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Religiöse Kommunikation im geeinten Deutschland

Das Thema der Zeitschrift Kompass. Soldat in Welt und Kirche im Oktober lautet „Religiöse Kommunikation im geeinten Deutschland“ – mit Stellungnahmen, Grundsätzlichem, Interviews und Kommentaren.
Für die Kirche in Deutschland stehen Fragen nach der Kommunikation über Glaube und Religion schon seit längerem im Fokus der Überlegungen.
Wie ist es um die religiöse Kommunikation – zwanzig Jahre nach der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands – bestellt? Und wie kann man sie in grundsätzlicher Hinsicht und mit Blick auf die Zukunft bewerten?

Grundsatz: Religiöse Kommunikation in Deutschland

von Pater Dr. Thomas Eggensperger OP

Die letzten Monate waren für die katholische Kirche keine gute Zeit. Da plante man die Feiern zum Priesterjahr, das der Papst ausgerufen hatte, und anstelle einer Neubelebung der Theologie und Spiritualität des Priestertums stellte sich in Deutschland die dramatische Frage der Seriosität des Priesterstands überhaupt. Selbst wenn immer wieder – zu Recht – betont wurde, dass Pädophilie und Missbrauch von Schutzbefohlenen seitens Priester im Vergleich zu anderen Berufsgruppen nicht überdurchschnittlich auftritt, ist die deutsche Bevölkerung aufgeschreckt durch die zutage getretenen Missstände. Dazu kamen weitere innerkirchliche Querelen, die – keineswegs verwunderlich – auch in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Zunehmend stellte man die Frage, ob es nicht ganz fundamentale Probleme sind, die sich hinsichtlich der Kirche offenbart haben. Ich habe in den letzten Monaten in Berlin mehr kirchenkritische bis -feindliche Töne wahrgenommen als in den zehn Jahren meiner Präsenz in dieser Stadt zusammen davor insgesamt. Irgendetwas bleibt also doch immer hängen! Aber über was spricht man sonst noch, wenn man über Religion in Kirche spricht? 

Unabdingbare Unterscheidung: Deutschland Ost und West 

Die Differenzierung von Deutschland Ost und West ist naheliegend und notwendig, nicht weil eine Zweiklassengesellschaft künstlich hergestellt werden soll, sondern weil die ca. vierzigjährige Geschichte zweier durch eine Mauer getrennter Deutschlands es erfordert, in soziologischer Hinsicht eine Untersuchung getrennt und vergleichend durchzuführen. Es gab in jener Zeit in jedem Fall zwei sehr unterschiedliche Entwicklungsstränge.
In diesem Zusammenhang sollte aber nicht vergessen werden, dass „Kirchlichkeit“ und „Religiosität“ in diesen Regionen, die nach dem II. Weltkrieg zur DDR wurden, bereits vor der Trennung eine Tradition hatten, die sich vom Westen unterschied. Es hat historische Gründe, dass der Osten in der Regel säkularisierter war als der Westen, und dies ist nicht nur das Werk sozialistischer Strategie. Die Reflexion über die „Religiosität“ steht gerade in Deutschland in engem Zusammenhang mit der „Kirchlichkeit“, weil sich die Religiosität formal recht einfach mit der Erfassung von Mitgliedern in den Kirchenbüchern und Steuerunterlagen feststellen lässt. Durch das Prinzip der Kirchensteuer sind demnach alle erfasst, die sich zu einer Konfession bekennen und dafür auch Steuer zu zahlen bereit sind. 

