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Quelle: KMBA / Doreen Bierdel

Der Begriff ‚Tugend‘ bezeichnete in der Antike und im Mittelalter die Fähigkeiten eines Menschen, die er benötigte, um ein lobens- und bewundernswertes Leben zu führen.

Glaube, Hoffnung, Liebe, Weisheit/Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigung/Maß halten und – bei Soldaten vielleicht am naheliegendsten – die Tapferkeit. In der Summe stehen diese 7 „Primärtugenden“ seit dem Alten Testament für etwas Vollkommenes, Ganzes.

Soldatische Tugenden, von Dr. Dieter Baumann, Oberstleutnant i. G.

Unter Tugenden werden seit der Antike gefestigte Charaktereigenschaften verstanden, die aus einer Grund- und Lebenshaltung fließen, die das sittlich Gute dauerhaft erstrebt und dadurch ein gutes Leben ermöglicht. Der tugendhafte Mensch erkennt in einer konkreten Situation, was gerecht, klug, besonnen oder tapfer ist (um auf die Kardinaltugenden zu verweisen), und vermag aus einer inneren Überzeugung heraus das der Situation Angepasste und Richtige zu tun. Emotionen und Vernunft stehen im Einklang, motivieren zum richtigen Handeln.
Macht man sich Gedanken über soldatische Tugenden, steht somit nicht in erster Linie die Frage im Vordergrund, was ein Soldat tun soll, sondern vielmehr die Frage, welchem Selbstbild und welcher Grundhaltung er sich verpflichtet fühlen, also wer er sein soll.
Nur, was ist in der heutigen Zeit das zu erstrebende sittlich Gute und ein gutes Leben, und was sind diese entsprechenden soldatischen Tugenden?

Gutes Leben: Menschenwürde und gerechter Friede

Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Bestimmung des sittlich Guten und des guten Lebens in einem interkulturellen Kontext und in der globalisierten Welt scheinbar nicht mehr vorgenommen werden kann. Ich teile diese Auffassung nicht, sondern bin überzeugt, dass es menschliche Grundbedingungen gibt, die kulturübergreifend sind und die sich zu einem universalen Gerechtigkeitskonzept als Teil eines individuellen und kollektiven guten Lebens ausbauen lassen. So sind Menschen aller Kulturen leibliche aggressions und sprachfähige Gemeinschafts- sowie Reflexionswesen, die für ihre Handlungen Verantwortung tragen können und die sterblich sind. Die so definierten menschlichen Grundbedingungen lassen sich in der Menschenwürde und in den elementaren Menschenrechten finden, die sich die Menschen wechselseitig schulden.
Die Gemeinschaft hat unter anderem die Aufgabe, diese Rechte mit legitimen Mitteln zu
schützen, wozu heute ein rechtsstaatliches Gewaltmonopol und ein internationales
Gewaltlegitimierungs-Monopol notwendig sind. Erstrebenswerte Ziele und Teil eines guten persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens sind deshalb die Achtung der Menschenwürde sowie ein gerechter Friede mit dem Schutz der elementaren Menschenrechte.
Armeen haben in diesem Kontext innerhalb eines umfassenden nationalen und internationalen Sicherheitsverbundes die Aufgaben,

a) ein nationales rechtsstaatliches Gewaltmonopol (inkl. territoriale Verteidigung eines
Rechtsstaates) zu sichern,
b) ein internationales völkerrechtliches Gewaltlegitimierungs- und Gewaltdurchsetzungs-
Monopol sicherzustellen und
c) subsidiäre militärische Beiträge zur Bewältigung außerordentlicher nationaler
und internationaler Ereignisse zu leisten.

