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Frieden ist mehr als Sicherheit

© picture alliance / Sophia Kembowski / dpa
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Friede ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Sicherheit ist wichtig, kann aber den Frieden nicht ersetzen. Zu diesem Themenfeld des „gerechten Friedens“ und der „Soldaten als Diener des Friedens“ liegt eine Fülle von Äußerungen der Kirche vor – sei es von der Deutschen oder der Europäischen Bischofskonferenz, aus dem II. Vatikanischen Konzil oder aktuell von Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck.

In der Sommerausgabe Juli/August 2017 fragt Klaus Ebeling, Mitherausgeber des „Handbuchs Friedensethik“, grundsätzlich nach „Sicherheit statt Frieden?“. Dr. Peter Rudolf von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ erklärt: „Friede ist mehr als Sicherheit“. Und Erzbischof Dr. Heiner Koch sagte bei seinem ersten Soldatengottesdienst in Berlin im Juni: „Ich danke Ihnen für Ihren Dienst und Einsatz für den Frieden.“ Ein Lesetipp zum Friedensgutachten 2017 und Hinweise auf den Katholikentag 2018 in Münster „Suche Frieden“ runden das Titelthema ab.

Grundsatz: Sicherheit statt Frieden?

von Klaus Ebeling, Projektleiter am Institut für Theologie und Frieden in Hamburg und Lehrbeauftragter am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fachbereich der Universität Potsdam

Unübersichtliche Lagen steigern die Nachfrage nach Sicherheit, und zwar oft so schnell und umfassend, dass es die Möglichkeiten der verantwortlichen bzw. verantwortlich gemachten Personen und Institutionen überfordert. So gesehen dürfte der Aufstieg von Sicherheit zur politischen Leitkategorie, zum zentralen Wert auch unserer Gesellschaft kaum überraschen; zumal dann nicht, wenn man neben der sich multipolar entwickelnden weltpolitischen Konstellation und den sich tiefgreifend verändernden Gesellschaftsstrukturen auch die eng damit verwobenen Orientierungsprobleme in allen Bereichen der Lebenswelt mit ins Blickfeld rückt. „Sicherheit“ ist, wie der Politikwissenschaftler Christopher Daase bereits 2010 (APuZ 50/2010: 9) konstatierte, zum „Goldstandard nationaler und internationaler Politik“ geworden – „und vom Frieden wird fast nur noch in Sonntagsreden gesprochen“ (APuZ vom 13.12.2010: 9; vgl. S+F 29/2 [2011]: 59–65).

Zur Erweiterung des Sicherheitsbegriffs

Der Wandel der Sicherheitskultur, verstanden als komplexes Arrangement von Werten, Diskursen und Praktiken, die auf die Erzeugung von Sicherheit bzw. die Reduktion von Unsicherheit abzielen, lässt sich recht gut an der Erweiterung des Sicherheitsbegriffs im Laufe der letzten Jahrzehnte ablesen.

Die dafür angeführten Gründe sind prima facie durchaus plausibel. Denn was spricht gegen die Behauptung, dass Sicherheitspolitik sachlich nicht aufs Militärische fokussiert werden darf, sondern nachhaltig nur sein kann, wenn sie in gesellschaftliche, insbesondere wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Kriegsursachenbekämpfung investiert, ebenso die eigene Gesellschaft und Lebensweise auf ihre Verwundbarkeit abklopft, um dann ihrem Selbstanspruch entsprechende Lösungen zu erarbeiten.

Ähnlich verhält es sich mit der räumlichen Dimension der Ausweitung des Sicherheitsparadigmas auf ein breites Spektrum von Politikfeldern. Unter den Bedingungen übermächtiger, zudem durch asymmetrische Machtverhältnisse bestimmter Globalisierung (mitsamt der gegen sie gerichteten Widerstände) werden belastbare Kommunikations- und Kooperationsstrukturen immer wichtiger. Und sowohl bei der Reform bestehender als auch beim Aufbau neuer internationaler, supranationaler und transnationaler Institutionen und Regime kommt es entscheidend darauf an, durch faire Partizipationschancen das Beteiligungsinteresse der jeweils relevanten Akteure zu stärken und durch die kluge Verteilung, ggf. auch Abstufung von Verantwortlichkeiten situationsgerecht effektives Handeln zu ermöglichen.

