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Erinnern, Gedenken und Mahnen: Kriegsgräber

Im Kirchenjahr gilt der November als Monat der Besinnung und des Gedenkens. Dazu zählt auch der Volkstrauertag als staatlicher Gedenktag. Am 19. November veranstaltet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. (Volksbund) wiederum im Plenarsaal des Deutschen Bundestages die zentrale Gedenkstunde. Aus diesem Anlass beschäftigt sich der Kompass November 2017 mit Stichworten wie Totengedenken, Erinnerungskultur, Volksbund und Kriegsgräberfürsorge.

Zu Wort kommen neben dem ehemaligen Generalinspekteur und heutigen Volksbund-Präsidenten Wolfgang Schneiderhan eine polnische Perspektive sowie ein Vertreter des Auswärtigen Amtes, in dessen Verantwortungsbereich die Kriegsgräber fallen. Auch der geistliche Impuls „Auf ein Wort“ befasst sich mit dem „Tod als Appell an das Leben“.

Grundsatz: Soll man an die Gräber der Kriege von gestern erinnern? Erinnern in Polen? Erinnern für Europa? von Krzysztof Ruchniewicz

Ich bin nicht ganz davon überzeugt, ob es sich im Falle der polnischen Gesellschaft tatsächlich um Kriege „von gestern“ handelt, d. h. um Auseinandersetzungen, die keine Emotionen mehr hervorrufen, die mit den lebendigen Erinnerungen nichts mehr zu tun haben. Die Ergebnisse der Meinungsumfragen, die anlässlich der runden Jahrestage zum Anfang und Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht wurden, zeigen, dass dieser Krieg für die meisten Polen nach wie vor eines der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts ist. Man muss dabei anmerken, dass dieser letzte Konflikt die polnische Erinnerung an den Ersten Weltkrieg völlig dominiert hat. Dieser wird nicht so sehr durch das Prisma des ersten großen totalen Krieges gesehen, sondern als der seit langem erwartete Konflikt zwischen den polnischen Teilungsmächten.

 

Die immer noch lebendige Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg hat mehrere Gründe. Der erste ist selbstverständlich die Höhe der menschlichen und materiellen Verluste vieler polnischer Familien, was zur Folge hat, dass die Erinnerung daran lebendig ist und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird. Ein anderer Grund ist die starke Präsenz von Objekten im öffentlichen Raum, die an die Kriegsopfer und die mit dem Befreiungskampf verbundenen Ereignisse erinnern. Dabei handelt es sich um Friedhöfe und Gräber, Museen, Gedenktafeln, Denkmäler und Straßennamen. Traditionell werden am 1. September die Opfer des Krieges gewürdigt, Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Ein weiterer Grund ist der deutliche Nachdruck, der darauf gelegt wird, bei den an junge Polen gerichteten Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen die Erinnerung an den Krieg und seine Opfer wachzuhalten. Die wissenschaftliche und populärwissenschaftliche, die schöngeistige und die Memoiren-Literatur über den letzten Weltkrieg erfreuen sich nach wie vor eines großen Interesses. Historische Rekonstruktionen, die in Polen immer populärer werden, tragen ebenfalls dazu bei, die Kriegsthematik in unseren Alltag zurückzuholen. Der nächste Grund ist die Tatsache, dass es wegen der kommunistischen Diktatur lange Jahre unmöglich war, sich mit den Themen des Krieges und seinen Folgen für Polen uneingeschränkt zu beschäftigen. Die Machthaber forcierten die Vision nur eines Aggressors: nämlich Nazi-Deutschlands. Dies hatte zur Folge, dass die Opfer der sowjetischen Machthaber, ähnlich wie die politischen Folgen des Krieges in Gestalt der sowjetischen Hegemonie, öffentlich in die Sphäre des Schweigens gedrängt, aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis getilgt wurden. Diese Maßnahmen endeten in einem Fiasko. Noch zur kommunistischen Zeit verlor das von den Kommunisten forcierte Bild des Zweiten Weltkriegs die Konkurrenz gegen die private, familiäre Erinnerung, die Ende der 1970er Jahre durch die Publikationen des sogenannten Zweiten Umlaufs unterstützt wurde. Das beste Beispiel bildet in diesem Zusammenhang die Katy?-Frage – gelogen, verschwiegen von den Kommunisten, von der Gesellschaft aber nicht vergessen. Ein Beispiel für diese Erinnerung waren die sogenannten Katy?-Kreuze, die auf vielen Friedhöfen aufgestellt wurden. Erst nach dem Fall des Kommunismus konnte man um alle Opfer trauern und ein neues, differenziertes Bild des Krieges und seiner Folgen schaffen. In die Öffentlichkeit gelangten nun auch Themen wie die sowjetischen Deportationen, die Gulag-Lager, die Liquidierung polnischer Kriegsgefangener durch den NKWD. Die 1990er Jahre stellten einen triumphalen Siegeszug dieser Problematik durch Forschungsarbeiten, die schöngeistige Erinnerung und die staatliche Gedenkkultur dar. Denkmäler für Katy?, für die nach Sibirien Deportierten und für die Opfer der ukrainischen Nationalisten können wir in vielen Städten Polens finden, wo ein großer Prozentsatz der Bevölkerung aus den ehemals polnischen Ostgebieten wohnt.

