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Auf ein Wort

In dieser Rubrik kommen regelmäßig Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger zu Wort. Sie äußern sich ganz persönlich zu Anlässen aus dem Kirchenjahr oder dem allgemeinen Jahreslauf und notieren Gedanken, die ihnen aktuell bei ihrer Arbeit als Militärpfarrer, Pastoralreferent oder -referentin gekommen sind.
In den Artikeln geben die Autorinnen und Autoren ihre Meinung über das jeweilige Thema wieder und regen zum eigenen Nachdenken an.

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"Advent bei den Soldaten" Autor: Romanus Kohl, aus: Kompass 12/2010

Sein Kommen wird uns schon im August mit Lebkuchen und Dominosteinen angekündigt. Wer nach dem Sommerurlaub bereits Lust auf die süßen Dickmacher hat, kann sich im Supermarkt gerne bedienen.
Für die Geschäftsleute reichen vier Wochen Advent nicht. Daher werden wir Verbraucher in eine mehrmonatige Sinnorientierungslosigkeit gestürzt. Da stehen Weihnachtssüßigkeiten zwischen Halloween-Gruselartikeln, Grabgestecke für Allerseelen und Totensonntag neben St.-Martins-Laternen. Hier im Supermarkt zeigt sich die Sinnentleerung par excellence. Ein Jahr, das durch christliche Feste und Zeiten strukturiert wird, ist Opfer von Wirtschaftsinteressen geworden. Am besten alles zu jederzeit und sofort. Der Advent mit seinem Charakter der Vorbereitung und des gespannten Wartens hat außerhalb einer Pfarrgemeinde wenig Platz in unserer Gesellschaft. 

Als Gemeindepfarrer ist in der Vorbereitung auf den Advent viel zu organisieren. Da ist das Vorwort für den Adventspfarrbrief zu schreiben; die Advents- und Weihnachtsgottesdienste vorzubereiten; für Adventskranz und später für Weihnachtsbäume zu sorgen; mit dem Küster über Kirchenschmuck und Krippenaufbau zu reden; Weihnachtsgeschenke zu kaufen und Weihnachtskarten zu schreiben; sich zu entscheiden, zu wie vielen Advents und Weihnachtsfeiern ich gehen will ... Hier könnten sicherlich noch einige Aktivitäten aufgezählt werden.

Aber wie sieht das Ganze in der Kaserne aus? Welches Gesicht hat der Advent unter Soldaten? Das mag sicher von Standort zu Standort unterschiedlich sein. Ich kann es für unsere Kaserne nur exemplarisch darstellen. Als Militärpfarrer muss ich mich auch um den Adventskranz bzw. um einen Weihnachtsbaum für die Kapelle in unserer Kaserne kümmern; ich gestalte den Schaukasten adventlich; bereite den Standortgottesdienst mit einem adventlichen Thema vor; lasse Weihnachtskarten drucken; besorge Weihnachtgeschenke für die „Diensttuer“ am Hl. Abend; mache Besuche in den Kompanien und verteile Weihnachtsgeschenke ... Aber der sonstige Dienstbetrieb geht hier in der Kaserne und auch bei mir als Militärpfarrer normal weiter. Für den eigentlichen Grundgedanken des Advents bei all den vorweihnachtlichen Aktivitäten und dem normalen Dienstbetrieb bleibt keine Zeit. Hier kann niemand inne halten und aus dem Alltag mal einen Gang zurückschalten.
Wie sollen wir den Soldaten vermitteln, dass der Advent geschenkte Zeit der Ruhe und innerer Einkehr ist? Wie sollen wir ihnen sagen: „Mach mal etwas langsamer und weniger“? Der Ausbildungsplan der Soldaten ist auch im Adventangefüllt. Es gibt auch im Dezember Biwak und Schießausbildung, Unterrichte und Einsatznachbereitung, Gelöbnis und Formalausbildung. Nur in der dritten oder vierten Adventwoche wird es auch bei uns am Standort ruhiger. Manche Kompanien veranstalten Weihnachtsfeiern oder schicken die Soldaten bereits in den Weihnachtsurlaub. Wenn ich durch die Kaserne gehe, sehe ich hier und dort einen Weihnachtsbaum oder weihnachtliche Dekoration. Der Advent ist auch bei uns am Standort eine vorverlegte Weihnachtszeit. Wenn nach Weihnachten in der ersten Woche des neuen Jahres der Dienstbetrieb wieder beginnt, ist keine Zeit mehr für einen Gedanken an die Botschaft des Weihnachtsfestes; dass Gott in seinem Sohn Jesus Christus für uns Mensch geworden ist. Ein Mensch unter Menschen. Dazu möchte mich der Advent einladen. Gott wird für dich Mensch. Öffne dich für diese Botschaft! Gib Gott die Möglichkeit bei dir ankommen zu können! Schaffe ihm Raum in deinem so hektischen Alltag! Manchmal ist das ein frommer Wunsch. Der Advent will uns aber jedes Jahr neu dazu einladen, es wieder zu versuchen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne und ruhige Adventszeit. Ein fröhliches Weihnachtsfest und Gottes Segen für das neue Jahr!

Romanus Kohl ist Militärpfarrer im Katholischen Militärpfarramt Seedorf

"Lichtpfeiler im Dunkel des Lebens" Autor: Franz Eisend, aus: Kompass 11/2010

Da sind sie wieder, die Novembertage. „Blätter fallen ... als welkten in den Himmeln ferne Gärten“, so lyrisch, wie Rainer Maria Rilke den Herbst beschrieben hat, so wichtig war ihm auch der Hinweis auf die eigene Vergänglichkeit: „Leben weht immer“, wir alle fallen wie die Blätter, wir alle gehen durch den Herbst des Lebens unweigerlich dem Tod entgegen.
Seit Jahrtausenden stellen sich Menschen die Frage, ob mit dem Tod alles vorbei ist. Für uns Christen stellt sich diese Frage so nicht, denn mit Jesus Christus wurde dem Tod der Stachel gezogen, so der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther (15,55). Novembertage sind Gedenktage. Allerheiligen, Allerseelen, der Ewigkeitssonntag, auch der Volkstrauertag gehören zu den „Stillen Tagen“. Aus wahrlich tiefem Grund hat sich im Christentum eine Kultur des Totengedenkens entwickelt. Jedes Jahr gehen wir Katholiken gerade in diesen Tagen auf die Friedhöfe, um unserer Verstorbenen zu gedenken und durch die Verehrung der Heiligen unseren Glauben zu stärken, um die Erinnerung an Vergangenes hervorzuholen. Erinnerung heißt hier Erlösung. Wir spüren am Grab die Trauer vielleicht ganz unmittelbar, werden zugleich auf die eigene Endlichkeit zurückgeworfen. Was aber steckt dahinter? Macht ein Gebet für unsere Toten Sinn? Was bedeutet der christliche Glaube von Tod und Auferstehung?

