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Ohne Angehörige geht es nicht

Der Wehrbeauftragte wird oft als „Kummerkasten“ der Soldatinnen und Soldaten bezeichnet. Zu Recht: so verstehe ich meine Aufgabe. Und es sind oft Kümmernisse, die den Betroffenen selbst gar nicht bewusst sind oder die sie verdrängen, „weil man ja sowieso nichts daran ändern kann“. Manchmal stimmt das leider. Jedoch ist meist Abhilfe möglich. Genauer: sie wäre möglich, wenn das Problem offen gegenüber den zuständigen Stellen angesprochen würde. Oftmals steht falscher Stolz nach dem Motto „ich kann mir schon selber helfen, ich brauche keine Amme“ entgegen. Oder man fühlt sich durch die Probleme selbst bereits so belastet, dass man keinen zusätzlichen „Papierkrieg“ darüber führen mag.
Dabei ist es doch ganz normal, Unterstützung zu suchen. Unter der verbreiteten Abneigung, Hilfe anzunehmen oder gar zu suchen, weil dies ja zunächst einmal zusätzlichen „Aufwand“ bedeutet, leiden oftmals die Angehörigen mit. Auch deren Alltag ist heute vielfach von Sorge um die Partnerin oder den Partner, Vater oder Mutter im Einsatz, von Verzicht und hohen Belastungen geprägt. In den wenigen Wochen seit meinem Amtsantritt habe ich bereits viele bedrückende Eingaben von Partnerinnen und Partnern, aber auch von Eltern unserer Soldatinnen und Soldaten gelesen. Sie alle schildern die Belastungen durch lang dauernde Abwesenheit wegen der Teilnahme an Auslandseinsätzen und Lehrgängen, von der Hoffnung auf die gesunde Rückkehr aus dem Einsatz und von den Schwierigkeiten, nach der Heimkehr wieder zusammen zu fi nden. Niemand, der nicht mit der Vielzahl und der Vielschichtigkeit dieser Konfliktschilderungen konfrontiert ist, wird das Ausmaß dieser häufig verdrängten Probleme verstehen. Es erfordert einen großen Organisationsaufwand, den Alltag ohne den abwesenden Partner allein zu stemmen. Dabei sind Fernbeziehungen und Pendlerfamilien in der Bundeswehr keine Seltenheit mehr. Es gibt Einheiten, bei denen bereits mehr als 80 Prozent der Soldatinnen und Soldaten pendeln. Hinzu kommt oftmals noch die einsatzbedingte Abwesenheit. Es ist nicht einfach, per Feldpost über Monate Briefe in andere Länder zu schicken und Mut zu machen, Kraft zu geben, obwohl man selbst zu Hause manchmal ebenfalls diesen Zuspruch gebrauchen könnte. Telefongespräche aus dem oder in das Einsatzland sind häufig teuer oder – wie von und nach Kunduz – ausgerechnet in den Nachmittags- und Abendstunden gar nicht möglich. Was das für die Familie bedeutet, ist wohl jedem klar. Ich habe von Einheiten gehört, in denen bereits 70 Prozent der Feldwebeldienstgrade mindestens eine Scheidung hinter sich haben.
Das Thema „Vereinbarkeit von Dienst und Familie“ wird ein Schwerpunkt meiner Arbeit in den kommenden Jahren sein. Unglückliche Entwicklungen sind in einer Beziehung auch unter den schwierigen Bedingungen des soldatischen Alltags nicht zwangsläufig. Die Zeiten der Trennung können mit besserer Planung des Dienstherrn verkürzt oder vermieden werden. Darauf werde ich hinwirken. Schreiben Sie mir einfach, wenn Sie Hinweise geben wollen. Der Erlass „Truppe und Wehrbeauftragter“ gibt Auskunft darüber, wo meine Adresse zu finden ist: am Schwarzen Brett in Ihrer Einheit. Und natürlich im Internet.
Aber was wäre alles Bemühen wert, gäbe es nicht dass Verständnis und die Unterstützung der Angehörigen. Der Rückhalt, den die meisten unserer Soldatinnen und Soldaten durch ihre Familien erfahren, beeindruckt mich sehr, besonders dort, wo schwerste Verwundungen monate- oder gar jahrelange Betreuung erfordern. Die Zuneigung und die Treue, die beispielsweise die Lebensgefährtin und die Mutter eines noch immer im Krankenhaus liegenden Schwerstverwundeten bereits seit vielen Monaten aufbringen, sind sicherlich die Grundlage seiner zwar langsamen, aber stetigen Genesung. Diese Frauen genießen meinen allergrößten Respekt.

Hellmut Königshaus