 

Die politische Wende, die Polen in den Jahren 1989/90 erfahren hat, übte ihren Einfluss auch auf die mit der deutschen Okkupation verbundene Problematik aus. Für die Kommunisten gab es auch hier „richtige“ Themen, die der Ehrerweisung wert, und solche, die ihrer Meinung nach weniger wichtig, weil unbequem waren. Zu solchen letzteren Themen gehörte die Aktivität des nicht-kommunistischen Widerstands, vor allem aber die Frage des Warschauer Aufstands. Die Kommunisten hatten ihm gegenüber zunächst eine negative Einstellung, später versuchten sie das Bild des Aufstands zu manipulieren. In Warschau gab es keine zentrale Stätte zur Erinnerung an dieses Ereignis in Form eines Denkmals oder Museums. Diese wurden erst nach dem Fall des Kommunismus gebaut. Ähnlich wie im Falle von anderen, von den Machthabern negativ gesehenen Ereignissen, übernahm die Gesellschaft die Mühe der Erinnerung an den verlorenen Aufstand. Die Erinnerung an ihn pflegte man in den Familien, an den Gräbern der Aufständischen – die jedes Jahr an Allerheiligen, am 1. November, in einem Kerzenmeer versunken waren und sind –, und denen man sorgfältige Betreuung zukommen ließ.

 

Die Versuche, die Erinnerung der Polen an den Zweiten Weltkrieg zu manipulieren, die die Kommunisten immer wieder unternommen haben, blieben erfolglos. Allerdings hatten sie noch eine andere Auswirkung: Ihre Abneigung oder Feindschaft gegenüber einem Teil der Kriegsereignisse hatte zur Folge, dass diese schneller und einfacher zur Legende, zum Mythos wurden. So geschah es mit dem Warschauer Aufstand. Es ist ein mächtiger Mythos, der gegenwärtig von der Arbeit eines der aktivsten Museen noch unterstützt wird. Ein Teil der Analytiker ist der Meinung, dass dieser Mythos das Ereignis selbst überschattet, das den Rechten des historischen Urteils nicht mehr unterliegt. Wichtiger als der Sinn des Aufstands und seine Folgen scheint die Würdigung seiner blutigen Opfer selbst der Generation zu sein, die sich wie Steine auf die Barrikaden stürzte – um hier den Titel eines berühmten Buches in Erinnerung zu rufen –, die nicht so sehr vom Feind (von den Feinden), sondern durch die Geschichte selbst zerquetscht wurde.