„Religiosität“ und „Säkularisierung“

Die Frage nach der Religiosität wurde in Deutschland und Europa seitens der Soziologen immer wieder gestellt. Die einschlägigen Studien der letzten Jahrzehnte waren in der Regel geprägt von der Vermutung einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft. Es wurde nicht die Säkularisierungstendenz an sich in Frage gestellt, sondern eher untersucht, wie weit die Säkularisierung bereits fortgeschritten ist bzw. wie schnell sie vonstattengeht und welche Konsequenzen sie für Kirche und Gesellschaft hat. Der Akzent soziologischer Forschung und theologischer Analyse wurde also mehr auf die Säkularisierung und weniger auf die Religiosität gesetzt. Und erst recht nicht fragte man nach der „Rückkehr des Religiösen“, da man eigentlich Abschied davon zu nehmen gedachte. 

Immer wieder: Der „Religionsmonitor“ 

Die unlängst publizierte soziologische Erhebung „Religionsmonitor 2008“ ging – recht pragmatisch – von einem substanziellen Religionsbegriff aus, d.h. als das wesentliche Merkmal religiösen Erlebens und Verhaltens wird der Bezug welcher Art auch immer auf Transzendenz gedeutet. Der Begriff sollte in allen Religionen angewandt werden können und auch jede Art individueller Religiosität umfassen. So werden sowohl theistische (z. B. Bedeutung des persönlichen Gebets) als auch pantheistische (z. B. Meditationspraxis) Vorstellungen und entsprechende Praxis- und Erfahrungsformen berücksichtigt.
Hinsichtlich der religiösen Kommunikation in Deutschland zeigt sich, dass für Westdeutschland ein stark durch die Präsenz der beiden großen Kirchen geprägter religiöser Pluralismus charakteristisch ist. Der praktizierte religiöse Pluralismus spielt sich im Wesentlichen unter dem Dach der Kirchen ab. Außerhalb der Kirchenmitgliedschaft gibt es wenige, die sich für religiöse Fragen interessieren. Die Situation in Ostdeutschland ist noch ein wenig anders, schon allein, weil zwei Drittel der Ostdeutschen nichtreligiös sind. Diejenigen, die in den Kirchen involviert sind, orientieren sich in der Regel an der eigenen Pfarrgemeinde, die nicht so sehr nach Pluralismus fragt, sondern nach eigener Identität schaut. 

Typen des Religiösen 

Es ist sinnvoll, dass der Religionsmonitor nach Religiosität fragt und nicht direkt nach Kirchlichkeit, weil dies zwei verschiedene Dinge sind. Dennoch gehören beide Aspekte im deutschsprachigen Raum nach wie vor eng zusammen. Die Zahl der Religiösen ist in den drei Ländern – Deutschlands, Österreich, Schweiz – in etwa gleich (abgesehen vom hohen Prozentsatz der Nichtreligiösen im Osten von Deutschland). Wenn über Religion gesprochen wird, dann steht das oft im Zusammenhang mit der Frage die nach einem Leben nach dem Tod. Daran glauben sogar Nichtreligiöse zu 8%. Das gleiche gilt für die „Gretchenfrage“, wobei sich in der Debatte allerdings die konkreten Gottesbilder (personal, apersonal) ausdifferenzieren. Man unterscheidet vier Typen: die Atheisierenden, die Christen, die Syn-Christen und die Pilger (so zum Beispiel der Pastoraltheologe Paul Zulehner). Die Atheisierenden sind unreligiös, aber tolerant. Die Syn-Christen tendieren stärker als die Christen zur Meditation, d.h. von der Religiosität zur Spiritualität; sie sind offen für außerchristliche Themen. Die vierte Gruppe der Pilger liegt hinsichtlich der Bedeutung christlicher Positionen unterhalb der Christen und Syn-Christen; sie präferieren ebenfalls die Meditation. Abgesehen von Deutschland-Ost sind die vier Typen in allen drei Ländern etwa ähnlich stark vertreten. Es gibt nach wie vor eine „lautlose Atheisierung in den modernen Kulturen“ (Zulehner) – auch bei Kirchenmitgliedern, zum anderen gibt es einen religiösen Gegenpol. Dieser ist modern, der Kirche verbunden, aber das religiöse Leben ist eher privat als gemeinschaftsorientiert.  

