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Europa – nationalistisch oder christlich?

© flickr / Martin Kraft (CC BY-SA 2.0)
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„Eine einfache Alternative?“, lautete eine Überlegung zur Titelfrage beim Entstehen der Oktober-Ausgabe 2017 – aber so einfach ist die Sache nicht. Daher beschäftigt sich der Fortbildungsteil der 62. Gesamtkonferenz der Katholischen Militärseelsorge Ende Oktober in Berlin ausführlich mit Europa, den Nationen und Religionen.

Hier können Sie Antworten auf weitere Fragen nachlesen: „Europa wohin?“ von Prof. Dr. Dr. Bernd Irlenborn, „Was können wir Christen tun …?“ (Reinhard Kardinal Marx), „Hat das Projekt ‚Europa‘ überhaupt eine Chance?“ im Interview mit Dr. Tobias Kunstein, „Sind die europäischen Gesellschaften überhaupt noch christlich geprägt?“ (ZdK-Präsident Prof. Dr. Thomas Sternberg), „Was wird hier mit nationalistisch gemeint?“ von Drs. Michael Kuhn, COMECE. Auch Mannschafts-Soldaten befassten sich in Seminaren mit der „Krise Europa“ –dazu gibt es viel aktuellen Lesestoff.

Grundsatz: Europa wohin? Zwischen Nationalismus und Entchristlichung von Prof. Dr. Dr. Bernd Irlenborn

Auf die Frage, was die Identität der Europäischen Union (EU) ausmache, wurde einmal ironisch angemerkt, es sei vor allem die Permanenz der Krise. Nun war die Geschichte der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg von Anfang an sicherlich wechselvoll und nie frei von Spannungen und Krisen. Wenn es allerdings dauerhaft eine Krise in der EU gegeben hätte, wäre das Krisenhafte das Normale und es gäbe keine Krise.

 

Das Wort „Krise“ stammt aus dem Altgriechischen und meint ursprünglich so viel wie „Scheidung“ oder „Trennung“. Eine Krise herrscht da, wo es eine Trennung zwischen Sein und Sollen gibt, wo etwas nicht dem entspricht, was es sein sollte, und dadurch ein Problemszenario entsteht. In diesem Sinne markieren die schmerzhaften Ereignisse der letzten Jahre in der EU wahrhaft eine historisch bislang unbekannte Krise des Integrationsprozesses, eine Trennung zwischen dem Gesollten und der Realität: Die Währungs- und Staatsschuldenkrise, die unterschiedliche Flüchtlingspolitik, die Hilflosigkeit gegenüber dem islamistischen Terror, das europakritische Brexit-Votum, überhaupt die offene Frage nach der Ausrichtung und Rolle der EU haben unter den Mitgliedsstaaten die Einigungsdynamik gebremst, Sonderwege gefördert, Streitigkeiten entfacht und nationale bis nationalistische Fliehkräfte freigesetzt. Als ein Indiz dieser Krise kann man es ansehen, dass Kommissionspräsident Juncker im März dieses Jahres ein „Weißbuch“ zur Zukunft Europas vorgelegt hat, in dem vage fünf verschiedene Szenarien beschrieben werden, wie die EU im Jahre 2025 aussehen könnte. Die bisherige idealistische Leitlinie „Mehr Europa“ findet sich allein in einem Szenario, wogegen die anderen Optionen nur noch realpolitisch auf „Koalitionen der Willigen“ – wie es im dritten Vorschlag heißt – hinauslaufen. Ein vereintes Europa in mehreren Geschwindigkeiten und unterschiedlichen Zuordnungen von willigen, halbwilligen und unwilligen Staaten – ist es das, was heute noch vom ambitionierten Integrationsvorhaben nach dem Zweiten Weltkrieg übrig geblieben ist? Auch der neueste Vorschlag des Kommissionspräsidenten, den Euro beschleunigt in allen EU-Staaten einzuführen, hat nicht den erhofften Beifall gebracht. Insgesamt scheint ein tragfähiger Konsens, was die noch 28 Staaten der EU gemeinschaftlich verbindet und unter welchen Vorzeichen sich die europäische Integration entwickeln soll, nicht vorhanden.