 

Selbstverständlich können Sie aufgrund meiner oben dargelegten Ausführungen zum Schluss kommen, dass das polnische Bild des Krieges, die polnische Erinnerung an ihn eine klare nationszentrierte Gestalt angenommen hat. Wir erinnern uns und ehren vor allem, oftmals ausschließlich, die polnischen Kämpfe, polnische Verluste, polnische Opfer. Sehr oft ist unser Wissen über die Fronten des Zweiten Weltkriegs auf die Schlachten mit polnischen Einheiten beschränkt und es irritiert uns, wenn ihre Beteiligung an dem Sieg der Alliierten verkleinert oder ausgelassen wird. Man kann sogar sagen, dass alle heutigen Kriegsgedenktage aus dieser Perspektive beurteilt werden. Es ist für uns wichtig, wenn die polnische Beteiligung entsprechend gewürdigt wird. 2010 machten die Bilder von der Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau, an der zum ersten Mal eine polnische Militäreinheit teilnahm, viele Menschen gerührt und stolz, sie gaben ihnen das Gefühl der Anerkennung für die polnische Beteiligung bei der Bekämpfung des Nationalsozialismus. Man muss jedoch anmerken, dass einer der wichtigen Gründe dafür das schwierige Schicksal Polens nach dem Zweiten Weltkrieg war, das verursachte, dass die Freude über den Sieg vom Gefühl der Bitterkeit, Enttäuschung, des Verrats von Seiten der Verbündeten getrübt war. Dies verursachte eine große traumatische Verletzung.

 

Was soll man aber mit den Opfern von anderen Nationen machen, auch mit denjenigen auf der anderen Seite der Barrikade? Das polnische Territorium ist voll von Friedhöfen. Hier haben Hunderttausende von Soldaten von unterschiedlichen Armeen ihr Leben verloren. Lange Jahre waren die gefallenen Soldaten der Roten Armee die einzigen, deren sterbliche Überreste dem Schutz und der Ehre unterlagen. Diese Friedhöfe werden laut Gesetz geschützt und befinden sich zum Großteil in gutem Zustand. Sie rufen jedoch unterschiedliche Emotionen hervor, die man in einem Gegensatzpaar zusammenfassen kann: Waren es Befreier oder neue Besatzer? Kann man, wenn man die politischen Folgen des Zuges der Roten Armee nach Westen berücksichtigt, die Gefallenen als normale Kriegsopfer ansehen, als Durchschnittsmenschen, die gekämpft haben und fern von ihren Nächsten gefallen sind? Sind wir über 70 Jahre nach dem Ende des Krieges dazu bereit? Die Denkmäler der Dankbarkeit für die Rote Armee, die in der kommunistischen Zeit an zentralen Stellen in den Städten aufgestellt worden waren, wurden demontiert und zum Teil auf die Friedhöfe verlegt. Diese Stätten unterliegen offiziellem, amtlichem Schutz. Allerdings existieren sie am Rande der gesellschaftlichen Wahrnehmung.

 

