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Quelle: KMBA / Doreen Bierdel

Die Sicht auf die Vorbereitungszeit für Weihnachten erschöpft sich nicht in Kritik an Konsum und fehlender Besinnung. Die Autoren nennen vielmehr Gedanken und Anregungen, wie gerade Soldatinnen und Soldaten versuchen können, diese besondere Zeit zu gestalten.

Auch die Beiträge „Kolumne des Wehrbeauftragten“, „Lexikon der Ethik“ und „Auf ein Wort“ beschäftigen sich im Dezember 2010 mit den Themen „Hoffnung“ und „Warten“.

 


Grundsatz: Adventlich leben – Ankunft, Ankommen

 von Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen

Der Advent Israels

Er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. (Jes 11,4)

So wie es gelaufen ist, kann es nicht weitergehen. Israel, ausgerechnet Israel, immerhin Gottes Volk, dem auserwählten Volk, musste dies geschehen: eine Geschichte, die für das Volk Israel wenig Glück und wenig Erfolg ausgewählt hat. Stattdessen Nackenschläge aller Art: innere Zwietracht bis zur Teilung des Landes, Niederlagen gegen feindliche Nachbarstaaten, die Eroberung Jerusalems, gar die Zerstörung des Hauses Gottes. Selbst das Bitterste blieb Israel nicht erspart. Gottes Volk wandte sich von Gott ab und lief den Götzen nach. Mit allen Konsequenzen: Für Gottes Gerechtigkeit hatten die Mächtigen und Einflussreichen nicht einmal ein Achselzucken übrig, sie lachten darüber und plünderten die Wehrlosen aus. Für die Frommen war es nicht mehr auszuhalten. Ihre letzte Zuflucht war das Wort Gottes aus dem Mund der Propheten: So wie es ist, wird es nicht bleiben. Denn der Gesalbte Gottes, der Messias, der Retter wird kommen. Sein Kommen wird der Advent eines neuen Israel sein. Sehnt euch seinem Advent, dem Advent des Messias, entgegen!

Der Advent des Johannes

Auch Soldaten fragten Johannes: „Was sollen wir tun?“ Und er sagte zu ihnen: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold.“ (Lk 3,14)

Da stellt sich – Jahrhunderte später – einer in die Reihe der Propheten. Für Aufruhr sorgt er. Ohne Wenn und Aber, ohne diplomatisches Abwägen, was „man“ besser nicht sagt, um bei niemandem anzuecken, stellt er sich in den Dienst des Wortes Gottes. Deshalb treibt es ihn hinaus, zieht es ihn in die Stille der Wüste, wo kein Getriebe des Alltagsbetriebs Gottes stille Stimme überdröhnt. Einige in Jerusalem, dem Sitz der Macht, hat Johannes
aufgewühlt. Sie laufen ihm nach.
„Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige.“ (Mt 11,7–8) Johannes, kein Schilfrohr und kein Höfling, verabreicht seinen Zuhörern raue Kost: Er nennt sie, so das Evangelium am zweiten Adventssonntag, eine
„Schlangenbrut“. Er verlangt von ihnen die Kehrtwende, die Abkehr von der Abkehr
von Gott. Denn das Reich Gottes ist nahe.

Der Advent Gottes in Jesus Christus

„… und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1,79)

Das Unfassbare, angekündigt durch die Propheten und Johannes, geschieht: Die Jungfrau wird einen Sohn gebären. Der Himmel öffnet sich. In die Erde bricht der Himmel ein. Denn Gott wird Mensch. Es gibt eine Zukunft. Nicht die „Zukunft“ der Prognosen der Trendforscher.
Nicht die „Zukunft“ als Verlängerung des Hier und Heute. Keine „Zukunft“, die wir produzieren. Stattdessen eine Zukunft im wahren Sinne des Wortes: der, der auf uns zukommt, Gott selbst, in Jesus, seinem Christus, seinem Gesalbten, unserem Heiland.

