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Welttag des Friedens 2010

Papst Benedikt XVI. hatte den Weltfriedensgebetstag am 1. Januar 2010 unter das Motto gestellt: „Willst du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung“.
Die unterschiedlichen Autoren stimmen zum Welttag des Friedens 2010 darin überein, dass als Grundlage des Friedens zwei Dinge dienlich sind: die Betrachtung der Welt als Gottes Schöpfung und der Wille, diese unversehrt zu bewahren. Als Voraussetzung dafür muss die „goldene Mitte“ zwischen Fortschritt, Entwicklung und dem Erhalt der Schöpfung gefunden werden. Der Weg dazu führt über Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Nächstenliebe.

Grundsatz: Willst du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung von Prof. Dr. Klaus Töpfer

Der Klimagipfel von Kopenhagen: Wissenschaftler belegen, dass eine ungebremste, ja sogar noch ansteigende Nutzung der fossilen Energieträger Kohle, Mineralöl und Gas durch CO2-Emissionen das Weltklima aus dem Gleichgewicht bringt. Dies hat dramatische Konsequenzen für die Natur, für das „Naturkapital“ – für die Schöpfung. Der Mensch gefährdet die „Dienstleistung“ der Natur, die er weitgehend kostenlos erhält und der Vielfalt der Arten, dem Kreislauf des Wassers, den Angeboten der Ozeane und der Lebenskraft der Böden verdankt. Die Auswirkungen dieser Veränderungen des Klimas und der Leistungsfähigkeit der Natur auf die menschliche Gesellschaft sind ebenso drastisch wie weitreichend: Lebensräume und Existenzgrundlagen vieler Menschen, insbesondere in Regionen mit einer sehr fragilen Natur, werden gefährdet.Viele werden ihre Heimat verlassen müssen – der Flüchtlingsstrom aus Afrika über das Mittelmeer ist bereits gegenwärtig. Er ist ein unübersehbares Indiz und Signal einer aus der Destabilisierung der Natur hervorgehenden Immigration.

Aufgabe des Klimagipfels von Kopenhagen war, dieser Ausbeutung der Natur durch den Menschen ein Ende zu setzen. Die Gipfelteilnehmer sollten klar machen, dass gerade wir in den hoch entwickelten Ländern nicht mehr die Kosten unseres Wohlstands auf die Menschen, die fern von uns leben, abwälzen können – ebenso wenig auf kommende Generationen oder
auf die Natur. Wer auf Kosten der Natur oder anderer Menschen seinen Wohlstand anhäuft, verursacht Spannungen, Konflikte, gefährdet den Frieden.

Wer Schöpfung ausbeutet und vernichtet, wer Naturkapital gedankenlos übernutzt, der beschädigt damit das friedliche Zusammenleben der Menschen. So ist die herausfordernde
Feststellung von Papst Benedikt XVI. eine zentrale Botschaft an uns alle, aber in besonderer Weise an jene, die eine globale Strategie gegen den Klimawandel erreichen wollen: „Willst
du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung!“ Wer Schöpfung zerstört, sät Unfrieden, stellt Zukunft in Frage, bereichert sich auf Kosten anderer und zu Lasten zukünftiger Generationen.
Neue Begriffe für Frieden
Papst Paul VI., der große Montini-Papst, hat sich in seiner großartigen, richtungsweisenden Enzyklika „Populorum progressio“ bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts mit den veränderten Voraussetzungen für eine friedliche Entwicklung dieser Welt auseinandergesetzt. Paul VI. kam zu der Schlussfolgerung: „Entwicklung ist der neue Begriff für Frieden!“ Ist dies, so muss gefragt werden, ein Gegensatz zu der Feststellung des Papstes Benedikt XVI., dass die Schöpfung zu wahren ist, wenn man Frieden will? Widersprechen sich die Ziele Bewahrung und Entwicklung? Denkt man diese beiden päpstlichen Aufrufe zum Frieden in ihrer neuen Dimension in einem gemeinsamen Zusammenhang, so kommt man keineswegs zu einem Gegensatz. Ganz im Gegenteil! Entwicklung ist in einer Welt der drastischen Gegensätze
zwischen Arm und Reich, zwischen Nord und Süd, eine Voraussetzung zu einem friedlichen Miteinander. Zu Recht wurde Muhammad Yunus, der Bankier der Armen in Bangladesh, der „Erfinder“ der Kleinkredite, im Jahre 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. In seiner Dankesrede betonte auch er, die gewaltigen Wohlstandsunterschiede in dieser Welt seien „not a formula for peace“.