In diesem Zusammenhang muss man das Thema der Gräber der deutschen Soldaten und der zivilen deutschen Opfer unter den Bürgern des Dritten Reichs in Erinnerung rufen. Diese Frage wurde nach 1989 aktuell. Dank dem Einsatz der Deutschen Kriegsgräberfürsorge wurden zentrale Friedhöfe, wie z. B. in Nadolice / Nädlitz bei Wroclaw / Breslau geschaffen. Die Eröffnung dieses Friedhofs stieß auf heftigen Widerstand der polnischen Öffentlichkeit, nachdem bekannt wurde, dass hier SS-Leute beigesetzt worden waren. Hier wurde die Überzeugung laut, dass das Recht auf ein Grab, auf eine würdige Beisetzung, auf eine Aufschrift auf dem Grab eingeschränkt werden sollte; abhängig davon, wie der Verstorbene sich verhalten habe. Heute aber gibt es keinen Streit mehr darüber, das Thema weckt keine Kontroversen mehr. Man kann sich jedoch nur schwer vorstellen, dass die polnische Seite die dort Begrabenen auf die auch nur bescheidenste Weise würdigt. Ich möchte hinzufügen, dass in vielen Ortschaften Niederschlesiens Gedenktafeln und Obelisken in Kirchen und auf Friedhöfen angebracht wurden, die daran erinnern, dass das die Friedhöfe der alten deutschen Bewohner waren, die aufgrund von Vandalismus, planmäßiger Zerstörung sowie der vernichtenden Kraft der Zeit verschwunden sind. Das trifft auf die Zustimmung der polnischen Gesellschaft. Sie wird dadurch erleichtert, dass es sich hier um Gräber von einfachen Menschen handelt, quasi um Vorgänger der heutigen Bewohner. Man hat sich auch mit der Initiative zur Rettung der Friedhöfe der deutschen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg abgefunden, die noch in den Nord- und Westgebieten Polens zu finden sind. Letztlich war dies auch kein direkter Konflikt zwischen den Polen und den Deutschen – in den Reihen der kaiserlichen Armee kamen auch Polen ums Leben.

 

Zweifelsohne hat die polnische Erinnerung an die Kriege des 20. Jahrhunderts und seine millionenfachen Opfer ihren spezifischen Charakter. Welche Schlussfolgerungen kann man daraus für die europäische Erinnerung ziehen? Können diese getrennten Erinnerungen unserer Nationen in der Zukunft zu einem kohärenten Bild für die neuen Generationen von Europäern werden? Es scheint, dass die Antwort auf diese Frage nicht leicht ist. Sie können sicherlich der Erziehung zum Frieden dienen, indem sie deutlich machen, welche Folgen es hat, wenn man sich in der internationalen Politik des Mittels des Krieges bedient. Kann jedoch nach Jahren eine Art der Brüderschaft der Gefallenen in ihrem schrecklichen Schicksal zustandekommen? Können alle Opfer von europäischen Kriegen, die schnell zu Weltkriegen wurden, für uns gemeinsame sein, nah und abschreckend genug, dass sie uns zur Zusammenarbeit und Verständigung treiben? Was passiert, wenn die letzte Erlebnisgeneration nicht mehr lebt? Das sind spannende Themen, über die wir ständig nachdenken und miteinander diskutieren müssen.

 

 

Im Interview mit: General a. D. Wolfgang Schneiderhan, Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.

Erinnerungskultur mit Soldatenfriedhöfen!?

 

Kompass: Der Volksbund wurde am 16. Dezember 1919 gegründet und gilt als humanitäre Organisation, die im staatlichen Auftrag und föderativ gegliedert, heute weiterhin diese Arbeit leistet. Vor gut einem Jahr wurde im September anlässlich des Bundesvertretertages in Göttingen in der sogenannten „Göttinger Erklärung“ das Leitbild für das Engagement und die Arbeit des Volksbundes verabschiedet. Zuvor legte Markus Meckel nach drei Jahren den Vorsitz nieder. Auf einem außerordentlichen Bundesvertretertag wurden Sie am 28. April dieses Jahres zum neuen Präsidenten des Volksbundes gewählt. Rückschauend betrachtet turbulente Zeiten im Volksbund. Worum ging es nach Ihrer Auffassung eigentlich und worum ging es nicht?

 

Wolfgang Schneiderhan: Vor allem kann ich Ihnen sagen, worum es nicht ging, obwohl das immer wieder behauptet wurde: Es ging auf keinen Fall um einen Richtungsstreit. Der Reformprozess im Volksbund wurde schon vor einigen Jahren angestoßen und gemeinsam nach vorne gebracht. Und diese Reform des Volksbundes kann nicht eine einzelne Person für sich reklamieren. Es gibt auch keine Flügelkämpfe – der Volksbund ist ein politischer Verband, in dem Menschen aus allen demokratischen Parteien vertreten sind.