Religion und Kirche

Der Blick auf das Wechselverhältnis von Religiosität und Kirchlichkeit zeigt bekanntlich eine zunehmende Entkirchlichung, aber dennoch bleibt eine recht stabile private Religiosität bestehen. Eine „spirituelle Revolution“ lässt sich in Deutschland und Europa nicht feststellen, da ein Interesse an alternativen Glaubensvorstellungen eher bei denjenigen herrscht, die ohnehin religiös ansprechbar sind. Und diese Gruppen betrachten die Alternativen eher als additiv denn als Ersatz. Man bleibt prinzipiell seinen eigenen religiösen Traditionen treu. Synkretistische und esoterische Strömungen sind keine ernsthafte Konkurrenz und werden hinsichtlich ihrer Bedeutung völlig überbewertet (gerade einmal 1,2% der Ostdeutschen sind Mitglieder in entsprechenden Gemeinschaften, im Westen sind es etwas mehr.)

Das Thema Toleranz 

Zu beobachten ist eine gewisse Tendenz zur generellen Akzeptanz anderer Traditionen, aber es ist unklar, wie tolerant die Gesellschaft im konkreten Fall wirklich ist. Es ist zumindest erstaunlich, wie die populistischen und assoziativ in den Raum gestellten Thesen eines Thilo Sarrazin in Deutschland doch auf fruchtbaren Boden fallen. Es scheint, als ob es eine nicht kleine schweigsame Gruppe gibt, die sich in diesen Invektiven inhaltlich wiederfinden, wenngleich sie nach außen hin moderat bleiben („Im Tonfall übertreibt Sarrazin, aber im Inhalt …“). Am Beispiel Sarrazin zeigt sich paradigmatisch, wie gesellschaftliche Probleme zu religiösen Problemen werden, als ob die sozialen Konflikte mit der Religiosität identisch seien. Gutgemeinte „interreligiöse Dialoge“ werden zunehmend skeptisch beäugt und man debattiert darüber, ob man nicht allzu tolerant gewesen sei in den letzten Jahren. Evident ist dabei eine recht hohe Unkenntnis der islamischen Tradition in ihrer Vielfalt und Komplexität.

Der Bezug zur Kirche

Analysiert man die Entwicklungen auf dem Boden der soziologisch ermittelten Tatsachen, so sprechen die Zahlen für sich: Zwei Drittel des Westdeutschen identifizieren sich mit dem Christentum, aber nur ein Viertel der Ostdeutschen tun dies. Im Westen sind 80% Kirchenmitglieder (jeweils etwa die Hälfte für die beiden Konfessionen, im Osten sind es ca. 25 % (21% evangelisch, 4% katholisch, 1-2% Freikirchen/kleinere religiöse Gemeinschaft)en. Eine schleichende Erosion lässt sich in beiden Regionen festmachen: Kirchenaustritte – meistens seitens Besserverdienender, Höhergebildeter, Städter, Männer und Lediger – finden sich in beiden Konfessionen (oftmals wellenartig im Kontext bestimmter kirchenpolitischer Ereignisse), wobei die Kurve der Austritte bei den Protestanten zu jedem Zeitpunkt höher steht als bei den Katholiken. Dafür treten bei den Protestanten mehr Menschen in die Kirche ein als bei den Katholiken – was allerdings die Austrittsrate nicht aufwiegt.
In Ostdeutschland hat sich die Sache anders entwickelt als gemeinhin zunächst angenommen. Es war naiv zu meinen, dass mit dem Zusammenbruch der DDR das kirchliche Leben wieder aufblühen würde. Es gab zwar in den ersten Jahren eine erhöhte Zahl an Eintritten, aber dennoch schrumpft die Zahl der Gläubigen aufgrund der höheren Zahl der Austritte. 

Was erwartet man von der Kirche? 