Für uns, die wir zurückbleiben, beginnt mit dem Verlust, mit der Trauer oft ein neuer, ein schwerer Weg zurück ins Leben. Gerade am Grab kann so auch die Kurzform der Frohen Botschaft, das Vaterunser-Gebet, zur vortrefflichsten Schule unserer Hoffnung auf ein ewiges Leben in Gott werden. Die Erfahrung zeigt, dass Rituale dabei helfen, auch das Unaussprechliche, die Lebensangst zu bewältigen. Es ist wichtig, dass wir uns in unserer schnelllebigen Zeit eine gute Gedächtnis- und Totenkultur bewahren. Mehr noch, ich bin davon überzeugt, dass es für die Menschen, die einen Verlust zu betrauern haben, bei denen eine Beziehung zu Ende gegangen ist, wichtig ist, im Vertrauen auf Gott etwas zu finden, das Halt gibt: einen Ort, an der Trauer zum Ausdruck kommen kann, ein Buch, dashilft, einen Heilungsprozess in Gang zu setzen, ein Gebet, das verhindert, dass die letzte Hoffnung erlischt.

Gemäß dem Wort Jesu vom Weizenkorn, das in die Erde fallen und sterben muss, damit es nicht allein bleibt, ist es daher für uns alle lebensnotwendig, sich mit der eigenen Begrenztheit auseinander zu setzen. Nur ganz im Vertrauen auf Gott können wir im Hier und Jetzt das Geschenk des Lebens in tiefer Dankbarkeit annehmen. Gott lässt die Menschen, die er liebt, nicht fallen. Das tröstende Wort „Niemand fällt tiefer als in Gottes Hand“ kann so zur sprudelnden Quelle für unser eigenes Leben und auch gerade für das Miteinanderleben werden.

Wir alle leben in seiner Gegenwart, ruhen in seinem Frieden.

Als ich kürzlich wieder mal ein Buch von Albert Schweitzer zur Hand nahm, konnte ich sehr gut dessen Gedanken zum Leben mit den meinigen verbinden, denn auch der berühmte Arzt und Theologe hatte sich Zeit seines Lebens mit der Frage befasst, welchen Platz der Mensch in der Schöpfung einnimmt. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ So schlicht der Satz auch klingt, er beinhaltet eine gar nicht so selbstverständliche Basis, um weiter zu denken ... Leben mit Achtung bedenken, Menschen in ihrer Einmaligkeit entdecken … Nicht das Recht des Stärkeren, das so oft in unseren heutigen Tagen betont wird, ist es, das menschliches Leben anscheinend fördert und würdevoll erhält. Nein, vielmehr sind es demokratisch gewachsene Lebensformen, die das Schlüsselproblem der Gewalt immer besser unter Kontrolle zu bringen vermögen. So gesehen könnte sich die ganze Menschheit durchaus zu einer „Solidargemeinschaft der Sterblichen” entwickeln und dann mittels gerechten Friedens gesellschaftliche Grundlagen dafür schaffen, damit alle Menschenkinder dieser einen Welt zu einem der Liebenden” zusammenzuwachsen können. Denn der Tod ist, wie es der Erfurter Bischof Wanke einmal sagte, „nicht das Fallen in ein dunkles, tiefes Loch, sondern das Tor zum Licht und zum Leben.“ Das Leben, so auch der Theologe Albert Schweitzer, das einzig Wichtige in ihm, sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir weggehen. Vertrauen wir also ganz der urgründigen Weltformel des Völkerapostels Paulus: Hoffnung, Glaube und Liebe – orientieren wir uns an den drei Lichtpfeilern des Lebens. Ohne sie hätte sich schon so manch ein Mitmensch im Dunkel seines Lebens in die totale Verzweifl ung hinein verirrt und dann auch sehr schnell sich und andere und damit auch die Menschheit in uns leichtfertig aufgegeben.

Pastoralreferent Franz Eisend, Katholisches Militärpfarramt Erfurt

"Menschen sind unterwegs" Autor: Michael Waldschmitt, aus: Kompass 10/2010

Zwei Veranstaltungen in der letzten Zeit gehen mir noch stark nach. Zum einen die Internationale Lourdeswallfahrt und die Jakobuswallfahrt nach Santiago de Compostela.
Menschen begeben sich auf einen Weg, auf einen oft unbekannten Weg und machen
ganz unterschiedliche Erfahrungen.
Erfahrungen, die sie sonst nicht gemacht hätten. Zur Soldatenwallfahrt nach Lourdes bin ich mit 13 Pilgern aufgebrochen. Die meisten davon sind zum ersten Mal auf einer Pilgerreise. Es ist schön zu sehen, wie die Gruppe im Laufe des Unterwegsseins zusammenwächst.
Die Bedenken, soweit sie vorhanden waren, sind schnell vergessen, weil die Gesellschaft ihnen Halt und Orientierung gibt. Die Äußerung eines Teilnehmers bestätigt diese Meinung, wenn er sagt: „Schade, dass nicht mehr Kameraden diese Erfahrung machen.“ Dies zeigt mir ganz deutlich, wie wichtig so eine Erfahrung der Wallfahrt für die Teilnehmer ist.
Menschen begeben sich auf eine Wallfahrt, um neue Eindrücke, neue Menschen,
neue Lebensweisen zu erfahren. Der eine oder andere nimmt auch eine Kurskorrektur in seinem Leben vor in einem persönlichen Gespräch oder bei einer Beichte. Welch ein beglückender Augenblick für den Wallfahrer wie auch für den Priester!
Wallfahrten haben eine lange und gute Tradition. Schön, dass diese Form des
Unterwegsseins neu entdeckt wird und für jeden eine Chance bietet dabei zu
sein: dabei zu sein beim Unterwegssein.
Und hier gilt es Pausen einzulegen, um zu schauen: Wo will ich hin und wo stehe
ich im Moment? Diese Erfahrung wünsche ich einem jeden von uns. Es ist eine Bereicherung für mich und für die, die mit mir unterwegs sind.

