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Auf ein Wort

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"Sehnsucht nach dem Licht" Autor: Stephan Frank, aus: Kompass 12/2009

 

Sehnsucht nach dem Licht

Seit über sieben Jahren mache ich in der Adventszeit für zwei, drei Tage einen Abstecher ins Land der Nussknacker, Räuchermännchen und Weihnachtsmärkte: ins Erzgebirge, nach Schneeberg, Annaberg, Schwarzenberg und Marienberg. Und besonders schön ist es abends.

Schließen Sie einmal die Augen. Es ist dunkel. Wir sehen nichts mehr. Wir haben die Vorstellung von einer Nacht ohne Sterne. Es ist eine stockdunkle Nacht. Innerlich mag uns dies auch vorstellbar sein, durch Dunkelheit und Ausweglosigkeit, die wir in unserem Leben erfahren haben. Sehnsucht nach dem Licht macht sich breit, innerlich wie äußerlich.

Advent im Erzgebirge

Wenn ich im Winter in dieser Dunkelheit vor Weihnachten durch das Erzgebirge fahre, dann bin ich immer wieder erstaunt, wie die Lichter der Schwibbögen die Tiefe der nächtlichen Dunkelheit durchbrechen und sich ein Lichtermeer ausbreitet. In fast jedem Fenster eines Hauses steht ein Schwibbogen. Ob Plattenbausiedlung am Rande der Stadt, Neubauten oder alte Häuser, überall Schwibbögen.

Eine alte Tradition aus dem Erzgebirge. Die Bergleute fuhren in der Dunkelheit des Morgens in die Gruben hinein und kamen erst am Abend wieder aus dem Bergwerk in die Dunkelheit hinaus. Sie erlebten in der Winterszeit nur Nacht. So entwickelte sich der Brauch, Schwibbögen in die Fenster zu stellen: Lichterbögen, die gleichsam den Himmelsbogen symbolisieren, und um den Bergleuten auch den Weg nach Hause zu zeigen.
So können wir sehr gut verstehen, dass Menschen Sehnsucht nach dem Licht haben. Äußerlich wie innerlich.

Und bei uns?

Die meisten von uns wohnen nicht im Erzgebirge, sind keine Bergleute, haben eine warme Wohnung und auch genügend Licht im Haus. Aber auch wir haben Sehnsucht – Sehnsucht nach dem Licht, nach Wärme, Geborgenheit, einem Zuhause, das uns von Menschen geschenkt wird; Menschen, denen wir vielleicht nur flüchtig begegnen, wo wir ganz einfach spüren, sie meinen es gut mit uns. Und natürlich mit den Menschen, mit denen wir Tag für Tag zu tun haben.

Uns allen wünsche ich viel Sehnsucht nach dem Licht, nicht nur im Erzgebirge und nicht nur im Symbol des Schwibbogens. So möge tatsächlich der Schwibbogen einen Bogen spannen zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen.

"Freiwillig – aber nicht nur in der Freizeit" Autor: Gregor Ottersbach, aus: Kompass 11/2009

 

Freiwillig – aber nicht nur in der Freizeit

Über LoNo erreicht den vorgesetzten Soldaten die Information: Der Militärpfarrer lädt ein zum nächsten Gottesdienst.

Er schaut in seinen Terminkalender und den Org-Kalender der Dienststelle. Er verschiebt noch kurz durch ein Telefonat die in diesem Zeitraum angesetzte Besprechung um zwei Stunden. Dann trägt er den Gottesdienst in die Kalender ein. Er teilt seinem unterstellten Bereich die Gottesdienstzeit mit, damit keine weiteren Termine darauf gelegt werden und bittet um rege Teilnahme. Seine übergeordnete Führung informiert er über den Gottesdienst und seine Absicht daran teilzunehmen. Zuletzt bucht er beim Bw-Fuhrpark ein Kfz, damit er und die teilnehmenden Soldaten den Gottesdienstort erreichen können.

Er freut sich auf einen erkenntnisreichen, spirituell ansprechenden, frohen und lebensnahen Gottesdienst mit zahlreichen Teilnehmern und das anschließende Gespräch beim Kirchenkaffee. Ihm ist bewusst und er ist froh, dass der Dienstherr den Gottesdienst im Dienst erlaubt, ja wünscht, damit der Soldat zur Ruhe kommen, neue Gedanken für den täglichen Dienst fassen kann, angeregt wird durch Liturgie, Gottesdienst-Raum und Predigt und im Gebet Gott die eigenen Sorgen und Nöte sowie diejenigen der ihm anvertrauten Soldaten vortragen kann.

Dieser Bericht ist natürlich ein fiktiver Text. Aber er stellt beispielhaft dar, wie Soldaten mit der Vorbereitung auf Soldatengottesdienste umgehen könnten.

Wenn ich als Militärdekan auf zwölf Jahre Militärseelsorge zurückblicke, erkenne ich heute, dass es für den einzelnen Soldaten nicht einfacher geworden ist, den Gottesdienst beim Militärpfarrer aufzusuchen. Verschiedene Hürden müssen heute genommen werden, damit die eigene Besinnung und Lebensorientierung gefördert werden können, das Erleben von Glaubensgemeinschaft unter Soldaten erfahrbar wird und der Einzelne die Chance bekommt, in Gemeinschaft zu beten und zu singen.

Gerade die Gottesdienste scheinen aber in diesen bewegten Zeiten der Bundeswehr mit stets wechselnden Anforderungen, unterschiedlichen Interessen von Politik, Wirtschaft und internationaler Gemeinschaft und den Zeiten der Transformation innerhalb der Bundeswehr wesentlich zum Bild des Soldaten zu gehören. Denn Gottesdienste können erfahren werden als anforderungsfreie Räume, glaubensbestätigende und gemeinschaftsstärkende Orte, spirituell inspirierend und geistig lebendig erhaltend, ebenso als Möglichkeit zu klarer Hilfestellung und Orientierung bei dem nicht einfachen Dienst in den Streitkräften. Zeitweise ist es auch gerade die „Zweckfreiheit“ eines Gottesdienstes, die einen wieder neu inspiriert und ermutigt für den Dienst.