Entwicklung, die Überwindung der Armut und der Perspektivlosigkeit, die Beseitigung von Slums und Hoffnungslosigkeit – sie sind zentraler Bestandteil jeder Friedenspolitik. Die Beseitigung von Armut ist ein entscheidendes Abrüstungsinstrument zur Vermeidung von
Konflikten und Spannungen. Diese notwendige Entwicklung kann ihre Frieden stiftende Wirkung nicht erreichen, wenn sie auf Kosten der Schöpfung betrieben wird. Eine Entwicklung, die auf der Zerstörung der Natur aufbaut, ist bestenfalls eine kurze Atempause und wird in der Folge das Ausmaß der Spannungen, der Frieden gefährdenden Konflikte verschärfen.
Die Friedensbotschaften der Päpste
Die Verbindung der Friedensbotschaften der beiden Päpste ist somit mehr als zwingend und sehr logisch. Entscheidend für den Frieden, von dem sie sprechen, ist, dass Entwicklung nicht die Schöpfung, die Natur und ihre Leistungsfähigkeit für den Menschen in Frage stellt. In die Sprache der politischen Zielsetzungen übersetzt bedeutet dies: Nachhaltige Entwicklung ist der neue Begriff für Frieden. Denn Nachhaltigkeit bedeutet gerade, dass man nicht auf Kosten kommender Generationen Wohlstand aufbaut, dass man nicht ungedeckte Hypotheken hinterlässt. Nachhaltigkeit verpflichtet, nicht auf Kosten anderer zu leben, sondern die vollen Kosten des Wohlstands auch in den Preisen dieses Wohlstands zu bezahlen. Nachhaltigkeit verpflichtet dazu, auch die sozialen Brüche und tiefen Gräben innerhalb unserer eigenen Gesellschaft nicht einfach hinzunehmen, sondern ihre Überwindung, ihren Abbau zu einer ethischen Verpflichtung zu machen.
Papst Benedikt XVI., Papst Paul VI. – beide verbindet die sorgenvolle Frage, wie in unserer Welt Frieden erhalten werden kann. Es ist eine Welt, die bald schon 9 Milliarden Menschen tragen wird und die diesen ein menschenwürdiges Dasein ohne existenzielle Armut, ohne
Sorgen um das friedliche Zusammenleben ermöglichen soll. Wenn du Frieden willst, bewahre die Schöpfung. Denn du kannst nur dann allen Menschen eine Entwicklung ermöglichen, wenn diese auf einer intakten Natur und auf einer Schöpfung bewahrenden Verantwortung aufbaut. Es besteht also kein Widerspruch zwischen diesen beiden päpstlichen Botschaften. Im Gegenteil: Sie eint ein Schöpfungsverständnis, das gründet auf christlicher Verantwortung, auf Nächstenliebe zu anderen Menschen, die mit uns auf diesem Globus leben und auf Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. 

Bundesminister a. D. Prof. Dr. Klaus Töpfer, Stellvertretender Vorsitzender des
Rates für Nachhaltigkeit, war bis 2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms
der Vereinten Nationen (UNEP) und Generaldirektor des UN-Büros in Nairobi (UNON). Zuvor
war er 1987–1994 Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
sowie 1994–1998 für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau.

Interview mit Hebert Weinzierl: Nachhaltigkeit ist ein ethisches Prinzip

Kompass: Ihr Politikansatz baut auf die beiden Säulen der Nachhaltigkeit und der Schöpfungsverantwortung.Welche Erfahrungen konnten Sie bislang in Ihrem langjährigen Engagement machen, wenn Sie sowohl für Nachhaltigkeit als auch Schöpfungsverantwortung einstehen? Geht das auf?
Hubert Weinzierl: Ehrliche Nachhaltigkeit,also der sorgsame Umgang mit den natürlichen Gütern der Erde und deren Lebewesen, ist angewandte Schöpfungsverantwortung, welche den künftigen Generationen das gleiche Lebensrecht sichert wie uns. Nachhaltigkeit ist somit ein Schlüssel für zukünftige Friedenspolitik.
Nachhaltigkeit ist aber kein technisches, sondern eben ein ethisches Prinzip und kommt daher ohne eine humane Komponente ebenso wenig aus wie ohne das magische Geflecht von Ökologie, Ökonomie und Sozialem.
Wir können also feststellen, dass nicht alle Fehlentwicklungen in Wirtschaft, Beschäftigung, Bildung, Umwelt oder Kultur so einfach auf den Begriff „Finanzkrise“ abgeschoben werden können, sondern dass wir in einer tiefen Nachhaltigkeitskrise stecken: Zerreißt das Netzwerk des Lebens, dann bricht auch das soziale Netz und es zerfällt die Prosperität der Wirtschaft.