Erschwert wird diese Aufgabe durch eine Problemverlagerung hinsichtlich der Gefahrendimension. Während es zu Zeiten des Ost-West-Konflikts konkrete Bedrohungen zu identifizieren und mit entsprechenden Maßnahmen zu beantworten galt, sind nun zunehmend Risiken verschiedenster Herkunft und Art aufzudecken, abzuwehren, möglichst zu beseitigen oder auszuhalten. Der dieses Bemühen kennzeichnende hohe Unsicherheitsfaktor forciert jedoch nicht nur proaktives Denken und Handeln, er begünstigt auch die Neigung zu Handlungsoptionen, die über gewaltpräventives Handeln und umsichtiges Konfliktmanagement hinausgehen und unter Berufung auf staatliche Schutzpflichten die „feine Grenze zwischen Rechtsstaat und Präventionsstaat“ (Daase, a. a. O.: 15) verletzen. Warnendes Beispiel hierfür ist die Nationale Sicherheits-, insbesondere die Antiterrorstrategie der Bush-Regierung, deren unzweideutige Revision leider immer noch aussteht.

Die umstrittene Bestimmung des Verhältnisses zwischen klassischem (Konflikt-)Völkerrecht und Menschenrechten lenkt die Aufmerksamkeit auf die Referenz als der vielleicht wichtigsten Erweiterungsdimension im Sicherheitsverständnis. Lange Zeit war der politische Sicherheitsdiskurs auf den Staat bezogen. In der frühneuzeitlichen Staatstheorie von Thomas Hobbes (1588–1679) wurde erstmals der Vertragsgedanke zu einem theoretischen Konzept erhoben, wo die Staatsbildung der unerträglichen Unsicherheit in einem von Egoismus, knappheitsbedingter Konkurrenz und konkurrenzbedingter Verfeindung beherrschten Naturzustand (eine historische Konstruktion!) wesentlich sich verdankt. Sein Ansatz ist besonders in einem Strang der Theorie internationaler Beziehungen, dem „Politischen Realismus“, noch heute wirksam. Freilich wurde er in concreto fortentwickelt und blieb auch nicht unwidersprochen. In der Nachfolge u. a. von John Locke (1632–1704) wird später besonders bei „liberalen“ Theoretikern die Gesellschaft zum prioritären Referenzobjekt von Sicherheit. Gesellschaftliche Sicherheit zielt demnach darauf ab, der Bürgerschaft ein freies Leben im Wohlstand zu ermöglichen (siehe auch hierzu und zum Folgenden Daase, a. a. O.: 10). Einen Schritt weiter geht dann das Konzept menschlicher Sicherheit. Seit den 1990er Jahren in der Diskussion, rückt es das Individuum ins Zentrum. Dabei kann es sich auf Immanuel Kant und einen im Individuum wurzelnden Kosmopolitismus berufen, der nicht bloß den Schutz des Kollektivs vor Krieg und Gewalt, sondern auch ein Leben des Einzelnen in Freiheit und Würde im Auge hat. Diese „Erweiterung der Referenzdimension führt also zu einer dramatischen Vermehrung der Adressaten von Sicherheitspolitik und einer umfassenden Fürsorgepflicht und Schutzverantwortung des Staates und internationaler Organisation.“

Spätestens die Kritik an der internationalen Intervention in Libyen hat jedoch offengelegt, dass die als Völkerrechtsnorm „im Werden“ qualifizierte internationale Schutzverantwortung (responsibility to protect) die sich auf sie berufende politische Praxis nicht von Normverletzungen abzuhalten vermag, wenn bei beteiligten Akteuren im Konfliktfall letztlich doch andere, sie unterminierende und im tradierten Sicherheitsverständnis tief verankerte Denk- und Praxismuster dominant bleiben. Dieses Problem ist im Kontext der umfassenden „Versicherheitlichung“ unseres Denkens und Handelns grundsätzlich zu bedenken.