Solche Möglichkeiten darf der Soldat nutzen, denn darin tut er, ebenso wie beim Sport, etwas für seine Gesundheit – hier für seine seelische.

Klar geregelt

Besonders gilt hervorzuheben, dass Standortgottesdienste, zu denen keinem Soldaten die Teilnahme befohlen werden kann, während des Dienstes stattfinden, mithin nicht in der Freizeit, wie man es zeitweise hören kann. Leider gibt es immer wieder Vorgesetzte, die die entsprechenden Vorschriften nicht kennen und den Eindruck vermitteln, dass ein Standortgottesdienst außerhalb der Dienstzeit stattfände.

Mir scheint, dass der besondere Status des Soldaten gerade diese Form braucht, denn für die Berufung als Waffenträger, der sein eigenes Leben für Volk und Vaterland auch im Einsatz riskiert und selbst das Töten des Gegners nicht ausschließt, braucht es eine seelische Stärke, die zumindest auch durch den Gottesdienst gewonnen werden kann.

Haben wir als Christen immer wieder den Mut zu solchem Bekenntnis aus dem Glauben! Wir brauchen dabei Glaubende oder Nichtglaubende nicht vor den Kopf zu stoßen mit unserem Anliegen. Wir dürfen aber die außergewöhnliche Möglichkeit, die der Dienstherr aufgrund des besonderen Soldatendienstes bietet – vielleicht auch im Einsatz –, immer wieder nutzen, um die Segnungen und Impulse eines Gottesdienstes auch während der Dienstzeit zu empfangen.

Militärdekan Gregor Ottersbach,
Katholisches Militärpfarramt Köln I

"Maria – ein Mut machendes „Ja“ mitten im Alltag" Autorin: Angela Reusch, aus: Kompass 10/2009

 

Maria – ein Mut machendes „Ja“ mitten im Alltag

Ja, der Alltag hat uns wieder! Nach den Sommermonaten mit hoffentlich erholsamer Urlaubsphase stehen wir jetzt im Oktober wieder mitten in der täglichen Routine oder der Auseinandersetzung mit neuen Herausforderungen, sei es im Inland oder insbesondere in den Auslandseinsätzen.

Aber mitten in diesem „Oktober-Alltag“ lädt uns die Kirche ein, uns in besonderer Weise von einem Menschen begleiten zu lassen, dem weder Alltag noch Herausforderung fremd waren: von Maria, der Mutter Jesu. Mitten in ihren Alltag, in ihren Lebensraum hinein trat unerwartet der Engel Gabriel mit einem höchst ungewöhnlichen Auftrag Gottes: Durch sie wollte Gott Mensch werden!
Und Maria spricht ein klares und beherztes Ja zu Gottes Wort, das ihr utopisch scheinen musste. Ihre Antwort ist wohl das entscheidungs- und folgenschwerste Ja der Weltgeschichte.
Marias Glaube war niemals selbstverständlich, sondern stets ein Glaube, der sich durch alle Höhen und Tiefen einen Weg suchen musste: als ihr Sohn mit 12 Jahren eigene Wege zu gehen begann, als sie bei der Hochzeit zu Kana vor seinem Anspruch zurücktreten musste – bis hin zur Stunde von Golgota. Von ihr können wir immer wieder neu lernen, uns restlos und radikal dem Wort Gottes und seinem Tun anzuvertrauen in der Hoffnung auf seine Treue und Liebe.
Eine alte Gebetsform will uns dabei helfen: das Rosenkranz-Gebet. Gerade jetzt im „Rosenkranz-Monat“ Oktober lädt uns die Kirche besonders ein, dieses Gebet zu vertiefen oder neu zu entdecken.

Die „Gebetskette“

Das Rosenkranz-Gebet lebt von Wiederholungen. Die Tradition des Wiederholungsgebetes geht auf das dritte Jahrhundert zurück, in die Zeit der Wüstenväter. Durch die ständige Wiederholung der gleichen Worte beteten sie sich immer tiefer in eine Gebetshaltung hinein, in einen geistigen Raum, in dem nicht nur die Lippen beten, sondern mit den Lippen die Sinne, der Atem, das Herz.

Jedes Rosenkranzgesätz umfasst zehn „Gegrüßet seist du, Maria“, in deren Zentrum jeweils eine Begebenheit aus dem Leben Jesu bzw. seiner Mutter genannt wird. Indem ich Maria mit den Worten des Engels und ihrer Verwandten Elisabet grüße, nähere ich mich ihr innerlich und mit ihr nähere ich mich Jesus. Ich lerne mit Maria Jesus näher kennen und lasse mich von ihm verwandeln. Der vollständige Ablauf des Rosenkranzgebetes ist in unserem Soldatengebet- und -gesangbuch unter der Nr. 11 zu finden.

Von Geheimnissen und Gesätzen

Papst Johannes Paul II. fügte im Jahr 2002 den bisherigen drei Rosenkranz-Zyklen den lichtreichen Rosenkranz hinzu, so dass sich ein Viererrhythmus ergibt:
– In den „freudenreichen Geheimnissen“ überprüfen wir mit Maria das Fundament unseres Lebens. Wir sind von Gott angerufen und beschenkt. Wir sind aufgerufen, uns auf diesen Anruf mit unserem Leben einzulassen und aus dieser Gnade zu leben.
– Mit den „lichtreichen Geheimnissen“ folgen wir mit Maria Jesus nach auf seinem Weg von Galiläa bis in den Abendmahlssaal.
– Durch die „schmerzhaften Geheimnisse“ vertiefen wir uns mit Maria in das Leiden und Sterben Jesu, leben es mit und entdecken darin das Geheimnis von Gottes unendlicher Liebe.
– In den „glorreichen Geheimnissen“ schließlich bekennen wir uns mit Maria zum auferstandenen Herrn und zum Geist, der die Kirche leitet und vollendet.

Das Rosenkranzgebet ist ein zutiefst biblisches Gebet. Vielleicht wecken die Herausforderung und das Bemühen, Gott immer mehr Raum in meinem Alltag zu geben, in mir die Lust „auf mehr“ – mehr Vertrauen, mehr Mut und mehr Hoffnung!