 

Die Bedeutung des christlichen Glaubens

 

Welche Bedeutung hat der christliche Glaube für die Idee des europäischen Einigungsprojekts und welche Rolle spielt er angesichts der gegenwärtigen Krise? Aus der Perspektive der Europapolitik ist zu fragen, ob das von den Kirchen immer wieder angeführte christlich-europäische Erbe mit seinem Ethos der Versöhnung und Verständigung auch in Zeiten der Krise noch zur politischen Integration Europas beiträgt, oder ob es für die heutige Politik bloß ein historisches Versatzstück der eigenen Erinnerungskultur darstellt, das bei Jubiläen zwar ab und an noch feierlich beschworen wird, aber insgesamt folgenlos bleibt. Aus der Perspektive des Christentums ist zu fragen, wie das Projekt der europäischen Einigung religionspolitisch und sozialethisch zu beurteilen ist, was der Glaube seinem Selbstverständnis nach konstruktiv oder kritisch zu diesem Projekt beitragen kann.

 

Um das Verhältnis zwischen Europa und Christentum historisch und systematisch zu bestimmen, wurde und wird immer wieder der Begriff „christliches Abendland“ angeführt. Aus empirischer und auch aus theologischer Sicht muss man, so scheint mir, vorsichtig sein gegenüber Behauptungen, Europa sei ein allein vom Christentum bestimmter Kontinent oder müsse auch heute noch als christliches Abendland verstanden werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten solche Vorstellungen eine Hochkonjunktur. So hieß es beispielsweise bei Konrad Adenauer in einer Rede von 1951, die Integration Europas sei „die einzige mögliche Rettung des christlichen Abendlandes.“ In den Trümmern des Zweiten Weltkriegs war die Vorstellung von der ‚Geburt Europas‘ aus der christlich-abendländischen Kultur nicht nur für die Initiatoren der europäischen Einigung, Adenauer, De Gasperi und Schuman, bestimmend, sondern prägte in verschiedener Weise auch Strömungen des politischen Katholizismus, der Parteiprogramme und der Publizistik in der Mitte des letzten Jahrhunderts.

 

Angesichts der dramatischen Erosion des christlichen Glaubens vor allem in Westeuropa und der vielfältigen Religionskritik der letzten Jahre ist diese Begeisterung lange verblasst. Religionssoziologische Umfragen zeigen zwar die Verschiedenartigkeit der religiösen Wandlungsprozesse in den einzelnen europäischen Staaten. In der Tendenz wird jedoch europaweit eine starke Dynamik der Entchristlichung und der Entfremdung von kirchlicher Identität spürbar. Selbst in osteuropäischen Ländern wie Polen, Tschechien oder Ungarn liegt der Anteil derer, die sich vom Christentum abgewandt haben, höher als der Anteil derer, die sich dem Glauben neu anschlossen (vgl. D. Pollack, Religiöser Wandel in Ost- und Westeuropa, in: Europa mit oder ohne Religion?, hg. von K. Appel u. a., Göttingen 2014, 93–120).

 

Christliches Abendland?

 

Aber nicht nur aus empirischer, sondern auch aus theologischer Sicht ist die Vorstellung von Europa als christlichem Abendland problematisch. Zum einen ist der Begriff „Abendland“ Platzhalter für völlig verschiedene, oft diffuse und meist sogar miteinander unvereinbare Projektionen. Teils steht er für einen bestimmten kulturgeschichtlichen Raum, teils für ein geographisches Territorium, teils für eine christlich-religiöse Epoche. Zum anderen ist das Christentum in seiner globalen Ausrichtung nicht identifizierbar mit dem begrenzten Bezugsraum der jeweiligen Vorstellung vom Abendland.