Um das Gemeinte und besonders die ihm innewohnende ethische Problematik genauer bezeichnen, differenzierter analysieren und leichter kommunizieren zu können, erscheint es mir nun geboten, der Verabschiedung oder Marginalisierung des Friedensbegriffs zu widersprechen. Weil der differenzierende Rekurs auf Sicherheit und Frieden sich gut dazu eignet, jene Differenzen zwischen den politisch wirksamen Denk- und Handlungsmustern markant herauszustellen, die über ihre ethische Qualität entscheiden.

Plädoyer für die Unterscheidung von Sicherheit und Frieden

Freilich wäre es im Blick auf die umrissene Erweiterung des Sicherheitsdiskurses unsinnig und noch weniger aussichtsreich, einer Entgegensetzung von „Sicherheits-“ und „Friedenspolitik“ das Wort zu reden, die jene generell auf moralische Indifferenz, diese auf moralische Fundierung festzulegen suchte. Unter dem Dach beider Begriffe geschieht faktisch das eine wie das andere. Gleichwohl möchte ich aber (in beträchtlicher Übereinstimmung mit Überlegungen, die Sabine Jaberg im „Handbuch Friedensethik“, hrsg. von I.-J. Werkner und K. Ebeling, Wiesbaden 2017: 43–53 und unter dem Titel „Frieden und Sicherheit als Orientierungswissen“ in einem noch nicht publizierten Text entwickelt hat) dafür plädieren, doch mit Hilfe beider Begriffe eine ethisch entscheidende Differenz zu verdeutlichen: die zwischen dem „Prinzip der Anerkennung“ und dem „Prinzip der Selbsterhaltung“. Sie bilden keinen Widerspruch (was dualistisch konzipierte Vorschläge zunächst suggerieren und dann durch „paradoxale“ Verknüpfungen wieder relativieren müssen). Vielmehr sind beide Prinzipien in polarer Differenz aufeinander bezogen zu denken. Und je nachdem, welches im Konfliktfall die Relation im ganzen prinzipiert, also die Prozessmuster des Handelns strategisch wie operativ insgesamt vorrangig bestimmt , darf man wohl von einer friedens- oder einer sicherheitspolitischen Priorität sprechen – wie ich meine: mit guten Gründen. Denn anders als ein Rekurs auf neue, vermeintlich neutrale Begriffe kann dieser Vorschlag an begriffsgeschichtliche Entwicklungen anknüpfen, die nicht verdrängt werden sollten. Außerdem sorgen aktuelle wissenschaftliche wie politische Debattenverläufe nach wie vor geradezu verlässlich für seine Plausibilisierung. Wie bereits im biblischen Kontext, griechischer Philosophie oder im römischen Rechtsdenken wird der Friedensbegriff durchgängig prinzipiell sozial, inklusiv, gewaltaversiv sowie perspektivisch plural und horizontal eher offen gefasst. Im Sicherheitsbegriff dominiert dagegen ebenso durchgängig die eher defensive Fokussierung auf kollektive wie individuelle Gefahrenabwehr und Risikomanagement. Diese perspektivische Verengung belastet die ja berechtigte Anreicherung des Raumes sicherheitsrelevanter Probleme im nicht zuletzt auch moralisch so anspruchsvollen Konzept menschlicher Sicherheit. Zudem arbeiten die in einer zunehmend unübersichtlichen Welt rasant wachsenden Sicherungsbedürfnisse einer dramatisierungsgeneigten Notwehrpolitik zu, die „nicht Sicherheit […], sondern durch Übermut und Anmaßung gesteigerte Unsicherheit“ produziert (dieses Zitat von Reinhard Mutz aus dem Jahre 1987 [!] verdanke ich S. Jaberg; es findet sich in „Gemeinsame Sicherheit. Dimensionen und Disziplinen“, Bd.2: 275, hrsg. von Egon Bahr und Dieter S. Lutz).

Eine ethisch imprägnierte Friedenspolitik kennzeichnet es also, dass sie selbst im einem Fall, wo sie Gewaltfreiheit als unmittelbar befolgungsgültige Handlungsanweisung nicht zu rechtfertigen vermag, dennoch nicht bei einer konditionierten Rechtfertigung von Gegengewalt stehenbleibt, sondern Gewaltfreiheit als weiterhin verbindliches Handlungsziel gerade nicht relativiert oder gar suspendiert.