Angela Reusch, Pastoralreferentin

"Saint-Maurice - mehr als nur gediegener Wintersport" Autor: Benno Porovne, aus: Kompass 09/2009

 

Saint-Maurice - mehr als nur gediegener Wintersport

Wer das Stichwort "St. Maurice" hört, denkt vermutlich zunächst an gediegenen Wintersport im Rhonetal, an teure Hotels und ausgelassene Après"Ski"Übungen. Nur wenige denken wohl auch an den hl. Mauritius (Gedenktag 22. September), der dem Ort seinen Namen gab. Der Ort war kurzzeitig Standort einer römischen Legion (ca. 6.000 Mann), die die "Thebäische Legion" genannt wurde. Sie sollte von Nordafrika nach Gallien verlegt werden, um dort eine bürgerkriegsähnliche Revolte niederzuschlagen. Zur Vorbereitung einer Schlacht gehörten im antiken Rom die öffentlich abgehaltenen Opfer vor Kaiser- und Götterbildern. Mauritius, ein bekennender Christ und Befehlshaber der Thebäischen Legion, verweigerte diesen Götzenkult. Das war eine lebensgefährliche Ungeheuerlichkeit, eine Befehlsverweigerung. Die Legion wurde daraufhin in einer Strafaktion dezimiert und geteilt. Ein Teil wurde in das schöne Rheinland abkommandiert in die heutigen Städte Köln, Bonn und Xanten. Die etwas ins Legendarische gehende Lebensgeschichte des heiligen Mauritius erzählt von einem Brief, den dieser an Kaiser Maximian Herkuleus geschrieben haben soll. Darin heißt es in einer über Jahrhunderte bleibenden Aktualität:

"Wir sind deine Soldaten, Kaiser; doch wir sind auch Soldaten Christi. (...) Du bezahlst uns die Mühen des Kriegsdienstes, doch er gab uns das Geschenk des Lebens. Niemals, Kaiser, können wir dir gehorchen, wenn er uns zu gehorchen verbietet. (...) Unsere Arme sind nicht die Arme von Henkersknechten, sondern die von Soldaten; sie verstehen es wohl die Feinde des Reiches zu bekämpfen, doch können sie nicht Unschuldige und Bürger töten. Um Bürger zu verteidigen, nicht um sie zu ermorden, haben wir die Waffen ergriffen. Was hält uns unter den Fahnen? Der Eid, den wir geschworen haben. Was würdest du sagen, wenn wir jenen Eid, der uns an Gott bindet, verletzten? Christus haben wir unseren ersten Eid geschworen, seine Soldaten waren wir eher als die deinigen. Unsern zweiten Eid haben wir dir, Kaiser, geleistet. Und nun, wenn wir die Gott gemachten Eide brechen, was bindet uns dann, jene zu bewahren, die wir den Menschen geschworen?"

Viele Soldaten dieser Legion wurden daraufhin getötet, auch ihr Chef Mauritius. Einige Mitstreiter des Mauritius, unter ihnen der hl. Gereon in Köln und die hl. Cassius und Florentius in Bonn, fanden auf ähnliche Weise den Tod.

An den Standorten Köln und Bonn hält die Katholische Militärseelsorge das Gedenken an die Soldatenmärtyrer mit feierlichen Soldatengottesdiensten wach.

Auch wenn manche historische Kontur dieser Männer im Legendennebel versunken ist (oder auch erst aus ihm entstanden ist), erkennbar und vorbildlich für uns bleibt bis heute: Sie haben in ihrem Dienst der Verbundenheit mit Gott erste Priorität eingeräumt. So bleibt bis heute gültig: Der eigenen Glaubens" und Gewissensüberzeugung ist nichts vorzuziehen.

Militärdekan Benno Porovne
Katholisches Militärpfarramt Bonn

"Urlaub – Zeit für mich und das, was wichtig ist" Autor: Achim Sasse, aus: Kompass 08/2009

 

Urlaub – Zeit für mich und das, was wichtig ist

Für die meisten von uns ist der Sommer die wichtigste Urlaubszeit des Jahres. Endlich mal wieder zwei, drei oder vier Wochen weg von allem, was stresst: Arbeit, Kameraden, Vorgesetzte. Zeit für die Familie haben. Zeit für mich haben. Unterwegs sein und was erleben. Oder mich entspannen und zur Ruhe kommen. Mich mit dem beschäftigen, wozu ich Lust habe und was mir gut tut. Seit vielen Jahren ist ja das „Wallfahren“ wieder „in“! Es verknüpft das eine mit dem anderen nach dem Motto: „Ich bin dann mal weg, um zu mir selbst zu finden!“ Die Soldatenwallfahrt nach Lourdes zum Beispiel. Oder wie wär’s mal mit Rom oder Jerusalem? Ganz groß im Rennen bzw. hoch im Kurs ist wieder die lange und strapaziöse Fuß- oder Radwallfahrt nach Santiago di Compostela in Galizien im Nordwesten Spaniens – DIE Wallfahrt des Mittelalters. Gegangen von seriösen Gläubigen und – als Buße – von Straftätern, ein monatelanges Himmelfahrtskommando ohne Rückkehrgarantie. Vor Jahren habe ich es selbst gewagt, zusammen mit einem Freund. Knapp 2.000 Kilometer ab Paris; und wo es mit dem Fahrrad möglich war: auf den alten und teils unbefestigten Wegen. Wer was auf sich hält, nimmt die alten überlieferten Pilgerstrecken. Für Nord- und Mitteldeutsche geht’s über Paris und Chartres. Vor allem die gotische Kathedrale in Chartres hatte und hat fast magische Anziehungskraft: die Architektur, das große Labyrinth im Fußboden, die beeindruckenden Rosettenfenster.

In solch einem Gebäude begegnet man einer anderen Welt: keine Hektik und alles voller Symbolik. Verstehen wir sie heute noch? Die meisten Menschen des Mittelalters konnten weder schreiben noch lesen und hatten keinen Zugang zu Literatur. Erfahrungen und Lebensweisheiten wurden anders vermittelt: Wer die imposanten Rundfenster mit einer Christusdarstellung in der Mitte betrachtete, wusste: Ich brauche eine tragende Mitte, sonst verliere ich mich selbst.
Wer den verschlungenen Wegen des Bodenlabyrinths folgte, erfuhr: Der Weg zur Mitte ist nie gerade; ohne die Richtung zu wechseln, komme ich nicht ans Ziel; ohne Umkehr bleibe ich gefangen; alles, was mir wertvoll ist, kann ich weder einfach noch schnell erreichen.