 

Der christliche Glaube ist eine universale, mit keinem bestimmten geographischen Raum identifizierbare Religion. Gottes Heilsanspruch richtet sich an alle Menschen als seine Geschöpfe, auch wenn sie sich in ihrer Freiheit gegen ihn wenden. Insofern gilt es in christlicher Perspektive, das Prinzip der Religionsfreiheit und das Faktum der weltanschaulichen Vielfalt im gegenwärtigen Europa anzuerkennen, wenn man nüchtern die eigene Bedeutung und Einflussmöglichkeit ermessen will. Es ist kein Zufall, dass die Rede vom Abendland heute verstärkt im Umfeld restaurativer und rechtspopulistischer Kreise verwendet wird. Die dabei beschworene Christlichkeit des Abendlandes scheint aber meist eine reine Fassade zu sein und die Frage, ob man selbst Christ ist und sich engagiert, keine Rolle zu spielen. Christen sollten sich nicht von der Rhetorik des in der vorneuzeitlichen Geschichte angeblich homogenen christlichen Abendlandes verführen lassen, auch wenn sie schmerzhaft den Rückgang des eigenen Glaubens und die Zunahme einer relativistischen Gleichgültigkeit in den westeuropäischen Gesellschaften zur Kenntnis nehmen müssen. Vor diesem Hintergrund scheint mir die Formel vom christlichen Abendland für die heutige Frage nach der Identität Europas überholt und unangemessen.

 

Christlicher Glaube und Tradition

 

Aus dieser Kritik folgt jedoch nicht, dass der christliche Glaube keine Bedeutung für Europa und die europäische Integration besäße. Christen können und sollten als Bürger die friedliche Integration Europas unterstützen und sich mit ihrem Glauben in das politische Gemeinwesen einbringen, um es in christlichem Sinne zu formen. Dieser Einsatz ist aus christlicher Sicht auch im Staatenverbund der Europäischen Union unverzichtbar. Auch ein politisches Gemeinwesen kann trotz seines säkularen Profils vom christlichen Glauben geprägt sein, indem Prinzipien und Vorstellungen des Christentums im Zuge der neuzeitlichen Säkularisierung in politische Überzeugungen und rechtliche Normen von Staaten übersetzt worden sind. Solche „säkulare Derivate“ (Josef Isensee) des Glaubens bestimmen auch kulturelle Prägungen westlicher Gesellschaften, selbst wenn sie für viele Menschen in ihrer Herkunft nicht mehr erkennbar sind. Beispiele dafür sind die Achtung der Würde und Einzigartigkeit des menschlichen Lebens, die Solidarität mit Notleidenden und Hilfesuchenden im Sozialstaat, der Nachdruck auf Frieden, Vergebung und Versöhnung, die vom Glauben bestimmte Zeitrechnung mit dem Sonntag als arbeitsfreiem Tag etc. Drei Aspekte aus der christlichen Tradition bleiben für Europa unverzichtbar: Erstens das Wachhalten des Gottesglaubens bzw. die Mahnung, dass ohne den korrektiven Gedanken der Transzendenz der Mensch selbst Gott zu spielen droht im Käfig seines Lebens. Zweitens die Überwindung des Egoismus, der reinen Selbstbezüglichkeit, und der Stachel, den Anderen trotz seiner bleibenden Fremdheit als den Nächsten, als Gottes Geschöpf zu achten und zu lieben. Drittens der christliche Einsatz für das Gute, die Solidarität mit denen in Not, auch wenn es schmerzt und Einbußen nach sich zieht, mit dem Ziel, die Welt christusförmiger machen, auch im Kleinen des eigenen Lebens.