Soldatische Tugenden: Gerechtigkeitstugenden und institutionelle Tugenden

Auf diese Rahmenbedingungen und Aufgaben haben sich soldatische Tugenden
auszurichten und müssen sich auf zwei Ebenen konkretisieren. Einerseits haben sie als „Gerechtigkeitstugenden“ dem oben angedeuteten universellen Gerechtigkeitskonzept zu
entsprechen und dieses in ihrem Teilbereich – der Institution Armee – umzusetzen.
Dadurch wird gleichzeitig auch eine soldatische Sonderethik verabschiedet. Die militärische Berufsethik ist vielmehr eine Spezifizierung und Konkretisierung einer universellen Gerechtigkeit, bezogen auf die Institution Armee. Eine Gerechtigkeit, zu der
verschiedene Instrumente (Politik, Zivilgesellschaften, etc.) mit ihren je eigenen
Fähigkeiten und Mitteln beitragen müssen. Gemeinsames Ziel ist es, ein umfassendes, rechtlich geschütztes (inter-) nationales Gemeinwohl zu fördern. Andererseits haben die soldatischen Tugenden als „institutionelle“ Tugenden den Bedürfnissen der Institution
Armee gerecht zu werden, welche sich aus der Bedrohungslage mit dem daraus resultierenden Einsatzspektrum und den notwendigen Fähigkeiten von Soldaten und Soldatinnen ergeben.
Das Spektrum reicht heute von polizeiartigen (inter-) nationalen Ordnungsdienst-
Einsätzen über die Eindämmung und Überwindung von asymmetrischen Gewaltanwendungen bis hin zu einem immer noch möglichen (di-) symmetrischen
Verteidigungskampf. Aus solchen Überlegungen heraus ergeben sich soldatische Tugenden:

Gerechtigkeitstugenden

a) Achtung der Menschenwürde: Diese Tugend besteht minimal im Respekt und in der Einhaltung der jedem Menschen zustehenden Rechte sowie in der Scham für unwürdiges Verhalten und Handeln.
b) Qualifizierte Rechtsbefolgung: Diejenigen, die eine legitime Rechtsordnung schützen, sollen dies aus Überzeugung und ausschließlich mit rechtmäßigen Mitteln tun. Sie müssen ein Ethos der Rechtsbefolgung ausbilden. Zu dieser Tugend gehört im Extremfall aber auch, korrumpiertem Recht Widerstand zu leisten.
c) Verantwortungsbewusstsein: Soldaten und Soldatinnen haben die Pflicht, entsprechend der Funktion ihre Verantwortung wahrzunehmen.
d) Moralische Urteilskraft: Ethische Prinzipien und Normen sind keine „Naturgegebenheiten“, sondern können hinterfragt werden und erfordern eine
kontextgebundene und situative Anwendung. Aus diesem Grund ist die moralische
Urteilskraft notwendig. Diese entspricht der klassischen Tugend der Klugheit. In der heutigen Zeit gehören dazu eine hohe kulturelle Sensibilität und interkulturelle Kompetenz.

Institutionelle Tugenden

e) Pflichterfüllung: Diese Tugend weist dazu an, die der Funktion entsprechenden
Fachkenntnisse sowie körperlichen und geistigen Voraussetzungen zu erwerben, was zu einer hohen und vorbildlichen Professionalität führt. Dazu gehört die Tugend der Tapferkeit, das heißt des selbstlosen und couragierten Einsatzes, und der Inkaufnahme von Risiken, die mit der eigenen Funktion im Zusammenhang stehen.
f) Disziplin und Gehorsam: Die Tugenden der (Selbst-)Disziplin und des Gehorsams werden oft als die Soldatentugenden schlechthin verstanden. Dabei sind zu recht in vielen Armeen die „absolute“ Befehlsgewalt und der „blinde“ Gehorsam von der „Befehlsgewalt
in Dienstsachen“ und dem „qualifizierten“ Gehorsam abgelöst worden. Das bedeutet, dass Unterstellte nur so lange zu Gehorsam verpflichtet sind, wie die entsprechenden Befehle nicht dem geltenden Recht, dem Kriegsvölkerrecht oder dem eigenen Gewissen widersprechen. Diese Tugenden stehen in einer engen Wechselwirkung zur
Kameradschaft und dem gegenseitigen Vertrauen.
g) Loyalität und Integrität: Aus einer richtig verstandenen Pflichterfüllung und Kameradschaft geht eine wachsam-kritische Loyalität und Integrität hervor. Darunter wird die Grundhaltung verstanden, jene Aufträge und Befehle nach bestem Wissen und Gewissen sowie integer auszuführen, die im Sinne eines legitimen, legalen Auftrages sind.