Heute gibt es unzählige Bücher über Selbsterfahrung, Meditation, Selbstheilungskräfte, Erlösung. Eigentlich auch schon wieder eine Reizüberflutung! Orte wie Chartres ermutigen dazu, mich selbst in den Blick zu nehmen, die Frage zuzulassen: Was ist eigentlich los mit dir? Was willst du eigentlich?

Denn: Stell dir vor, du gehst in dich und niemand ist da! Hab den Mut, den Rätseln deines eigenen Lebens auf die Spur zu kommen! Es lohnt sich. Du solltest es dir wert sein, denn du bist es Gott wert.

Pastoralreferent Achim Sasse

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Werde still
und finde heim
zu dir selbst.
Verzehre deine Kräfte nicht
im Lärm der Welt.
Es ist gut,
wenn du deine Arbeit tust,
deine Aufgaben
und Pflichten erfüllst –
und es ist wichtig,
dass du das gern tust.

Aber gehe nicht auf in dem,
was draußen ist,
sondern nimm dich
immer wieder zurück.
Sammle deine Gedanken,
versenke dich
in deine eigene Tiefe
und suche nach der Mitte
deines Wesens
und deines Lebens.

Von dieser Mitte her
wirst du den Maßstab finden
für das, was wirklich wichtig ist
für die Erfüllung,
für die Ganzheit deines Lebens.

Christa Spilling-Nöker, Werde still
© Verlag am Eschbach der Schwabenverlag AG, Eschbach/Markgräflerland

"Faszination Lourdes" Autor: Pater Andreas (Ludger Meyer), aus: Kompass 07/2009

 

Faszination Lourdes

Gerade ist die Wallfahrt nach Lourdes zu Ende gegangen. „Wie oft warst du eigentlich schon in Lourdes?“, wurde ich von vielen Teilnehmern gefragt. Dabei ging es nicht um den Rekord der Teilnahme, denn den könnte ich mit meinen 6 Wallfahrten eh nicht in Anspruch nehmen. Ich habe hinter der Frage eine andere gehört: „Warum fährst du so oft dahin?“ Stimmt: Warum bin ich nun schon zum sechsten Mal dabei gewesen? Sicherlich nicht aus dienstlicher Verpflichtung. Es gibt etwas, das mich anzieht, und ich versuche jedes Mal, dem auf die Spur zu kommen.

Rückblende: Als ich 2003 zum ersten Mal als Militärpfarrer mitfuhr, trieb mich eine Mischung aus Neugier und der Hoffnung, Vorurteile bestätigt zu bekommen, um.

Lourdes – damit verband ich alte Frauen, die besonders fromm sind und jedes Jahr einmal dahin fahren. War nicht meine Welt. Außerdem haben Wallfahrtsorte mit ihrem Rummel mich stets mehr abgestoßen als angezogen. Also versuchte ich, möglichst offen nach Lourdes zu fahren und eigene Erfahrungen zu machen. Und da ich „gewarnt“ worden war, habe ich mich beim ersten Mal im Hotel einquartiert. Sollte bequemer sein, besseres Essen und eine warme Dusche.

Was ich dann erlebte, war etwas ganz anderes. Das erste war Lourdes selbst. Den erwarteten Rummel gab es natürlich: Souvenirläden mit Gegenständen, die einfach grausig sind. Nepp an jeder Ecke. Aber dann die strikte Trennung. Nach Betreten des Heiligen Bezirks mit der Erscheinungsgrotte, den Kirchen, der Beichtkapelle ist Schluss damit. Da gibt es keine Läden oder Kioske. Dafür viele Orte, an denen ich mich niederlassen, ausruhen und sammeln kann. Zwar herrscht auch hier ein Geschubse und Geschiebe, weil sehr viele Menschen unterwegs sind, aber trotzdem gehen die Menschen achtsam miteinander um. Vor allem aber haben die Kranken überall Vorfahrt. Für sie gibt es eigens ausgerüstete Hotels. Zahllose Ehrenamtliche kümmern sich um sie. Sie werden in besonderen Wagen, einer Rikscha ähnlich, gefahren. Schwerkranke können liegend transportiert werden. Und in der Stadt gibt es eigene Fahrspuren für die Wagen der Kranken. Sie sollen vor allem zu den heiligen Stätten gelangen können. Die Gottesdienste und Gebetszeiten sind ganz besonders auf sie abgestimmt.

u den besonderen Orten in Lourdes gehört die Grotte. Hier ist vor mehr als 150 Jahren Bernadette Soubirous, ein 14-jähriges Mädchen, das in ärmlichen Verhältnissen lebte, der Gottesmutter begegnet. In diesen Begegnungen gab die Gottesmutter Botschaften mit auf den Weg: in der Erde zu graben – und es entsprang eine Quelle. Menschen sollten zum Gebet hierher an diesen Ort kommen – heute sind es mehr als sieben Millionen jedes Jahr. Und eine Kirche sollte gebaut werden – mittlerweile sind es drei große und zahllose kleine, die den Pilgern als Gottesdiensträume zur Verfügung stehen. Aber das sind für mich alles Äußerlichkeiten.

Immer mehr fasziniert mich, dass die Wallfahrt nach Lourdes Menschen bewegt. Ich habe so viele persönliche Begegnungen erlebt, bei denen ungeheuer viel passiert: Trauer zulassen und annehmen; das eigene Leben ehrlich anschauen und Veränderungen angehen, weil Vergebung geschenkt wird; offen werden für das Geschenk einer Partnerschaft; andere junge Leute im Gebet und im Gottesdienst erleben und merken: Ich bin nicht der einzige. Manchmal konnte ich hilfreich sein, das beschenkt mich.

Menschen finden den Mut aufzubrechen und ihren Weg zu gehen. Das ist das wichtigste.