 

Friedensprojekt

 

Die Vereinigung Europas geschah in der Nachkriegszeit als Friedensprojekt. Darin scheint mir bis heute die tiefste Quelle für die europäische Identität zu liegen (vgl. dazu B. Irlenborn, Europäischer Friede, christlicher Glaube, in: F.A.Z. vom 27. Dezember 2016, S. 7; auch in: Zerfällt Europa? Die Europäische Union in ihrer größten Krise, hg. von B. Kohler, F.A.Z.-eBook, 123–136). Frieden in diesem Kontext bedeutet weitaus mehr als ein bloß temporärer Waffenstillstand. Frieden meint eine Versöhnung und Annäherung ehemals verfeindeter oder politisch getrennter Nationen. Er zielt ab auf gerechtes und solidarisches Zusammenleben nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb Europas. Das Ziel der Vereinigung Europas läge damit nicht in einer machtpolitischen Hegemonialstellung der Gemeinschaft in Konkurrenz zu den großen Machtblöcken in West und Ost, sondern in der Vermittlung und Förderung einer solchen strukturellen Friedensvision. Ohne den christlichen Beitrag wäre der Friedens- und Versöhnungsprozess der europäischen Integration seit den ersten Plänen in der frühen Neuzeit bis zur Nachkriegsepoche nicht möglich gewesen. Und ohne die christliche Prägekraft würde Europa auch heute, trotz aller Säkularisation und Entchristlichung, eine wesentliche Quelle fehlen für seine innere Mitte, für sein vorpolitisches Ethos, aus dem sich das Zugehörigkeitsgefühl und das Rechts- und Sittenbewusstsein der Bürger speist. Die christliche Prägung Europas ist allerdings kein eigendynamischer Dauerzustand und kann zur bloßen Erbmasse der Vergangenheit schrumpfen. Sie beruht auf dem konkreten Engagement der Christinnen und Christen, angefangen vom Einsatz des Einzelnen im zivilgesellschaftlichen Umfeld, über soziale Projekte christlicher Institutionen und den Dialog der Kirchen mit der Politik bis hin zum friedensethischen Einsatz von Soldatinnen und Soldaten in Krisengebieten Europas und der Welt. Wie christlich Europa in der Zukunft sein wird, hängt nicht von Entscheidungen aus Brüssel ab, sondern vom konkreten Einsatz und wahrnehmbaren Zeugnis der Gläubigen, die in seinen Grenzen leben.

 

Zum Autor: Prof. Dr. Dr. Bernd Irlenborn, Lehrstuhl für Philosophiegeschichte und Theologische Propädeutik an der Theologischen Fakultät Paderborn, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Philosophisch-Theologischen Hochschulen und Theologischen Fakultäten in kirchlicher Trägerschaft und seit 2014 Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Philosophiedozentinnen und -dozenten im Studium der Katholischen Theologie an wissenschaftlichen Hochschulen. 2003 im Bistum Trier zum Ständigen Diakon geweiht.

 

 

Im Interview mit: Dr. Tobias Kunstein, Akademischer Rat auf Zeit am Forschungsinstitut für Politische Wissenschaft und Europäische Fragen an der Universität zu Köln

„Einen grundsätzlichen Vorbehalt gegen eine europäische Identität kann ich nicht erkennen.“

 

Kompass: Welches sind Ihrer Auffassung nach die Gründe, die mit dazu beitragen, dass sich derzeit Staaten in Europa und die Europäische Union selbst in keinem befriedigenden Zustand befinden?

Dr. Tobias Kunstein: Von einer EU, die in keinem guten Zustand ist, hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in seinen Reden zur „Lage der Europäischen Union“ aus den Jahren 2015 und 2016 gesprochen. Er hatte zu dieser Zeit gewichtige Gründe für diese Einschätzung. Trotzdem sind solche Zustandsbeschreibungen zugespitzte Momentaufnahmen. Das zeigt sich auch daran, dass sich die diesjährige Rede schon wieder viel positiver und kämpferischer anhörte. Man könnte auch fragen, ob man mit Blick auf die Europäische Union jemals sinnvoll von einem „guten Zustand“ sprechen kann?