Diese dem Prinzip der Anerkennung verpflichtete Transformationsperspektive impliziert übrigens im Blick auf die Bundeswehr, dass nicht Gewalt, sondern lediglich Gewaltbezug ihr normatives Selbstverständnis bestimmen darf. Demnach muss sie mit ihrer Funktion für den Frieden legitimiert werden – und gemäß unserer Verfassungsordnung ebenso demokratieverträglich organisiert sowie im Blick auf ihr Personal freiheitsverträglich sein, sodass autonome Personen, die niemals bloß als Mittel zum Zweck eingesetzt werden dürfen, sich moralisch integer mit ihr identifizieren können (vgl. dazu vom Verfasser „Militär und Ethik“, 2006: 34–69).

Frieden – Aufgabe und Geschenk

Mit einer notgedrungen sehr abgekürzten, mir gleichwohl sehr wichtigen Anmerkung möchte ich schließen: Der Friedensgedanke ist vor dem Hintergrund seiner auch religiösen Geschichte nicht wie der der Sicherheit handlungs- oder gar herstellungsfixiert. Ihm ist vielmehr das Bewusstsein menschlicher Leistungsgrenzen prominent eingeschrieben. Ein gläubiger Christ muss darüber nicht verzweifeln. Er kann gewissermaßen enttäuschungsresistent sein Bestes geben: im Vertrauen auf eine alles menschliche Bemühen umgreifende Friedensbotschaft. Wer diese Hoffnung nicht teilen kann, kann sie aber vielleicht doch als Impuls zu einer mutig endlichkeitsbewussten Reflexion verstehen, welche in der Regel ebenfalls der menschlichen Friedensfähigkeit aufhelfen dürfte. Und in beiden Fällen empfiehlt sich, wie hoffentlich nachvollziehbar dargetan, die Unterscheidung von Frieden und Sicherheit zumindest als heuristisch hilfreiche Funktion für die Wahrnehmung, Kommunikation und Lösung anstehender Probleme – nicht bloß in Sonntagsreden.

„Friede ist mehr als Sicherheit“ im Interview mit:

Dr. Peter Rudolf, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin

 

Kompass: Die Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und Bündnis 90 / DIE GRÜNEN aus dem Jahr 1998 titelte unter Kapitel XI überzeugt: „Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik“. Was darf heute unter Friedenspolitik verstanden werden? Gibt es einen politiktauglichen Friedensbegriff, der es erlaubt, von Friedenspolitik zu sprechen, unabhängig vom Verweis im Grundgesetz, wo es heißt: „von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen …“?

Dr. Rudolf: Der Begriff des Friedens wird ideengeschichtlich und auch politikwissenschaftlich durchaus unterschiedlich verstanden. So schließt das umfassende Friedensverständnis der jüdisch-christlichen Tradition die innergesellschaftliche Dimension und den Aspekt der Gerechtigkeit ein. Mit Beginn der Neuzeit verengte sich der Friedensbegriff auf die Abwesenheit von Krieg zwischen Staaten. In der Friedensforschung wurde mit der Unterscheidung zwischen „negativem“ und „positivem“ Frieden an die ältere Tradition angeknüpft, sofern positiver Frieden als Abwesenheit struktureller und nicht nur personaler Gewalt definiert wird. Auch das vom kürzlich verstorbenen deutschen Friedensforscher Ernst-Otto Czempiel geprägte Verständnis von Frieden als „ein Prozessmuster des internationalen Systems, das gekennzeichnet ist durch abnehmende Gewalt und zunehmende Verteilungsgerechtigkeit“, erinnert an die im umfassenden Friedensbegriff enthaltene Dimension der Gerechtigkeit.

So gesehen fällt alles unter Friedenspolitik, was auf die Verringerung von Gewalt und die Zunahme von Gerechtigkeit zielt. Doch damit ist noch nicht gesagt, was konkret diesem Ziel dient, welches die geeigneten politischen Konzepte und wirkungsvollen Instrumente sind. Demokratie, Interdependenz und internationale Organisationen, das sind – nach dem, was sich einigermaßen verlässlich sagen lässt – Faktoren, die nicht nur einem negativen, sondern auch einem positiven Frieden förderlich sind.

