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Ehren und Gedenken

Am 27. November 2008 war der Grundstein für das Ehrenmal der Bundeswehr am Berliner Bendlerblock gelegt worden. Zwei Jahre danach waren die Fragen zu beantworten, ob es seinen Sinn erfüllt, die Erinnerung an die Toten der Bundeswehr zu ermöglichen, und wie weiterhin angemessene Ehrungen zu gestalten sind.
Außerdem ist der November 2010 mit seinen kirchlichen und staatlichen Totengedenktagen der geeignete Zeitpunkt, nach dem Wohin und Wofür menschlichen Lebens zu fragen.

 


Grundsatz: WOFÜR?

von Prof Dr. Thomas R. Elßner

Diese Frage stellt sich nicht zuletzt dann, wenn Begriffe wie „Gefallene“ und „Verwundete“ für Bundeswehrsoldaten jetzt offiziell wieder verwendet werden dürfen, nachdem jene mit einem Tabu belegt waren. Aber auch wenn man diese Ausdrücke wieder im Bundeswehrkontext verwenden kann, bleibt dennoch die Frage bestehen: Wofür stirbt eine Bundeswehrsoldatin, ein Bundeswehrsoldat? 

Wie schwierig eine Antwort in einer Welt geworden ist, die den ganzen metaphysischen Horizont weggewischt hat (Nietzsche) und bestenfalls partiell in einer diffusen Religiosität lebt, zeigt ein Blick in die Geschichte. Ein Zurück zu den scheinbar klaren alten Deutungsmustern bleibt uns aber versperrt, was der Klarheit wegen gleich vorab zu betonen ist. Noch allzu gut ist in Erinnerung, dass vor allem in Bezug auf das zeitliche Umfeld des Ersten, aber auch des Zweiten Weltkrieges der Soldatentod auch von nicht wenigen Kirchenvertretern mit höchst problematischen Überhöhungen und Verbrämungen versehen worden ist. Ein Beispiel dafür findet sich in der „Vorrede“ zu einem Gebetbuch für katholische Soldaten aus dem Jahr 1911: „Nicht umsonst gilt der Tod des Kriegers auf dem Schlachtfelde nicht für einen gewöhnlichen Tod: es ist ein Tod der Ehre, ein heiliger Opfertod für Gott und Vaterland.“1

Die Frage, wofür der Soldat sein Leben auf dem Schlachtfeld opfert, wird schlicht und einfach mit der Formel „für Gott und Vaterland“ beantwortet. Dieses Wofür findet post mortem insofern nochmals seine Bestätigung, als auf einem der besonders im Ersten Weltkrieg obligatorischen, schwarzumrandeten Sterbebildchen ein hellleuchtender Christus einem sterbenden Soldaten erscheint, ihm tief in die Augen blickt und als Bildunterschrift zu lesen ist: „Besser ist es im Kriege zu sterben als das Vaterland dem Untergang preiszugeben.“2  Als Quelle für diesen Vers wird das erste Makkabäerbuch des Alten Testaments genannt; jedoch findet sich interessanterweise dieser Text weder unter der angegebenen Stelle von 1 Makk 5,39 noch an einer anderen in jenem biblischen Buch. Bedeutet das etwa, dass sogar Bibelverse zur Rechtfertigung des Soldatentodes zu Recht gestutzt oder gar erfunden worden sind? 

Trotz aller Diskontinuität zur Kaiserzeit und der Stellung der Kirchen in ihr gibt es eine problematische Kontinuität auch nach 1918 in der Beantwortung der Frage, wofür der Soldat sein Leben einsetzt und verliert. Der umstrittene katholische Feldbischof der deutschen Wehrmacht, Franz Justus Rarkowski (1873–1950), schreibt in einem Heimatgruß an alle katholischen Wehrmachtsangehörigen vom 16. Oktober 1939 in Bezug auf die ersten toten Soldaten des Zweiten Weltkrieges:

„Höchstes irdisches Heldentum haben diese Gefallenen errungen. Sie sind würdig geworden des unverwelklichen Lorbeers. Nichts menschlich Großes und Schönes fehlte ihrer Hingabe für Deutschlands Ehre und Zukunft. Und dieses Sterben war nicht nur menschlich schön und erhaben. Es bleibt nicht im Raume des Irdischen, sondern ragt hinein in eine höhere Region. Es ist ein heiliges Sterben …“3 

Mit welchen Schrecken und Verwüstungen dann der Zweite Weltkrieg endete, ist bekannt, und aus seinem Schatten ist die deutsche Gesellschaft immer noch nicht ganz herausgetreten. Auf eines war sie und die Bundeswehr jedoch nicht vorbereitet, dass nach der politischen Wende von 1989/1990 deutsche Soldaten vom deutschen Parlament in Auslandseinsätze, darunter jetzt auch in Kampfeinsätze, geschickt werden und dabei ihr Leben verlieren können. Auch hier erhebt sich die Frage wieder: Wofür stirbt der Soldat, die Soldatin?
Sieht man sich in einigen Einsatzgebieten die auf Gedenktafeln angebrachten Inschriften an, so liest man „who gave their lives for the mission in Kosovo“ (Gedenkstelle in Prizren). Ähnliches kann man auch in Afghanistan auf Gedenktafeln für deutsche Soldaten meist in Englisch lesen. Aber gibt ein Soldat sein Leben „for the mission in Kosovo“? Wären Soldaten eher bereit, ihre Gesundheit und ihr Leben für Demokratie und Menschenrechte z. B. in Afghanistan und im Kosovo hinzugeben? Einige Soldaten spüren hierbei, dass manches Deutungsangebot kaum trägt und sie beginnen, auf eigene Suche zu gehen, indem sie mitunter selbst Gedenkorte in Kasernenbereichen gestalten. Schließlich steht die als Forderung vorgetragene Frage bohrend im Hintergrund: „Der Tod muss doch einen Sinn gehabt haben!“
Da manche Soldaten aber keinen Sinn, aus welchen Gründen auch immer, erkennen können, sagen sie sich, nicht ganz zu Unrecht: Meine Aufgabe sehe ich letztlich darin, die mir zugeordneten Männer und Frauen gesund wieder nach Hause zu bringen. Darauf hört man gelegentlich dann wieder andere sagen: Aber an erster Stelle muss doch die Erfüllung des militärischen Auftrags stehen! Ganz gleich wie man sich nun tatsächlich zu diesen Äußerungen verhält, gibt es vielleicht eine Prüffrage, die helfen könnte, die eine oder andere Aussage gerade auch im Hinblick auf die Angehörigen und Hinterbliebenen noch einmal zu überdenken: Wie würde ich auf solche Aussagen reagieren, wenn es mein eigenes Kind beträfe?

Damit ist zugegebenermaßen aber immer noch nicht die Frage, wofür der Soldat stirbt, beantwortet. Vielleicht kann es in einer gesellschaftlich kulturell und religiös vielfältigen Gesellschaft auch keine für alle eindeutige und für alle überzeugende Antwort geben. Vielleicht wächst unter Umständen manchmal auch eine Deutung nach, wenn ein Soldat sein Leben in die Waagschale geworfen hat, um seine eigenen Kameraden vor Verwundung und Tod zu bewahren. Vielleicht ist es paradoxerweise auch hilfreich, dass sich eine Antwort auf die Frage, wofür eine Soldatin, ein Soldat stirbt, nicht allzu schnell einstellen will, damit diese Frage hellwach bleibt in der Gesellschaft, in der Politik. Denn eines wird gelegentlich übersehen: Im Parlament entscheiden meist Nicht-Soldaten darüber, ob Bundeswehrsoldaten in Auslandseinsätze gehen, und zwar mit allen möglichen Folgen. Und Bundestagsabgeordnete werden von Bürgerinnen und Bürgern – also von uns – gewählt.

Wofür?


