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Weltfriedenstag 2018

„Migranten und Flüchtlinge: Menschen auf der Suche nach Frieden“, hat Papst Franziskus aus aktuellem Anlass seine Botschaft zum Tag des Friedens am 1. Januar 2018 überschrieben. Mit der Schwerpunktsetzung auf einen bestimmten Aspekt der Friedensthematik steht er in einer 50-jährigen Tradition, seit Papst Paul VI. im Dezember 1967 erstmals zum Gebet für den Frieden am Neujahrstag aufrief.

Im Januar-Kompass 2018 dokumentieren wir die Themen aller 51 bisherigen Weltfriedenstage sowie Auszüge aus der ersten und der aktuellen Botschaft dazu. Der Moraltheologe Professor Eberhard Schockenhoff (Freiburg) beantwortet ausführlich Interview-Fragen zum Friedensgebet, Prof. em. Ulrich Willers (Eichstätt) beschreibt das Gebet grundsätzlich und der Geistliche Botschaftsrat Monsignore Dr. Oliver Lahl (Rom / Vatikan) fragt, ob Beten ausreicht?

Interview mit Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Universität Freiburg

„Die Bitte um Frieden ist das wichtigste Anliegen, das alle Menschen zu Beginn eines neuen Jahres verbindet.“

 

Kompass: Alle Päpste seit Papst Paul VI., der erstmals am 1. Januar 1968 die Gläubigen in aller Welt und wohl auch alle Menschen guten Willens zu einem Gebet für den Frieden einlud, haben diese Tradition bis heute fortgesetzt. Am Beginn des neuen Jahres, dem Hochfest der Gottesmutter Maria, ist Weltfriedensgebetstag. Warum soll für den Frieden in der Welt und zwischen den Menschen eigentlich gebetet werden?

Professor Schockenhoff: Der Weltfriedenstag am 1. Januar ist inzwischen eine feste Institution, die weltweit große Beachtung findet. Die Bitte um Frieden ist das wichtigste Anliegen, das alle Menschen zu Beginn eines neuen Jahres verbindet. In ihr kommt zum Ausdruck, dass die Menschen nicht nur Bürger ihrer jeweiligen Völker und Nationen sind, sondern zugleich Teil der großen Menschheitsfamilie, wie es in kirchlichen Stellungnahmen häufig heißt. Die Einheit der Menschheit zeigt sich zunächst darin, dass von den großen Katastrophen und Bedrohungen, die das Überleben auf unserer Erde gefährden, inzwischen alle gleichermaßen betroffen sind, unabhängig davon, in welcher Weltregion sie leben. Deshalb sollte die globale Gemeinschaft aller Menschen in dem einen „Dorf“ der Erde auch im Positiven, im gemeinsamen Bemühen um den Erhalt des Friedens wirksam werden. Dafür steht der Weltgebetstag für den Frieden, der ja nicht nur als Aufforderung für Christen gedacht ist, sondern sich bewusst an alle Menschen in ihrer Rolle als Weltenbürger richtet.

 

Kompass: Reicht es Ihrer Meinung nach aus, für den Frieden zu beten und darauf zu hoffen, dass sich gleichsam alles von selbst zu aller Zufriedenheit erledigt? Also auf Gott zu vertrauen, dass er es richten wird?

Professor Schockenhoff: Lange Zeit war die Rolle der Kirche im Blick auf Krieg und Frieden gespalten. Einerseits betete sie auch nach Ausbruch eines Krieges um Frieden, andererseits begleiteten die Feldgeistlichen die Soldaten ihrer nationalen Armeen in den Krieg, segneten ihre Waffen und beteten für den Sieg. Dass christliche Friedensarbeit auch in aktiven Bemühungen um einen Friedensschluss und die Beseitigung der Kriegsursachen bestehen muss, blieb dabei unbedacht. Dadurch wurde auch der Sinn des Betens für den Frieden bis zur Unkenntlichkeit entstellt, ja geradezu ins Gegenteil verkehrt: Im Gebet konnte zwar das unsagbare Leid, das der Krieg über die Menschen brachte, in Worte gefasst werden, doch blieb es zumeist bei der ohnmächtigen Klage, die die in Gang gesetzte Kriegsmaschinerie und den Mechanismus des massenhaften Tötens nicht aufhalten konnte.

