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Die Gnade erweist ihre Kraft in der Schwachheit

© KMBA / Doreen Bierdel

Zu Beginn eines neuen Jahres ist wohl jeder von uns voller guter Vorsätze und optimistisch gestimmt. Das ist immer so. Aber ebenso stellen wir am Ende fest, dass das vergangene Jahr dann doch nicht so gut war, dass es viele enttäuschte Erwartungen gab und manches ganz anders kam.

Zu Beginn des Jahres 2012 schauen wir doch voll Sorge nach vorne. Wie geht es weiter in unserem Europa? Was bringt die Strukturreform der Bundeswehr für uns? Was mache ich nach der beschlossenen Aufl ösung meines Standortes? Was geschieht mit unserer Welt und auf unserer Erde? Wie ist es mit dem Klimawandel? Der offenen Fragen gibt es gar viele. Was hält und trägt uns da? Sind es die guten Mächte, von denen wir wunderbar geborgen sind? Ist es das Geschick unserer Politiker, die uns in ihren Neujahrsansprachen Mut und Zuversicht zusprechen und alles Mögliche versprechen? Unsere Kirchen haben über das neue Jahr einen Vers aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther als Losung gestellt. Er lautet: „Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Die Gemeinde von Korinth war schwierig und sie machte dem Apostel immer wieder Sorgen. Die beiden Briefe des Paulus an diese legen ein beredtes Zeugnis ab von deren Zerrissenheit, dem Streit untereinander und den Auseinandersetzungen mit dem Apostel. In diesem Sinn war sie also durchaus modern. Die gegenwärtigen Konfl ikte und Schwierigkeiten in unserer Kirche sind da nicht viel anders. Paulus beruft sich bei all diesen Problemen und deren Lösung nicht auf seine eigene Autorität, sondern auf Jesus Christus als das Haupt seines Leibes, der die Kirche ist. Und – so unser Vers – die darf durchaus auch schwach sein. Also dürfen auch wir unsere Schwächen haben und zeigen.

Das kann jedoch nicht bedeuten, dass wir jetzt mit unseren eigenen Schwächen großzügig umgehen, aber sehr kleinlich werden, wenn es um die Unzulänglichkeiten anderer geht.

Es fällt uns immer wieder leichter, den Splitter im Auge des anderen zu erkennen als den Balken im eigenen Auge. Für mich wird das besonders deutlich, wenn wir über „die Kirche“ reden. Sie wird nämlich sehr oft als Gegenüber gesehen, dem man, wenn auch nicht feindlich, so doch sehr kritisch begegnen muss. Das Wissen, ja auch das Gefühl, dass wir alle diese Kirche sind, ist weithin verloren gegangen, im Laufe der Zeit einfach verdunstet, verschwunden. Unsere immer leerer werdenden Kirchen, die „vergreisende“ Kirche – auch unsere, die unter den Soldaten –, ein schwindendes Wertebewusstsein in unserer Gesellschaft, all das sind Symptome, die wir zur Kenntnis nehmen.

Müssen wir das alles aber hinnehmen wie den Regen, der vom Himmel fällt? Und da spannen wir für gewöhnlich einen Regenschirm auf. Paulus sagt uns, ihr braucht keinen Regenschirm, ihr braucht keine wortreichen Erklärungen und großartigen Pläne. Was ihr braucht, ist Jesus Christus. Er gibt euch die Kraft, die Hoffnung und die Zuversicht. Diese Verheißung mit Leben zu erfüllen, sie zu leben, kann ein Projekt sein für dieses Jahr 2012, für das sich einzusetzen, ja zu kämpfen, es sich lohnt.

Walter Wakenhut, Apostolischer Protonotar