Der Volksbund lebt von und mit dem Vertrauen seiner Förderer, Unterstützer und Mitglieder. Das ist ein kostbares Gut, das niemand leichtfertig verspielen darf. Daher wollen wir unsere Veränderungsprozesse transparent und wirtschaftlich durchdacht einführen und umsetzen. Wir müssen unseren Mitgliedern und Förderern auch zeigen können, dass wir mit dem Geld, das sie uns anvertrauen, sorgfältig umgehen. Zum Glück konnten wir das beweisen – und sind sehr dankbar, dass wir auch nach den turbulenten Zeiten dieses Vertrauen haben und unseren Aufträgen nachkommen können.

Kompass: Mit Blick auf die Zukunft: Welche mittelfristigen und langfristig angelegten Ziele verfolgen Sie für den Volksbund? Wie gewichten Sie dabei die unterschiedlichen Aufgaben, die dem Volksbund „ins Stammbuch geschrieben“ sind?

Wolfgang Schneiderhan: Unser Ziel ist, den Volksbund als modernen Akteur der europäischen Gedenkkultur zu positionieren. Das bedeutet, dass Pflege und Erhaltung der Kriegsgräberstätten in ganz Europa und gleichzeitig ihre Ausgestaltung als Lernorte im Mittelpunkt stehen. Ebenso wichtig ist die Suche nach und Identifizierung von Kriegstoten, einhergehend mit der Information und Begleitung der Angehörigen. Wir haben Anfang September den 900.000. Kriegstoten, den wir in Osteuropa gefunden haben, auf unserer Kriegsgräberstätte in Sebesh in der Russischen Föderation einbetten können. Es ist uns gelungen, ihm seinen Namen wiederzugeben, seine Angehörigen wurden informiert. Seine Familie ist dankbar zu wissen, dass er ein würdiges Grab hat. Wenn Sie erleben, wie froh viele Angehörige sind, wenn sie auf einem gepflegten Friedhof stehen und welche Erleichterung es für viele ist, einen Ort zum Trauern zu haben, dann wissen Sie, dass unsere Arbeit auch gegenwärtig wichtig ist und nichts Rückwärtsgewandtes hat. Im Gegenteil. Und wir erhalten sehr viele Anfragen von jungen Menschen, die sich nun – ohne Tabuisierung und direkte Trauer – einfach dafür interessieren, was mit ihrem Großvater oder Urgroßvater geschehen ist. Viele jüngere Familienangehörige nutzen die Gräbersuche online oder schreiben uns per Mail. Der Suchdienst des Roten Kreuzes hat angekündigt, in einigen Jahren seine Tätigkeit einzustellen, da werden sicher noch mehr Anfragen von Angehörigen auf den Volksbund zukommen. Unsere guten internationalen Beziehungen ermöglichen es uns, auch mal „steinige Felder zu beackern“ und uns auf schwierigem Terrain zu bewegen.

 

Weitere Meilensteine sind das Gedenken zum Ende des 1. Weltkriegs 2018. Dieses Gedenken muss ein europäisches sein, an der Planung und diversen Einzelprojekten arbeiten wir mit unseren internationalen Partnern. 2019 feiern wir unseren 100. Geburtstag – nicht nur ein Anlass zum Blick zurück, sondern nach vorne. In unserem Projekt „19 für 19“ werden 19 Kriegsgräberstätten in ganz Europa geschichtspädagogisch und didaktisch auf den neusten Stand gebracht.