Militärpfarrer Michael Waldschmitt,
Katholisches Militärpfarramt Husum

"Was wären wir ohne unsere Arbeit" Autor: Thomas Glöckl, aus: Kompass 09/2010

Wer einen schönen Urlaub erlebt hat – vielleicht ein bis zwei Wochen am Meer oder in den Bergen, bei einer Rundreise oder irgendwo im Ausland – und dabei richtig vom Alltag mit seinen vielen Kleinigkeiten Abstand gewonnen hat, braucht danach einige Zeit, um wieder in den gewohnten Arbeitsrhythmus hineinzufinden. Sie kennen dieses Gefühl, wenn in der ersten Arbeitswoche das morgendliche Aufstehen schwerer fällt als sonst und der Termindruck und die Vielzahl der Aufträge am Arbeitsplatz doppelt belasten. Hatte man im Urlaub die Langsamkeit und „die Seele nachkommen lassen“ als hohen Wert für sich neu entdeckt, so gilt es jetzt, die innere Geschwindigkeit wieder zu erhöhen, damit man wieder Schritt hält. Die üblichen Ratschläge, um den Übergang vom Urlaub in die Arbeit besser zu schaffen, können sein: sich ein bis zwei Tage Zeit lassen zum Hineinfinden; ausreichend Schlaf; gesunde Ernährung; Sport; Selbstdisziplin zur Überwindung des inneren Entspanntseins nach dem Motto „was muss, das muss“.

Alles hat seine Zeit

Im Alten Testament findet sich im Buch Kohelet in Kapitel 3,1–9 ein passender Text: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ Der Weisheitslehrer Kohelet beschreibt darin das Leben als eine Abfolge von unterschiedlichen emotionalen Ereignissen. Und weil alle Menschen, die „unter der Sonne leben“ davon betroffen sind, kennt jeder diese Spannungen zwischen unterschiedlichen Seelenlagen. So gesehen bilden der Urlaub mit der Möglichkeit zum Ausruhen und die Arbeit mit der Forderung nach Leistung eine Einheit. Erholung und Arbeit zusammen bilden das große Ganze. Nur Leistung überfordert und lässt uns ausbrennen (burn out). Ein Leben lang Urlaub würde uns verdummen und verkümmern lassen.
Ich glaube, man sollte sich nach dem Urlaub den Wert der eigenen Arbeit neu bewusst machen. Arbeit ist nicht nur bezahlte Tätigkeit oder Erledigen von Aufträgen, sondern immer auch ein Einbringen der eigenen Persönlichkeit. Man macht sich Gedanken und versucht effektive und gute Arbeit hinzubekommen. Man arbeitet mit anderen  zusammen, tauscht sich aus, erfährt Neues und lernt dazu. Soziale Kontakte entstehen und man nimmt in gewissem Maße auch Anteil am Leben der anderen. Die Arbeitskollegen werden so auch zu Bekannten.
Ein Arbeitsuchender sagte einmal zu mir: „Nach der Freistellung aus unserer Firma vermisse ich vor allem meine Kollegen. Wir hatten ein gutes Verhältnis, selbst als der Stress uns häufi g jagte. Ich hätte so gerne wieder meinen alten Job zurück.“

Der Wert der Arbeit

In der Katholischen Soziallehre (Enzyklika „Laborem exercens“ Nr. 24–27) hat die menschliche Arbeit sogar eine religiöse Dimension. Arbeit ist Teilhabe am Schöpfungswerk Gottes. Als Ebenbild Gottes ist der Mensch dazu berufen, schöpferisch tätig zu sein. Arbeit (hebr. abad, dienen und arbeiten) wird als Dienst an Gott, Mensch und Schöpfung verstanden. Auch Jesus, der Zimmermannssohn, wird als Arbeiter charakterisiert. In einem „Evangelium der Arbeit“ wird Arbeit als wesentlicher Teil der menschlich-personalen Selbstentfaltung gepriesen. So wünsche ich Ihnen bei Ihrer Arbeit ein möglichst hohes Maß an Zufriedenheit!

Zum Autor: Thomas Glöckl ist Pastoralreferent, Katholisches Militärpfarramt Pöcking

"Träume wahr werden lassen und sich erinnern" Autor: Alois Berzl, aus: Kompass 07-08/2010

Träume wahr werden lassen und sich erinnern

Sommerzeit, Ferienzeit, die schönste Zeit des Jahres, Zeit, die Beine hochzulegen, Zeit, die Seele baumeln zu lassen. Ausspannen, erholen oder einfach nur mal wieder Zeit für sich und seine Familie haben. Viele Erwartungen und Wünsche verbinden wir mit den Sommermonaten und der Urlaubszeit. Nach den Anstrengungen der Arbeitswochen tut es gut, wenn man endlich in den wohlverdienten Urlaub gehen kann, um dann all das nachzuholen, worauf man bisher verzichten musste.
Dabei muss man allerdings aufpassen, sich nicht zu viel vorzunehmen: möglichst viel erleben, möglichst viel genießen zu wollen, am besten gleich alles auf einmal. Auf diese Weise wird dann aus einem erholsamen Urlaub und einer Zeit der Entspannung eine genauso große Belastung, als ob man noch mitten im Beruf stünde. Weil man ja die neueste Attraktion im Ferienpark, oder die neue Achterbahn, oder … verpassen könnte. So wird dann im Urlaub genauso atemlos und gehetzt hinter der Erholung hergejagt wie in der Arbeit. Der gewünschte Effekt, nämlich gut erholt, erfrischt und gestärkt wieder in den Alltag zurückzukehren, geht allerdings dabei verloren.