Pater Andreas (Ludger Meyer)
Katholisches Militärpfarramt Ulm II

"Der Stein vor dem Grab" Autor: Rainer Stahlhacke, aus: Kompass 06/2009

 


Der Stein vor dem Grab

Wir stehen mitten in der Osterzeit und haben vielleicht noch die Ostergeschichten im Gedächtnis:
Zwei Frauen auf dem Weg zu Jesus, zu dem toten Jesus. Ihre Hoffnungen auf mehr Liebe, auf Freude am Leben, auf Gemeinschaft mit allen Menschen – ihre Hoffnungen, die sie mit Jesus verbunden hatten – mussten sie begraben. All das, was sie selber miterlebt hatten, hat nun seinen Sinn verloren. Jesus ist tot, er ist gescheitert, Gott hat nicht geholfen.

Bedrückt und traurig gehen die beiden Frauen zum Grab, um den Leichnam zu salben, wie man das damals tat. Sie überlegen, wie sie wohl diesen großen Stein, der vor der Grabhöhle liegt, zur Seite rollen können. Er ist zu schwer für sie. Sie können ihn nicht bewegen.
Ein Stein – er versperrt den Zugang zu Jesus. Und doch gehen sie und wissen nicht, wie sie den Stein bewegen sollen. Er ist wie eine Mauer zwischen ihnen und ihrem toten Freund. Vor dem Stein endet ihr Weg – das wissen sie.

Auch uns versperren Steine den Weg. Wir können nicht weiter. Der Stein, der das Grab verschließt – ist er nicht auch ein Symbol für die Blockaden, die uns am Leben hindern? Viele kennen das Gefühl, dass ein Stein auf ihnen liegt, der sie nicht leben lässt. Vielleicht hat der Stein einen Namen?
Vielleicht heißt er Angst: Wir haben Angst vor den Anforderungen, die das Leben an uns stellt; Angst, wie die Zukunft sich gestaltet. Angst, nicht genug leisten zu können, Angst vor der nächsten Beurteilung, Versagensängste. Angst vor dem Einsatz in einem uns unbekannten Land und davor, wie die Familie, der Partner die Zeit der langen, einsatzbedingten Trennung verkraften. Ja, manchmal liegen zukünftige Ereignisse wie ein Stein auf unseren Herzen.

Vielleicht heißt er Einsamkeit: Wir haben keinen Menschen, mit dem wir reden können, der uns ernst nimmt mit unseren Sorgen. Wir sehnen uns danach einen wirklichen Freund, eine Freundin zu finden. Wir kommen einfach nicht durch diese Mauer hin zu anderen Menschen.
Manchmal sind es aber auch Menschen, die wie ein Stein auf uns liegen. Sie haben Macht über uns. In ihrer Nähe können wir nicht frei atmen. Sie engen uns ein. Sie blockieren uns und verhindern wie ein Stein das Leben, das in uns aufblühen will.

Vielleicht heißt er auch Schuld: Wir haben etwas falsch gemacht, haben einem Menschen weh getan, ihn enttäuscht, wissen nicht, wie wir das wieder gut machen können. Der Ballast der Vergangenheit liegt wie ein Stein auf uns, der uns nicht leben lässt.

Steine die uns belasten, an denen wir schwer zu tragen haben; Steine, die zu Mauern geworden sind – um uns herum und zwischen uns und anderen Menschen.

Die beiden Frauen blicken auf: Der Stein ist weg! Sie hatten sich auf den Weg gemacht, obwohl alles aussichtslos erschien, obwohl sie nicht wussten, wie sie den Stein beiseite schieben können. Und nun: Der Stein ist weg! Der Gekreuzigte ist auferweckt worden. Nicht nur der Stein vor dem Grab ist beiseite geräumt, auch der andere schwere Stein, der ihnen auf dem Herzen lag und sie bedrückte, der Stein, der Angst hieß und Traurigkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, dieser Stein ist von ihren Herzen genommen.

Ostern – heißt das nicht auch für uns, dass Mauern fallen sollen, dass wir Steine ablegen können? Kann nicht erst dann auch für uns Ostern werden, wenn wir unsere Steine benennen und wenn wir Menschen finden, die uns helfen unsere Steine zu tragen, Mauern zu durchbrechen?

Ostern – das heißt: Wir können uns auf den Weg machen, auf den Weg zu anderen Menschen, die von Steinen erdrückt werden; ihnen tragen helfen, ihnen Steine abnehmen. Vielleicht erfahren sie dann – und wir mit ihnen –, wie Lasten leichter werden, wie Steine abfallen, wie Leben möglich wird.

Die Botschaft von Ostern will uns ermuntern, uns auf den Weg zu machen mit anderen Menschen und zu anderen, um gemeinsam Steine zu tragen und Orte zu finden, wo wir sie ablegen können. In der Auferstehung Jesu ist uns nicht nur Hoffnung auf ewiges Leben gegeben, sondern auch die Hoffnung auf neues Leben im Hier und Jetzt.

Rainer Stahlhacke

 

"Tod - Auferstehung - Soldat" Autor: Eberhard Gambietz, aus: Kompass 04/2009

 

 


Tod - Auferstehung - Soldat

"Für mich gibt es kein Weiterleben nach dem Tod! Ewiges Leben, Auferstehung, nein danke!"

Diese Aussage begegnet mir nicht selten. Wenn Sie auch so denken, dann denken Sie wie zwei Drittel der Bibel, wie das Alte Testament, wie die Israeliten zur Zeit Jesu, die gleichzeitig leidenschaftlich an Gott glaubten, für ihn kämpften, aber auch mit ihm stritten. Woher kommt plötzlich im Neuen Testament ein Glaube an die Auferstehung der Toten, der dem Alten Testament im Allgemeinen fremd blieb? Bei der Antwort auf diese Frage kommt der "Soldat" ins Spiel. Die vorchristlichen Juden mussten lange Zeit unter fremder Herrschaft leben, gegen die sie sich immer wieder erhoben und in langen Befreiungskämpfen einen hohen Blutzoll zahlten. Junge Männer mussten verfrüht sterben, begegneten der Sinnlosigkeit des Todes, ohne dass sie das Lebensziel eines Juden erreicht hatten: alt und lebenssatt zu sterben. Mit einem persönlichen Weiterleben nach dem Tod rechnete niemand. Aber mit dieser Ansicht begnügten sich viele Israeliten nicht mehr. War das wirklich alles für die jung gefallenen Soldaten, die für ein hohes Ideal ihr Leben geopfert hatten?