Ausbilden und Erziehen

Soldatische Tugenden sind dem Soldaten oder der Soldatin nicht einfach mitgegeben. Sie müssen erfahren, eingeübt, verstanden und letztlich im Gewissen verinnerlicht werden. Dies geschieht auf emotionaler Ebene vor allem durch Erfahrung und auf kognitiver
Ebene durch Sinnvermittlung. Vorbilder und Beispiele sind dazu wichtig, aber auch das konkrete Erleben der Tugenden in der Ausbildung, im Alltag und im Einsatz. Militärische Ausbilder können Tugenden fördern, indem sie in der Ausbildung Situationen schaffen,
in denen soldatische Tugenden erlebt und angewendet werden.
Für das Entwickeln und Ausprägen von Tugenden spielt auch die militärische
Organisationskultur eine wichtige Rolle. Armeen haben durch ihre Symbole, Rituale und den alltäglichen Umgang miteinander eine Kultur, die die Soldaten und Soldatinnen beeinfl usst. Diese Atmosphäre wirkt auf einer unbewussten Ebene stark und prägt vielfach die soldatische Grundhaltung. Die militärische Kultur ist zu pfl egen, aber von Zeit zu Zeit auch kritisch zu hinterfragen und – wenn nötig – anzupassen.

Zu idealistisch?

Tugendhafte Soldaten und Soldatinnen, die aus sich selbst heraus in der konkreten Situation das Gerechte, Besonnene, Tapfere oder Kluge tun, bleiben das Ziel einer jeden Militärethik. Soldaten und Soldatinnen sollen ein gutes Leben führen können und durch
ihr Handeln und Verhalten positiv auf ihr Umfeld einwirken. Erfahrungen zeigen jedoch, dass Soldaten und Soldatinnen berechtigten fremden oder eigenen Erwartungen
und Ansprüchen teilweise nicht gerecht werden. Sei es, dass sie von Emotionen,
Gefühlen, Affekten oder Trieben negativ beeinflusst und sogar überwältigt werden, aufgrund von fehlendem Wissen etwas trotz gutem Willen falsch machen, oder dass die sittliche Intuition im von Gewalt geprägten Einsatzumfeld „verroht“. Daher sind rechtliche
Normen, Leitbilder sowie Einsatz- und Verhaltensregeln als Richtlinien und Leitplanken zu formulieren, die mithelfen, tugendgemäßes Handeln zu fördern. Ein Minimalgehalt an Verhalten muss letztlich auch mittels sozialer oder rechtlicher Sanktionen durchgesetzt
werden. Soldaten und Soldatinnen sind in der Regel keine Heiligen, und der Mensch ist nicht nur gut.

Keine Sonderethik und keine Sondertugenden

Streitkräfte benötigen somit eine Militärethik, die eine bereichsspezifische Ausprägung und Konkretisierung einer universellen Friedensethik darstellt, einer minimalen universellen Gerechtigkeit verpflichtet ist und keine Sonderethik.
Auch die soldatischen Tugenden stellen keinen Selbstzweck dar, sondern sind letztlich dem Ziel verpflichtet, innerhalb und durch die Institution Armee mitzuhelfen, Menschenwürde und einen gerechten Frieden als Teil eines individuellen und kollektiven guten Lebens zu fördern.

 

Zum Grundsatzartikel
Autor:
Dr. Dieter Baumann ist promovierter Theologe und Oberstleutnant im Generalstab der Schweizer Armee.