Der Advent des Reiches Gottes

Adveniat regnum tuum – Dein Reich komme! (Mt 6,10 und Lk 11,2)

Es ist schon da, wenn auch noch unscheinbar wie ein Senfkorn, dem man nicht ansieht, was daraus wachsen wird. In der Synagoge seiner Heimatstadt Nazaret greift Jesus zur
Heiligen Schrift und verkündet, was „Reich Gottes“ meint: „Der Geist … hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.“(Lk 4,18)
Was Jesus begonnen hat, führen in seiner Nachfolge Christen in aller Welt fort. Sie
verkünden das Evangelium in Wort und Tat: im Wort Gottes und in der Tat der
Nächstenliebe. Zum Beispiel in Lateinamerika: Wenn Männer und Frauen aus der Kraft des Glaubens den Notleidenden beistehen, im weiten Amazonasgebiet für Wort-Gottes-Feiern Sorge tragen, in unwirtlichen Favelas für Orte der Versammlung und des Gottesdienstes sorgen, Jugendlichen helfen, ihre Drogensucht zu bekämpfen!

Advent und Adveniat

Helft uns, so gut ihr könnt. Für das Übrige wird Gott sorgen. (Sr. Irénée du Sacré-Coeur FdS, Ordensschwester in Haiti, Projektpartnerin von Adveniat)

Die Christen in Lateinamerika und der Karibik leben aus der Kraft ihres Gottvertrauens. Für den Advent des Reiches Gottes geben sie ihr Bestes, ihre Kraft, ihren Glauben, ihre Lebensfreude. Daran sind sie überreich. Nur wenn es um die Gelder geht, die für die Verwirklichung der Pastoralpläne der Diözesen und Gemeinden nötig sind, wird es oft knapp. Doch oft gibt es Hilfe.
Denn dafür gibt es Adveniat. Adveniat wurde 1961 auf Initiative des damaligen Essener Bischofs (und späteren Militärbischofs und Kardinals) Franz Hengsbach gegründet, um die Projekte der Kirche im „Kontinent der Hoffnung“ zu unterstützen.
Die Kollekte in den Gottesdiensten am Heiligabend und an Weihnachten in allen Kirchen in Deutschland ist seither für unsere Schwesterkirchen bestimmt. Die Katholiken unseres Landes geben großherzig. Immer wieder, so berichten die Länderreferenten von Adveniat, sind die Projektpartner fassungslos, „wie das denn sein kann, dass Menschen jenseits des Ozeans, Menschen, die uns gar nicht kennen, uns so viel Gutes tun“. Und sie fügen hinzu: „Wie können wir unseren Wohltätern nur danken?! Sie müssen es für uns tun und in unserem Namen danken, wenn Sie wieder in Deutschland sind!“ Ihnen gegenüber, den Lesern des „Kompass“, kann ich ihren Dank nun ausrichten.

Der Advent der Vollendung

Seht, Gottes Wohnung unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, sie werden sein Volk sein. (Offb 21,3)

Was auf uns Christen zukommt, ist das Reich Gottes. Wer auf uns Christen zukommt, ist unser Heiland Jesus Christus, der wiederkommen wird in Herrlichkeit.
Wir harren auf seinen Advent der Vollendung. Die Gewissheit, dass Gott selbst alles vollenden wird, auch das Unvollkommene unserer Bemühungen, gibt uns den Mut zur „teologia da enchada“, einer „Theologie der Hacke“, wie Dom Aldo di Cilli Pagotto SSS, Erzbischof von Paraíba (Brasilien), es einmal ausdrückte: Hier und heute ganz praktisch
werden, die Hacke packen, Hand anlegen und der Aussaat des Reiches Gottes den Boden bereiten. Diese Gewissheit lässt uns adventlich leben.

Adventlich leben

Aus Zeit sind wir. Sind ihre Füße und ihre Stimmen. Die Füße der Zeit schreiten in unseren Füßen. (Eduardo Galeano)