Verletzte, ja Gefallene gehören auch heute fast zum Alltag der Bundeswehr. In mir klingen immer noch die Fragen einiger Angehöriger nach, die im Bundeswehr-Zentralkrankenhaus in Koblenz die Frage stellten, warum die Gesundheit, ja das Leben junger Menschen geopfert werden. Vor uns stehen zerbrochene Lebensläufe.

"Pech gehabt", diese Antwort genügte den Juden damals nicht für ihre Gefallenen. Einige von ihnen erinnerten sich an die Zeit, als die Juden unter persischer Oberhoheit standen, deren Religion den Glauben an eine individuelle Auferstehung vom Tode für alle die enthielt, die im Kampf des Lichtes gegen die Finsternis für den Gott des Lichtes gekämpft hatten und starben. Für einen Teil der Juden wurde also der persische Auferstehungsglaube zu einer Antwort auf die Frage, was mit denen geschieht, die zu früh hatten sterben müssen.

Besonders während der Makkabäerkriege, der jüdischen Befreiungskriege, verfestigte sich die Überzeugung: Gott wird denen im Kampf für Freiheit und gegen den Götzendienst gefallenen Soldaten das verlorene Leben hundertfach ersetzen.

Aber nicht alle Juden teilten diesen Glauben. So gab es zurzeit Jesu im Judentum zwei Gruppen: Sadduzäer und Pharisäer. Die Sadduzäer glaubten nicht an eine Auferstehung der Toten und sagten, von ihr stehe nichts im Alten Testament - was auch stimmt. Die frommeren Pharisäer vertraten dagegen diesen Auferstehungsglauben.

Den Ursprung von ihm finden wir also nicht im frommen Wunsch eines lebensgierigen Egoismus, sondern in der Solidarität der Lebenden mit den Gefallenen, die um die volle Entfaltung ihres Lebens geprellt worden sind. Auferstehungsglaube wurde nicht für Leute erfunden, die hemmungslos leben wollen. Er ist ein Anruf, ja eine Forderung an Gottes Gerechtigkeit, dass die Ermordeten, Verhungerten und um das Leben Geprellten einen Ausgleich erfahren.

Auf diese Forderung hat Gott positiv geantwortet: Leben, ewiges Leben, Auferstehung. Einer hat diese Worte Gottes verbindlich ausgesprochen, jener, der selbst im Alter von etwa 33 Jahren ermordet worden ist, der sein Leben auch nicht in der Sattheit des Alters beenden konnte. Das Erstaunliche ist, dass er nicht sagt: "Es gibt eine Auferstehung", sondern: "Ich bin die Auferstehung und das Leben!" Die Antwort Gottes durch Jesus ist sein Signal, dass er sich nicht abgefunden hat, dass Gewalt und Mord das letzte Wort haben. Die Antwort Gottes durch Jesus ist außerdem keine billige Vertröstung auf ein besseres Jenseits, unterschiedslos ob man gut oder schlecht, ob man barmherzig oder grausam war. In ihr steckt zudem der Aufruf, einzutreten für die grundlegenden Menschenrechte, für das Recht, sein Leben vollenden zu können.

Wenn wir heute Gefallene unter unseren Soldaten beklagen, so hoffe ich, dass wir die Antwort Gottes für sie gelten lassen, dass er ihr Leben, das plötzlich endete, vollendet. Das ist ja die Osterbotschaft, dass Gott sich solidarisiert mit den zahllosen Opfern, die um ihre Lebensentfaltung gebracht worden sind.

"Ich bin die Auferstehung und das Leben!" Wenn dieses Angebot für uns gilt, dann ist Ostern auch für uns möglich, was ich uns allen wünsche.

Eberhard Gambietz,
Militärpfarrer im Nebenamt

"Betroffen - nicht ängstlich" Autor: Pater Thomas Bohne, aus: Kompass 03/2009

 

Betroffen - nicht ängstlich

Es verging in den vergangenen Wochen kaum ein Tag, an dem in der Öffentlichkeit nicht irgendetwas über Afghanistan, Bedrohungen und Gewalt oder über Folgen solcher Gewalt für Bundeswehrsoldaten mitgeteilt wurde. So beispielsweise mit den Spielfilmen "Willkommen zu Hause" am 2. Februar in der ARD oder "Nacht vor Augen", der noch in unseren Kinos läuft.

Es geht um Traumatisierungen von Soldaten nach schlimmen Ereignissen während ihres Afghanistan-Einsatzes, und es geht darum, wie solche Schrecken und Kriegsfolgen in unsere Familien und gesellschaftlichen Beziehungen hineinreichen und alles beeinflussen. In beiden Filmen kommen die Angehörigen und Freunde mit so einem Einbruch von Schrecken in ihre Welt nicht klar.

Es wird gezeigt, dass solche Ereignisse nicht einfach nur im fernen Afghanistan passieren, sondern dass wir auch in unserer vergleichsweise behüteten und heilen Welt nicht daran vorbeikommen. Am Schicksal der Soldaten und am Beispiel ihrer Erfahrungen im Einsatz lässt sich zeigen, dass die Problemfelder dieser Welt und eine oft katastrophale, unheile Welt von unserer heilen Welt nicht mehr fernzuhalten ist.

Es gehört inzwischen zu unserer deutsch-westlichen Wirklichkeit dazu, dass bedrohliche und Angst machende Lebenswirklichkeiten nicht mehr nur vor unserer Haustür stattfinden, sondern immer mehr in unser gepflegtes deutsches Haus eindringen und durch manchen Bundeswehrsoldaten plötzlich mitten im Wohnzimmer stehen.