„Sommermärchen“?

Aber wie kann ein Urlaub wirklich Erholung bringen? Was verschafft einem Ruhe, was füllt die Batterie wieder auf, wie man so sagt? Vielleicht ist es für den einen – gemeinsam mit der Familie –, in aller Ruhe das Frühstück vorzubereiten, so etwa um 10:30 Uhr? Oder die Lieblingsfilme bei Kerzenschein und einem Glas Wein wieder einmal anzuschauen, mit einem genügenden Vorrat an Papier-Taschentüchern? Oder die ganze Familie ins Auto zu laden und zu einem Überraschungspicknick beim Public-Viewing aufzubrechen, vorausgesetzt natürlich, die deutsche Nationalmannschaft schafft wieder ein Sommermärchen, wie vor vier Jahren.
Das könnte sogar ein gutes Motto für den Sommerurlaub sein, ein ganz persönliches „Sommermärchen“ erleben; für sich selbst, für seine Familie. Warum eigentlich nicht einen Traum wahr werden lassen, etwas tun, was man auf die lange Bank geschoben hat? Ich denke, jedem von Ihnen fällt dazu etwas Besonderes ein, etwas, wovon Sie schon lange geträumt haben, aber bisher nicht den Mut oder die Zeit dazu hatten. Nutzen Sie diese Zeit! Jetzt ist die Zeit dafür! Um sich dann, wenn der Alltag wieder eingekehrt ist, an Public-Viewing, ein gutes Glas Wein oder das späte Frühstück zu erinnern.

So wünsche ich Ihnen eine gute, erholsame Urlaubszeit, und viele gute

Erinnerungen daran im Alltag!

Militärpfarrer Alois Josef Berzl

Deutsches Katholisches Militärpfarramt Belgien/Frankreich (Shape)

"Ihr da oben seid nützlich für die unten …" Autor: Dr. Anton Tischinger, aus: Kompass 06/2010

Bei der Suche nach einer geistlichen Lesung stieß ich auf Briefe und Abhandlungen des großen „Reformators“ Bernhard von Clairvaux. Seine Briefe und Abhandlungen über die Stellung des Abtes in einem Kloster haben es mir angetan. Zum Hintergrund: Wir sind im 12. Jahrhundert – es ist eine Zeit des klösterlichen Niedergangs und zugleich eine des Neuanfangs. Bernhard – noch sehr jung – sieht in der Disziplin und der Konzentration auf das mönchische Regelwerk den eigentlichen Reformansatz. Deshalb wird er zu Recht auch als der „zweite Gründer“ des Zisterzienser-Ordens bezeichnet. Der Erfolg gibt ihm Recht: Viele junge Menschen schließen sich seiner Ordensgemeinschaft an und in kürzester Zeit entstehen rund dreißig neue Klöster. Bereits mit dreißig Jahren wird Bernhard selbst zum Abt gewählt. Zurück zu seinen Briefen. Dem Heiligen wird darin folgender Kernsatz in den Mund gelegt: „Ihr, die ihr oben sitzt, sollt nützlich sein für die da unten, und ein Herrschen soll es unter euch nicht geben!“ Achten wir einmal nicht auf die zeitlichen Umstände oder die alte Sprache – der Kernsatz bleibt gültig. Ich finde, er enthält einen wunderbaren Gedanken, den auch ein Coach oder Supervisor von heute nicht besser ausdrücken könnte. Und: Dieser Satz kann in Richtung unterschiedlicher Beziehungen bedacht werden.

In unserem Bereich kann er sich auf die militärische Hirarchie, die Militärseelsorge und hier zum Beispiel im engeren Sinn auf die Pfarrhelferinnen und Pfarrhelfer bzw. auf die Militärpfarrer beziehen. Und zwar nicht in der Form, wie wir es üblicher Weise kennen. „Wie kann der Pfarrhelfer, die Pfarrhelferin, der Untergebene den Pfarrer, den Vorgesetzten unterstützen?“ Heute soll die Frage umgekehrt im Sinne des Bernhard von Clairvaux lauten: „Wie können wir Leitenden für euch, die Mitarbeiter, nützlich sein?“ „Seid ihr da oben nützlich für die unten!“, so fordert es jedenfalls Bernhard. Die Frage, die wir uns z. B. als Pfarrer stellen sollten: „Wie nützlich sind wir Pfarrer für euch, die Pfarrhelferinnen und Pfarrhelfer, also wie können wir helfen, eure Arbeit zu erleichtern?“ Was haben wir zu tun, dass eure Arbeit für euch selbst erfüllender und im Sinne der Seelsorge „effektiver“ wird …

Was kann hier Nützlich-Sein heißen? Es kann ja nicht bedeuten, dass wir für andere die Arbeit machen! Nützlich sein kann ich als Pfarrer für die Mitarbeiter, wenn ich Vereinbarungen einhalte und nicht heute so und morgen so entscheide. Nützlich sein kann bedeuten, dass ich wahrhaftig bin. Nützlich sein für die Mitarbeiter könnte heißen, dass ich als Pfarrer meine Termine einhalte, rechtzeitig komme und meine Anliegen mit ihnen abspreche. Nützlich sein könnte für sie heißen, dass der Pfarrer sie nicht im Regen stehen lässt und dass er auch einmal öffentlich erwähnt, was sie geleistet haben.

Das sind nur einige Anregungen. Überlegen Sie doch einmal für Ihren Bereich, was das für Sie bedeuten könnte. Oder setzen Sie sich einmal mit Vorgesetzten und Untergebenen zusammen und Sie werden einige Punkte finden: wie der Pfarrer, der Vorgesetzte Ihnen nützlich sein kann.