Zusammenfassung:
Die Frage nach soldatischen Tugenden richtet sich weniger darauf, was ein Soldat tun soll, sondern wer er sein soll. Grundlage für die weiteren Überlegungen sind die elementaren Menschenrechte. Hervorzuheben ist, dass es keine „soldatische Sonderethik“ gibt, sondern es um die Konkretisierung der universellen Gerechtigkeit gehen muss. Die sieben soldatischen Tugenden lassen sich gliedern in Gerechtigkeits- und institutionelle Tugenden. Auch bei ihnen handelt es sich nicht um „Sondertugenden“, sie sollen jedoch beitragen zum gerechten Frieden.

Literaturhinweise:
• Prälat Wilhelm Imkamp, Fit für die Ewigkeit. Hieb- und Stichfestes aus der Bibel, Sankt-Ulrich-Verlag 2009
• Stephan Ernst / Ägidius Engel, Grundkurs christliche Ethik. Werkbuch für Schule, Gemeinde, Erwachsenenbildung, Kösel-Verlag 1998
• Wilfried von Bredow, Militär und Demokratie in Deutschland. Eine Einführung, VS-Verlag 2008
• Dieter Witschen, Menschen-Tugenden. Ein Konzept zu menschenrechtlichen Grundhaltungen, Verlag Ferdinand Schöningh 2011
• Katechismus der Katholischen Kirche („Weltkatechismus“), 1997
• Katholischer Erwachsenen-Katechismus: Band 2, Leben aus dem Glauben, 1995; Band 1, Das Glaubensbekenntnis der Kirche, 1985

Internet:
www.uni-kiel.de (Suchbegriff: Tugenden)

Interview mit Oberst Dr. Uwe Hartmann

Leiter Studentenbereich der Helmut-Schmidt-Universität
(HSU) / Universität der Bundeswehr Hamburg

Kompass: Soldatinnen und Soldaten in den Streitkräften verpfl ichtet die ZDv 10/4 zu einer berufsethischen Qualifizierung, die im Rahmen des LebenskundlichenUnterrichts erfolgt. Wie verhält sich dies für die studierenden Offiziere, Offiziersanwärter und -anwärterinnen an den Universitäten der Bundeswehr und insbesondere an der HSU in Hamburg? Geht man dort einen eigenen Weg?

Oberst Dr. Uwe Hartmann: Ja, wir haben einen eigenen Weg eingeschlagen. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen gibt es keinen Lebenskundlichen Unterricht für Studierende an den Universitäten der Bundeswehr; und zum anderen ist das akademische Studienangebot für die berufsethische Bildung limitiert. Unser Ziel ist es jedoch, dass alle Studierenden sich während ihrer Studienzeit intensiv mit den politischen und ethischen Grundlagen ihres Berufs auseinandersetzen. Wir müssen diese Zeit dafür nutzen; denn wenn die jungen Offiziere nach Abschluss ihres Studiums und der weiterführenden Ausbildung ihre erste Truppenverwendung antreten, werden Sie Menschen führen, die sich, oftmals sensibilisiert durch die Einsätze, im Rahmen des Lebenskundlichen Unterrichts und der militärischen Weiterbildungen, bereits mit ethischen Fragen beschäftigt haben. Und diese wollen wissen, wie ihr neuer Vorgesetzter darüber denkt.
Unser Weg sieht folgendermaßen aus: Im Rahmen der Allgemeinmilitärischen Ausbildung (AMA), die in Hamburg Donnerstagnachmittags stattfindet, nehmen die Studierendem an einem vierjährigen Curriculum teil, dem wir den Namen „Innere Führung: Politische und ethische Haltungen und Orientierungen für den Offizier“ gegeben haben.
In jedem Studientrimester nimmt jeder Studierende an einem vierstündigen Seminar in Kleingruppen zu einem bestimmten Thema teil. Die Spannbreite der Themen reicht von dem Verhältnis des Soldaten zu Gesellschaft und Politik, über die Innere Führung als ethische Führungsphilosophie bis hin zum Führen im Einsatz und zu ethischen Dilemmata.
Am Ende des Curriculums steht ein von den Studierenden selbst gestaltetes Ethik-Projekt. Für jedes Seminarthema erarbeitet eine von mir geleitete Ethik-Arbeitsgruppe ein „Drehbuch“ und einen Reader. Durchführende sind die nächsten Disziplinarvorgesetzten, also die Leiter der Studentenfachbereichsgruppen. Diese können dabei auch Ethikexperten, beispielsweise in Form eines team-teachings, einbinden, wie z. B. die an unserer Universität tätigen Militärdekane. Überhaupt nutzen wir bei der Ausarbeitung der einzelnen Seminare die Expertise der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter an unserer Universität. Eine große Hilfe sind uns auch die für die ethische Bildung in den Streitkräften geschaffenen Einrichtungen, wie beispielsweise das ZEBIS („Zentrum für die ethische Bildung in den Streitkräften“ der Katholischen Militärseelsorge) oder den AEBIS („Arbeitskreis für die ethische Bildung in den Streitkräften“ der Evangelischen
Militärseelsorge). Wir sind sehr dankbar für diese Unterstützung, ohne die ein solch ambitioniertes Projekt kaum realisierbar wäre. Das Curriculum haben wir Anfang des Jahres gestartet. Ich bin zuversichtlich, dass wir damit auch die Erwartungen unserer Studierenden treffen. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass die Einsätze der Bundeswehr neue Fragen aufgeworfen haben und die Studierenden erwarten, mit ihren Vorgesetzten
darüber zu sprechen. Sie wissen sehr genau, welche ethischen Herausforderungen auf sie nach Ende des Studiums zukommen werden.