Als Seelsorger werden wir oft gefragt, wie Soldaten mit solchen Traumatisierungen klarkommen. Ich frage inzwischen gern zurück: "Wie kommen Sie denn damit klar, dass katastrophale Welten immer mehr bei uns ankommen?" Da braucht man zunächst keine langen Diskussionen über Sinn oder Unsinn von Auslandseinsätzen zu führen, sondern es gehört inzwischen zu unserer gesellschaftlichen Realität, dass uns Probleme und Katastrophen dieser Welt immer mehr berühren, mehr als vielleicht noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

Als Seelsorger suche ich natürlich auch religiöse Antworten darauf und befrage manchmal die Heilige Schrift, wie ich aus biblischer Sicht auf dieses Phänomen antworten kann: "Ihr werdet von Kriegen hören, und Nachrichten über Kriege werden euch beunruhigen. Gebt acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere, und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen." (Mt 24,6-8)

Wie oft haben wir diese oder ähnliche Worte im Gottesdienst schon gehört; gerade am Ende des Kirchenjahres oder in der Advents- und Fastenzeit? Und weiter gefragt: Haben mich diese Worte berührt? Sind mir solche Ankündigungen von Not und Schrecken überhaupt nahe gegangen?

Die einfachste Antwort darauf ist natürlich: "Ja, wenn es in meiner Familie, in meinem Freundes- und Bekanntenkreis oder in irgendeinem persönlichen Bereich Vergleichbares gab." Mir hat eine gute Bekannte einmal gesagt, dass Sie während meines Afghanistaneinsatzes Nachrichten über Afghanistan oder Vorfälle bei Bundeswehrsoldaten mit ganz anderen Ohren gehört hat - auch hätte sie sich durch diese Nachrichten wesentlich mehr betroffen gefühlt. Wir brauchen also Betroffenheit, um Botschaften, um Texte, ja auch biblische Texte in uns eindringen zu lassen.

Der biblische Ruf in der Fastenzeit heißt: "Kehrt um!", "Bekehrt euch!" Gott scheint uns manchmal in unserer eingerichteten und heilen Welt Hilfestellungen geben zu wollen. Es scheint so, dass er uns durch manches betroffen machende Ereignis oder durch einen Bundeswehrsoldaten, der von einer Katastrophe betroffen wurde, die Umkehr zu dieser Welt leichter machen will.

Nehmen wir Einbrüche in unsere Welt nicht als Katastrophe, sondern als Möglichkeit, zu einer weithin realen Welt umzukehren. Und nehmen wir vielfältige, Angst machende Einbrüche als Anlass, um auf einen Gott zu schauen, der sich auf eine katastrophale Welt eingelassen hat.

"Wann haben Sie zuletzt in den Spiegel geschaut?" Autor: Bernhard Heimbach, aus: Kompass 02/2009

 

 

Wann haben Sie zuletzt in den Spiegel geschaut?

Mitte Januar wurde das Bundeswehr-Krankenhaus Berlin erfolgreich rezertifiziert. Nach 2006 die erste Nachuntersuchung. Drei Tage lang ging ein Prüferstab, bestehend aus einer Dame und lauter Herren im feinen Zwirn, von Abteilung zu Abteilung, um so das gesamte Krankenhaus nach vorgegebenen Kriterien auf seinen Qualitätsstandard zu prüfen. Bei den Verantwortlichen stieg der Adrenalinspiegel zum Teil gewaltig, andere sahen der Prüfung eher gelassen entgegen. Von der Abteilung QM (Qualitätsmanagement) war eigens ein Mitarbeiterstab mit der Vorbereitung dieser Maßnahme befasst worden; so manche Überstunde wurde geleistet, damit nach dem 15. Januar das Krankenhaus erneut das Qualitätszertifikat "rezertifiziert" tragen konnte.

Den Begriff dürfte heute zumindest jeder kennen, der entweder als Patient oder beruflich mit dem, was im Mittelalter als Spital ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Gegebenheiten zur Genesung der Kranken gegründet wurde, schon einmal zu tun hatte. Heute ist ein Krankenhaus genauso ein Wirtschaftsunternehmen wie jeder andere Betrieb auch, der schwarze Zahlen schreiben muss, will er auf Dauer seine Existenzberechtigung haben. Faktisch bedeutet das, dass die Bediensteten oft bis an den Rand der Belastbarkeit zu tun haben, damit die Patientinnen und Patienten trotz mancher nicht besetzten Stelle bestmöglich behandelt werden. Ohne sie gäbe es die Einrichtung immerhin nicht. Und sogar die Krankenhaus-Seelsorge gehört heute im "heidnischen" Berlin mit zu den Standards, die für die Rezertifizierung erfüllt sein müssen, weil ohne sie wichtige Dienste nicht mehr geleistet werden könnten. Zeit für ein Gespräch, in dem nicht selten schwierige Lebensfragen deutlich werden, haben die Pflegenden häufig nicht mehr.

Trotzdem:

Rezertifikation - was ist das und welche Bedeutung hat sie für uns?
Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (certus: sicher; facere: tun, machen) und bedeutet: bestehende Qualitätsstandards bestätigen lassen, von Neuem Sicherheit bekommen. Ein Krankenhaus kommt heute ohne regelmäßiges "Updaten" seiner Qualitätsstandards nicht mehr aus, will es mithalten im Konkurrenzkampf des Gesundheitssystems. Die stetige Suche nach Fehlern bzw. nach notwendiger Modernisierung ist immer wieder wichtig. Und nach erfolgreicher Rezertifizierung hat die nächste Prüfung drei Jahre Zeit.

Updaten, Rezertifizieren ist auch für jeden von uns wichtig. Kein Beruf kommt ohne regelmäßige Fehlersuche und Weiterbildung aus. Und, genauso wichtig: Auch als Mensch, als Frau und Mann, als Soldatin und Soldat, als Mama und Papa, egal in welcher Rolle wir uns sehen, brauchen wir eine solche Rezertifizierung. Mit einem Unterschied: Wir sind dazu eingeladen, aber nicht verpflichtet. Wenn wir uns dem nicht stellen, vermissen viele zunächst mal nichts. Und wir brauchen auch keine Sanktionen zu befürchten. Unser Schöpfer lädt uns aber ein, mit seiner Hilfe selber festzustellen, wann das für uns dran ist: zu schauen, wo wir etwas ändern sollten. Für manchen ist das gar nicht so einfach: Man hat keine Zeit, weil dies und jenes alles wichtiger ist. Man hat es möglicherweise durch die eigene Sozialisation auch nie gelernt. Gründe dagegen finden sich bei vielen schneller als Gründe dafür.

