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Verlorene Maßstäbe

von Reinhold Robbe

Gemeinsam mit dem Katholischen Militärbischof Dr. Walter Mixa und weiteren zahlreichen Ehrengästen nahm ich Anfang März an der Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Augsburg teil. Diese Veranstaltung stand unter dem Motto „Verlorene Maßstäbe“. Rabbiner Dr. Henry Brandt, Vorsitzender des Koordinierungsrates, eröffnete die Woche und bezog hierbei deutlich Position zu verschiedenen aktuellen Fragen. So bezeichnete er beispielsweise die Krisen in Wirtschaft und Finanzwelt als „Symptome einer tief verwurzelten gesellschaftlichen Malaise“.

Verloren gegangene Maßstäbe waren auch eine der Ursachen für die menschenunwürdigen Rituale in den Reihen der Rekruten des Hochgebirgszuges der Gebirgsjäger in Mittenwald und anderer Standorte unserer Bundeswehr. Abseits der Öffentlichkeit haben sich anscheinend über Jahrzehnte hinweg inakzeptable Rituale entwickelt, die wohl außerhalb der Dienstzeit stattfanden und sich deshalb jeglicher Kontrolle durch Vorgesetze entzogen. Vor kurzem habe ich mir im Rahmen eines unangemeldeten Truppenbesuches in Mittenwald ein Bild von der Situation bei den Gebirgsjägern gemacht. Bei diesem Besuch ging es mir weniger um den aktuellen Stand der Untersuchungen, die von den zuständigen Truppendienststellen nun durchgeführt werden. Ich wollte mir vielmehr einen unmittelbaren Eindruck über die Stimmungslage verschaffen. Außerdem wollte ich den Soldaten natürlich auch Rede und Antwort stehen für ihre Fragen und kritischen Hinweise.

Und so war der Gesprächsbedarf bei den Soldaten in Mittenwald dann auch sehr groß. Viele berichteten mir von der gedrückten Stimmung in allen Kompanien. Die bundesweite Berichterstattung über die Vorgänge hätte sich teilweise verheerend auf die persönliche Situation einzelner Soldaten ausgewirkt. Gerade jene Kameraden, die in Mittenwald lebten, würden sich ungerechtfertigten Vorwürfen ausgesetzt sehen, was gar zu Schlafstörungen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen geführt habe. Viele Soldaten fühlten sich ohne Schuld wie auf der „Anklagebank“ und hätten kaum eine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

Mir gaben diese Aussagen sehr zu denken. Weil einige Soldaten jegliche Maßstäbe verloren hatten, müssten nun alle Kameradinnen und Kameraden des Standortes unter den Folgen leiden. Wenn sich in dieser Situation bei den betroffenen Soldaten Enttäuschung, Frustration und Ärger breit machen, ist dies aus meiner Sicht nur allzu verständlich. Umso wichtiger ist es, dem von einigen wenigen Medien beförderten Generalverdacht entgegenzuwirken.

Die Gebirgsjäger gehören zu den Eliteverbänden der Bundeswehr. Ihre Leistungen dürfen sich gerade auch im internationalen Vergleich sehen lassen. Für die Stärkung der Kameradschaft können durchaus auch traditionelle Rituale dienlich sein. Aber nur, wenn sie transparent und unbedenklich sind. Die Gebirgsjäger haben es verdient, dass alle Verantwortlichen jetzt mithelfen, entstandene Irritationen aufgrund voreiliger Schlussfolgerungen auszuräumen.