Kompass: Der Entwurf eines Curriculums „Ethik“, an welchem Sie und u.a. auch die Militärseelsorger mitarbeiten, sieht vor, studierende Offiziere, Offiziersanwärter und -anwärterinnen für die nach dem Studium vorgesehenen Verwendungen in ethischer Hinsicht handlungsfähig zu machen. Welche weiteren und konkreten Ziele verfolgt das Vorhaben „Innere Führung: Politische und ethische Haltungen und Orientierungen für den Offizier“?

Oberst Dr. Uwe Hartmann: Ganz klar im Mittelpunkt steht, wie Sie richtig sagen, die Hilfe, die wir jedem Studierenden anbieten wollen, damit er reflektiert handeln, die Folgen seines Handelns bedenken und damit später auch umgehen kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine gute ethische Bildung einen gewissen Schutz vor psychischen Belastungsstörungen bietet und auch vor Enttäuschungen angesichts unerfüllter Erwartungen im Hinblick auf Gesellschaft, Politik oder auch die Erfolge von Einsätzen. Gleichzeitig wollen wir auf diese Weise deutlich machen, dass wir mit der Inneren Führung eine Führungsphilosophie haben, die jedem Einzelnen praktische Hilfsmittel an die Hand gibt. Innere Führung ist eben keine abstrakte Theorie, sondern bietet Halt und Orientierung, auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Die inhaltliche Gestaltung der einzelnen Seminare geht daher von der Berufswirklichkeit, von den konkreten Erfahrungen als Offizier, aus. Es geht also nicht darum, einen metaphysischen Wertehimmel zu konstruieren, sondern die tägliche Praxis zu refl ektieren und künftiges Handeln vorwegzunehmen.
Wenn wir uns beispielsweise mit dem Offizier in der Gesellschaft beschäftigen, dann geht es ganz konkret auch um die Frage, was die gewünschte stärkere Würdigung unseres Dienstes tatsächlich bedeutet. Was dürfen wir von den unterschiedlichen Institutionen und Organisationen wie beispielsweise den Kirchen und den Gewerkschaften erwarten? Wo gibt es bereits Projekte und Initiativen zur stärkeren Anerkennung des soldatischen Dienstes, die wir bisher gar nicht richtig wahrgenommen haben? Und was können wir als Soldaten tun, um die Integration zu verbessern?
Gleichwohl kann uns Ethik mit ihren Grundbegriffen und Theorien helfen, die Herausforderungen unseres Berufs besser zu verstehen. Gegenwärtig denkt der akademische Bereich unserer Universität darüber nach, Ethik als verpflichtendes Modul in die „Integrierten Studienanteile“ (ISA), also das „studium generale“, aufzunehmen. Dies würde ein zukunftsweisendes Kooperationsmodell zwischen AMA und ISA ermöglichen.
Wichtig ist mir weiterhin, dass wir alle – die Disziplinarvorgesetzten wie die Studierenden – die politischen und ethischen Fragen unseres Berufs in partnerschaftlichen Gesprächen thematisieren. Zwar erwarten die Studierenden klare Stellungnahmen ihrer Vorgesetzten zu ethischen Herausforderungen – aber die Schärfung der ethischen Urteilsfähigkeit ist das Reich personaler Autonomie. Indoktrination oder Belehrung sind hier fehl am Platz.
Das schließt allerdings nicht aus, dass wir uns intensiv mit Texten beschäftigen, die jeder Offizier kennen sollte. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Studierende noch nie die ZDv 10/1 in der Hand hatten. Schließlich könnte ich mir gut vorstellen, dass wir nach den ersten Erfahrungen die Unterrichtsmaterialien für andere Dienststellen in der Bundeswehr zur Verfügung stellen. Hier werden wir uns eng mit dem ZETHA des Zentrums Innere Führung abstimmen.