Bei Umfragen zeigt sich, dass die Befragten von ihrer Kirche vor allem erwarten, sich neben der Feier von Gottesdiensten und dem Praktizieren von Kasualien um soziale Belange zu kümmern. Wenig interessiert ist man daran, dass die Kirchen sich zu politischen oder ökonomischen Themen (Berufsleben etc.) äußern. Diese Interessenlage gilt sowohl für praktizierende wie für nichtpraktizierende Gläubige.
Der Soziologe Detlef Pollack stellt hinsichtlich der drei klassischen religionssoziologischen Modelle folgendes fest: Das sogenannte „ökonomische Marktmodell“ (je größere Zufriedenheit mit dem Angebot der Kirchen desto größere Zustimmung) greift im Osten Deutschlands nicht. Auch wenn die Pluralisierung und die Angebotspalette größer geworden sind, ist keine erhöhte religiöse Vitalität zu beobachten.
Die Hypothese der „zunehmenden Individualisierung“ kann nicht per se bestätigt werden. Es gibt zwar Tendenzen, Religionsformen aller Art zu individualisieren, aber die Zahl derer, die tatsächlich außerkirchlicher Formen von Religiosität anhängen, bleibt de facto gering. Letztlich ist nur die „Säkularisierungsthese“ relevant, was sicherlich ein wenig ernüchtert: Es bedeutet den zunehmenden Bedeutungsverlust aller Dimensionen von Religion. Die „Rückkehr des Religiösen“ war eine Hoffnung, aber sie lässt sich nicht bestätigen. Dennoch sind Religion und Kirche ein Thema in Deutschland – sei es im Rahmen einer konstruktiven Debatte, sei es als Sündenbock einerseits oder als identitätsstiftendes Moment andererseits. 

Dr. theol. Thomas Eggensperger M.A., Dominikaner, Geschäftsführender Direktor des „Institut M.-Dominique Chenu“ in Berlin, Dozent für Sozialethik an der Phil.-Theol. Hochschule in Münster, Geistlicher Beirat des Katholischen Akademischen Ausländer-Dienstes (KAAD) 

Weitere Informationen im Internet

www.institut-chenu.eu

www.mdg-online.de

www.milieus-kirche.de

www.sinus-institut.de

www.religionsmonitor.de

www.bertelsmann-stiftung.de

 

 

Interview mit der Generalsekretärin der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD)

Kompass: In Ihrem 2009 im Münchner Pattloch Verlag erschienenen Buch „Frau, gläubig, links“ beschreiben Sie u. a., was Ihnen an diesem Dreiklang wichtig ist. Warum gehört zu diesem Dreiklang „gläubig“?  
Andrea Nahles: Dieser Dreiklang ist der meines Lebens. Er beschreibt die Quellen und die Richtung meines politischen Engagements – was mich prägt und was mich antreibt. 

Kompass: Nun sind in diesem Zusammenhang öfter Stimmen zu hören, die meinen, dass „das Religiöse und das Gläubig sein“ eher private Angelegenheiten seien. Sie sollten sich gleichsam dem Politischen entziehen. Passen Religion und Politik Ihrer Meinung nach zusammen?
Andrea Nahles: Glaube ist privat und öffentlich, und das ist auch gut so. Das Wort „Privatsache“ gefällt mir in diesem Zusammenhang nicht so sehr. Denn auch wenn der Glaube an Gott eine zutiefst private Geschichte ist, so glaubt doch kein Christ für sich allein. Christen stehen – übrigens ebenso wie Juden, Muslime und Gläubige anderer Religionen – in einer Tradition, leben in einer Gemeinde, engagieren sich gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit. 
Politik und Religion aber sind aus guten Gründen getrennt. Bis in die Gegenwart zeigt sich doch, wie fatal es ist, wenn sich jemand für politische Interessen und Entscheidungen auf eine göttliche Autorität beruft. Auf der anderen Seite sind Politikerinnen und Politiker Menschen mit bestimmten Eigenschaften. Besonders in ethischen Fragen ist es gut, sich selbst klarzumachen und offen zu legen, aus welchen Werten heraus man lebt, welche Überzeugungen die Urteile bestimmen. Das Problem ist nicht, dass es zu viele Christen gibt, die die Politik bestimmen, sondern dass wir es noch nicht schaffen, Menschen anderer Glaubensüberzeugungen in unserem Lande an den gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozessen selbstverständlich zu beteiligen.