Kompass: Wie verhält es sich in diesem Zusammenhang mit Sicherheit? Ist sie eine Voraussetzung für Frieden, oder darf man sich damit begnügen, wenn es für die Bürgerinnen und Bürger in einem Staat Sicherheit gibt?

Dr. Rudolf: Nun ist der Begriff der Sicherheit nicht weniger unscharf und weit als der des Friedens. Beides sind Begriffe, die gleichsam automatisch Zustimmung hervorrufen, aber im politischen Handeln vielfältig gebraucht, ja missbraucht werden können. Handelt es sich um Sicherheit vor äußeren Bedrohungen, um Sicherheit vor Gefährdungen im Inneren einer Gesellschaft oder um die Sicherheit vor Armut, Not und Gewalt im weiten Sinne der „human security“? Und wie kann äußere Sicherheit am besten gewährleistet werden – durch kollektive Sicherheitssysteme, die jedem Staat zum Beistand gegen jedwede Bedrohung verpflichten, oder um kollektive Bündnissysteme, die sich gegen spezifische äußere Bedrohungen richten?

Aber um den zweiten Aspekt der Frage aufzugreifen: Im Sinne einer Friedens-ethik wäre es sehr problematisch, sich auf die Sicherheit des eigenen Staates oder auch verbündeter Staaten zu beschränken, zumindest wenn die Maßnahmen zur Stärkung der eigenen Sicherheit die Sicherheit anderer Staaten oder Gesellschaften gefährden oder unterminieren. Ein stabiler Frieden jedenfalls wird sich so nicht erreichen lassen. Staaten sollten in ihrem eigenen Handeln sensibel dafür sein, nicht das zu verschärfen, was im wissenschaftlichen Jargon das Sicherheitsdilemma genannt wird: Maßnahmen zur Stärkung der eigenen Sicherheit, sei es über Rüstung oder über Bündnisse, können die Sicherheit anderer Staaten verringern und so zu Macht- und Rüstungskonkurrenzen führen.

Kompass: Es ist nicht auszuschließen, dass, beispielsweise um des Friedens willen, Gewalt mit militärischen Mittel angewendet werden muss. Schließen sich Gewalt und Friede aus? Oder anders gefragt: Ist gewaltfreie Friedenspolitik vertretbar und machbar?

Dr. Rudolf: Nun, das ist eine normative Frage, auf die es sehr unterschiedliche Antworten gibt. Wer jedoch kein prinzipieller Pazifist ist, der wird nicht umhin kommen, Situationen für möglich zu halten, in denen der Einsatz von Gewalt als äußerstes Mittel und als kleineres Übel auch friedensethisch vertretbar, ja gefordert ist. So hätte sich der Völkermord in Ruanda vor über zwanzig Jahren durch einen begrenzten Einsatz militärischer Gewalt zwar nicht gänzlich verhindern, aber doch in seinen Ausmaßen eingrenzen lassen, so dass Hunderttausende vor der Ermordung hätten gerettet werden können.

Auch viele Friedensoperationen der Vereinten Nationen, die der Eindämmung oder dem Wiederaufflammen von Bürgerkriegen oder massenhafter Gewalt dienen, kommen ohne die Androhung oder den begrenzten Einsatz von Gewalt nicht aus. Nutzen und Wirkung von solchen mitunter robusten VN-Friedensmissionen, die auch den Schutz der Zivilbevölkerung zum Ziel haben, werden häufig unterschätzt. Insofern würde ich sagen, dass eine Friedenspolitik nicht gänzlich ohne den Einsatz oder die Androhung auch militärischer Zwangsmittel auskommt. Eine andere Frage, die in Zukunft – leider, muss man sagen – wieder stärker diskutiert werden dürfte, ist, ob und in welchem Maße Abschreckung zumindest einen prekären zwischenstaatlichen Frieden im Sinne der Abwesenheit eines Krieges sichern kann. Wer sich an die Diskussionen während der Zeit der Ost-West-Konfrontation erinnert, weiß, wovon ich spreche.