 

Unter allen biblischen Gebetsgattungen spielt die Klage zwar eine wichtige Rolle, doch verbindet sie sich immer mit dem Protest gegen das Unrecht und die Gewalt, unter der Menschen leiden. Der eigentliche Sinn einer an Gott gerichteten Bitte um den Frieden erfüllt sich erst dann, wenn die Betenden diese Bitte zugleich als Aufforderung an sich selber verstehen. In der Bitte artikulieren sie zugleich ihre Bereitschaft, sich Gott mit all ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten für sein Werk des Friedens zur Verfügung zu stellen. Die Aufforderung von Psalm 34,15 lautet denn auch: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“ Ebenso werden in der Bergpredigt diejenigen selig gesprochen, die Frieden stiften (vgl. Mt 5,9). Die Übersetzung als die „Friedfertigen“, die nur eine bloße Sehnsucht nach Frieden ausdrückt, ist zu blass. Das entsprechende griechische Wort meint wörtlich „den Frieden machen“ oder „den Frieden herstellen“; es entspricht dem englischen „peace building“, das einen umfassenden Friedensaufbau im Sinne einer gerechten internationalen Ordnung der Staatenwelt meint.

 

Die Friedensstifter sind also nicht nur fröhliche Blumenkinder, die von sich aus keinen Streit mit anderen Menschen suchen, sondern Menschen, die sich durch aktives Tun um Streitbeilegung und die Entschärfung von Konflikten bemühen. Dies beginnt im persönlichen Umfeld und setzt sich im politischen Einsatz für den Frieden fort. Es geht darum, die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden zu schaffen, indem Konfliktursachen beseitigt und Interessengegensätze auf prinzipiell gewaltfreie Weise überwunden werden. Die Stunde der Friedensstifter schlägt, wenn es darum geht, einen anfänglichen Friedenszustand durch aktiven Friedensaufbau langfristig zu sichern. Die Friedensstifter sind nicht nur durch das Fehlen von Aggressivität und innerer Feindseligkeit oder ihre Friedensbereitschaft gekennzeichnet, sie setzen sich vielmehr durch ihr leidenschaftliches Engagement für die Wiederherstellung und Bewahrung des Friedens ein.

 

Der Umstand, dass diese Bereitschaft in der Form eines an Gott gerichteten Gebets kundgetan wird, bringt das Wissen zum Ausdruck, dass alle menschlichen Friedensbemühungen vorläufig und unvollkommen bleiben. Die verbreitete Friedenssehnsucht unter den Völkern, die sich in der Bitte um Frieden artikuliert, bezeugt auch, dass der Friede als das Nicht-Selbstverständliche gilt; er ist ein stets gefährdeter, labiler Zustand, der jederzeit in Auseinandersetzung, Streit und Krieg umschlagen kann. In allem irdischen Frieden wird zugleich ein Vorschein des ewigen und göttlichen Friedens erhofft. Das biblische Wort Shalom meint etwas Allumfassendes, ein integrales Ganzsein und Heilsein der Menschheit als Gegensatz zu aller Entzweiung und Vereinzelung, aus der Streit und Gewalt hervorgehen. Indem Menschen für den Frieden beten, dem sie zugleich durch ihre aktive Friedensarbeit dienen wollen, bringen sie zum Ausdruck, in welcher Richtung der wahre irdische Friede, der ein Vorschein des göttlichen ist, sich auf Erden ausbreiten kann: Er beginnt in der Unterordnung des Menschen unter Gott, setzt sich in der daraus folgenden Einheit des Menschen mit sich selbst fort und schafft auf dieser Grundlage die Einheit der Menschen untereinander, die zur Basis eines dauerhaften Friedens werden kann. Das bekannte Wort des Theologen Johann Baptist Metz: „Je mystischer wir sind, desto politischer werden wir sein“, erweist seine Berechtigung auf keinem anderen Feld des gesellschaftlichen Einsatzes von Christen so sehr, wie im Bemühen um die Erhaltung und langfristige Sicherung des Weltfriedens.