Kompass: Mit der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands vor nun 20 Jahren hat sich auch das kirchliche und religiöse Gefüge in unserem Land verändert. Die Anzahl der getauften Christen stagniert. Wie kann Ihrer Meinung nach die Debatte über Religion in einer von Medien dominierten, postsäkularen bundesdeutschen Gesellschaft organisiert werden? Welchen Anteil können dabei die Kirchen leisten, was sollen sie einbringen?Andrea Nahles: Über Religion lässt sich trefflich streiten, das ist nicht neu. Und hier darf es auch keine falsche Scheu geben, so nach dem Motto: das ist so intim, darüber kann man gar nicht reden. Gerade weil unser Grundgesetz der Religionsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger so breiten Raum gibt, brauchen wir Debatten über die Rolle von Religion in Schulen, in Universitäten oder bei öffentlichen Anlässen. 
Kirchen und Religionsgemeinschaften sind wichtig in der und für die gesellschaftliche Debatte. Sie haben einen eindeutigen Auftrag: für diejenigen einzutreten, die sich selbst kein Gehör verschaffen können. Zu Fragen der Gerechtigkeit dürfen Kirchen nicht schweigen. Sie müssen mit Nachdruck darauf bestehen, dass der Mensch nicht auf seine Leistung und auf Nützlichkeit reduziert werden darf. Eine solche Stimme ist in der Öffentlichkeit unverzichtbar.

Das Interview führte Josef König.

Kommentar zur Sache von Karl Schiewerling, MdB (CDU/CSU-Bundestagsfraktion) und ehrenamtlicher Landesvorsitzender des Kolpingwerkes NRW

Wir spüren den Fortgang des europäischen Säkularisierungsprozesses auch in Deutschland deutlich, wenn wir weite Teile Ostdeutschlands wie auch westdeutsche Ballungsgebiete als radikal säkularisierte Regionen wahrnehmen. Jede Form von Glaubenssprache und jedes Verständnis für Sakralität ist in diesen Regionen teils ersatzlos weggefallen. Es vollzieht sich eine schleichende und mehr oder weniger lautlose Erosion, die das Fundament der Volkskirchen im geeinten Deutschland immer mehr untergräbt. Das zunehmende Lebensgefühl von Christen ist es daher hierzulande, einer Gruppe zugehörig zu sein, die stetig kleiner wird.

Die konfessionelle Landschaft im vereinten Deutschland ist nach 20 Jahren dreigeteilt: Neben Katholiken und Protestanten steht die Gruppe der Nichtgetauften, der Muslime und anderer. Diese Momentaufnahme führt bei andauernder Entwicklung dazu, dass
in 10 bis 15 Jahren die Gruppe derer, die keiner der großen Konfessionen angehören, die Hälfte der Bevölkerung ausmachen wird. Ein kontinuierlich fortschreitendes Wachstum dieser dritten Gruppe ist seit 1990 dokumentiert.