Die Europäische Union hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht positiv entwickelt, spektakulär sogar – wer hätte nach dem Zweiten Weltkrieg an eine gemeinsame Währung geglaubt, die sich 19 europäische Länder teilen? Gleichzeitig war es aber für jede Generation von Europäern ein mühsames Unterfangen, begleitet von Kritik, von Scheitern und vielleicht auch von Resignation. Ich würde es also mehr als ein ständiges Auf und Ab beschreiben, wobei die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008, die ab 2010 in die Schuldenkrise in der Eurozone mündete, schon einen heftigen Ausschlag nach unten darstellt. Hier wurden viele Menschen in Deutschland und anderen europäischen Staaten davon überrascht, dass es für sie relevant ist, wenn der griechische Finanzminister die Staatsschulden nicht mehr bedienen kann. 2015 ging es mit der Flüchtlingskrise weiter. Beides sind Beispiele für Krisen, die sich besser grenzüberschreitend, wenn auch nicht lösen, so doch irgendwie bewältigen lassen. Leider hält eine zunehmende Anzahl von Menschen irrigerweise die internationale Kooperation für die eigentliche Ursache solcher Probleme und zieht sich daher auf den Nationalstaat zurück, dessen Grenzen Sicherheit und Schutz vor Veränderung verheißen.

Die Europäische Union ist aber schon immer auf Zusammenarbeit und Solidarität ausgerichtet. Gewinnen nationale Egoismen an Gewicht, wird es auf Europäischer Ebene schwieriger zu handeln. Den europäischen Ländern geht es im weltweiten Vergleich gut, trotzdem können Populisten das Gefühl der Bedrohung des eigenen Wohlstandes ausnutzen, um Menschen um ihre Fahne zu scharen. In Großbritannien hat das dazu geführt, dass von einer Hälfte der Bevölkerung der Austritt aus der Europäischen Union beschlossen wurde.

Kompass: Nun kann gerade an der Fluchtbewegung nach Europa, die die unterschiedlichsten Gründe hat, festgestellt werden, dass nahezu ausschließlich eigene nationale Interessen die Oberhand haben. Eine gemeinsame europäische Flüchtlingspolitik ist kaum erkennbar. Woran liegt es, dass in dieser Frage in der Europäischen Union kaum Gemeinsamkeiten hergestellt werden können?

Dr. Tobias Kunstein: Ich denke, dass die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union hier ein potenzielles Problem vor sich hergeschoben haben. Das Dublin-System sieht vor, dass der Mitgliedsstaat, in den ein Asylbewerber zuerst eingereist ist, das Asylverfahren durchführen muss. Für das zentral in Europa liegende Deutschland war das eine bequeme Lösung. Die Schwierigkeiten der Mitglieder an den EU-Außengrenzen bei der Durchführung geordneter Verfahren wurden ignoriert. Erst als Geflüchtete an die innen liegenden Mitglieder und letztendlich Deutschland weitergereicht wurden, entstand auch hier ein Bewusstsein der Abhängigkeit gegenüber den Mitgliedsstaaten mit Außengrenzen, aber auch Nachbarstaaten wie der Türkei oder Libyen.

Hat die Politik ein Problem erkannt, geht es um seine Lösung. Eine Eigenschaft von Problemlösung auf europäischer Ebene: Sie ist langsam. Das Muster von Verhandlungen in der EU ist aus Verhandlungsrunden zu den Unionsverträgen oder aus der Verschuldungskrise bekannt: Am frühen Morgen wird nach einer durchverhandelten Nacht in letzter Minute ein Kompromiss erreicht. Das ist leider die Natur von (zwischenstaatlichen) Verhandlungen, wo jeder Teilnehmer darum bemüht ist, sich den Wählern zuhause als Sieger präsentieren zu können. Weil jeder Mitgliedsstaat die Kosten fürchtet, die die Aufnahme von Geflüchteten im eigenen Land verursacht, wird ein gemeinsames Vorgehen blockiert. Mit diesem kurzsichtigen Verhalten erhöhen sich aber letztendlich die Kosten für jeden einzelnen Mitgliedsstaat. Alle Seiten müssen sich aufeinander zu bewegen, und die rechtsstaatlichen Strukturen der EU bieten den besten Rahmen hierfür. Deshalb macht es auch Sinn, der EU mehr Kompetenzen für die Kontrolle der Außengrenzen zuzuweisen.

