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Schwerpunkt-"Feindesliebe"

Wie das Thema „seinen Feind lieben“ aufzufassen ist, ist selbst mit Blick auf die christliche Osterbotschaft schwer zu entscheiden. Die Bibel fordert – vor allem im Neuen Testament – eindeutig dazu auf, auch wenn die Umsetzung fast unmöglich scheint. Trotzdem wird das Ziel radikale Feindbilder abzulegen, von vielen Seiten unterstützt.

Feindesliebe ist nicht eine Sache des Gefühls, sondern des Wollens … Es gilt, den Auftrag Jesu in die heutige Zeit zu übertragen.

 

Grundsatz: „Liebt eure Feinde“

von Prof. Dr. Thomas R. Elßner, Pastoralreferent, Katholisches Militärpfarramt Koblenz III, Dozent für Katholische Theologie am Zentrum Innere Führung, Professor für Alttestamentliche Exegese an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar

Das Gebot der Feindesliebe gehört sicherlich mit zu den bekanntesten, aber zugleich provozierendsten Forderungen im Neuen Testament. Nahezu spontan regt sich beim Leser dieser Botschaft Widerspruch. Kann man denn seinen Feind lieben?

Diese Schwierigkeit wird für manche noch dadurch verstärkt, dass dieses Gebot in der Bergpredigt steht (vgl. Mt 5,43–48; Lk 6,27–35). Denn immer noch wird darüber gestritten, ob ihre Forderungen für alle Zeiten und unter allen Umständen gelten, ja ob ihre Forderungen wirklich selbst beim besten und ehrlichsten Bemühen überhaupt umsetzbar sind. Die Kirchengeschichte der letzten zweitausend Jahre könnte ebenso die Frage provozieren, ob Christus tatsächlich keine undurchführbaren Gesetze gegeben habe, so der Bischof und Exeget Theodor von Heraklea (gest. vor 355), oder ob diese nur schöne, aber realitätsferne Wünsche seien. Doch schon im Neuen Testament gibt es Textstellen, die Schwierigkeiten im Umgang mit Feinden und Gegnern erkennen lassen (vgl. 2 Petr 2,12). Selbst im Matthäusevangelium, in dem neben dem Lukasevangelium auch die Forderung der Feindesliebe enthalten ist, wird von jüdischen Theologen in einer Weise gesprochen, die jegliche Feindesliebe vermissen lässt (vgl. Mt 23).
So kann es nicht verwundern, dass die Auslegungsgeschichte des Gebotes der Feindesliebe auch als eine Geschichte seiner Milderung oder gar Abschwächung gelesen werden kann.

Muss man seine hassen?

In einem ersten und unerlässlichen Schritt beim Bemühen, das Gebot der Feindesliebe zu verstehen, gilt es, den betreffenden Text selbst wahrzunehmen: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,43f). Ein rhetorischer Kniff, um die Aufmerksamkeit von Hörern zu erreichen, besteht darin, eine ihnen bekannte und durchaus Zustimmung findende Aussage, wenngleich auch verkürzt, mit einer unerhörten Gegenaussage zu verknüpfen. Dies ist Methode und geschieht in der Bergpredigt gleich sechsmal hintereinander (sog. Antithesen, Mt 5,21–48).

Um die Hörer zu provozieren, ist es zudem ein erprobtes Mittel, eine Aussage über das Belegbare hinaus zuzuspitzen. Die Forderung, seinen Nächsten zu lieben, ist zwar im Alten Testament bezeugt (vgl. Lev 19,18), aber nicht die, seinen Feind zu hassen. Wenngleich eine solche Äußerung nicht durch die biblische Überlieferung gedeckt ist, so wird mit ihr anscheinend ein Verständnis der Nächstenliebe kritisiert, die davon den Fremden und/oder den Andersgläubigen ausnehmen will. Anders gewendet: Zum Nächsten gehört auch jeder Fremde, der nicht zu einem bestimmten Volk oder zu einer bestimmten Religion zählt.