Kompass: Woran liegt es Ihrer Auffassung und Erfahrung nach, dass – trotz evidenter wissenschaftlicher Ergebnisse mit Blick auf Klimawandel, Ressourcenverbrauch und Naturraubbau unter den Bedingungen globalisierten Wirtschaftens – politische Entscheidungen nicht so recht greifen?
Hubert Weinzierl: Das liegt am Egoismus und der Gier derjenigen Staaten und Gesellschaften, die nur 20 % der Menschheit ausmachen, aber 80 % aller Vorräte dieser Welt verprassen.Nachdem unsere Nationalökonomie aber auf Wachstum programmiert
ist, gilt es Modelle des Gesundschrumpfens zu suchen. Es geht um eine Zukunft, die anders aussehen muss als die Gegenwart, eine Zukunft im Einklang mit der Natur, eine Zukunft mit globaler Verteilungsgerechtigkeit, mit soliden Wirtschaftsstrukturen und
sicheren Arbeitsplätzen.
Deshalb muss Nachhaltigkeit zum Kompass der Wirtschaftspolitik werden. Das bedeutet auch, dass die Preise endlich ökologische Wahrheit sagen müssen: Derjenige, der die Umwelt belastet, soll auch dafür bezahlen müssen.


Kompass: Mit Blick auf die Rolle der Kirchen: Was ist in diesem Kontext Ihre Erwartung? Worin sehen Sie Chancen und Möglichkeiten für die Kirchen und ihre Gläubigen?
Hubert Weinzierl: Die Kirchen haben die Chance, ein weltfamiliäres Denken den Überlebenskrisen unserer Zeit entgegenzusetzen. Die christliche Religion der Liebe wäre doch eine wunderbare ganzheitliche Botschaft: Liebe deinen Nächsten und schließe dabei die Schöpfung mit ein!
Was ist das gute Leben in Zeiten der Krise? Ist nachhaltiger Konsum nur etwas für die fetten Jahre? Wie können wir umstellen auf ein Wohlstandsverhältnis, das nicht allein am materiellen Verbrauch orientiert ist? Wohlstand, der von einer Kultur der Umsicht geprägt ist, der den Menschen in einem fernen Land ebenso respektiert wie das ökologische Gleichgewicht im eigenen Lebensumfeld nach dem Motto „Gut leben statt viel haben“.
Betrachten wir diese wirre Zeit also nicht als Unglück, sondern als Chance für vielfältige neue Lebensqualitäten. Es ließe sich vielleicht eine neue Weltkonjunktur der Bescheidenheit ankurbeln, deren Kraft nicht am Bruttosozialprodukt gemessen wird, sondern im Glück der gesamten Menschenfamilie und am Fortbestand der Schöpfung zum Ausdruck kommt.


Das Interview mit Hubert Weinzierl (seit 2000 Präsident des Deutschen Naturschutzrings(DNR), seit 2005 Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU)) führte Josef König.

Kommentar zur Sache von Gotthard Dobmeier: Die Friedensbotschaft des Papstes setzt eine gute Entwicklung fort

„Frieden mit Gott dem Schöpfer – Frieden mit der ganzen Schöpfung“, unter diesem Motto stand die Botschaft von Papst Johannes Paul II. zum Welttag des Friedens am 1.Januar 1990. In der Einleitung zu seiner Botschaft verwies der Papst auf ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass der Weltfriede außer durch Rüstungswettlauf, Kriege und regionale Konflikte auch durch den Mangel an gebührender Achtung gegenüber der Natur bedroht ist.


Papst Benedikt XVI. greift mit seiner Botschaft zum Welttag des Friedens am 1. Januar 2010 „Willst du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung“ die Gedanken seines Vorgängers auf und verweist auf den engen Zusammenhang zwischen dem Schutz der Schöpfung und dem Einsatz für den Frieden. Schöpfung – christlich gesehen – ist mehr als Natur und Umwelt. Schöpfung ist Werk und Geschenk Gottes, umfasst das menschliche und das nichtmenschliche Leben und alle Lebensgrundlagen, ist Leben in Fülle. Den Menschen hat Gott beauftragt, in dieser Schöpfung lebenserhaltend und lebensfördernd zu wirken.