Ungebrochenes Interesse an Sinnfragen

Trotz der Entkonfessionalisierung stellen die Menschen weiterhin existentielle und religiöse Grundfragen, was aber, anders als in den letzten Jahren teils vorschnell passiert, nicht als Rückkehr der Religion missverstanden werden darf. Menschen, die sich als religiös bezeichnen, sind trotz ihrer Sinnsuche längst nicht mehr automatisch mit einer
Konfession verbunden. Fundamentale und tragfähige Antworten auf ihre Fragen nach Sinn und Zukunft erhoffen sich die Menschen seit langem nicht mehr in erster Linie von der Kirche.
Jüngere Umfragen belegen, dass die vielbeschworene Renaissance der Religiosität oder der „Megatrend Religion“, die in Deutschland in den vergangenen Jahren beschworen wurden, nicht stattgefunden haben. Die Bereitschaft der Menschen, sich den Ordnungen und Lehren der Kirche zu unterwerfen, hat in den zurückliegenden Jahren weiter rapide
abgenommen. Bis tief hinein in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft ist dieser Erosionsprozess wahrzunehmen.
Bislang sah dieses gesellschaftliche Segment die Kirche noch weitgehend als Teil ihrer Lebenswelt und Identität an. Die Weitergabe des Glaubens in den Familien fällt weitgehend aus, so dass hier von einem Traditionsabbruch gesprochen werden kann.
Ich empfinde diese knappe Gegenwartsanalyse als Dilemma. Bedingt durch das wachsende Misstrauen gegenüber der Kirche, das durch den Missbrauchsskandal und alle seine Konsequenzen noch zusätzlich genährt wurde, kehren immer mehr Christen der Kirche und damit, wenn auch vielleicht zeitlich verzögert, auch Gott den Rücken. Wer Sonntags
seit langem nicht mehr zur Kirche geht und am Ende seine Mitgliedschaft aufkündigt, der verliert irgendwann auch Gott aus der Seele. Die Kirche wird von immer mehr Zeitgenossen als ein fremder Parallelkosmos wahrgenommen, der mit den eigenen Bahnen des Lebens nichts mehr zu tun hat.

Glaubwürdigkeit schafft Vertrauen

Für die Institution Kirche geht es dann wieder aufwärts, wenn sie neues Vertrauen
schafft. Diesem Anspruch und Ziel muss sie um des Evangeliums willen alles unterordnen. Sie darf ihr Erbe nicht aufgrund von Partikularinteressen oder theologischen Streitereien riskieren.
Die vielbeachteten und positiv bewerteten Aktivitäten kirchlicher Caritas oder beispielsweise die Dienste der Notfallseelsorger oder das Wirken katholischer
Verbände und auch der Militärseelsorge, die Menschen in existenziellen Fragen des Lebens erreichen, dürfen nicht leichtfertig durch kircheninterne und eigenverantwortete Probleme in ihrer Wahrnehmung verzerrt werden. Ich wünsche mir eine viel größere Geschlossenheit und mehr Mut der Verantwortlichen. Ich wünsche mir, dass die Kirchen sich dieser Situation mutiger stellen. Es sollte in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich werden, dass es nicht darum gehen darf, ständig nur resignativ auf
den Verlust an Kirchlichkeit zu reagieren, sondern immer neu Konzepte zu entwickeln, die an der Religiosität der Menschen in Europa zielgenau anknüpfen und darauf
aufbauen. Der Dialog moderner Kommunikationsstrategien der Kirche mit dem Kern christlicher Botschaft sollte offener und kreativer geführt werden.
Und schauen wir auf andere Zahlen:
Sonntag für Sonntag sind mehr Menschen in den Kirchen als auf den Fußballplätzen
und Weihnachten sowie Ostern sind die Kirchen voll. Das sind doch ungebrochene Zeichen der Hoffnung und ist Ausdruck vorhandenen kirchlichen Lebens. Und wenn sich die Kirchen für den Schutz des Sonntags einsetzen oder für den Schutz des Lebens
am Anfang und am Ende des Lebens – dann werden sie auch gehört.
Mutige Seelsorgekonzepte sollten auf die Gegenwart des unbegreiflichen Gottes und das Wirken seines Geistes hinwirken. Ich wünsche mir eine experimentierfreudige Kirche, die immer neu aus der Mitte ihres Selbstverständnisses heraus dem Evangelium Gehör verschafft und in der Einheit mit der ganzen Kirche gute Traditionen bewahrt, eine Kirche, die sich nicht in starrer Sorge um sich selbst den Blick für die Nöte der Zeit verstellt. Eine mutige Kirche wird die Menschen faszinieren und aufhorchen lassen.
Aber Kirche sind wir alle.