Schwierigkeiten, seinen Feind zu lieben

Eine klassische Schwierigkeit im Verständnis des Gebotes der Feindesliebe besteht schon im Wort „lieben“ selbst. Offenkundig ist, dass dieses Wort in der Bergpredigt bewusst vom Gebot der Nächstenliebe übernommen worden ist (vgl. Lev 19,18). Doch bereits hier ergeben sich Verständnisschwierigkeiten, zumal in der deutschen Sprache. „Lieben“ bedeutet in beiden Fällen nicht, einem Menschen mit zärtlichen oder gar leidenschaftlichen Gefühlen und Stimmungen zu begegnen, sondern ihn grundsätzlich als einen Mitmenschen anzuerkennen, indem man sich ihm auf der Ebene von Mensch zu Mensch zuwendet. Eine solche Hinwendung kann selbstbestimmt – im Unterschied zum Eros – durch helfende Taten erfolgen. Solche Taten geschehen nicht wahllos oder realitätsgelöst, sondern haben konkrete Notlagen des Feindes im Blick (vgl. Ex 23,4f). Dies bedeutet aber nicht, dass berechtigte Kritik gegenüber dem Feind – und Feind ist in der Bergpredigt im umfassenden Sinne gemeint – jetzt einfach zu verstummen hat oder gar bedeutungslos geworden ist.
Zudem ist stets der biblische Kontext mit seiner Forderung der Feindesliebe im Blick zu behalten. Nach wie vor dürfte auch heute noch gelten, dass Feindesliebe dem Menschen von Natur aus nicht eigen ist, dieser sogar zu widersprechen scheint. Somit ist ein erster wichtiger Punkt, dass wirkliche Feindesliebe erst aus einem Verhältnis zu Gott entspringen kann. Ein Mensch, der sich als von Gott angenommen und geliebt weiß, kann dadurch innerlich frei zur Liebe auch dem Feind gegenüber werden.
Ein zweiter wesentlicher Punkt ist, dass die Feindesliebe nicht auf Gegenliebe schielen bzw. mit irgendwelchen Zwecken verbunden werden darf. Bei Lukas heißt es daher folgerichtig: „Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt“ (Lk 6,35).
Außerdem ist die Feindesliebe keine Bewährungsprobe für den Feind. Dabei geht es auch um einen Feind, „der Feind bleibt, ungerührt von meiner Liebe, der mir nichts vergibt, wenn ich ihm alles vergebe, der mich hasst, wenn ich ihn liebe“ (Bonhoeffer). Vor allem dieser Aspekt kann sicherlich nur im Zusammenhang mit der Gottesliebe emotional und intellektuell bewältigt werden. Die hierbei empfundene Schwierigkeit wird bei Matthäus mit dem Satz ausgedrückt: Der Vater im Himmel „lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Das heißt, Gott erweist allen seine väterliche Güte und Zuwendung. Das ist die wirklich unerträgliche Provokation und Zumutung für den sogenannten „gesunden Menschenverstand“ bezüglich der evangeliumsgemäßen Liebe zum Feind. Denn diese Forderung „wird nicht mit Klugheitsgründen, aber auch nicht ethisch begründet …, sondern einfach als Nachvollzug des Verhaltens Gottes empfohlen“ (Schürmann). Insgesamt wird jetzt vielleicht einsehbar, warum tatsächliche Feindesliebe selten gelingen will.
Schließlich kommt noch ein dritter Punkt hinzu, der ebenso eine nicht-natürliche Voraussetzung berührt. Die Forderung nach Feindesliebe wird von Jesus im Hinblick auf das anbrechende Reich Gottes erhoben, das die Wirklichkeit dieser Welt in eine neue von Schuld, Versagen und menschlicher Begrenzung befreite aufhebt. Für denjenigen, dem diese Glaubenswirklichkeit nichts sagt oder bedeutet, wird es schwer, wenn nicht gar unmöglich sein, die evangeliumsgemäße zweckfreie Feindesliebe überhaupt in Erwägung zu ziehen oder zu praktizieren. Auch hier können Ursachen für die nicht vom Erfolg verwöhnte Geschichte der Feindesliebe liegen.