Unsere ständige Arbeit ist das Engagement für den Frieden. Frieden muss man gemeinsam schaffen, dafür haben wir mit der Plakatkampagne „Darum Europa!“ einen im Volksbund nicht ganz üblichen Weg beschritten, gemeinsam mit der Europäischen Bewegung Deutschlands. Die Resonanz war riesig. Ich will nicht verschweigen, dass es auch Kritik gab, aber die war quantitativ gering. Wir waren wirklich überrascht von dem guten, teilweise begeisterten Zuspruch, den wir erhalten haben – interessanterweise sehr stark auch von Externen. Viele Schulen haben das Plakat angefragt und nutzen es als Aufhänger, um das heutige Europa im Unterricht zu erklären. Das freut uns. Wir wurden aber auch gefragt, warum wir als Volksbund uns für ein gemeinsames Europa stark machen. Ich möchte das so sagen: Als Organisation, die im Auftrag der Bundesregierung die Kriegsgräberstätten im Ausland pflegt, die heute noch Tote aus den beiden Weltkriegen birgt, die Angehörige informiert und begleitet, manchmal auch tröstet …, sehen wir noch heute die Folgen der vergangenen Kriege. Deshalb ist Frieden für uns nicht abstrakt. Und darum finden Sie auf Kriegsgräberstätten – ebenso wie auf unserer Europa-Seite – auch Albert Schweitzers Zitat: „Die Kriegsgräber sind die großen Prediger des Friedens“.

Kompass: Wir kann es Ihrer Meinung nach gelingen, den Kernauftrag des Volksbundes, nämlich sowohl deutsche Soldatengräber im Ausland zu suchen als auch die 400 Kriegsgräberstätten in Deutschland zu sichern und zu pflegen, mit dem Bildungsauftrag insbesondere mit Blick auf die junge Generation zu verbinden?

 

Wolfgang Schneiderhan: Wir setzen auf die Neugier von jungen Menschen. Sehr viele Anfragen nach Vermissten kommen von jüngeren Menschen, von der Enkel- und Urenkelgeneration. Wir engagieren uns in der schulischen und außerschulischen Bildung und in unseren Bildungs- und Begegnungsstätten. Ich glaube, dass Lernen besonders gut mit allen Sinnen funktioniert und freue mich über die internationalen Freundschaften, die bei den Workcamps geschlossen werden.

 

Workcamps gibt es seit den fünfziger Jahren – und sie funktionieren immer noch gut. Jugendliche und junge Erwachsene pflegen Gräber von Menschen, die vielleicht genauso alt waren wie sie, als sie eines gewaltsamen Todes sterben mussten. Das lässt niemanden unberührt und hier erkennen sie, dass Frieden nichts Selbstverständliches ist. In den zwei Wochen, in denen sie viel lernen, aber auch viel erleben und zusammen Spaß haben, da passiert sehr viel in den Köpfen und den Herzen. Ganz häufig sagen die Jugendlichen, diese zwei Wochen hätten ihr Leben verändert. Und viele kommen wieder. Ich glaube, sie sind dann immun gegen plumpe Vorurteile oder auch nationalistische Floskeln. Wichtige Begegnungen sind auch die Arbeitseinsätze von Soldatinnen und Soldaten aus verschiedenen Ländern. Auch sie überwinden dabei Grenzen. Und diese Erfahrungen, die sie dabei machen, öffnen den Blick und fördern Toleranz. Dabei entstehen Freundschaften über Grenzen hinweg.

Kompass: Der Volksbund appelliert mit seiner Gedenk-, Bildungs- und Jugendarbeit an die Verantwortung für den Frieden in der Welt. Mit dazu zählt die Zentrale Gedenkstunde im Bundestag am Volkstrauertag. Welchen Stellenwert hat sie?