Dieser Kerngedanke des heiligen Bernhard lässt sich auch auf vielen anderen Ebenen durchdeklinieren – aber das will ich hier nicht tun. Ein Satz war für den heiligen Bernhard ganz klar und er gilt auch heute lückenlos: „Ein Herrschen soll es unter euch nicht geben!“

Militärpfarrer im Nebenamt Dekan i.K. Dr. Anton Tischinger,
Katholisches Militärpfarramt Neubiberg

"Christen weltweit" Autor: Hans-Tilman Golde, aus: Kompass 05/2010

Das Wort „Ökumene“ bezieht sich auf die Kirche, einen Begriff, der von „kyriake“ (dem Herrn gehörend), oder von „ekklesia“ (die Gemeinschaft der zur Nachfolge Herausgerufenen) abgeleitet ist. Diese „Kirche“ Christi Jesu ist nun in der ganzen „Oikoumene“ (von oikos = Haus), d. h. in der „ganzen bewohnten Welt“, also „weltweit“ verbreitet. Der gleiche Wortsinn steckt hinter dem Begriff „katholisch“, der von „kat holos then gen“ (auf der ganzen Welt), also ebenfalls „weltweit“, kommt. Letztlich könnte man sagen: Es gibt weltweit Christen. Das ist die Ökumene. Wenn wir uns heute, im Jahre des Herrn 2010, umschauen, stellen wir fest, dass es eine Vielzahl von Kirchen und Gemeinschaften gibt, die sich im Laufe der Geschichte aus unterschiedlichen Gründen verselbstständigt haben, Unterschiede aufweisen und auf diesen auch beharren. Umgekehrt gibt es auch die Gegenbewegungen in Richtung Gemeinsamkeit, Vereinigung, Einheit. Warum?

Spaltung und „Wiedervereinigung“

Die Ursache ist im Willen und Vermächtnis Jesu zu suchen (vgl. besonders Joh 17,20–23): Dass alle eins seien, ist Jesu größtes Anliegen an den Vater und zugleich sein Auftrag an uns. – Aber kommen wir ihm nach? Von kleinlichen Bosheiten bis hin zu durchaus notwendigen Abgrenzungsüberlegungen reicht die Palette der Streitfragen. Das kannten schon die Jünger zu Jesu Zeiten (Mk 9,38–40): „Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. …“ Wie sich praktisch jeder Mensch vom anderen unterscheidet, so gibt es auch örtliche und regionale Unterschiede. Andere Akzente werden gesetzt und es gibt verschiedene Traditionen. Differenzierungen bleiben nie aus in der Geschichte einer Bewegung. Gleichzeitig gibt es aber eine Quelle unserer gemeinsamen Hoffnung und ein Ziel: Jesus Christus. Alle haben Anteil an der Sendung: Das Heil in Christus der ganzen Welt zugänglich zu machen, durch Bezeugung unseres Glaubens in der Öffentlichkeit, die Anbetung und Verherrlichung Christi im Gottesdienst und die Frucht dessen in der tätigen Nächstenliebe. Was auch immer die Punkte waren, die einstmals zur Trennung der Gemeinschaft der Christen führten: Sind sie es wert, die Glaubwürdigkeit der Verkündigung der Frohen Botschaft zu gefährden? Jesus selbst wies schon mit Sorge darauf hin.

Gibt es Hoffnung für eine größere Gemeinsamkeit unter den Christen?

Ein kleiner Silberstreif am Horizont ist das Bemühen des Vatikans um größere Gemeinsamkeit mit den orthodoxen Kirchen des Ostens. In diesem Jahr kamen sich sogar der Julianische und der Gregorianische Kalender so nahe, dass beide großen „Lungenflügel“ der Kirche gemeinsam die Auferstehung des Herrn feiern konnten, und eine orthodoxe Schola sang am Ostersonntag bei der Papstmesse in Rom. In Deutschland berühren die Fragen der Ökumene zwischen der katholischen Kirche und den kirchlichen Gemeinschaften der Reformation mehr. Hier scheint sich gegenwärtig nichts grundsätzlich Neues abzuzeichnen, wenn wir vom Erstarken der freikirchlichen Bewegungen einmal absehen. Sind wir also am Ende? Vielleicht sind wir etwas „betriebsblind“ geworden. Seit dem II. Vatikanischen Konzil gibt es eine Fülle ökumenischer Aktivitäten, die wir kaum noch als Besonderheit wahrnehmen:

Die vielfältigen ökumenischen Gottesdienste, die Zusammenarbeit auf akademischer Ebene, institutionelle Vernetzungen der Kirchen oder auch Kirchentage – wie jetzt der 2. Ökumenische Kirchentag in München – sind Ausdruck einer gewachsenen Gemeinsamkeit.

Wir haben einen Weg beschritten, der viele spitze Steine hat.

Auch im täglichen Leben der Menschen sind konfessionelle Unterschiede z. B. kein Hinderungsgrund für Ehen mehr, wie das früher oft der Fall war. Kurzum: Was wir hierzulande gegenwärtig erleben, ist die „Mühe der Ebene“. Wir haben einen Weg beschritten, der viele spitze Steine hat; und wer das Ziel aus den Augen verliert, sucht sein Heil darin, sich wiederum über die Abgrenzung zum anderen zu definieren. Ökumene können wir nicht einfach „machen“, aber wir können immer wieder innehalten und uns neu an Jesus orientieren.

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Theologe und Märtyrer im 3. Reich, verfolgte das Heil durch Beten und Tun des Gerechten. Eine gute Methode. Beten wir darum in jeder Heiligen Messe das Friedensgebet bewusst mit: Herr Jesus Christus, schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke ihr nach deinem Willen Einheit und Frieden. … und versuchen wir dann, dem jeweils anderen im jesuanischen Sinne liebevoll zu begegnen.