Fußnoten:
1 Gebetbüchlein für katholische Soldaten, 6. Aufl ., Rottenburg am Neckar 1911, S. 1.

2 Peter Fischer, „Heute habe ich satt bis an den Hals“. Das Kriegstagebuch des Edesheimer Winzers Adam Bourdy von 1914/1915, Ludwigshafen am Rhein 2006, S. 153.

3 Heinrich Missalla, Wie der Krieg zur Schule Gottes wurde. Hitlers Feldbischof
Rarkowski. Eine notwendige Erinnerung, Oberursel 1997, S. 32f.

Interview mit Reinhold Robbe, ehemaliger Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages

Kompass: Vor gut einem Jahr wurde im Berliner Bendlerblock, am 2. Dienstsitz des Bundesministers der Verteidigung, das Ehrenmal der Bundeswehr durch die Militärbischöfe der beiden Kirchen eingeweiht und in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler seiner Bestimmung übergeben. Als damaliger Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages haben Sie selbst an den Feierlichkeiten teilgenommen. Wie ist heute, im Abstand eines Jahres, Ihr Fazit? Ist das Ehrenmal der Bundeswehr der geeignete symbolische Ausdruck des „Ehren und Gedenken“?

Reinhold Robbe: Zunächst einmal bin ich dankbar, dass wir heute überhaupt ein zentrales Ehrenmal für alle im Dienst ums Leben gekommenen Soldatinnen und Soldaten haben. Dieses Ehrenmal war längst überfällig. Unabhängig von der symbolischen Bedeutung eines Ehrenmals geht es mir vor allem um die Angehörigen der verstorbenen Soldaten. Die Familienangehörigen, Freunde und Kameraden brauchen einen Ort der Erinnerung. Das ist nicht nur bedeutsam für die persönliche Trauerarbeit, sondern auch für die öffentliche Würdigung der toten Soldaten. Für alle unsere Nachbarn und Verbündeten ist das eine Selbstverständlichkeit, wir Deutsche tun uns leider bis zum heutigen Tag sehr schwer damit.
Etwas traurig macht mich jedoch die Tatsache, dass dieses Ehrenmal am Sitz des Verteidigungsministers in unserer Gesellschaft kaum zur Kenntnis genommen wird oder – anders formuliert – kaum zur Kenntnis genommen werden kann. Kaum jemand in unserem Lande weiß, wo sich das Ehrenmal befindet. Rückblickend müssen wir heute leider feststellen, dass diejenigen recht hatten, die sich ursprünglich für einen anderen, nämlich prominenten Standort ausgesprochen haben. Als der damalige Verteidigungsminister Dr. Jung gleich zu Beginn seiner Amtszeit den Vorschlag für das Ehrenmal veröffentlichte, hätte es nach meiner festen Überzeugung eine parteiübergreifende Mehrheit für einen Standort in unmittelbarer Nähe zum Reichstag gegeben. Diese Chance wurde leider vertan. Aus meiner Sicht wäre es gut, über eine zentrale Gedenkstätte für alle Soldaten, Polizisten, Diplomaten und Entwicklungshelfer nachzudenken, die im Auslandseinsatz gefallen sind oder getötet wurden. Vielleicht wäre das eine Form der öffentlichen Ehrung und Würdigung, die in unserer Gesellschaft eine breite Unterstützung findet.

Kompass: Im Vergleich zu anderen Staaten in der Welt zeichnet sich Deutschland, mit Blick auf eine öffentliche Würdigung des Dienstes der Soldatinnen und Soldaten, eher durch Zurückhaltung aus. Der Umgang ist eher verkrampft, öfters schon mal halbherzig und manchmal auch nicht ganz ehrlich. Öffentliche Gelöbnisse vor dem Berliner Reichstagsgebäude bedürfen eines großen Aufwandes an Polizeikräften, um einen ungestörten Verlauf zu gewährleisten. Welches sind Ihrer Meinung nach Gründe, die zu dieser verkrampften Verhältnisbestimmung zwischen Gesellschaft und Soldaten führen?