Fürbitte

Seien wir ehrlich. Das bisher Gesagte mag vielleicht wenig ermutigend für ein Gelingen der Feindesliebe sprechen. Dennoch gibt es einen Weg, den die Bergpredigt für eine wirklichkeitsgerechte Umsetzung jener weltfremden Forderung weist, nämlich die Fürbitte für den Feind. Zwar setzt die Bergpredigt eine Verfolgungssituation bei ihren Adressaten voraus, die viele Christen in manchen außereuropäischen Regionen heute leider immer noch täglich erfahren. Aber auch Christen, die nicht unter Verfolgung wegen ihres Glaubens leiden, bleiben aufgerufen, für (ihre) Feinde zu beten. Wer für einen Feind betet, der vermindert und überwindet seinen vielleicht vorhandenen Hass gegen ihn. Wer für einen Feind betet, lernt durchaus auch schmerzhaft, in ihm einen Menschen zu sehen, dem Gott ebenso Güte erweist wie mir (vgl. Lk 6,35). Dies kann ein Beginn der Feindesliebe sein. Denn „jede Fürbitte zieht den Gemeinten potentiell in die Gemeinde hinein“ (Bonhoeffer).

Interview mit Johannes Schnettler, Aachen, Vizepräsident der Deutschen Sektion der Internationalen Katholischen Friedensbewegung „pax christi“

Kompass: Die Internationale Katholische Friedensbewegung Pax Christi basiert auf der festen Überzeugung, dass es zu Frieden und Gewaltlosigkeit keine Alternative gibt. So das Grußwort Ihres Präsidenten, Bischof Heinz Josef Algermissen, Fulda, auf der Internetseite von pax christi Deutschland. Was würden Sie einem Soldaten antworten, wenn er Sie danach fragt, ob er für seinen Dienst ein Feindbild braucht?
Johannes Schnettler: Der Soldat ist Diener des Friedens, sagt die Konzilskonstitution „Gaudium et Spes“. Der Soldat stellt seinen Dienst also unter die größere Perspektive des biblischen Schalom. Die Bibel meint damit den umfassenden Frieden der Menschen untereinander, des Menschen mit der Schöpfung und der Menschen mit Gott. Ein solches Streben nach Frieden ist ausgerichtet auf die Überwindung der Feindbilder. Ein Soldat, der sich dem Geist des Evangeliums verpflichtet weiß, wird seinen soldatischen Dienst aus dieser Perspektive des umfassenden Schalom heraus leisten. Diese Perspektive eröffnet ihm einen größeren Horizont. Sein Dienst ist nicht von Abwehr eines Feindes, sondern von der Mitarbeit am Schalom geprägt, der allen Menschen einen Platz in Gottes Schöpfung zugesteht.

Kompass:
„Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“, ist ein wichtiger Hinweis im Matthäus-Evangelium. Mit Blick auf den Dienst des Soldaten: Was kann damit gemeint sein?
Johannes Schnettler: Was Sie einen „wichtigen Hinweis“ nennen, gehört zum Kern der Frohen Botschaft Jesu Christi. Das Gebot der Feindesliebe ist für jeden Menschen, der bereit ist, sich in die Nachfolge Jesu zu begeben, und das bekräftigen wir Christen jedes Jahr neu in der Osternacht, eine ethische Orientierung für sein Handeln. Die Aufforderung zur Feindesliebe ist eine Aufforderung zur Überwindung von Vorurteilen, zur Überwindung von Ängsten vor allem Fremden, kurz: zur Überwindung von Feindbildern. Ob im privaten oder öffentlichen Tun eines jeden von uns, die Überwindung der Feindbilder fordert uns immer neu heraus.
Wie radikal und anmaßend eine solche Feindesliebe ist, mag das Handeln von Bischof Theas, Lourdes, im Jahre 1944 verdeutlichen. Als Gefangener in einem deutschen Lager feierte er mit seinen französischen Mitgefangenen Gottesdienst. Im Evangelium wurde die besagte Stelle aus dem Matthäus-Evangelium gelesen. In seiner Predigt sagte Bischof Theas: „Ich kann euch nichts anderes verkündigen, als das, was hier geschrieben steht.“ Aus diesem Geist heraus erwuchs damals auf französischer Seite die Kraft zur Versöhnung mit dem „Erbfeind“ Deutschland. Es war auch die Geburtsstunde von Pax Christi. Das Gebot der Feindesliebe ist also keine utopische, im Alltag der Soldaten untaugliche Aufforderung. Sie ist konkret und birgt die Kraft zur Überwindung der Feindbilder.