Militärpfarrer Hans-Tilman Golde,
Katholisches Militärpfarramt Igolstadt

"Was bleibt?" Autorin: Carola Lenz, aus: Kompass 04/2010

Der Auferstehungsgedanke wird wieder modern. Wie – das glauben sie nicht? Ich hab’s im Radio gehört. „Es beruhigt mich, zu wissen, dass mein Körper nach meinem Tod noch zu etwas gut ist.“ Das sagte ein Mann, der sich plastinieren lassen möchte. „Ich möchte in Scheiben geschnitten werden, als Anschauungsmaterial.“ „Die Menschen lernen an den Plastinaten, wie sie gesünder leben. Sie lernen, dass ihr Körper und seine Funktionen nicht selbstverständlich sind.“ So weit die Beiträge der Entschiedenen aus meiner Erinnerung. Den eigenen Körper in den „Körperwelten“ ausstellen zu lassen, ohne Haut, mit blank liegenden Muskeln, in alltäglichen Körperhaltungen wie zum Beispiel beim Sport oder Kartenspiel, dafür entscheiden sich immer mehr Menschen schon in jungen Jahren. Der eigene Tod rückt ins Bewusstsein, bevor die Lebensmitte überschritten ist. Das ist neu.

Irgendwie muss da wohl eine Sehnsucht wieder erwacht sein, eine Sehnsucht nach mehr. Es ist vielleicht doch nicht genug, so vor sich hin zu leben, ganz ohne Sinnperspektive. Vielleicht bin ich mir doch nicht selbst genug mit meinen aktuellen Fähigkeiten, Stärken, Erfolgen. Und ich kann ihn auch nicht selber machen, den Lebenssinn. Oder doch?

Leben in Fülle?

Wenn ich ein Formular ausfülle, was genau ich für die Plastination meiner eigenen Leiche erlaube – bin ich dann nicht der Bestimmer über meinen Lebenssinn? Das klingt verlockend nach Macht: Ich bestimme, wofür ich auf der Welt bin. Ich bestimme, wie ich nach meinem Tod weiter lebe, weiter existiere. Ich bestimme über die Form meiner Unsterblichkeit. Dann kann ich mich wenigstens darauf verlassen, nicht vergessen zu werden.

„Meine Seele stirbt erst, wenn niemand mehr an mich denkt.“ So oder so ähnlich hören sich Menschen an, die mit dem Tod konfrontiert werden. Der Körper ist tot, aber meine Angehörigen denken an mich. Doch da bleiben einige Zweifel. Was ist, wenn sie selber sterben? Was ist mit mir, wenn sie mich trotz aller Beteuerungen doch vergessen?

Die Angst vor dem Vergessenwerden ist für viele Menschen sehr schwer auszuhalten. Also sorgen einige nun dafür, dass sie auch nach ihrem Tod noch gesehen werden, angesehen sind. Sie spenden ihren Körper für den Fall des Ablebens per Unterschrift.

„Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?“ (Mt 6,27) Als Jesus diese Frage stellte, war sie rhetorisch. Da gab es noch keine Plastinate, die man in Ausstellungen hätte zeigen können. Damals waren die Menschen angewiesen auf diese andere Sorte Hoffnung. Die Rede von ewigem Leben hatte einen anderen Klang. Denn um nach dem Tod noch „wer sein zu können“ brauchte man Gott. Spätestens dann musste Gott den Menschen ansehen, damit er angesehen war.

Angesehen sein

Von Gott angesehen zu sein, vor dem Tod und nach dem Tod, scheint heute so unvorstellbar fern wie damals die Vorstellung von scheibchenweise ausgestellten

Körpern. Wer kennt ihn schon noch, diesen Gott, der als einziger mich wirklich nie vergisst? „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10) Vorher und nachher, würde ich gerne ergänzen. Vor dem Tod und nach dem Tod. „Ostern“ heißt diese Hoffnung. „Ostern“ verspricht Auferstehung ohne eigene Planung und Unterschrift.

Es ist wieder Ostern. Und ich danke Gott, dass ich ihm was wert bin – so viel, dass er sogar für mich durch den Tod geht. Übrigens auch für Sie.

Pastoralreferentin Carola Lenz,
Katholisches Militärpfarramt Bremerhaven

"Recht gehandelt?" Autor: Heinrich Peter Treier, aus: Kompass 03/2010

Recht gehandelt?

Nicht nur spektakuläre Fälle lassen auch einer breiteren Öffentlichkeit gewahr werden: Der gesamte Bereich des militärischen Handelns ist von einer inflationär anmutenden Handlungsregulation soldatischer Arbeit durchdrungen. An rechtlicher Verwiesenheit besteht jedenfalls kein Mangel. Rechtliche Kodifikationen, die den Soldaten gerade in multinationalen Einsatzkontexten betreffen, stammen nicht nur aus bodenständiger Quelle. Selbst aus heimatlicher Perspektive sieht sich der Bürger in Uniform konfrontiert mit einer Vielzahl juristischer Quellen, einer Vielfältigkeit der Rechtsinhalte und einer veränderungsgetriebenen Vorläufigkeit der Teilrechtssysteme. Daraus kann eine uneindeutige und unabgestimmte Normlage resultieren.

Die Einsatzsituation kennzeichnet, so die Erfahrung, eine sich eben nicht selbst tragende Rechtssicherheit. Der von einem Gegner asymmetrisch aufgezwungene Standpunkt ausgesprochener Rechtlosigkeit und partieller Rechtsverweigerung erschwert den eigenen Handlungskontext. Soldaten können also subjektiv mit der Unkenntlichkeit und Unverständlichkeit geltender Rechtslagen konfrontiert sein. Die Ungleichzeitigkeit von Recht und Ethik, die nicht nur ein Latenzproblem ist, kann das eigene Gewissen belasten.