      

Exklusiv im Internet

20 Jahre Militärseelsorge in den östlichen Bundesländern

Priester am Altar beim Feldgottesdienst
Feldgottesdienst für Soldaten Quelle: Archiv/KMBA
Militärdekan Heinrich Hecker am Auto vor dem Bundeswehrkommando Ost in Strausberg
Militärdekan Heinrich Hecker Quelle: Archiv/KMBA

Inzwischen sind 20 Jahre vergangen, seitdem die Einheit Deutschlands durch günstige poli­tische Konstellationen und durch die friedliche Revolution vieler DDR-Bürger wieder erlangt werden konnte. Nach dem Zwei-plus-Vier-Vertrag und der Vier-Mächte-Erklärung wurde das wiedervereinte Deutschland seit dem 2. Oktober 1990 als souveräner Staat anerkannt. Das markierte auch den Zeitpunkt für die Existenz einer einheitlichen Armee. Auch in den „neuen“ Bundesländern gab es fortan Standorte der Deutschen Bundeswehr. Ungewöhnlich – da bisher unbekannt – öffneten sich nun auch hier die Kasernentore für die Seelsorge unter Soldaten.
Was in den alten Bundesländern seit Gründung der Bundeswehr selbstverständlich war, be­durfte in den neuen Bundesländern viel Überzeugungsarbeit. Hier hatten während 40 Jahren DDR sowohl im staatlichen als auch im kirchlichen Bereich ganz andere Erfahrungen das Verhältnis von Staat und Kirche geprägt. Dies ließ sich nicht von heute auf morgen einfach ignorieren. Wozu es in der Evangelischen Kirche einen fast zehnjährigen Prozess bedurfte, um für die Seelsorge unter Soldaten auch in den Kasernen der ostdeutschen Bundesländer die gleichen pastoralen wie rechtlichen Voraussetzungen wie in den westlichen Bundes­ländern zu schaffen, gab es für die Katholische Kirche zumindest in rechtlicher Hinsicht von Anfang eine klare Regelung.
„In Anwendung geltender kirchlicher Rechtsnormen, also der Päpstlichen Statuten, die am 1. Januar 1990 in Kraft getreten waren, und der staatskirchenrechtlichen Grundlagen der Mili­tärseelsorge (Reichskonkordat und Gesetz über die Militärseelsorge) erweiterte sich der Jurisdiktionsbereich des Katholischen Militärbischofs um die in den neuen Bundesländern Dienst tuenden Soldaten und ihre Familienangehörigen“ (Ernst Niermann, 2006). In seinem Wort zur Vereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 ließ der Katholische Militärbischof, der Bamberger Erzbischof Elmar M. Kredel, jedoch auch deutlich werden, dass das Gelingen einer Seelsorge unter Soldaten nicht nur von klaren Rechtsgrundlagen abhängt. Dazu sind auch die vereinten Kräfte der gesamten Kirche notwendig. So bekundete er sein Bemühen, „in enger Zusammenarbeit mit den Bischöfen im Bereich des beigetretenen Teils Deutsch­lands die Seelsorge für die dem Bundeswehr-Kommando Ost unterstehenden katholischen Soldaten sicherzustellen.“ Die Bischöfe im Bereich der Berliner Bischofskonferenz haben sich nach eingehenden Beratungen dieses für sie ungewohnten pastoralen Anliegens schließlich nicht verschlossen. Sie haben z. T. auch öffentlich erklärt, „die Lebensbereiche der Soldaten und Offiziere mitzugestalten“.
Damit waren grundlegende Voraussetzungen geschaffen. Nun galt es, diese Bereitschaft auf der oberster Ebene ebenso auf der Ebene der Priester und Pfarrgemeinden in den neuen Bundesländern zu gewinnen. Denn der pastorale Dienst für die katholischen Soldaten muss – wie Kredel in seinem Hirtenwort für die Militärseelsorge vom 3. Oktober 1990 feststellte – „ohne deren Mitsorge … unlösbar bleiben. Die Ortskirchen haben ja in eigener Verantwor­tung Anteil an der Seelsorge für die katholischen Soldaten.“ 