Christen sind Menschen des Advents. Christlich zu leben bedeutet auch: adventlich leben, nicht nur zur Adventszeit.
Sich nach Gott ausstrecken, der uns entgegenkommt. Der Wahlspruch des emeritierten Bischofs von Münster, Reinhard Lettmann, trifft es: „Christo tuo venienti occurrentes – Deinem kommenden Christus entgegeneilen.“ Adventlich leben heißt: in Erwartung leben, warten – und warten können. „Mit Gott können wir nichts versäumen“,lehrt uns Meister Eckhart. Nun gilt Warten dem Zeitalter der Beschleunigung für unmodern. „Jetzt und sofort“ heißt die Devise, hämmert die Werbung. Sie macht den Advent zum Weihnachtsgeschäft. Doch Advent ist nicht Weihnachten.Peinlich (d. h.: schmerzlich) genug, an diese Selbstverständlichkeit erinnern zu müssen, die im „Weihnachts“marktgetümmel weit vor Weihnachten, im Glühweindunst und Kaufhausgedudel übertönt zu werden droht. „Advent heißt nicht Allkauf, sondern Ankunft.… Deshalb ist vor Weihnachten nicht das Besorgen wichtig, sondern das Entsorgen, das Freiwerden von der Sorge, uns selbst was Rechtes zukommen zu lassen. … Wir könnten vor Weihnachten versuchen, alles Mögliche zu besorgen, uns mit allem Möglichen zu versorgen. Aber alles Mögliche kann uns unmöglich retten.“ (Ulrich Lüke)
Wie geht das, „adventlich zu leben“?
Einige Hinweise, als Erinnerung. Denn diese Ratschläge sind keineswegs neu,sondern vielmehr gute, alte Erfahrungen.(Wir machen überhaupt zu wenig alte Erfahrungen. Wir stürzen uns lieber in neue. Dabei sind es gute, alte Erfahrungen, die uns tragen.)
• Im Beten Gott entgegengehen. Es kann ein Blatt im Terminkalender sein, in das ich meine Adventserfahrungen eintrage, um sie im Morgengebet oder im Abendgebet mit Gott zu teilen.
• Die Stille aufsuchen, in einer Kirche (viele Kirchen halten im Advent die Türen offen) oder anderswo. Vor dem Bild des Heilands verweilen: Ich schaue Gott an. Gott schaut mich an.
• Sich die Advent-Fragen stellen, besser noch, sich den Advent-Fragen stellen: Wo will ich ankommen in meinem Leben? Und was kommt auf mich zu – heute, in den Wochen des Advents, in meinem Leben?
• In der Haltung der Dankbarkeit leben, um Gott bei uns aufzunehmen. „Überhaupt sitze ich manchmal zurückgelehnt mit geschlossenen Augen und denke an die Meinen. All mein Leben mit ihnen steht mir dann vor Augen. …
Mein Gott, wie reich bin ich doch, und wie wenig weiß ich es an normalen Tagen.“ Das schrieb Helmuth James Graf von Moltke am 23. Januar 1944, vier Tage nach seiner Verhaftung, ein Jahr vor seiner Hinrichtung, in sein Tagebuch.
Adventlich zu leben tut uns gut. Der Advent hält eine Erinnerung wach: Unsere Zukunft ist die Ankunft Gottes bei uns. Unsere Zukunft ist die Ankunft unserer selbst bei Gott.

Zum Grundsatzartikel

Autor: Dr. Franz-Josef Overbeck ist seit 2009 Bischof des Bistums Essen, Vorsitzender
der Unterkommission für Kontakte mit Lateinamerika und Präsident der Bischöflichen Aktion Adveniat. Am 4. Oktober 2010 wurde er durch Papst Benedikt XVI. in die Päpstliche Kommission für Lateinamerika berufen.


Zusammenfassung: Advent ist nicht Weihnachten, sondern heißt in Erwartung leben, warten – und warten können. Ausgehend vom Alten über das Neue Testament führt
der Adveniat-Präsident durch die unterschiedlichen Weisen des Advents, durch die verschiedenen „Ankünfte“ zum Ankommen im Heute – sowohl in Lateinamerika als auch hier. Er rät zum umfassenden „Adventlich-Leben“, nicht nur während der Adventszeit.


Adveniat: Es ist das Lateinamerika-Hilfswerk der deutschen Katholiken und das größte
Lateinamerika-Hilfswerk Europas. Mit Zuschüssen von rund 40 Millionen € unterstützt Adveniat jährlich 3.200 Projekte der dortigen Kirche in ihrem Einsatz für die Armen und Ausgeschlossenen: u. a. die Ausbildung der engagierten Laien in den Gemeinden, der Ordensschwestern und künftiger Priester, den Bau von Kirchen, Gemeindezentren
und Bildungshäusern, die Flüchtlings- und die Gefangenenseelsorge.