Das Motto der Friedensbotschaft von Papst Benedikt steht für mich auch im Zusammenhang mit dem Leitwort der europäischen ökumenischen Versammlungen in Basel (1987), Graz (1997) und Sibiu (2007) „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, sowie mit der UN-Konferenz „Umwelt und Entwicklung“ 1992 in Rio de Janeiro, in deren Zentrum das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung stand.

Das Leitwort des Weltfriedenstags hat hohe Aktualität und ist eine Herausforderung.

Eine Herausforderung angesichts der immer dramatischeren Anzeichen für einen globalen Klimawandel,der vor allem die Menschen in den ärmsten Ländern trifft bzw.treffen wird. Sie haben nicht die Möglichkeiten für entsprechende Schutzmaßnahmen. Wenn die Staatengemeinschaft in diesen Wochen über Vorgehensweisen zum Schutz des Klimas berät, darf es nicht bei allgemeinen und unverbindlichen Absichtserklärungen bleiben. Unerlässlich sind klare und wirksame Reduktionsziele für den Ausstoß der klimarelevanten Treibhausgase. Länder, die nur aus nationalen, vorrangig ökonomischen und egoistischen Motiven entscheiden, sind nicht nur für die entsprechenden ökologischen Folgen verantwortlich,
sondern genauso für die Konsequenzen für den Weltfrieden.
Wenn weite Teile der südlichen Halbkugel von Überschwemmungen oder Dürren heimgesucht werden, wird es dort zu Konflikten um bewohnbares Land und Wasserreserven kommen. Und es ist abzusehen, dass die Menschen sich auf den Weg machen dorthin, wo sie menschenwürdige Lebensbedingungen finden. Klimabedingte Völkerwanderungen stehen vor uns. Diese Menschen werden die Länder anklagen, die für den Klimawandel vor allem verantwortlich sind, und das sind die Industrienationen. 

Papst Johannes Paul II. forderte deshalb in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 1990 eine neue Solidarität in den Beziehungen zwischen den Entwicklungsländern und den hochindustrialisierten Ländern. „Die Staaten müssen sich“, so schreibt der Papst, „immer solidarischer zeigen und sich einander ergänzen, indem sie gemeinsam die Entwicklung einer natürlichen, sozial friedlichen und gesunden Umwelt fördern.“

Fragen an unseren Lebensstil

Das Motto des Weltfriedenstags ist auch eine Herausforderung für uns, die im Wohlstand leben. Unser Lebensstil und unsere Ansprüche sind mitverantwortlich für den hohen Verbrauch an Rohstoffen und Ressourcen, die größtenteils aus den Entwicklungsländern kommen.
Um unseren „Energiehunger zu stillen“ werden z. B. in Südostasien und in Brasilien großflächig Palmöl- und Zuckerrohr-Plantagen zu Herstellung von Bioenergie für unseren Verbrauch angebaut. Dieser Anbau steht in Konkurrenz zu den Flächen, die dringend für die notwendige Erzeugung von Nahrungsmitteln für die einheimische Bevölkerung benötigt werden.
Da hilft es wenig, wenn wir von unserem Reichtum den Menschen dort etwas abgeben. Die Länder des Südens wollen nicht, dass wir ihnen mehr geben, sondern dass wir uns von den Gütern dieser Welt weniger nehmen, d. h. unseren Lebensstil und unsere Ansprüche ändern. Aus ethischer Sicht ist unsere erdumspannende Verantwortung gefordert. So hat Johannes Paul II. schon damals in seiner Friedensbotschaft angemahnt, unseren Lebensstil ernsthaft zu überprüfen. Einfachheit, Mäßigung, Disziplin und Opfergeist sollten das Leben eines jeden bestimmen und prägen. Diese Mahnung ist heute, 20 Jahre später, noch viel dringlicher.
Christen können Zeugnis geben, indem sie sich engagiert dafür einsetzen, den Frieden mit der Schöpfung zu leben, der vom Frieden unter den Völkern nicht zu trennen ist.

Gotthard Dobmeier, Jahrgang 1944,Diplom-Theologe,bis 2007 Beauftragter für Fragen der Kirche und Umwelt der Erzdiözese München und Freising sowie Sprecher der Umweltbeauftragten der bayerischen und der deutschen Diözesen, langjähriges Mitglied der ökologischen Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz sowie ihr zentraler Ansprechpartner für Umweltfragen