Kompass: Rechtfertigt und begründet Ihrer Auffassung nach der soldatische Dienst eine gewisse Sonderethik, oder ist es ausreichend, zum Beispiel im Rahmen einer Vergewisserung mit Blick auf die (Kardinal-) Tugenden eine tragfähige ethische Grundlage für den Dienst als Soldat zu begründen? Sind Tugenden mit Blick auf die Neuausrichtung der deutschen Streitkräfte „vom Einsatz her denken“ hilfreich?

Oberst Dr. Uwe Hartmann: Der Begriff einer „Sonderethik“ weckt Erinnerungen an die sui generis-Debatte, die ideologisch überlagert ist. Ich meine, dass Soldaten eine Berufsethik benötigen, wie es sie auch für andere Berufsgruppen, z. B. Ärzte und Polizisten, gibt. Daher würde ich von einer „Militärethik“ sprechen. Dafür können die überlieferten Kardinaltugenden meiner festen Überzeugung nach wichtige Orientierungsmarken setzen. Ich kann mich noch sehr gut an meinen Lateinunterricht erinnern, an Cicero und Seneca und deren Rezeption der griechischen Philosophie. Und ich weiß, dass sie Tugenden als unverzichtbar erachtet haben, insbesondere dann, wenn die Republik wegen innerer oder äußerer Feinde gefährdet war. Tugenden sind wichtig, und wir sollten sie auch in der Bundeswehr stärker betonen. Josef Piepers „Das Viergespann“ – über die Kardinaltugenden – ist jedenfalls ein Buch, das wir im Rahmen unseres Curriculums nutzen werden.
Wichtig ist aber, dass wir die Tugenden an die Lebenswirklichkeit des Soldaten binden. Ein ehemaliger Kommandeur im II. Weltkrieg sagte mir vor vielen Jahren, Tapferkeit sei gelb. Es ist eben nicht so sehr die idealisierte Heldentat, sondern zutiefst Menschliches wie die Furcht, das tapferem Handeln zugrunde liegt.
Tugenden sind nicht nur im Einsatz wichtig, um den militärischen Auftrag zu erfüllen. Die Studierenden beispielsweise müssen sehr viel Selbstdisziplin aufbringen, um das Intensivstudium an den Universitäten der Bundeswehr mit den zahlreichen zusätzlichen Anforderungen bestehen zu können. Während der vierjährigen Studienzeit bieten sich viele Möglichkeiten für das Entwickeln und Einüben von Tugenden. Der Philosoph Peter Sloterdijk verwendet den Begriff einer im Menschen angelegten „Vertikalspannung“, mit der dieser sich immer höher entwickeln könne. Ich glaube, dass Tugenden – und hier schließe ich die christlichen Tugenden mit ein – „Energiezentren“ sind, die im Menschen das Gute hervorrufen. In der Inneren Führung ist dies mit dem Begriff der Selbsterziehung umschrieben. Unerlässlich ist dabei: Üben, üben, üben.
Die Universität ist ein guter Ort, um Tugenden intellektuell zu verstehen, sie in die eigene Persönlichkeit zu integrieren und durch Übung auszubilden. Ich selbst bin fasziniert, wie vielseitig Lernen an den Universitäten der Bundeswehr heute ist und welche Rolle die Persönlichkeitsentwicklung mittlerweile spielt. Ein Blick auf den Internetauftritt des Studentenbereichs (www.hsu-hh.de/studbereich) verdeutlicht, dass wir hier auf einem guten Weg sind.