Literaturhinweise:
• Pierre Stutz / Hans Domenig: Vom Dunkel ins Licht. Texte und Bilder zur Advents- und Weihnachtszeit, Katholisches Bibelwerk, 2004.
• Rudolf Ammann: Es ist ein Ros‘ entsprungen. Die Advents- und Weihnachtsbibel, Katholisches Bibelwerk, 2008.
• Jürgen Kaufmann, Roland Breitenbach u. v. a. m.: Mein Name ist in deine Hand geschrieben. Bußgottesdienste für die Advents- und Fastenzeit, Katholisches Bibelwerk, 2009.

Internet:
www.adveniat.de
www.katholisch.de

Interview mit Pfarrer Simon Rapp, Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ)

Kompass: Advent bezeichnet die Jahreszeit, in der sich Christen auf die Ankunft des Herrn vorbereiten. Zugleich beginnt mit dem ersten Adventssonntag das neue Kirchenjahr. Zunehmend gerät der Advent in seiner christlichen Bedeutung in den Hintergrund. In jüngster Zeit gibt es Bestrebungen der Kirchen in Deutschland, vier verkaufsoffenen Adventssonntagen Einhalt zu gebieten. Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten? Sind restriktive Regelungen wünschenswert, oder wäre es nicht sinnvoller, an die Vernunft der Konsumenten zu appellieren?

Simon Rapp: Ich sehe, dass manche SchülerInnen, Studierende oder Teilzeitarbeitende die Adventssonntage als willkommenes Zubrot verstehen. Dieser Hinzuverdienst ist zu Zeiten möglich, die sicher ungewöhnlich, aber doch überschaubar helfen, manchen Konsum zu ermöglichen, der ansonsten das Budget übersteigen würde. Auch Alleinstehende, Menschen, denen die Advents- und Weihnachtszeit emotional sehr schwer fällt, die mit ihrer Einsamkeit gerade am Sonntag ringen, werden solche Fluchtmöglichkeiten genießen.
Gleichwohl ist es wichtig, dass wir uns als Kirchen gemeinsam für die eigentliche Botschaft stark machen, die hinter unserem Anliegen steht. Wir brauchen einen Appell nach und eine Initiative für einen konsumfreien Sonntag, nach einem Tag, an dem Menschen spüren können, dass Leben mehr ist als Arbeit und Geldverdienen. Leben ist die ganz bewusste Pflege von Freundschaft und Beziehung. Von Null auf Hundert wird das am Heiligabend und an Weihnachten nicht möglich sein. Viele haben fast romantische Erinnerungen aus ihrer Kindheit im Herzen. Da wäre es doch eine herrliche Möglichkeit, gerade Kindern und Jugendlichen, gute Adventserfahrungen zu ermöglichen, die sich außerhalb von Kaufhäusern und Läden, vielleicht sogar in der Natur, in einer Kirche, unter Menschen, im Füreinander-Zeit-Haben ereignen. Ich sehe also die Herausforderung und die Chance, mit einem Einsatz gegen verkaufsoffene Sonntage gerade jungen Menschen die provozierende Frage zu stellen: Gehst du im Konsum auf? Kannst du dein Glück wirklich kaufen? Wenn wir da Anstöße liefern für einen kritischen Umgang mit Konsum, dann schaffen wir die Voraussetzungen mit den eigentlichen Botschaften von Advent.

Kompass: Katholische Jugendverbände, die sich im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) als Dachverband zusammengeschlossen haben, nutzen die Adventszeit, um in eigenen Aktionen Zeichen zu setzen. Welche Erfahrungen aus dem Bereich der katholischen Jugendarbeit liegen vor? Lassen sich diese generalisieren?

