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25 Jahre Auslandseinsätze

© KNA-Bild
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Am 11. Mai 2017 ist es genau 25 Jahre her, dass sich rund 140 deutsche Sanitätssoldaten und ein katholischer Militärpfarrer auf den Weg nach Kambodscha machten. Das damalige UN-Mandat zielte darauf ab, die Umsetzung des Pariser Friedensabkommens zu gewährleisten und die Bundeswehr betrieb von Mai 1992 bis November 1993 in der Hauptstadt Phnom Penh ein Feldhospital.

Zwei Zeitzeugen, die seinerzeit in verantwortlicher Position im Einsatz waren, Generaloberstabsarzt Dr. Michael Tempel und Leitender Militärdekan Msgr. Rainer Schadt, erinnern sich an diese Pionier-Erfahrungen und die Entwicklungen seitdem. Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth ordnet die Entscheidungen in die geschichtlichen Zusammenhänge ein und würdigt auch den ersten Bundeswehr-Soldaten, der bei einem Auslandseinsatz am 14. Oktober 1993 durch Waffengewalt ums Leben kam.

Grundsatz: 25 Jahre Auslandseinsätze: Ohne Parlamentsbeschluss in Kambodscha

von Ralf Vollmuth

Auslandseinsätze stellen heute einen wesentlichen Teil des Aufgabenspektrums der Bundeswehr dar. Die rechtlichen Voraussetzungen, die parlamentarischen und die exekutiven Abläufe sind mittlerweile unstrittig und die Bundeswehr wie auch die Sinnhaftigkeit ihres Engagements im Rahmen der internationalen Verpflichtungen finden in der deutschen Bevölkerung weitgehend hohe Anerkennung.

 

Dabei haben die Auslandseinsätze eine wechselvolle Geschichte: Das Einsatzgeschehen hing in hohem Maße von der außen- und sicherheitspolitischen Situation der Bundesrepublik Deutschland ab und wurde sowohl in der Politik als auch in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert.

 

Bereits wenige Jahre nach der Gründung der Bundeswehr kamen die neuen deutschen Streitkräfte zum ersten Mal im Ausland zum Einsatz: Nach einem Erdbeben am 29. Februar 1960 im marokkanischen Agadir verlegten am 2. März sanitätsdienstliche Kräfte nach Marokko, um in den folgenden Wochen humanitäre Hilfe zu leisten. In den Jahrzehnten bis zur deutschen Wiedervereinigung war die Bundeswehr weltweit in mehr als 100 humanitäre Einsätze und Hilfsaktionen nach Erdbeben, Überschwemmungen, Dürre-, Hunger- und anderen Katastrophen eingebunden. Beispiele für derartige Einsätze, insbesondere unter maßgeblicher Beteiligung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, sind die Erdbebenhilfen 1976 in der Türkei, 1980/81 in Süditalien und 1990 im Iran.

 

Die veränderte sicherheitspolitische Lage nach der Wiedervereinigung

 

Mit der Wiedervereinigung im Jahre 1990 änderten sich jedoch die außen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Voraussetzungen von Grund auf: Deutschland hatte seine volle staatliche Souveränität wiedererlangt und die neue, größere Bundesrepublik musste ihre Rolle innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft neu finden und definieren. Die Bündnispartner in der NATO und der WEU, die Vereinten Nationen und die deutsche Regierung waren gleichermaßen daran interessiert, die internationale Verantwortung und damit die Verpflichtungen Deutschlands weiter auszubauen. An die Stelle einer vielfach kontrovers diskutierten „Scheckbuch-Diplomatie“ der 1980er Jahre, die im internationalen Engagement vor allem auf finanzielle Unterstützung setzte, trat eine verstärkte Einbindung in militärische Operationen und Einsatzszenarien.