Kompass: „Liebt eure Feinde ...“, damit wird auch zum Ausdruck gebracht, dass es Feinde gibt. Wie ist mit Feinden jenseits des Liebesgebotes gerade dann umzugehen, wenn sich Staaten dafür entscheiden, ihr äußerstes Mittel, über das sie verfügen, nämlich bewaffnete Streitkräfte, einzusetzen?
Johannes Schnettler: Die Aufforderung zur Feindesliebe verschließt nicht die Augen vor der Wirklichkeit. Unsere Welt ist wie sie ist. Intrigen, Hass, Feindschaft, Gewalt, Krieg prägen unsere Lebenswelt im Kleinen wie im Großen. Uns alle, Soldaten wie Zivilisten, verbindet die gleiche Frage: Was können wir zur Überwindung dieser Verhältnisse beitragen? Papst Johannes Paul II. hat gesagt: „Jeder Krieg ist eine Niederlage der Menschheit.“ Bevor wir also eine Lösung im Waffengang als vermeintlich letztem Ausweg suchen, müssen wir uns fragen: Haben wir alles getan, um die Ursachen für Hass, Gewalt, Krieg zu überwinden? Oder, um im Geiste des verstorbenen Papstes zu sprechen: Haben wir die Intelligenz der Menschheit genutzt, Wege aus der Sackgasse der Gewalt zu finden? Diesen Herausforderungen stellt sich die internationale Politik unseres Erachtens zu wenig. Die Frage unserer pax-christi-Freundinnen und -Freunde aus den USA nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center im Jahre 2001 „Warum hassen sie uns?“ ist bis heute noch nicht in politisches Handeln umgesetzt worden. Wir erleben derzeit in Afghanistan, dass ein ursprünglich „begleitender“ und zeitlich begrenzter Waffengang zum Aufbau ziviler, demokratischer Strukturen schleichend in einen Krieg zwischen den Alliierten und den Aufständischen übergegangen ist. Gewalt verselbstständigt sich. Die konsequente Umsetzung des Gebotes der Feindesliebe ist eine fortgesetzt Mahnung an alle, Soldaten wie Politiker: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? 

Das Interview führte Josef König.

Kommentar zur Sache von Prof. Dr. Udo Steinbach, Oberst der Reserve

Feindbild gesucht 

von Prof. Dr. Udo Steinbach, Oberst der Reserve, 1976 – 2006 Direktor des Deutschen Orient-Instituts, Hamburg, lehrt am Centrum für Nahund Mittelost-Studien an der Philipps-Universität Marburg 