Kompass: Was muss Ihrer Auffassung nach getan werden, um in Europa zu einem Mehr an Gemeinsamkeiten zu kommen? Oder anders gefragt: Hat das Projekt „Europa“ und „Europäische Union“ überhaupt eine Chance erfolgreich zu sein?

Dr. Tobias Kunstein: Vielleicht hat der eine Leser oder die andere Leserin an einer „Pulse of Europe“ Veranstaltung teilgenommen. Es handelt sich dabei um eine überparteiliche Bürgerinitiative, die in zahlreichen europäischen Städten pro-europäische Demonstrationen etabliert hat. Auf diesen Treffen wird spürbar, dass Menschen dem vielerorts als Bürokratiemonster wahrgenommenen Gebilde Europäische Union echten Enthusiasmus entgegenbringen. Dass die positiven Seiten der Union, die es ja unzweifelhaft gibt, so aus der Mitte der Gesellschaft nach außen transportiert werden, erlebte man in der Vergangenheit selten. Diesem Mangel lässt sich nicht durch ein höheres Budget für Öffentlichkeitsarbeit abhelfen. Ein erster Schritt wäre vielmehr, dass die nationale Politik aufhört, Erfolge ausschließlich sich selbst und Misserfolge der EU zuzuschreiben.

Die Europäische Union hat insbesondere dort Defizite, wo politische Entscheidungen getroffen werden müssen. Deshalb könnte – zweitens – das Wahlsystem auf Europäischer Ebene mit dem Ziel umgebaut werden, einen direkteren Einfluss der Bürger auf die Politikgestaltung der EU zu ermöglichen. Bei den letzten Europawahlen 2014 traten Jean-Claude Juncker und Martin Schulz als Spitzenkandidaten des konservativen bzw. des sozialdemokratischen Lagers für das Amt des Kommissions-Chefs an. Solche recht einfach umzusetzenden Maßnahmen, die helfen können, die kümmerliche Beteiligung an den Europawahlen zu erhöhen, sollten ins Auge gefasst werden. Es wäre auch denkbar, dass die Europäische Union noch einmal eine Vertragsreform anstrebt, wenn sie sich nach dem Austritt Großbritanniens im Frühjahr 2019 auf 27 Mitglieder verkleinert haben wird.

Drittens gibt es Politikfelder, in denen ein Mehr an europäischer Zusammenarbeit sinnvoll wäre. Im militärischen Bereich etwa leisten sich die EU-Mitglieder aus Sicht der Europäischen Kommission zu viele teils inkompatible Systeme: 178 in Europa, während es in den USA nur 30 sind. In anderen Bereichen wie Kultur und Bildung sollten Kompetenzen auf nationaler, regionaler oder kommunaler Ebene verbleiben; je nachdem, wo sie am sinnvollsten angesiedelt werden können.

Die Chance auf Erfolg gibt es sicherlich, denn letztlich ist das Ziel für alle Bürger in den Mitgliedsstaaten ja dasselbe: in Frieden und Wohlstand zu leben. Viele Probleme, die alle gleichermaßen betreffen, werden am besten auch auf der gemeinsamen europäischen Ebene gelöst. Die Abwägung zwischen den Zuständigkeiten der nationalen und der überstaatlichen Ebene muss dabei permanent neu verhandelt werden. Wenn dies gelingt, hat auch das Europäische Projekt eine Zukunft. Seine Attraktivität ist nach wie vor ungebrochen und wird in dem Maße, in dem die Unsicherheit im internationalen System steigt, eher noch zunehmen. Nennt man die Länder USA, China und Deutschland in einem Zug, fällt einem sofort auf, welches Land nicht in die Reihe passt. Auch wenn Deutschland momentan eine starke Position hat, ist es aufgrund seiner Größe auf seine europäischen Partner angewiesen. Europa als Ganzes hat viel bessere Chancen, international nicht zum Spielball der Großmächte zu werden.

Kompass: Zu guter Letzt eine Frage, die immer wieder gestellt wird: Gibt es so etwas wie einen unterschwelligen Vorbehalt in den Staaten Europas gegenüber einer starken europäischen Identität? Kann ein Vorhaben, die Identität für „Vereinigte europäische Staaten in Europa“ herauszubilden, von Erfolg gekrönt sein?