Das Interview führte Josef König.

Kommentar von Dietmar Mieth

Sollen setzt Können voraus – Bei den Tugenden geht es um das Können


Ein Kommentar von Dietmar Mieth, emeritierter Professor für Moraltheologie und Ethik an der Universität Tübingen


Tugenden sind keine Normen, auch wenn manche Normen im Horizont der Tugenden als gelebte Überzeugungen besonders gut gedeihen können. Aber von der Anziehungskraft von Tugenden als Fähigkeit, gut und richtig zu handeln, hängt viel ab. Werte sind in Tugenden präsent. Sie sind der Nährboden für die Gesetze der Gesellschaft: auf diesem Boden entstehen sie, darauf wachsen sie, mit der Auslaugung dieses Nährbodens gehen sie zugrunde.
Auf der anderen Seite gilt: Man muss mit Tugenden kritisch umgehen und soll darüber mit anderen streiten können. Auch die Überlieferung, die von „Kardinaltugenden“ (von „cardo“, die Türangel), d. h. von Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß, spricht,
hält dafür verschiedene Auslegungen bereit. Denn es bleibt strittig, was wirklich klug, was wirklich gerecht, tapfer und maßvoll ist. Die Tugend stellt unausweichliche Fragen, obwohl sie nicht immer klare Antworten bereit hält. Tugenden bedürfen der zeitgemäßen
Erneuerung. Ist in den Kardinaltugenden alles umfasst, was wir unter heutigen Voraussetzungen ins Zentrum stellen würden? Man muss sie neu verstehen, z. B. die Tapferkeit auch als Zivilcourage. Man muss sie auch ergänzen, z. B. um Freiheitlichkeit, Lebensförderung, Friedensbereitschaft, Toleranz, Solidarität und Nachhaltigkeit im zwischenmenschlichen, sozialstaatlichen und ökologischen Raum. Kann es eine solidarische Gesellschaft geben, ohne dass Tugenden damit verbunden sind, die den Menschen in einer starken sozialen Beziehung und in einer starken Verantwortung für andere sehen?
Die Frage des Friedens ist sicherlich in einer komplexen Weltlage nicht nur eine Frage des guten Willens und der persönlichen Einsatzbereitschaft. Es kommt vielmehr auf die richtigen politischen Maßnahmen an, um den Frieden zu sichern, die militärischen Auseinandersetzungen beenden zu helfen und die Gefahr weltweiter Auseinandersetzungen unvorstellbaren Ausmaßes zu vermeiden. Die ethischen Probleme,
die diese Maßnahmen stellen, und die damit verbundenen strategischen Probleme der Sicherheitspolitik und der Abrüstungsdebatte verlangen kluge und umsichtige Überlegungen.
Aber darüber hinaus geht es um die Voraussetzung, die eine Friedenspolitik in den Grundhaltungen der Menschen, also in den Tugenden, haben muss, um glaubwürdig und effi zient zu sein. Wenn man an dieser Stelle weiterdenkt, wird auch die politische Vernunft der Forderung der Feindesliebe deutlich. Diese besagt ja nicht, dass man den Gegner darin lieben soll, worin er schlecht ist, sondern darin, worin er an der Menschlichkeit des Menschen teilhat. Es mag nützlich sein, Menschen auf Systeme und Feindbilder zu reduzieren, wenn man den Frieden nur für ein Produkt der eigenen Macht über den anderen hält. So geschieht es auf allen Seiten. Am Ende ist dann der Friede nur auf dem Weg über den Endsieg möglich. Was heißt dies nun für den Soldaten-Beruf? Dieser bedarf einerseits keiner Sonderethik. Der Soldat, die Soldatin können ihren individuellen Weg in einem Bereich von Tugenden suchen, der ihrer persönlichen moralischen