Simon Rapp: Es gibt ganz viele Aktionen, die Jugendliche – inner- und außerhalb der Verbände – in kirchlichen Gemeinden und Einrichtungen in die Gestaltung der Adventszeit einbringen: Vom lebendigen Adventskalender über Nikolausaktionen, Feiern am Luzia-Tag, bei Waldweihnachten, in Jugendgruppen oder in liturgischen Feiern. Auch die Vorbereitung der Sternsingeraktion und manches soziale Engagement in Krankenhäusern und Pflegeheimen von Messdienern, Chören oder Bands möchte ich nicht vergessen. Solche Erfahrungen sind weit über das Jugendalter hinaus prägend, führen später zu Nachfragen: „Gibt es das bei euch noch?“ Generalisieren lässt sich ganz sicher die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Feier, nach Aktion, nach Freude- Bereiten und eine ganz große Offenheit für Menschen, „denen es an Freude fehlt, die traurig sind, die wir gerne besuchen.“
Auch politische Aktionen gegen die weit fortgeschrittene Vermarktung des Weihnachtsfestes, gegen eine Sinnentleerung adventlichen Feierns haben bei uns ihre Wurzeln und münden in Aktionen, die für die Authentizität von Brauchtum (z. B. Nikolaus ist nicht Weihnachtsmann!), von bewusstem Konsum und aktivem Handeln für andere stehen. All dies ist in verbandlicher Jugendarbeit sehr lebendig, gut hinterfragt und ganz entschieden angeboten. Was sehr gut läuft, ist die Aktion „Weihnachtsmannfreie Zone“, in der wir gemeinsam mit dem Bonifatiuswerk über die Hintergründe des vermeintlichen Weihnachtsmannes aufklären und uns für ein bewusstes Entscheiden für den Heiligen Nikolaus, die Adventszeit und die Weihnachtsbotschaft einsetzen. Die Aufkleber mit dem durchgestrichenen Weihnachtsmann findet man an immer mehr Büro und Haustüren.

Kompass: Welche Chancen sehen Sie für die Kirchen, den Kerngedanken der Adventszeit wieder in den Vordergrund zu rücken? Ist der christliche Gedanke des Advents für die Moderne anschlussfähig? Oder anders gefragt: Ist Advent modern?

Simon Rapp: Der Kerngedanke der Adventszeit ist nicht die Vorbereitung auf ein kommerziell vermarktetes Weihnachten, ist nicht glühweinselige, aufgesetzte Nachdenklichkeit, sondern die Freude auf Kommendes, auf den Kommenden. Für mich ist nichts notwendiger und wichtiger, als den Menschen Freude auf das Kommende zu vermitteln. Wem immer mehr Weltzerstörungs- und Untergangsszenarien vermittelt werden, wer um den Klimawandel, das Auseinanderdriften der sozialen Schere, die Folgen der Alterspyramide in unserem Land und die Ungerechtigkeit auf dieser Welt weiß und vor der Realität nicht die Augen verschließt, dem kann die Botschaft des Advents ein echter Hoffnungsschimmer sein. Denn: Vieles zerbricht. Gewohntes verschwindet. Neues entwickelt sich. Aber: Alles ist gehalten, geborgen in einem Gott, der eine gute Zukunft will, der ein Liebhaber der Menschen, ein Freund und ein Retter ist. Sich darauf zu besinnen und sich darüber zu freuen, ist vielleicht heute nicht sonderlich angesagt, aber ein echter Gewinn für jeden, der sich darauf einlässt. Damit kann und will ich nicht die Hände in den Schoß legen. Unser Engagement ist massiv gefordert. Ich selbst bin gefragt das Ruder herumzureißen, auch durch meinen Lebensstil und meinen Konsum. Aber ich muss es nicht allein machen. Und das ist vielleicht auch eine heilsame Botschaft für die ichzentrierten Menschen im Advent unserer Zeit: Ich kann mich nicht selbst heil machen. Aber es gibt einen, der das kann. Advent, das sind daher nicht nur die Wochen vor Weihnachten, sondern Advent ist immer. Gott sei Dank! Ich darf mich auf das Kommende freuen.


Zur Person: Simon Rapp - 1970 in Kempten (Allgäu) geboren, ist seit 1979 Mitglied der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG). Nach seiner Berufsausbildung zum Technischen Zeichner begann er das Studium der Theologie in Augsburg und Dayton/Ohio, USA.

Nach der Priesterweihe im Jahr 2000 war er bis 2003 Kaplan in Heilig Geist, Augsburg, dann in der Pfarreiengemeinschaft Augsburg-Göggingen. Im Bistum Augsburg wurde er 2004 BDKJ-Diözesanpräses und ist seit Mai 2009 BDKJ-Bundespräses.