Eignet sich der Islam als Ersatz für ein verloren gegangenes Feindbild Sowjetunion und Kommunismus? Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es in der Bundeswehr einen General muslimischen Glaubens geben wird. Vielleicht wird er einen türkischen „Migrationshintergrund“ haben. Aber wie alle Soldaten wird auch er gelobt haben, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Spätestens dann ist auch in der Bundeswehr sichtbar, was wir bereits in vielen Bereichen des politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens wahrnehmen: Muslime sind deutsche Bürger wie du und ich. Militärischbildlich gesprochen: sie haben den Marschallstab im Tornister. „Islamkritik“ ist angesagt. Seit Monaten geben Feuilletons, Funk und Fernsehen „Islamkritikern“ das Wort. Aber wovon reden diese? Von einer Chimäre, „dem Islam“. Durchweg freilich nicht von eben jenen Muslimen, die wir hier im Blick haben. Die in allen Bereichen unserer Gesellschaft ihren Platz einnehmen, tagtäglich ihren Dingen nachgehen: als Händler, Künstler, Professoren, Sportler, Soldaten, Parlamentarier oder wo immer. Die Verfassung zu respektieren, ist für sie etwas Selbstverständliches. Zugleich sind sie islamischen Glaubens. Und nicht wenige von ihnen – und vielleicht auch unser imaginierter General – beten am Freitag (oder häufiger), fasten im Ramadan (so weit das mit ihren sonstigen Verpflichtungen und Verrichtungen vereinbar ist), unternehmen die Wallfahrt nach Mekka (wofür sie Urlaub nehmen) und spenden für einen Moscheebau einschließlich Minarett (nach Absprache mit den Behörden). Das ist die Normalität unter den Muslimen in Deutschland.

Feindbild Islam

Deshalb ist das „Feindbild Islam“ moralisch inhuman und politisch zerstörerisch. „Islamkritiker“ abstrahieren vom Menschen; sie subsumieren den Einzelnen in Kategorien, die sie aus einem verengten Blick auf die Geschichte und/oder aus auffallenden Phänomenen der Gegenwart destillieren. Muslime – wie eben Christen auch – haben ein Recht, im Ganzen verortet werden: der tagtäglichen Lebenswelt, in der sie von ihrer Religion umgeben sind, und in der Größe einer Kultur, die sich aus der islamischen Religion speist. Warum dürfen eigentlich nur Christen auf das „christliche Abendland“ stolz sein und nicht auch Muslime auf das „islamische Morgenland“? Und warum nehmen wir so wenig Anstoß an den hässlichen Zügen der Gegenwart unseres eigenen Kultur- und Zivilisationskreises, machen aber essentialistisch und grundsätzlich verallgemeinernd „den Islam“ fest u. a. an den Untaten von Gewalttätern, die sich auf den Islam berufen? Der Gewalttäter, wie immer er seine Untat begründet, wird nach dem Recht verfolgt. Im Übrigen verstößt er gegen das Gesetz, das in beiden Religionskreisen Geltung hat: Du sollst nicht töten.
Nicht zuletzt die Anwesenheit von Muslimen in unserer Gesellschaft, ja ihre Integration darin, macht es unzulässig, das Feindbild Sowjetunion bzw. Kommunismus durch „den Islam“ zu ersetzen. Auch der Kommunist als Einzelner, als Vertreter einer Denkschule, die auf eine gerechtere Gesellschaft zielt, ist ja nicht per se ein „Feind“. Feindschaft entsteht erst dann, wenn Gewalt und Zwang gepredigt bzw. praktiziert werden. Als Individuum unterliegt dann der Kommunist dem Gesetz wie der gewalthafte Islamist auch. Die Sowjetunion als kollektive Verkörperung der kommunistischen Ideologie bedeutete in Verbindung mit ihrem ungeheuren militärischen Potenzial und der Gewalt, die sie außerhalb ihrer Grenzen verübte, eine Bedrohung. Insofern wurde sie zum Feindbild und die in ihr verkörperte Form des Kommunismus mit ihr. Hier liegt der Unterschied zum Islam. Die „Achse des Bösen“ oder die „islamische Bombe“ sind Ausdruck einer durch Fakten nicht zu belegenden Dämonisierung.
Die westlichen Gesellschaften sind besser beraten, mit Blick auf ihre eigene Zukunft wie auch auf eine friedliche Fortentwicklung unserer Welt insgesamt Gemeinsamkeiten zu ermitteln. Die lange Geschichte der Koexistenz und gegenseitiger Befruchtung zeigt, dass die Potenziale dafür vorhanden sind. Statt auf Feindbilder blicke man nach Weimar auf das dort von den Präsidenten Johannes Rau und Muhammad Khatami im Juli 2000 errichtete Denkmal.