Reinhold Robbe: Nun, die Gründe liegen auf der Hand. Zum einen ist das Verhältnis unserer Gesellschaft zu unseren Streitkräften auch 65 Jahre nach der Befreiung von der Hitler-Diktatur überschattet von der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte. Dies ist nach meiner Auffassung ganz besonders deutlich geworden in der Auseinandersetzung während der vergangenen Jahre über Begrifflichkeiten, wie „Krieg“ und „gefallene Soldaten“.
Bei derartigen Stichworten konstruieren viele Mitbürgern in unserem Land sofort gedankliche Verbindungen zum Zweiten Weltkrieg und zur Wehrmacht. Deshalb tun sich viele Verantwortliche in der Politik ja auch so schwer, wenn es darum geht, die Situation in den Einsatzgebieten der Bundeswehr, beispielsweise in Afghanistan, realistisch, das heißt klar und deutlich zu beschreiben.
Nicht zuletzt aus diesem Grund hat die Glaubwürdigkeit der Politik insgesamt gelitten. Und deshalb gibt es bekanntlich sehr starke Vorbehalte in unserem Lande zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Und hier wird in der Bewertung dann oft nicht unterschieden zwischen dem politischen Mandat und den Soldaten, die ihren Auftrag auszuführen haben.
Ein zweiter wichtiger Punkt für das komplizierte Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Streitkräften in Deutschland ist auf ein großes Informationsdefizit zurückzuführen. Wie oft höre ich nicht auf Veranstaltungen oder auf der Straße von Mitbürgern Sätze, wie diese: „Die Soldaten sind doch alle freiwillig im Einsatz!“ oder: „Soldaten bekommen doch gutes Geld für ihr Risiko!“ Wenn man diesen Mitbürgern dann aber erläutert, dass kein Soldat freiwillig in den Einsatz geht, sondern vom Deutschen Bundestag entsandt wird; wenn man weiter berichtet, dass viele Soldaten mit bleibenden Verwundungen an Leib und Seele zurückkehren und die häufige Abwesenheit der Soldaten bei deren Familien zum Teil große Probleme verursachen, dann gibt es mindestens erstaunte Gesichter, meistens jedoch Verständnis und Anteilnahme. Deshalb bin ich fest von der Notwendigkeit einer breiten Debatte über diese Themen in unserem Land überzeugt. Unsere Gesellschaft ist durchaus bereit, den schwer belasteten Soldatinnen und Soldaten mehr menschliche Zuwendung zu geben. Voraussetzung hierfür ist aber ein Höchstmaß an Ehrlichkeit und Transparenz in der Darstellung der Situation. Und das gilt für alle Beteiligten: für die Regierenden, die Bundeswehrführung und selbstverständlich auch für die Medien, insbesondere für die elektronischen Medien, die nach meiner Auffassung wesentlich mehr über den Soldatenalltag berichten könnten.

Kompass: Als Moderator einer Initiative, die sich vorgenommen hat, für ein Mehr an gesellschaftlicher Solidarität mit Blick auf den Dienst der Soldatinnen und Soldaten einzutreten, haben Sie Kontakt zu vielfältigen gesellschaftlich bedeutsamen Einrichtungen und Persönlichkeiten. Lässt sich Ihrer Meinung nach „gesellschaftliche Solidarität“ für den Dienst der Soldaten organisieren? Wie sind bislang Ihre Erfahrungen dazu?