Gerechter Friede

Eine Perspektive vom „gerechten Frieden“ jedoch besagt, dass Friede nicht per se einen Rechtszustand herstellt, sondern eine Errungenschaft ist, um die notfalls auch militärisch, d. h. auch unkonventionell, gerungen werden muss. Recht ist nicht schon durch seinen Anspruch gesetzt, sondern unterliegt der Erhaltungsordnung des Menschen, die ihm als Teil seiner Mitschöpfertätigkeit im Führungsfeld göttlicher Gesetze aufgetragen wird. Die Bereitschaft zum Einsatz rechtserhaltender Gewalt weist als partizipative Aufgabe und Bringschuld ganz im Sinne christlicher Feindesliebe in defensiver Absicht darauf hin, den eigenen Rechtsstatus zu schützen, Rechtsverletzungen zu verfolgen sowie Rechtsqualität fortzuentwickeln und weiterzugeben. Gerade weil der Soldat als Person in seiner ganzheitlichen Würde derart existenziell beansprucht wird, bewegt sich sein Auftrag auch rechtlich keinesfalls in einer Routinesituation. Schon dieser Hinweis soll signalisieren, dass es lohnend sein kann wieder zu entdecken, dass der weltanschaulich neutrale Verfassungsstaat gerade auch in seiner rechtlichen Konstitution durch transzendente, d. h. über ihn selbst hinausweisende Setzungen verwirklicht ist. Eine Agenda, die nur auf die Vervollständigung eines fiktiven geschlossenen Gesetzesplans und dessen Nullfehler-Qualität in der Anwendung setzt, wird der von Aristoteles angesprochenen „Vielgestaltigkeit der Gerechtigkeit“ jedoch nicht gerecht.

Der Soldat leistet seinen Dienst in einer Ausnahmesituation, die jedenfalls potenziell den Charakter einer Notlage annimmt. Die Bewältigung einer über das Tötungsverbot hinaus gehenden Selbstverpflichtung des Menschen zur Förderung des Lebens gelingt im militärischen Umfeld über ethische Kompetenzvermittlung. Recht und Ethik stehen hier in einem wechselseitigen Interdependenz- und Überbietungsverhältnis und sind nur als komplementär wahrgenommene Größen wirksam.

Der Aspekt einer ethisch-religiösen Beheimatung weist auch dem Recht eine Vermittlungsrichtung, die dem Soldaten in seinem existenziell kritischen Ereignishorizont gerecht wird, die Zuortbarkeit seiner Handlungen ernst nimmt und Zutrauen in die ethische Kompetenz des Soldaten als Bürger in Uniform ernsthaft in Betracht zieht. Das Recht abstrahiert von der Gesinnung, die Ethik will diese fördern. Gesetze müssen bekannte oder vorhersehbare Sachverhalte umschreiben und haben damit gegenüber Sittlichkeit eher fragmentarischen Charakter. Wenn Ethos den Ort bezeichnet, an dem wir uns zu Hause wissen dürfen und wo personale Gewohnheiten verlässlich gelten, bindet ein berufs- und bereichsspezifisch konfiguriertes Ethos den Menschen als einen nicht vertretbaren Verantwortungsträger in das gesamte militärische Handeln „oikonomisch“ ein. Schon zur Wahrung dieses Erfolgsmomentums gilt es ethisch zu führen – jetzt erst recht.

Militärpfarrer Heinrich Peter Treier,
Katholisches Militärpfarramt Mayen

"Standortbestimmung auf dem Weg" Autor: Bernd F. Schaller, aus: Kompass 02/2010

 

Standortbestimmung auf dem Weg

Seit Jahren erscheint monatlich die Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs, die Sie in Händen halten: der „Kompass“. Mit der Wahl des Namens ist zugleich das Programm vorgegeben, das den Soldatinnen und Soldaten Orientierungshilfen in Welt und Kirche anbieten möchte.

Zu den Grundkenntnissen soldatischen Lebens gehört es zu wissen, wie ein Kompass genutzt wird. Wer den Umgang mit Karte und Kompass erlernt und verinnerlicht hat, den kann man schwerlich vom Weg abbringen, der findet seinen Weg. Auch in Zeiten moderner Navigationstechnik hat der Kompass seine Stellung nicht verloren. Bei allen, die sich intensiv beruflich oder in der Freizeit in der Natur bewegen, erfreut er sich großer Beliebtheit, dient er als oft lebenswichtiges Hilfsmittel. Inzwischen gibt es die unterschiedlichsten Modelle und Ausführungen, die jedoch alle eines gemeinsam haben: Sie geben Richtung und Orientierung in dem Lebensraum, in dem man sich gerade befindet.

Wegweiser nach Oste(r)n

Aber nicht nur im Outdoor-Bereich ist der Kompass ein wichtiges Instrument. Auch in den täglichen Lebensabläufen benötigen wir Menschen immer wieder Wegweiser und Hilfsmittel, die uns sicher durch manches Labyrinth oder unwegsames Gelände führen und somit verhindern, dass wir die Etappenziele unseres Lebensweges aus den Augen verlieren, uns im Dickicht der Vielfalt verlaufen.
Ein solcher „Kompass“ will und kann die Zeit vor Ostern sein, auch Fastenzeit oder österliche Bußzeit genannt, die mit dem Aschermittwoch beginnt – 2010 am 17. Februar. Nach den ersten Wochen eines neuen Jahres, in die auch die närrische Zeit des Karnevals, der Fasnacht oder des Faschings fällt, bieten diese vierzig Tage eine gute Chance für eine Neuausrichtung meines Lebens. Viele Wege werden uns stetig angeboten, die uns angeblich zu Erfolg, Zufriedenheit, Glück, Wohlstand oder Ansehen führen. Der Anspruch und die Gesetzmäßigkeiten der Leistungsgesellschaft nehmen uns in ihren Bann. Der Alltag mit seinen stets wiederkehrenden Abläufen lässt Vieles zur Gewohnheit werden, führt zum Alltagstrott, der kein Ausbrechen duldet. Wir werden zu Getriebenen auf ausgetretenen Wegen, die sich nicht selten als Irrwege und Sackgassen entpuppen. Manchmal stellen wir fest, dass wir schon längere Zeit im Kreis laufen. Unsere Ziele werden unscharf und oft verlieren wir sie ganz aus dem Blick. Die Abweichungen unserer Lebenslandkarte werden größer, die Maßstäbe verschieben sich. Dann zeigt sich deutlich: Wir haben die Orientierung verloren. Glücklich, wer dann einen geeigneten Kompass besitzt, um wieder Richtung zu gewinnen.