 

An der zweiten Vaterunser-Bitte – um das Kommen des Reiches Gottes – lässt sich besonders gut ablesen, wie das Gebet um den Frieden und der aktive Einsatz der Betenden für ihn zusammenhängen. Wer um das Kommen des Reiches Gottes betet, stellt sich Gott selbst zur Mitarbeit an seinem Wirken in der Welt zur Verfügung. Er bittet darum, zum Dienst am Reich Gottes befähigt und als geeignetes Werkzeug in der Hand Gottes gewürdigt zu werden. „Mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens“, so lautet ein bekanntes Gebet, das die Logik dieser Indienstnahme für das Handeln Gottes in der Welt prägnant zum Ausdruck bringt. Denn Gott handelt nicht anders in der Welt als durch Menschen, die sich ihm für sein Wirken zur Verfügung stellen und die er zu ihrem Einsatz für die größere Gerechtigkeit, die im Reich Gottes herrschen soll, befähigt. Wer um das Kommen des Reiches Gottes bittet, gewinnt durch seine Bereitschaft zur Mitarbeit an Gottes neuer Welt zugleich ein neues Zeitbewusstsein: Er lebt noch in der Gegenwart, die oft durch verschiedene Formen persönlicher, struktureller oder auch kriegerischer Gewalt geprägt ist, und steht doch zugleich aufseiten der Zukunft, die mit dem Anbruch des Reiches Gottes beginnt. Der Friedensdienst der Christen lässt sich im Spiegel der großen Bitten des Vaterunsers und der Erhörungsgewissheit, zu der alles christliche Beten anleiten möchte, als eine Art Wette auf die Zukunft des Reiches Gottes verstehen, dessen Vorschein verborgen schon jetzt unter der Gewalt, dem Hass und der Friedlosigkeit der Menschen aufleuchtet.

 

Kompass: Welche politischen Initiativen der Staaten und Regierungen sind Ihrer Meinung nach heute angesagt, um dem Terrorismus in der Welt ethisch vertretbar und trotzdem wirksam zu begegnen?

 

Professor Schockenhoff: Wichtig wäre eine feierliche Verurteilung jeder Form terroristischer Gewalt durch die Weltgemeinschaft. Die eigentlichen Kriegstreiber sind heute ja nicht mehr die Staaten als Subjekte des Völkerrechts, sondern international agierende Terrorgruppen, die sich nicht an das völkerrechtliche Gewaltverbot gebunden fühlen. Zugleich müssten wirksame Maßnahmen der Staatengemeinschaft beschlossen werden, die auch die Duldung oder indirekte Förderung terroristischer Gewalt durch staatliche Organe oder staatliches Gewährenlassen untersagen. Ebenso müssten die Mitglieder der Staatengemeinschaft, die Opfer des internationalen Terrorismus werden, sich eindeutig zu den Selbstverpflichtungen bekennen, die sie in der UN-Charta für sich anerkannt haben. Es ist auf lange Sicht auch eine latente Gefährdung des Weltfriedens, wenn die führende Macht des westlichen Staatenbündnisses, die USA, die im vergangenen Jahrhundert so viel für die Demokratie, die Freiheit und den Frieden in der Welt geleistet haben, sich unverhohlen und offen von völkerrechtlichen Normen zur Gewalteindämmung verabschieden, deren Kodifizierung sie selbst nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges auf den Weg gebracht haben.

 

Kompass: Das letzte Hirtenwort der Bischöfe in Deutschland zu diesem Thema datiert auf das Jahr 2000. Unter dem Leitgedanken „Gerechter Frieden“ entwickeln die deutschen Bischöfe ihre Sicht nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation und der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands. Halten Sie es, knapp 18 Jahre nach der Verabschiedung, für an der Zeit und angebracht, dass sich die Bischöfe in Deutschland wiederum in einem Hirtenwort und mit Blick auf die neuen Herausforderungen und den damit einhergehenden (friedens-)ethischen Rahmen in den öffentlichen Disput einbringen?

 

Professor Schockenhoff: Die Zeit für ein neues Hirtenwort der Bischöfe zur Friedensethik wäre sicherlich reif. Es könnte allerdings kaum einen neuen Paradigmenwechsel kirchlicher Frie-denslehre ausrufen, wie dies vor zwanzig Jahren schlagwortartig durch den Wechsel von „gerechtem Krieg“ zum „gerechten Frieden“ geschah. Insgesamt hat sich heute eine größere Skepsis gegenüber der Möglichkeit der internationalen Staatengemeinschaft durchgesetzt, durch humanitäre Interventionen in Krisengebieten langfristig zum Friedensaufbau beizutragen.