Kompass: Abschließende Frage mit Blick auf die aktuelle sicherheitspolitische Situation: Auf dem NATO-Gipfel in Warschau wurde 2016 festgelegt, die Präsenz im Osten zu verstärken. Künftig wird die NATO vier Bataillone bei ihren östlichen Alliierten stationieren, im Baltikum und in Polen. Deutschland wird die Verantwortung für ein solches Bataillon in Litauen übernehmen, die USA in Polen, Kanada in Lettland und Großbritannien in Estland. Geht es derzeit aufgrund der aktuellen sicherheitspolitischen Lage im Denken und Handeln zurück zur kollektiven Landes- und Bündnisverteidigung, die die Zeit des Kalten Krieges bestimmte?

Dr. Rudolf: Die Territorialverteidigung spielt seit 2014 sicher wieder eine größere Rolle im sicherheitspolitischen Denken. Das gilt insbesondere für die östlichen Mitgliedsstaaten der NATO – und damit auch für die Allianz als Ganzes. Was sich damit abzeichnet, ist die Wiederkehr der alten Probleme und Dilemmata der Abschreckung. Das heutige Russland hat zwar nicht die Fähigkeit zu raumgreifenden Offensiven in den westlichen Teilen Europas, wohl aber dazu, in den baltischen Staaten und in Teilen Polens schnelle territoriale Gewinne zu erzielen. Der Abschreckungseffekt der verstärkten NATO-Präsenz in diesen Staaten soll offenbar darin liegen, dass jede militärische Aggression gegen eines dieser Länder sofort die Allianz involvieren würde, mit all den damit verbundenen Weiterungen bis hin zur Möglichkeit einer nuklearen Eskalation. Doch die Stärkung der konventionellen Abschreckung, wenn denn dieser Weg weiter beschritten wird, könnte eine Rüstungsdynamik in Gang setzen, die wechselseitig das Sicherheitsdilemma verschärft.

Im Übrigen wäre die Stärkung der konventionellen Abschreckung keine wirkliche Antwort auf eine Art der Bedrohung, die selbst aus der Sicht der baltischen Staaten die eigentliche ist: die Verwundbarkeit gegen einer Vorgehensweise, die unter dem etwas schillernden Begriff der „hybriden“ Kriegsführung diskutiert wird. Mit Abschreckung mag sich die Bedrohungswahrnehmung potenziell verwundbarer NATO-Mitglieder mindern lassen, doch verlässliche Sicherheit, gar eine stabile Friedensordnung in Europa wird sich so nicht schaffen lassen.

Die Fragen stellte Josef König.

„Wir sind in einer Welt ‚neuer Kriege‘ angekommen.“

Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck in seiner Predigt am 3.5.2017 anlässlich der Wallfahrt der Katholischen Militärseelsorge zu den Heilig-Rock-Tagen in Trier

(…) Darum frage ich mich: Welche Wege zum Frieden gibt es angesichts einer solchen komplexen Lage? Frieden ist sichtlich mehr als ein Zustand ohne Krieg. Ein wirklich positiver Friede, im Gegensatz zu einem negativen Frieden, ist erst dann erreicht, wenn alle Menschen ihr Strebevermögen auf das Gleiche, nämlich auf den Frieden, ausrichten. … Selbst wenn Ruhe besser ist als Gewalt, ist Ruhe noch kein Frieden, der dem Anspruch des Begriffs entspricht. Dazu braucht es eine inhaltliche Füllung. Aber womit? Selbst unter der Rücksicht, dass die meisten Kriege irgendwann einmal begonnen wurden, um den Krieg ein für alle Mal zu vertreiben, so ist doch überhaupt kein Ende von Krieg und Gewalt in Sicht. Dabei ist die Grundaussage der Enzyklika „Pacem in Terris“ von Papst Johannes XXIII. von 1963 so bedeutsam geblieben: Irdischer Frieden erfordert die Anerkennung eines universellen Rechts. Dabei bleibt klar, dass Frieden durch Recht nicht einfach hergestellt werden kann. Frieden wird nicht gemacht, sondern gestiftet. Es kommt also auf den Vollzug als Inhalt des friedlichen Zusammenlebens an; und dieser Vollzug muss dem Recht entsprechen. Das bedeutet also, dass ein solcher (positiver) Frieden voraussetzt, die Herzen und Köpfe jener zu gewinnen, die für den Frieden einstehen, und zwar nicht durch rohe Gewalt, sondern durch Taten und Überzeugungen. … Um einen wirklich positiven Frieden zu erlangen, bedarf es vielfacher Kooperation zwischen militärischen und zivilen Komponenten, begleitet von Maßnahmen der Entwicklungshilfe, der Wirtschafts- und Sozialpolitik usw. Die Verantwortungsträger müssen sich darüber im Klaren sein, dass ein Rüstungswettlauf Frieden nicht sichert. Statt die Kriegsursachen zu beseitigen, droht er diese zu verschlimmern. In unseren so komplexen Verhältnissen ist es darum angesagt, sich in der Fortentwicklung des Völkerrechts zu engagieren, denn dessen Praxis hat Folgen für die Rechtsentwicklung, die wiederum Folgen für den Frieden hat. (…)