Reinhold Robbe: Mit meinem Vorschlag, mehr gesellschaftliche Solidarität für unsere Soldatinnen und Soldaten regelrecht zu organisieren, bin ich bisher fast ausnahmslos auf ein großes Interesse und auf Zustimmung gestoßen. Wir stehen ja noch am Anfang dieser Initiative des Runden Tisches „Solidarität mit Soldaten“. Aber nachdem jetzt bereits mehr als 35 große und kleine Verbände, Institutionen, Vereine und Selbsthilfegruppen dem Runden Tisch beigetreten sind, habe ich die Hoffnung, dass wir im Laufe der Zeit konkrete Projekte und Maßnahmen realisieren können mit dem Ziel, den Soldatinnen und Soldaten das an menschlicher Zuwendung und gesellschaftlicher Solidarität zu geben, was sie für ihren oftmals sehr schweren Dienst unbedingt benötigen. Ich finde, es darf nicht wie bisher bei irgendwelchen Absichtserklärungen und Worthülsen bleiben. Die Soldaten erwarten von ihren Mitbürgern mehr „moralische Unterstützung“, wie sie es manchmal selber nennen. Diese Erwartungshaltung leiten die Soldaten von der Tatsache ab, dass sie letzten Endes vom Deutschen Bundestag in die Einsätze geschickt werden. Und hier geht es nicht um das Verabreichen von „Streicheleinheiten“, sondern um mehr menschliche Zuwendung; wir Christen sprechen in diesem Zusammenhang auch von Nächstenliebe.
Das ist ganz sicher keine einfache Aufgabe, aber irgendwann – so finde ich – müssen wir den Versuch machen, das bekannte „freundliche Desinteresse“ in ein ehrliches menschliches Interesse umzuwandeln. Diese Aufgabe ist aber nicht nur an die Adresse der Politiker gerichtet. Nein, hier sind alle gefragt! Deshalb suche ich als Moderator des Runden Tisches das Gespräch mit den wichtigen Entscheidungsträgern in unserem Lande.
Wir wollen die Verantwortlichen in der Wirtschaft ebenso ansprechen wie die Kulturschaffenden, selbstverständlich die Kirchen und auch die Fußball- und Sportverbände. Die erste Resonanz ist hierbei sehr ermutigend, wobei es sich hier um eine Aufgabe handelt, die nicht in wenigen Tagen erledigt sein kann.

Das Interview führte Josef König.

Kommentar zur Sache von Prof. Dr. Herfried Münkler

Die Zeiten sind vorbei, in denen die Uniform des Soldaten, zumal die mit Orden und Ehrenzeichen geschmückte, einer Aufforderung zu Anerkennung und Ehrerweis gleichkam. In der liberalen, postheroischen Gesellschaft der Bundesrepublik hat es das Militär schwer, die Anerkennung zu bekommen, auf die es angewiesen ist, um seine Aufgaben zu erfüllen und gleichzeitig fest in der liberalen Gesellschaft verankert zu bleiben – also nicht zu jenem „Staat im Staate“ zu werden, den die Reichswehr in der Weimarer Republik gebildet hatte. Diese Gefahr ist in der jüngsten Debatte über das Ende der Wehrpflicht in Deutschland immer wieder beschworen worden. Doch nicht die Rekrutierung der Soldaten ist das Problem, sondern es geht um die für Selbstverständnis und Selbstbewusstsein des Militärs zentralen Mechanismen der Anerkennung: Je mehr sie zu organisationsinternen Regularien werden, desto stärker entkoppelt sich das Militär von der Gesellschaft. Gerade eine liberale Gesellschaft muss darauf achten, dass sie selbst der wichtigste Träger des Ehrens und Gedenkens für die Soldaten ist.

Doch genau das fällt der deutschen Gesellschaft schwer.