 

Zugleich zeigen die weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen, wie wichtig es ist, die Krisenursachen dort, wo Kriege entstehen, zu beheben. Das Drei-Säulen-Modell einer nachhaltigen Friedensförderung, das aus dem Schutz der Menschenrechte als Folge der Schutzverantwortung der Völkergemeinschaft (responsibility to protect), der Förderung von demokratischen Regierungsformen (good governance) und gerechten Welthandelsbedingungen zur Überwindung der Armut in vielen Ländern besteht, ist als theoretischer Referenzrahmen einer zeitgemäßen Friedensethik nach wie vor in Geltung. Daneben ist durch den internationalen Terrorismus jedoch eine zweite Herausforderung entstanden, die es erforderlich macht, das Projekt des „gerechten Friedens“ und die als ultima ratio vorgesehene Option militärischer Kriseninterventionen zum Schutz der Menschenrechte neu zu justieren.

 

Zudem könnte ein bischöfliches Hirtenwort daran erinnern, dass eine alte Forderung der kirchlichen Friedenslehre, nämlich das Postulat einer umfassenden, allgemeinen und obligatorischen internationalen Schiedsgerichtsbarkeit, im gegenwärtigen Völkerrecht noch nicht in zufriedenstellender Weise umgesetzt ist. Solange es keine allgemein anerkannten Verfahren der friedlichen Streiterledigung gibt, werden internationale Konflikte immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Der Weg dorthin wird sicherlich noch sehr weit sein, da eine solche Schiedsgerichtsbarkeit mit einer effektiven Durchsetzungsvollmacht ihrer Urteile verbunden sein müsste. Aber wenn die Kirche ihre Stimme erhebt, soll sie ja auch einen langfristig gangbaren Weg aufzeigen, der das Fernziel einer internationalen Friedensordnung, alle zwischenstaatlichen Konflikte und Interessengegensätze auf gewaltfreie Weise zu lösen, erreichbar macht, immer mit dem Protest gegen das Unrecht und die Gewalt, unter der Menschen leiden.

 

Die Fragen stellte Josef König.

 

 

Professor Dr. theol. Eberhard Schockenhoff ist seit 1994 Lehrstuhlinhaber für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i. Br.; außerdem ist er seit 2001 Geschäftsführender Herausgeber der „Zeitschrift für medizinische Ethik“ und seit 2016 Präsident des KAAD (Katholischer Akademischer Ausländer-Dienst). 2008 bis 2016 war er Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Reicht das Beten für den Frieden aus? von Msgr. Dr. Oliver Lahl, Geistlicher Botschaftsrat, Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl

Wir sind versucht mit „Natürlich nicht!“ zu antworten. Es ist eine Frage, die ich in einem 1. Schritt mit einem abgewandelten Zitat des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt beantworten möchte: „Beten ist nicht alles, aber ohne Beten ist alles nichts.“ Wer Beten damit verwechselt, die (gefalteten) Hände in den Schoß zu legen, der wird sicherlich sagen, dass Beten nichts ändert. Beten hält keine Kugeln auf, bringt keinen Panzer zum Wenden und keine Drohne vom Kurs ab. Mein Beten allein bewahrt nicht vor dem Blutvergießen auf dieser Welt.

Wer hätte nicht das Bild des todkranken Papstes Johannes Pauls II. vor Augen, der am Fenster hoch über dem Petersplatz steht und flehentlich bittet und betet „Nie wieder Krieg!“ – und die Beteiligten hörten weg. Wie kommt es also zum 2. Schritt: Wie kann Beten ansteckend wirken? Sicher nicht automatisch. Man muss sich berühren lassen (wollen), damit es zu einer Massenbewegung wird. So wie sich bei der 68er-Bewegung eine Idee mehr und mehr Raum nahm. Andere erinnern sich an die Ostermärsche und die Menschenketten für Frieden und Abrüstung. Auch der Ruf „Wir sind das Volk“ klingt vielleicht noch im Ohr. Gebetstreffen wurden zum Ausgangspunkt einer friedlichen Revolution. Überzeugende Ideen wurden von Mensch zu Mensch getragen. Überzeugende Ideen trafen den Puls der Zeit. Menschen waren bereit, sich für diese Ideen einzusetzen – manchmal mit der Gefahr persönlicher Nachteile.

3. Schritt: Wie weiß man, dass eine Idee reif und ihre Zeit gekommen ist? Zwar singen schon Walther von der Vogelweide im 13. Jahrhundert und das deutsche Volkslied seit der Französischen Revolution, dass die Gedanken frei sind. Wenn sich aber die Idee des Friedens nicht durchsetzt, heißt das dann, dass ihre Zeit noch nicht gekommen ist? Dass diese Idee eben noch nicht auf fruchtbaren Boden gefallen ist?