Militärseelsorge als Angebot

Im Oktober 1990 wurde der damalige Standortpfarrer in Oldenburg, Militärdekan Heinrich Hecker, dem Bundeswehrkommando Ost in Strausberg zugeordnet, um die Katholische Militärseelsorge in den neuen Bundesländern aufzubauen. Seine vorrangigen Bemühungen bestanden vor allem in mühseliger Überzeugungsarbeit vor Ort bei den Pfarrern, in deren unmittelbarer Nähe Bundeswehrstandorte lagen. Die größten Bedenken der Pfarrer resul­tierten aus der Befürchtung, sie könnten im Dienste des Staates zu einer Art „Politoffizier“ werden. Hier galt es zu überzeugen, dass der Staat dem Grundgesetz gemäß den Freiraum der Kirche bei der Seelsorge unter Soldaten respektierte. Mit großem Engagement baute Militärdekan Hecker in der Diasporasituation der neuen Bundesländer ein Netz von Standortpfarrern im Nebenamt auf, die bereit waren, neben ihren Pfarrgemeinden auch die Seelsorge in den Kasernen zu übernehmen. Nach vier Jahren etwa hatte Militärdekan Hecker neben 37 nebenamtlichen auch vier hauptamtliche Standortpfarrer für die Militär­seelsorge gewonnen.
Doch die Seelsorge in Kasernen war mit der in den Pfarrgemeinden nicht zu vergleichen. Die Pfarrer begegneten nur wenigen katholischen Soldaten und diese kamen zumeist noch aus dem Westen. Das Gros der Soldaten waren junge Menschen, die ungetauft waren und für die deshalb Kirche völlig unbekannt war. Die Militärseelsorge in den neuen Bundesländern war von der Überzeugung getragen, „allen Soldaten, die es wollen, ob getauft oder nicht, eine umfassende Seelsorge bieten zu können. … Aufdrängen sollten wir uns nicht. Aber an­bieten allemal“ (Heinrich Hecker, 1991). 

Projekt der Katholischen Militärseelsorge 

Wie dies den Pfarrern gelungen ist und welche Erfahrungen in dieser besonderen Situation gemacht wurden, gilt es nach 20 Jahren auch für die Zukunft in Erinnerung zu behalten, be­vor es dem Vergessen anheim fällt. Deshalb hatte der Beirat zur Erforschung der katholi­schen Militärseelsorge bei seiner Sitzung im März (vgl. „Kompass. Soldat in Welt und Kir­che“, 04/10, S. 20) empfohlen, das von Militärdekan a. D. Hecker initiierte Projekt zur Quellensicherung dieser einzigartigen Erfahrungen zu realisieren.
Im Juli wurden 46 ehemalige Standortpfarrer „Ost“ angeschrieben mit der Bitte, ihre Erleb­nisse und Erfahrungen in der Militärseelsorge in den neuen Bundesländern niederzu­schreiben. Diese Zeitzeugenberichte sollen an das Archiv der Katholischen Militärseelsorge geschickt werden, wo sie als lebendige Beschreibung der Praxis das amtliche Schriftgut er­gänzen werden. Bis zum gesetzten Termin am 3. Oktober hofft der Initiator auf eine rege Rückmeldung. 

Monica Sinderhauf

 

Im Gespräch mit

Generalvikar Prälat Walter Wakenhut über Erfahrungen aus der Militärseelsorge

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Militärdekan Hartmut Gremler über Hoffnungen, Erfahrungen katholischer Christen und ihrer Seelsorger in den neuen Bundesländern

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