Kommentar zur Sache von Pfarrer Albin Krämer, Bundespräses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB)

Freier Sonntag und sozialer Friede

Aus allen Geschäften klingen mir die Weihnachtslieder entgegen, der Gang über den Weihnachtsmarkt ist mehr ein Durchschieben und die Hoffnung auf ein Glas Glühwein braucht einen langen Atem. Am Abend des letzten Adventssonntags höre ich dann in den Nachrichten die erste Einschätzung des Einzelhandels, ob das Weihnachtsgeschäft erfolgreicher oder schlechter als im letzten Jahr gewesen sein wird.
„Alle Jahre wieder ...“ steht Weihnachten vor der Tür und der Advent will uns hinführen zu diesem Fest, das mit seiner Frohen Botschaft quer liegt zu den wirtschaftlichen und politischen Trends unserer Gesellschaft.
Denn Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung und verkündet: Der Mensch ist mehr als Konsument und Verbraucher. Er sucht und hofft, er liebt und leidet. Er lebt mit anderen, von ihnen und für sie. In der oft geforderten „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“ bleibt dieses Menschliche auf der Strecke. Der Markt steht über dem Menschen. Im Advent wird der Mensch an seiner Kaufkraft gemessen und für seine Sehnsucht nach Leben und Frieden bleibt kein Raum.

Schutz des Sonntags, gerade im Advent

Darum setzt sich die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands in der Allianz für den freien Sonntag ein für den Schutz des Sonntags gerade auch in der Adventszeit. Am 3. März 321 verfügte der römische Kaiser Konstantin, dass der Sonntag zukünftig arbeitsfrei sein soll. Der gemeinsame freie Sonntag macht die Menschen frei, um zu genießen, zu spielen, zu reden, das Gemeinschafts- und Familienleben zu pflegen, Gottesdienste und Feste zu feiern. Der Zeittakt der Wirtschaft und die geplante und verplante Zeit der Arbeit haben eine sinnvolle Grenze: den Sonntag. Es ist der Tag, an dem jeder Mensch das Recht hat, aus dem „Hamsterrad der Erwerbsarbeit“ auszusteigen und zur Ruhe zu kommen, neu zu sich zu kommen: ein Stück mehr Mensch zu werden.
Die Botschaft von Weihnachten ist der Friede auf Erden. Da geht es auch um den sozialen Frieden in unserem Land und weltweit. „Tiefe Risse gehen durch unser Land.“ Die Kluft zwischen unten und oben, reich und arm wird immer größer. „Irgendwie über die Runden
kommen“, ist für viele zum Lebensmotto geworden. Und viele haben Angst, aus der Mittelschicht abzurutschen und auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Darum streiten wir für den Mindestlohn: Von meiner Hände Arbeit muss ich mich und meine Familie ernähren und Vorsorge für das Alter treffen können. Das ist menschenwürdig.
Unsere sozialen Sicherungssysteme sind wie ein Netz, das auffängt und hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Sie sind solidarisch zu fi nanzieren. „Der eine lebt vom andern, für sich kann keiner sein.“ Wo „jeder nur seines Glückes Schmied ist“, verlieren wir das Gemeinwohl aus dem Auge und berauben uns der Basis des sozialen Friedens in unserem Land.

Miteinander statt gegeneinander

„Wir sitzen alle in einem Boot.“ Das ist die Kurzfassung katholischer Sozialverkündigung, sagte einst der Jesuit Oswald von Nell-Breuning. Die Stimmung im Boot ist aber immer dann in Gefahr, wenn der Zusammenhalt nicht mehr hält, wenn der Mitmensch aus dem Blick gerät, wenn der Gewinn in den eigenen Taschen wichtiger wird als die gemeinsame Sorge dafür, dass das Boot nicht kentert. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat sehr deutlich gemacht, wohin das führen kann: Das Boot war am Kentern! Aber haben wir daraus gelernt?
Als KAB fordern wir eine Finanztransaktionssteuer, um Spekulationen zu begrenzen, die Verursacher der Krise an den von ihnen verursachten Kosten zu beteiligen und die Armut in der Welt nachhaltig zu bekämpfen. Der Advent will uns zum Weihnachtsfest führen: zum Fest der Menschwerdung und des Friedens. Wer sehnt sich nicht danach, dass er frei aufatmen kann und dass Friede wird – nicht nur eine adventliche Stimmung.