genutzte Liegenschaften ohnehin nur in den seltensten Fällen „versilbern“.
Meist stehen sie lange Zeit leer und verursachen Folgekosten, ohne Nutzen zu bringen. Deshalb sollten die Kasernen weiter genutzt, aber die jeweiligen Belegungszahlen so
reduziert werden, dass eine angemessenere Unterbringung der kasernenpflichtigen Soldatinnen und Soldaten sowie der verbleibenden Pendler möglich wird. So wäre die Bundeswehr weiterhin in der Fläche präsent und im Alltag überall sichtbar.
Aber ist das nicht ein Widerspruch, regionale Zusammenfassung einerseits und Verzicht auf weitgehende Standortschließungen andererseits? Nein, denn auch zusammengehörende Truppenteile müssen nicht an einem einzigen Standort stationiert sein, aber eben jeweils in räumlicher Nähe. Es sollte nicht mehr die Regel sein, dass die einzelnen Einheiten eines Großverbandes über die gesamte Republik verteilt sind.
Natürlich müssen die Feldjäger und der Sanitätsdienst flächendeckend präsent sein, aber beim größten Teil der Truppe ist das nicht der Fall.
Im Mittelpunkt aller Reformüberlegungen muss der Mensch stehen. Ich werde darauf achten, dass dies in der künftigen Struktur deutlich wird.
Hellmut Königshaus