Nach zwei verlorenen Kriegen und angesichts der Verbrechen der Nazis, an denen auch die Wehrmacht beteiligt war, verfügt sie über keine gesamtgesellschaftlich akzeptierten Traditionen und Rituale, in denen Ehren und Gedenken praktiziert werden könnten. Das unterscheidet Deutschland von seinen europäischen Nachbarn, die zwar durchweg auch postheroische Gesellschaften sind, bei denen aber die auf Anerkennung gepolten Vermittlungsmechanismen zwischen Militär und Gesellschaft intakt geblieben sind. Das macht dort vieles leichter. Ganz selbstverständlich paradiert in Frankreich das Militär am Staatsfeiertag des 14. Juli auf den Champs Elysées. In Deutschland wäre das am 3. Oktober undenkbar. Es ist jedoch müßig, derlei zu beklagen oder gar rückgängig machen zu wollen. Zur Selbstanerkennung der Bundesrepublik gehört auch, mit den Folgen der deutschen Geschichte zu leben. Während die DDR mitsamt der NVA, nachdem man sich unter die „Sieger der Geschichte“ gemogelt hatte, mit dieser Herausforderung wenig Probleme hatte und das militärische Zeremoniell die deutsche Tradition eher ungeniert fortsetzte, hat die alte Bundesrepublik nach anfänglichem Schwanken darauf gesetzt, die Streitkräfte als Dienstleistungsunternehmen zu präsentieren, dem das Aufgabenfeld der äußeren Sicherheit übertragen worden war.
Durch die Etikettierung als Dienstleister war das mentale Erfordernis an Ehren und Gedenken deutlich reduziert. Und solange die Aufgabe der Bundeswehr darin bestand, „den Ernstfall zu verhindern“, wie die politische Formel lautete, hat das auch leidlich funktioniert. Zwar kamen immer wieder Soldaten zu Schaden oder verloren ihr Leben, aber das war die Folge von Unfällen, Materialfehlern oder menschlichem Versagen, und derlei kam auch bei anderen Dienstleistern vor.

Das hat sich mit der Verwandlung der Bundeswehr in eine
Einsatzarmee grundlegend verändert.

Die Front, an welcher der Kampf um Anerkennung und die neuen Formen des Ehrens und Gedenkens lange ausgetragen wurde, war eine Abfolge semantischer Vorstöße und Gegenwehren, bei denen es darum ging, ob man in Afghanistan von Krieg sprechen könne/müsse und ob die Getöteten als Gefallene und die Verletzten als Verwundete bezeichnet werden durften. Was sich wie sprachliche Petitessen ausnahm, war doch eine Auseinandersetzung um die ehrpolitische Sonderstellung des Militärs. Die schließlich erfolgte Umstellung der Semantik war gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass es sich bei der Bundeswehr nicht länger um einen Dienstleister wie andere auch handelte. Die Differenz macht dabei der politische Auftrag, der den Streitkräften erteilt wird und bei dem sie mit Blick auf die Interessen und Verpflichtungen des Landes in Einsätze mit Gefahr für Leib und Leben gehen. Bei diesen Auslandseinsätzen geht es freilich nicht um existenzielle Bedrohungen, sondern das Militär dient als ein politisches Instrument. Weil aber der Sinn und Zweck dessen politisch umstritten ist, gerät auch schnell die Anerkennung der Soldaten zum Gegenstand der Auseinandersetzung. Anerkennung jedoch,  die öffentlich in Zweifel gezogen wird, verliert ihre Dignität. So hat der politische Streit um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr den sicherlich ungewollten, im Ergebnis aber nicht unbeachtlichen Nebeneffekt, den Soldaten das Gefühl zu geben, die deutsche Gesellschaft interessiere sich in Wahrheit nicht für die Gefahren, die sie eingingen, und habe für die toten und physisch wie psychisch Geschädigten keine Anerkennung. Die Soldaten fühlen sich alleingelassen, das erschwert ihnen die Verarbeitung ihrer Erfahrungen und wirft sie auf das Militär als Organisation und Kameradschaft zurück.

Beides kann die liberale Gesellschaft ihrem eigenen
Selbstverständnis nach nicht wollen.

Das Ehrenmal am Bendlerblock und die neue Semantik für die Opfer von Auslandseinsätzen können nur ein Anfang gewesen sein, mit dem die postheroische Gesellschaft sich einer Organisation versichert, die sie aus sich selbst hervorbringt (und nicht etwa in anderen Ländern zusammenkauft) und die gleichzeitig in Form von Einsatz- und Opferbereitschaft heroische Dispositionen aufweisen muss. Ehren und Gedenken sind Formen, diesen riskanten Spagat auszuhalten.