Wolfgang Schneiderhan: Beim Volkstrauertag gedenken wir aller Opfer von Krieg und Gewalt. Mit unserem Auftrag und vor allem durch unsere Bildungsarbeit zur Gedenk- und Erinnerungskultur in Europa sehen wir mit großer Besorgnis die Tendenzen, das Gedenken zu verstümmeln und zu verdrehen. Bei unserer Arbeit auf vielen Kriegsgräberstätten dürfen wir häufig Versöhnung und Freundschaft erleben. Das ist immer wieder beeindruckend. Deshalb: Erinnern und Gedenken ist für uns im Volksbund untrennbar mit Versöhnung und Arbeit für den Frieden verbunden. Und dies ist der Grund, weshalb wir jeglichen Revanchismus und Populismus ablehnen. Die Zentrale Gedenkstunde im Bundestag hat einen hohen Aufforderungscharakter durch ihren besonderen Ort. Hier hat ein Mann gestanden, der – sinngemäß – sagte: Wer aus der Vergangenheit nicht lernen will, ist dazu verurteilt, sie erneut zu durchleben. Um genau zu zitieren: „… Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“ Dieses Zitat ist über 30 Jahre alt, aber – leider – äußerst aktuell. Und hier appelliert der Volksbund an die gewählten Volksvertreterinnen und -vertreter, ihrer Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit nachzukommen. Und das nicht nur im eigenen Land. Sie müssen die Bedingungen für eine Politik schaffen, die es allen Menschen ermöglicht, in Frieden zu leben. Die großen Probleme der Menschheit können Nationalstaaten nicht lösen. Nur gemeinsam können wir etwas bewegen und die Grundlagen für Frieden und Gerechtigkeit schaffen.

 

Die Fragen stellte Josef König.

Kriegsgräberfürsorge – eine Zukunftsaufgabe für Staat und Gesellschaft, Ein Kommentar von Ulrich Grau, Auswärtiges Amt

„Kriegsgräberfürsorge umfasst die Sorge um die Gräber aller Toten von Krieg und Gewaltherrschaft, Soldaten wie Zivilisten, das öffentliche Erinnern, Gedenken und Mahnen für den Frieden sowie die auf Friedensfähigkeit und Verständigungsbereitschaft zielende Jugend-, Schul- und Bildungsarbeit.“

So steht es im Leitbild des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., der 1919 gegründet wurde. Die Gründung dieses privaten gemeinnützigen Vereins war aus der Not geboren, die unmittelbaren Folgen der Gräuel des Ersten Weltkriegs zu bewältigen und die – bis heute vor allem in Mittel- und Osteuropa noch bestehende – Aufgabe anzugehen, Millionen gefallener deutscher Soldaten und anderer Kriegstoter im Ausland eine würdige letzte Ruhestätte zu geben und diese Gräber zu pflegen.

Die Kriegsgräberfürsorge war damals wie heute eine Aufgabe des Staats wie der gesamten Gesellschaft. Sie ist im Grundgesetz in Art. 74 Abs. 1 Nr. 10 verankert. Die Bundesrepublik hat mit 46 Staaten Kriegsgräberabkommen abgeschlossen, die es erlauben, dort nach deutschen Kriegstoten zu suchen, sie zu bergen, Kriegsgräberstätten anzulegen und zu pflegen und dort deutsche Kriegstote würdig zu bestatten und ihrer zu gedenken.

Der Deutsche Bundestag hat die Bedeutung der Arbeit des Volksbundes, dessen Schirmherr der Bundespräsident ist, zuletzt mit seiner Entschließung vom 4. Juli 2002 gewürdigt. Diese Würdigung gilt vor allem dem vorbildlichen Engagement des Volksbundes, seiner Förderer und ehrenamtlichen Unterstützer. Dazu gehören die Bundeswehr und der Reservistenverband, die durch Arbeitseinsätze auf in- und ausländischen Kriegsgräberstätten, bei Gedenk- und Lernveranstaltungen sowie der Haus- und Straßensammlung unverzichtbare Hilfe leisten.