 

Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck in seiner Predigt anlässlich des Tages der Militärseelsorge am 27.5.2016 auf dem 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig unter dem Motto: „Der Friede, Geschenk Gottes, den Menschen anvertraut.“

(…) Alles hat seinen Ursprung in Gott, weil er derjenige ist, der das Gute für uns will und uns ermöglicht, es zu ergreifen, indem er uns die Freiheit gibt, das Geschenkte anzunehmen. So ist es auch mit der großen Gabe des Friedens, die, so sagt es uns die Bibel, das Werk Gottes als Werk der Gerechtigkeit ist. Christus, so sagt es die Bibel zudem, ist unser Friede. Der Friede ist also nicht einfach eine Sache oder ein Ding, sondern eine konkrete Person, nämlich Jesus Christus, in dem Gott als Mensch bei uns ist und auf uns zukommt. Wenn wir darum heute vom Frieden reden, reden wir immer von dem großen Geschenk, das Gott uns in Jesus von Nazaret gemacht hat, seinem Sohn, der mit den Seligpreisungen der Bergpredigt verheißt, dass die selig sind, die Frieden stiften, weil sie Kinder Gottes genannt werden (vgl. Mt 5,9) … Frieden ist eine der zentralen Kategorien der biblischen und unserer kirchlichen Verkündigung. Das Streben nach einem solchen Frieden muss alles Handeln der Christen in Kirche, Gesellschaft und Politik leiten. Da die Geschichte die Erfahrung lehrt, dass Friede nie ein für alle Mal da ist, sondern immer wieder neu erarbeitet werden muss, dürfen wir dabei nicht vergessen, dass der dauerhafte Friede nicht nur die Abwesenheit von Gewalt ist, sondern Raum für Vergebung und Versöhnung schaffen muss. Dieser Friede ist nicht einfach zu erreichen, sondern braucht zwischenmenschliche Begegnungen, oftmals auch gerade der früheren Kombattanten untereinander, um der „Heilung der Erinnerungen“ willen und anderer vertrauensschaffender Maßnahmen. (…)

KOMPASS Juli / August 2017

Der KOMPASS 07-08/2017 als Web-Paper

Kompass Juli / August 2017

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Der Blick geht weit zurück und nach vorne in dieser Doppelnummer 07-08/17: in den Medientipps zurück auf die Wehrmachtseelsorge im Zweiten Weltkrieg, auf Indien im Jahr 1947 und auf „Die Geschichte der Liebe“ – ferner auf das Gesetz über die Militärseelsorge vor 60 Jahren sowie auf Objekte aus 25 Jahren Einsatzbegleitung. Zurück und nach vorn weisen die „Wiedereinführung der Wehrpflicht?“ und ein Silbernes Priesterjubiläum sowie die Einstellung eines neuen Militärgeistlichen. In die nahe Zukunft blickt das geistliche Wort zum Urlaub und in die ferne die Aussicht auf die mögliche erste Generalinspekteurin der Bundeswehr. Relativ zeitlos sind die gewohnten Rubriken des Preisrätsels, „zum Lebenskundlichen Unterricht“ und die Kolumne des Wehrbeauftragten „Weiße Wände“.

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