Dr. Tobias Kunstein: Einen grundsätzlichen Vorbehalt gegen eine europäische Identität kann ich nicht erkennen. Allerdings glaube ich auch nicht, dass eine solche Identität bewusst von oben herab geschaffen werden kann.

Sie entsteht vielmehr aus kleinen Schritten der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Über die Frage, ob die Schaffung eines europäischen (Bundes-)Staates die Voraussetzung für die Entstehung einer europäischen Identität ist oder umgekehrt, lässt sich trefflich streiten. Wenn es aber eine europäische Ebene gibt, auf der in fest umrissenen Bereichen eng zusammengearbeitet wird, in der sich die Lebensverhältnisse angleichen, in der zum Beispiel Sprachbarrieren mit automatischen Dolmetscherprogrammen überwunden sind, könnte es für die eigene Identität keine große Rolle mehr spielen, ob man nun aus Frankreich oder aus Deutschland kommt – etwa so, wie für die Deutschen das Herkunfts-Bundesland nur wenig identitätsstiftend sein dürfte (vielleicht abgesehen von Bayern).

Eine Identität ergibt sich demnach aus Tatsachen wie den Freiheiten des Gemeinsamen Markts, der gemeinsamen Währung und der wirtschaftlichen Prosperität. Europa ist dabei aber nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Wertegemeinschaft. Deren Werte speisen sich nicht zuletzt aus dem Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte, dem interkulturellen Austausch, der christlichen Tradition und der Offenheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Unter anderem daran, welche Freiheiten andere Religionen in Europa genießen, zeigt sich die Stärke dieses Wertekanons. Und deshalb halte ich die Vereinigten Staaten von Europa nicht nur für eine reine Utopie, sondern – in einer pragmatischen Form – für ein realistisches Vorhaben.

Die Fragen stellte Josef König.

Christlicher Humanismus als Auftrag Ein Kommentar von Drs. Michael Kuhn, Stellvertretender Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COMECE)

Auf die Frage dieses Heftes „Europa – nationalistisch oder christlich?“ möchte man fast reflexartig antworten: „Natürlich nicht nationalistisch!“ Auf den Reflex folgt aber meist die Reflexion und damit viele Fragen: Was wird hier mit nationalistisch gemeint? Ist „christlich“ die natürliche Alternative zum „natürlich nicht nationalistisch“, oder lassen sich noch andere Schlussfolgerungen ziehen? Gab (und in manchen Fällen: gibt) es nicht Nationen, die sich über das Christentum definieren? Bezeichneten sich manche Herrscher nicht als „allerchristlichste Könige“? War die Politik, die sie betrieben, auch „allerchristlichst“? Reden oder träumen nicht auch heute noch politische Parteien vom „christlichen Abendland“, das zu verteidigen sie vorgeben? Hat das noch etwas mit dem christlichen Glauben, mit der Botschaft Jesu Christi zu tun, oder ist das nicht ein vom Glauben losgelöstes Kulturchristentum, dem es um kulturelle Errungenschaften oder Nostalgie geht, aber nicht um das Evangelium und die Forderungen, die sich daraus für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft und das gedeihliche Zusammenleben aller daraus ableiten lassen? Alles Fragen, die die spontane Antwort vom Anfang relativieren und dazu einladen nachzudenken, welche Aufgabe, welche Rolle Christen in der heutigen Gesellschaft einnehmen können oder müssen, ohne sich auf Stereotypen welcher Art auch immer festlegen zu lassen.