Mit der Vorbereitungszeit auf Ostern geben uns die christlichen Kirchen ein solches Instrument an die Hand, mit dessen Hilfe wir eine Standortbestimmung vornehmen, die Blickrichtung ändern und neue Wege einschlagen können. Wo stehe ich, wohin soll mein Weg gehen, welches Ziele habe ich? Diese Fragen ermöglichen uns innezuhalten, zur Ruhe zu kommen, neue Kräfte für die vor uns liegende Wegstrecke zu erhalten. Dann stellen wir vielleicht auch fest, dass unser Marschgepäck manch Überflüssiges und Überschüssiges enthält, was den Weg erschwert. Ballast abwerfen ist dann angesagt, was sich allerdings nicht nur auf die Abnahme von Körpergewicht reduzieren lässt. Manche Vorurteile und Vorbehalte, das eine oder andere an schlechten Erfahrungen und Gewohnheiten, sowie Ärger und Zorn können wir dann am Wegrand ablegen, hinter uns lassen.

Zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag

Wie sich die Magnetnadel des Kompasses in unseren Breitengraden nach Norden ausrichtet, so zeigt der Kompass der Fastenzeit richtungweisend auf Ostern hin, zu dem, der den Christen ihren Namen und ein Ziel gibt, für das es sich lohnt, sich immer wieder neu auf den Weg zu machen, sich neu auszurichten.

Militärpfarrer Bernd F. Schaller,
Katholisches Militärpfarramt Sigmaringen

"Wenn du den Frieden willst, bewahre die Schöpfung!" Autor: Thomas Nuxoll, aus: Kompass 01/2010

 

Wenn du den Frieden willst, bewahre die Schöpfung!

Wenn man ganz ehrlich ist, so kommen einem, der kaum älter als 40 Jahre ist, solche Slogans nicht ganz fremd vor. Unweigerlich erinnert man sich an die 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, als es um das Thema Atomkraft oder die Startbahn West ging, als friedens- und umweltbewegte Menschen auch in den Kirchen anfingen, die Themen Ökologie und Frieden auf die Tagesordnung zu bringen. Schwer hatten sie es damals in kirchlichen Jugendgruppen und Kreisen, als sie darauf drängten, dass die Bewahrung der Schöpfung und der Friede in der Welt ganz praktische Dinge sind, welche nicht nur diskutiert, sondern auch umgesetzt werden wollen.

Heute nun, Anfang des Jahres 2010, eine Generation später, scheint es angesichts der globalen Probleme wieder angebracht – sehr viel dringlicher als zuvor – darauf hinzuweisen, dass es einen inneren, wechselseitigen Zusammenhang zwischen einer bewahrten, „heilen“ Welt und einem umfassenden Friedensbegriff gibt.

Kritiker der Situation mahnen uns immer wieder, wir müssten anders, umweltbewusster, ökologischer leben, aber was soll das denn bedeuten? Müsste ich denn nicht vielleicht überhaupt erst einmal zu dem kommen, was Leben, was Menschsein ausmacht?

Bin ich ein Teil der Schöpfung?

Ja, die Frage, um die es geht, ist keine geringere als die, ob ich mich als Geschöpf und Teil der Schöpfung empfinde, erlebe und entfalte; wo ich meine Würde dankbar als Geschenk meines Schöpfers an mich erlebe?

Haben wir Menschen noch die Demut uns als Geschöpfe Gottes zu sehen? – Es gibt keinen Grund, warum es mich geben sollte, außer dem einen, nämlich: Gott will, dass es mich gibt, ich bin von Ihm gewollt und alles was in der Welt ist, ob Mensch, ob Tier, ob Pflanze oder sonst etwas in der Natur, ist existent, weil Gott es geschenkt hat. Unser Auftrag ist, diese Schöpfung Gottes zu bewahren, so gut wir es können. Wir werden sie nicht heilen oder das Böse und Unheilvolle aus ihr verbannen können, aber jeder ist aufgefordert an je seinem Platz in der Schöpfung den „Quadratmeter“ in Ordnung zu halten, auf den Gott ihn gestellt hat.

Im Galater-Brief heißt es: „Die Liebe beinhaltet das ganze Gesetz!“ Wäre es uns Menschen möglich, das zu beherzigen und im Alltag umzusetzen, es bräuchte keine Gebote, keine Gesetze, kein Völkerrecht. Aber es gelingt uns nicht! Ob es nun aus Eitelkeit, Egoismus oder Gleichgültigkeit geschieht, Tag für Tag missachten wir die Würde der Schöpfung und Geschöpfe Gottes. Wir gehen unachtsam an der inneren und äußeren Not unserer Mitmenschen vorbei, wir gehen achtlos, oder schlimmer noch, bewusst missachtend mit den begrenzten Ressourcen der Natur um.

Frieden – Zufriedenheit

Frieden ist mehr, als dass nur mal zufällig die Waffen schweigen. Mit dem Frieden ist es wie mit der Liebe: Nur wenn ich ihn in mir trage, kann ich ihn teilen. Doch wie lässt sich innerer Frieden gewinnen?

Ich denke, Zufriedenheit ist dabei ein ganz entscheidender Faktor – und zwar jenseits materieller Zufriedenheit, die wir Menschen wohl nie erreichen werden. Dafür sorgt schon der kleine Stachel des Neides, den jeder in sich trägt. Aber darüber hinaus ein zufriedenes Leben führen zu können im Einklang mit der Schöpfung, im Einklang mit meinen Mitgeschöpfen, das wäre für mich der erste Schritt zu einer gerechten Welt, der erste Schritt zu einem umfassenden Frieden.

„Ökologie – anders leben“, vom Wort her bedeutet es die Lehre vom Haushalt. Die Ökologie ist die wissenschaftliche Disziplin, die die Beziehung von Organismen untereinander und zu ihrer Umwelt untersucht. Im Grunde spricht sie also vom lebendigen Miteinander. Ökologie bedeutet also für mich nicht nur anders, sondern überhaupt zu leben, zu dem zu kommen, was das Geschenk des Lebens an mich und für diese Welt ausmacht.

Militärseelsorger Thomas Nuxoll