Im Jahr 2003 hat die Bundesregierung, vertreten durch das Auswärtige Amt, eine Rahmenvereinbarung mit dem Volksbund abgeschlossen. Danach erhält der Volksbund aus dem Haushalt des Auswärtigen Amts Zuwendungen zur Deckung von Fehlbeträgen, die ihm dadurch entstehen, dass eigene Einnahmen zur Erfüllung der Kriegsgräberfürsorge im Ausland nicht in ausreichender Weise erzielt werden können. Diese Einnahmen sinken mit dem Älterwerden der den Volksbund bis heute hauptsächlich tragenden Generation der Kriegskinder rapide. Kriegsgräberfürsorge ist aber eine Aufgabe ohne Schlusspunkt, die Gräber der Kriegstoten dienen dauerhaft der Erinnerung und Mahnung, Kriegsgräberstätten müssen Orte individueller Trauer bleiben und gleichzeitig immer mehr Gedenk- und Lernorte werden. Es ist daher wichtig, die Arbeit des Volksbundes in allen Aufgabenbereichen langfristig zu sichern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Volksbund in unzähligen Begegnungen Menschen aus den ehemals verfeindeten Nationen und deren politische Repräsentanten unter seinem Motto „Versöhnung über den Gräbern — Arbeit für den Frieden“ zusammengebracht und auf diese Weise einen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas geleistet. Mit der Überwindung der politischen Spaltung Europas schließt dies die Länder Mittel- und Osteuropas ein. Die deutsche Kriegsgräberfürsorge ist heute eine Aufgabe, die dem europäischen Frieden insgesamt dient.

Die Arbeit des Volksbundes an den Gräbern von Soldaten und zivilen Kriegstoten ergänzt sich mit der von anderen Organisationen getragenen Arbeit an Gedenkstätten und historischen Schauplätzen von Kriegsverbrechen und Gewaltherrschaft. Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen: Der Volksbund kann, nicht zuletzt in partnerschaftlicher nationaler wie internationaler Zusammenarbeit, wie keine andere Organisation im Gedenken an die Toten die Bedeutung von Völkerverständigung und Frieden uns allen nachdrücklich vor Augen führen. Projekte der Erinnerungs- und Gedenkkultur im historischen Kontext, nicht zuletzt in der Jugend- und Bildungsarbeit, werden dabei immer wichtiger, je länger die Kriege und ihre Schrecken zurückliegen.

Die Bedeutung der historisch-edukativen Aufgabe wächst. Wir müssen uns erinnern und lernen, dass Frieden und Freiheit auch in Europa keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern unserer ständigen Pflege bedürfen. Das Gedenken an die Toten unauflösbar mit unserem Willen zu Frieden und Völkerverständigung zu verknüpfen, bleibt dauerhaft eine wichtige Aufgabe für Staat und Gesellschaft.

Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Verfassers wieder.

Kompass November 2017

Kompass_11_2017.pdf

Auch nach der Bundestagswahl steht „Europa“ im Fokus des Interesses – nicht nur der Politik, sondern auch vieler gesellschaftlicher Gruppen. So stand die 62. Gesamtkonferenz der Katholischen Militärseelsorge unter dem Motto: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Nationalismus.“ Wir berichten ausführlich aus Berlin, wo erstmals die Militärgeistlichen und Pastoralreferenten/-referentinnen zusammen mit den Pfarrhelfern und Pfarrhelferinnen sowie zahlreichen Gästen tagten. Drei goldene Jubiläen sind zu würdigen: 1957, vor 50 Jahren, wurde die „Deutsche Kommission Justitia et Pax“ gegründet, in Veitshöchheim startete die Katholische Militärseelsorge und in SHAPE / Belgien wurde der erste deutsche Standortpfarrer eingeführt. In den Rubriken der Ausgabe 11/17 sind zu lesen: die Kolumne des Wehrbeauftragten zu Europa, die Reihen „zum LKU“, „Kompass Glauben“ und „Mutige Zeugen“, … Außerdem werden wieder vielfältige Medien vorgestellt

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