Im Hinblick auf Europa werden gerne und oft die „Gründerväter“ zitiert, die doch alle katholisch gewesen seien. Daraus wird (allzu schnell) abgeleitet, dass Europa ein christliches Projekt sei. Diese Sichtweise Europas ist reduktionistisch. Interessanterweise werden nur die „Väter Europas“ der drei großen Staaten genannt: Adenauer (Deutschland), Schuman (Frankreich) und de Gasperi (Italien). Der Einfachheit halber werden die ebenso wichtigen Gründerväter Europas aus den drei kleinen (Benelux-) Staaten nicht erwähnt: Bech (Luxemburg), Spaak (Belgien) und Beyen (Niederlande). Weil sie keine Katholiken waren bzw. nicht einer christlichen Partei angehörten, sondern der liberalen Fraktion? Ist ihre Bedeutung für das „Projekt Europa“ darum geringer einzuschätzen? Die europäische Integration, die letztlich zur Europäischen Union geführt hat, war meines Erachtens in ihren Anfängen deshalb möglich, weil sich weitsichtige und offen denkende Männer (ja, Frauen waren damals leider eine Seltenheit in der Politik) über Länder- und Parteigrenzen hinweg zu einem gemeinsamen politischen Projekt verbunden hatten. Dieses sollte mit dem Grundübel Europas ein für alle Mal aufräumen: dem Nationalismus, der meinte, dass sich ein Land, ein Volk nur auf Kosten anderer Völker und Länder Europas behaupten könne. Ihre Religion haben sie dabei nicht wie einen Schild vor sich her getragen. Sie haben Anregungen aus ihr bezogen und sie haben sich von ihrem Glauben (oder ihrer Überzeugung) spirituell gestärkt gefühlt Anstrengungen zu unternehmen und gemeinsam an einer Aufgabe zu arbeiten, die der Größe der Herausforderungen gerecht wird (so Robert Schuman in seiner Erklärung von 1950). Dieser Geist scheint heute verloren zu sein – mit ein Grund für den gegenwärtigen Zustand Europas?

In seiner Rede zur Entgegennahme des Karlspreises im Mai 2016 lud Papst Franziskus alle Europäer ein, einem neuen „christlichen Humanismus“ Raum zu geben. Damit meint er ein Denken, das in der Lage ist, sich aus den Quellen des Evangeliums und der christlichen Tradition zu speisen und diese Quellen zum Wohl aller Menschen, die in Europa leben, fruchtbar werden zu lassen, für Christen ebenso wie für Nichtchristen. Diese Denk- und Handlungsweise kann dazu beitragen, dass Europa drei Fähigkeiten wieder entdeckt, die es so lange geprägt haben: Die Fähigkeit, das Fremde (und damit auch die Fremden) in sich aufzunehmen und zu integrieren. Die Fähigkeit zum Dialog, der immer im Hören und im Sprechen, im Geben wie im Nehmen liegt. Diese Fähigkeit müsste die Grundlage unseres politischen Systems sein, das sich Demokratie nennt und vom Austausch der Ideen und Visionen lebt und fähig ist, Kompromisse zum Vorteil aller zu schließen. Und letztlich die Fähigkeit, zu gestalten und Neues hervorzubringen. Wenn es Christen gelingt, in Europa das zu verwirklichen – die nationalen Grenzen zu übersteigen und gemeinsam an diesen Punkten zu arbeiten, ungeachtet der eigenen Glaubensüberzeugung – dann wird Europa christlich sein.

Kompass Oktober 2017

Kompass_10_2017.pdf

Zwei große Blöcke prägen die Ausgabe 10/17: Die 57. Woche der Begegnung des katholischen Laienapostolats in der Bundeswehr mit Wahlen (im September in Berlin) und eine anschauliche Reportage aus dem Einsatzgebiet Nordirak. In einer ausführlichen Kolumne richtet der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages den Blick hingegen auf militärische Elemente in der Subsahara-Region. Militärbischof Overbeck hat nicht nur vor der Vollversammlung des Katholikenrats und der Bundeskonferenz der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS) gesprochen und interessante Interviews gegeben, sondern auch die neue Geschäftsstelle der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (KAS) eingeweiht. Und die verschiedenen Rubriken lassen sich diesmal meist mit einem Wort erfassen: Soldaten-Fußwallfahrt, „Lebensmittel“, Offenbarung, Rahmen, … Rückblicke in die Vergangenheit und aktuelle Medientipps runden das 36 Seiten starke Heft ab.

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