Einstellung entspricht. Sie können sich durch ihre Haltung an Tugenden beteiligen,
die für jede Gesellschaft wichtig sind. Das ist für alle Menschen wichtig, die eine moralische Identität suchen. Tugenden fragen nicht zuerst: Was soll ich tun? Sie fragen: Wie kann ich der sein, der ich eigentlich sein will? Ein alter Spruch sagt: Sollen setzt Können voraus. Bei den Tugenden geht es um das Können. Auf der anderen Seite stehen besondere Herausforderungen und Belastungen in der Ausbildung und im Einsatz „für
den Frieden der Völker“ (Art. 77 der Pastoralkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils). Hier gilt die Definition dessen, was „moralisch gut“ ist: „unter Stressbedingungen eine Maxime aufrecht zu erhalten“ (Jürgen Habermas).
Unter Belastungen brechen oft Grundsätze zusammen. Daher muss man Belastungen trainieren, um seine Grundsätze in ihnen zu verankern. Tugenden zu haben bedeutet also mehr als eine Absichtserklärung. Tugenden entstehen auf dem Rücken von Handlungen,
in denen man sie umsetzt. Sie sind die permanenten Rückwirkungen des guten und richtigen Tuns auf den Handelnden selbst. Wären sie bloß sozial auferlegt, dann wären
sie nicht persönlich angeeignet. Nicht Ich-Schwäche, sondern Ich-Stärke wird hier gesucht. Freilich in einem Raum, in welchem verlässliche Kooperation eine
Grundbedingung darstellt.
Die persönliche Aneignung kann so weit gehen, dass es dem Einzelnen unmöglich wird, anders als in Übereinstimmung mit seinen Überzeugungen zu handeln. Man steht zu seiner moralischen Identität.
Darin warnt und unterstützt einen das Gewissen, das sich im Haus der Tugenden sicher fühlt und klare Hinweise gibt. Man kann deutlich sehen, dass Tugenden nicht nur Anforderungen an den Einzelnen stellen, der nach ihnen strebt, sondern auch Anforderungen an die Institutionen, in denen sie entstehen und in denen sie gelebt werden sollen. Gibt die Institution Gelegenheit zur Tugend? Befehl und Gehorsam sind
nicht um ihrer selbst willen da, sondern um verlässliche Kooperation zu ermöglichen.
Autonomie und selbstständiges Handeln bedürfen der Förderung und nicht der Unterdrückung. Widerstand leisten und zum Widerspruch fähig zu sein, haben miteinander zu tun. Solidarität ist keine Sache von unten nach oben, sondern zuallererst eine gemeinsame Sache, die sich auch von oben nach unten zeigen sollte.
Kann man von einer Karriere auch einen Anstieg in Tugenden erwarten?
Es wäre sinnvoll. Wo Verantwortung steigt, da steigen auch die Forderungen,
Verantwortbares zu tun. Dabei muss jeweils der andere Mensch auch in seinem Anderssein respektiert werden. Gerechter Umgang heißt, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Gleich sind die Menschen in ihrer Würde, ungleich sind sie in ihren Veranlagungen, aber in den Möglichkeiten, die sie hatten, sich zu entfalten.
Gerechtigkeit kann hier ausgleichend wirken. Die berühmten Kardinaltugenden, neben der Gerechtigkeit die Klugheit, das Maß als das Gefühl für die Balance und für die Grenzen, die Tapferkeit als Widerstandsfähigkeit auch in schwieriger Situation – sie alle sind auch Tugenden der Menschenführung und der Menschlichkeit.