Ab Ende Februar sind wir alle wieder dazu eingeladen, sogar mit hinreichendem Vorlauf: Der Aschermittwoch als Beginn der Fastenzeit bietet dazu eine Möglichkeit. Mit Enthaltsamkeit von Überflüssigem, mit Fasten, schließlich damit, sich wieder (?) einmal Zeit zu nehmen für sich selbst oder den/die Partner/in. Im In-sich-Hineinhorchen, wo stehe ich jetzt eigentlich im Stress des Alltages, ist schon manchem etwas aufgegangen. Und die darauf folgende Änderung hat sich als fruchtbringend erwiesen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und den Mut zum Blick in den Spiegel. Es lohnt sich bestimmt!

Bernhard Heimbach, Pastoralreferent

"Von Bahnhofsvorstehern und Dienststellenleitern" Autor: Martin Klein, aus: Kompass 01/2009

 

Von Bahnhofsvorstehern und Dienststellenleitern

"Der Militärgeistliche ist in seiner Funktion als Dienststellenleiter für die ordnungsgemäße Verwaltungs- und Haushaltsführung seiner Dienststelle verantwortlich.“ (Vortrag Einführungskurs I)

Seit dem 1. November 2008 bin ich "Dienststellenleiter“. Was bei meiner früheren Tätigkeit als Gemeindepfarrer in Augsburg "Pfarramt“ genannt wurde, heißt nun, als Militärpfarrer in der Balthasar-Neumann-Kaserne Veitshöchheim, "Dienststelle“.

Die Worte Dienststelle/Dienststellenleiter beschäftigen mich. Irgendwie drängt sich in mir das Bild von einem Bahnhof auf und in meinen Gedanken entfaltet sich diese Metapher. Ich bin doch Pfarrer, Priester, Seelsorger, ein Mann der Kirche, Theologe, Hirte, Liturge ... und nun: Dienststellenleiter.

Als Leiter einer Dienststelle bewege ich mich in einer mir fremden Welt des Beamtentums, die sich mir noch erschließen muss. Rechte und Pflichten besonderer Art tun sich auf. Deswegen bleibe ich, gerade als Pfarrer, Priester, Seelsorger ... beim Bild des Bahnhofes.

Der Blick aus dem Fenster meiner Dienststelle geht zum Tor der Kaserne. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Laufe ich durch den Standort, so begegne ich Soldaten und Soldatinnen aus der ganzen Bundesrepublik. Beim Mittagessen in der Kantine entwickeln sich Gespräche mit Zivilangestellten über Gott und seine Welt. Es ist eben fast so wie auf einem Bahnhof: Menschen in ständiger Bewegung und Begegnung. Und ich als Pfarrer bin gleichsam in diesem Bahnhof nichts anderes als der Leiter der Bahnhofsmission.

Ich beobachte die Menschen, sehe, wie sich einige abschleppen und mühen mit ihrem Gepäck. Manche haben zuviel dabei und sind dankbar, wenn man sie von der Last befreit. Sie finden Kraft und können aufrecht und selbstständig weitergehen. Wieder andere machen es sich leicht, sie wollen schnell vorankommen, bleiben aber oft auf der Strecke liegen oder laufen ins Leere. Sie sind dankbar, wenn man sie auf wichtige Reiseutensilien hinweist, auf das, was sie scheinbar vergessen oder verloren haben.

Ein Teil der Menschen wiederum weiß gar nicht so recht, wohin die Reise gehen soll. Sie kennen weder das richtige Gleis noch den Zug. Sie werden nicht abgeholt, es steht niemand am Bahnsteig mit einer Blume in der Hand, keine Umarmung, kein "Hallo“, kein "ich hab dich vermisst“ oder "schön, dass du da bist“. Sie werden weder bemerkt noch erwartet. Sie sind scheinbar unsichtbar. Diese Menschen danken es einem, wenn man ein Stück des Weges mitgeht, da sich Richtung und Ziel oft beim Mitgehen aufschließen. Durch Aufmerksamkeit bekommen sie Ansehen, sie fassen Mut und finden nicht nur den Glauben an sich selbst, sondern auch an ihre Mitmenschen.

Auch ich als der Neue stand mit meinem Koffer auf diesem Bahnhof und bin umgestiegen. Vieles war fremd, ungewöhnlich und neu. Nicht wissend wohin die Reise geht, habe ich mich Menschen anvertraut, die diesen Weg schon gegangen sind. Da war mein Vorgänger an der Dienststelle. Er hat mir meine Unsicherheiten genommen und mir Mut gemacht. Frauen und Männer, für die ich nun da sein darf, haben mich freundlich aufgenommen und ihre Hilfe angeboten. Sie gaben mir ihr Vertrauen und die Gewissheit, dass ich auch Fehler machen darf.

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, hat der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber gesagt. Ich mache die Erfahrung: Unser Leben wird lebendig, wenn wir Begegnung zulassen. In den Begegnungen mit den Menschen erfüllt sich die Aufgabe eines jeden Christen: nämlich nächstenlieb zu sein, sich für den anderen zu interessieren, sich für ihn zu engagieren, fremde Meinungen zu tolerieren, um somit seinen eigenen Glauben zu manifestieren.

An diesem Punkt angekommen merke ich: Es macht keinen Unterschied ob Pfarramt oder Dienststelle, ob Gemeindepfarrer oder Dienststellenleiter in der Kaserne. Es geht immer um den Menschen. Und wenn es um den Menschen geht, geht es auch um Gott. Gott möchte für uns Partei ergreifen. Er will in unserem Innersten lesen können, wie es uns geht, welche Gedanken, Sorgen und Freuden wir haben. Er will uns heilen. So wird auch eine Dienststelle ein Ort der wirklichen Begegnung und Gotteserfahrung sein.

Militärpfarrer
Martin Klein, Veitshöchheim