Deshalb der 4. Schritt: Boden fruchtbar machen! In unserer technisierten und digitalisierten Welt keine leichte Aufgabe. Wer weiß denn noch, wie das geht, das Erdreich vorzubereiten, dass der Same gut aufgenommen und die Wurzeln gut genährt werden? Das Gebet „Herr, lass wachsen!“ bringt nichts, wenn der Boden steinhart und der Same noch im Karton ist. Es bringt auch nichts, dass man wohlformulierte Pläne ausarbeitet, wenn man anschließend die Hände (gefaltet oder nicht) in den Schoß legt. Gott lässt wachsen und das Wunder des Lebens ist in Gottes Händen gut aufgehoben. Und es steht uns gut an, dass wir im Gebet Gott dafür loben und preisen. Denn ohne das Gebet ist alles nichts. Aber, wie schon abgewandelt Willy Brandt wusste, das Gebet ist nicht alles. Das Gebet legt die Vollendung des Friedens in Gottes Hand. Der adventlich angekündigte und weihnachtlich verkündete Friedensfürst wird es wahrhaft richten. Diese Hoffnung dürfen wir haben. Diesen Glauben dürfen wir verkünden.

Aber es braucht auch des 5. Schritts: Der Frieden braucht Verbündete. Die Eingangssequenz von Stanleys Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ zeigt eindrücklich, dass es Menschen seit Jahrtausenden einfacher fällt, sich zu verbünden und Allianzen zu schmieden, wenn es in den Krieg geht. Friedensallianzen zu knüpfen scheint schwierig. (Schon die Verben „schmieden“ und „knüpfen“ lassen hierbei auf die Haltbarkeit schließen.) Soziale Netzwerke können dabei helfen, Gedanken zu verbreiten und tragfähige Netzwerke aufzubauen. Aber so wenig Beten alleine zum Frieden führt, wird das Drücken des „Gefällt-mir-Knopfes“ eine friedliche Welt hervorbringen. Dafür müssen wir die Hände aus dem Schoß nehmen. Zur wehrhaften Demokratie gesellt sich der wehrhafte Frieden.

Fast alle von uns haben auf deutschem Boden zu ihren Lebzeiten keinen Krieg erlebt. Und das ist gut so. Das darf aber nicht bedeuten, dass dies als Selbstverständlichkeit und als unveränderliches Naturgesetz gesehen wird. Die Feststellung, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, hat bei manchen Unverständnis, bei anderen sogar Hohn hervorgerufen. Wieso ist es aber so schwer, sich morgens beim Frühstückskaffee aus Kolumbien; beim Lesen der Nachrichten auf dem Tablet aus China – hergestellt mit Rohstoffen aus Afrika – klarzumachen, dass gerade meine Hose aus Bangladesch gerissen ist? Am Frühstückstisch ist die ganze Welt versammelt und bei den Themen Krieg und Frieden soll Deutschland eine Insel der Seligen sein?

Von daher ein 6. Schritt: richtig beten. Und ich meine jetzt nicht biblisch gegen jesuitisch gegen evangelikal gegen benediktinisch gegen wen oder was auch immer, sondern die Frage der Perspektive. Wenn ich mit Gott spreche, dann habe ich die ganze Welt im Blick. Und ich muss damit rechnen, dass er einen Plan mit mir hat. Denn beten reicht, wenn ich die Konsequenzen akzeptiere: weil es ja sein könnte, dass er antwortet und sich am Gespräch beteiligt.

Kompass Januar 2018

Kompass_01_2018.pdf

Die Ausgabe 01/18 beginnt mit Neujahrsgrüßen des Militärgeneralvikars und des Bundesvorsitzenden der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS). Die Berichte aus der Militärseelsorge widmen sich „Grenzüberschreitungen“, sei es in Norddeutschland, mit dem Friedenslicht zwischen Betlehem, Köln und Kabul, oder bei der Krisenprävention. Die einzelnen Rubriken betrachten, was wir zu verteidigen und zu fürchten haben, und sie werfen den Blick auf Rüstungsexporte und auf Gnade. Bei den Personalien geht es um neue Stellen, Ernennungen und Verabschiedungen. Nach vorne geht die Sicht auf die Sternsingeraktion im Januar und die 60. Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes im Mai 2018. Und wie üblich gibt es einen Film- und Buchtipp sowie das Preisrätsel.

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