 

Auch das Verständnis der Sicherheitsbedürfnisse unseres Landes wandelte sich deutlich. Hatte die Sicherheitspolitik in Zeiten des Ost-West-Konfliktes vor allem auf die Bündnis- und Landesverteidigung und damit den Schutz der territorialen Integrität der Bundesrepublik Deutschland sowie die Sicherung der innerdeutschen Grenze fokussiert, sind die deutschen Sicherheitsinteressen mittlerweile wesentlich weiter gefasst und an die Erfordernisse der internationalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung angepasst.

 

Innerhalb dieses neuen Aufgabenspektrums der deutschen Streitkräfte im Rahmen ihrer Bündnisverpflichtungen und der internationalen Friedenssicherung entwickelte sich der Sanitätsdienst durch seine im In- wie im Ausland anerkannten Leistungen schnell zu einem „Aktivposten“ bei der Beteiligung der Bundeswehr an internationalen Einsätzen.

 

Kambodscha – der erste Kontingenteinsatz der Bundeswehr

 

Zwar hatte die Bundeswehr schon vorher internationale Militärmissionen unterstützt, etwa 1990/91 mit einer Minenabwehraktion der Marine im Mittelmeer und im Arabischen Golf („Operation Südflanke“) – den ersten Kontingenteinsatz der Bundeswehr, der über humanitäre Hilfe hinausging, bildete aber der Aufbau und Betrieb eines Feldlazaretts durch den Sanitätsdienst der Bundeswehr in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh.

 

Nachdem Kambodscha 1953/54 die Unabhängigkeit erlangt hatte, sollte das Land in den folgenden Jahrzehnten in einem Chaos aus Bürgerkriegen und Gewaltherrschaften versinken. Nach anfänglicher Neutralität Kambodschas in den Vietnamkrieg involviert, errichteten die kommunistischen Roten Khmer im April 1975 nach einem jahrelangen blutigen Bürgerkrieg und dem Sieg über die Militärregierung des Generals Lon Nol ein Schreckensregime unter Pol Pot, dem weit mehr als eineinhalb Millionen Menschen zum Opfer fielen. Nach der Invasion Vietnams zu Beginn des Jahres 1979 fiel Kambodscha wiederum einem Bürgerkrieg anheim. Am 23. Oktober 1991 wurde schließlich in Paris von den Bürgerkriegsparteien und den Vereinten Nationen ein Friedensabkommen unterzeichnet. Der Friedensprozess mit dem Waffenstillstand und der Entwaffnung der Konfliktparteien, der Rückführung der Flüchtlinge und der Vorbereitung freier Wahlen sollte durch eine UN-Übergangsverwaltung sichergestellt werden – die am 28. Februar 1992 vom UN-Sicherheitsrat beschlossene UN-Mission UNTAC (United Nations Transitional Authority in Cambodia / Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen in Kambodscha).

 

Bereits Mitte November 1991 hatte die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) auf Bitten des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Boutros Boutros-Ghali im Rahmen der von Oktober 1991 bis März 1992 dauernden Vorausmission UNAMIC (United Nations Advance Mission in Cambodia / Vorausmission der Vereinten Nationen in Kambodscha) ein zunächst aus drei Sanitätsoffizieren und drei Sanitätsunteroffizieren bestehendes Medical Team zur Unterstützung der sanitätsdienstlichen Versorgung dieser Mission nach Kambodscha entsandt.

 

Am 8. April 1992 beschloss die Bundesregierung, abermals auf Bitten des UN-Generalsekretärs, die Peacekeeping Mission UNTAC durch den Aufbau und Betrieb eines deutschen Feldhospitals mit einer Kapazität von 60 Betten zu unterstützen. Der Auftrag für dieses Hospital lautete, sowohl die Soldaten und Polizisten als auch die zivilen Mitarbeiter der UNTAC ambulant und stationär medizinisch zu versorgen. Die Behandlung der kambodschanischen Zivilbevölkerung war nach den Vorgaben der UN nur bei Vorliegen vitaler Indikationen, also zur Lebensrettung und Lebenserhaltung, vorgesehen.

 

Der Einsatz begann am 22. Mai 1992 mit dem Aufbau des UNTAC-Field-Hospital Phnom Penh, das am 8. Juni seinen Betrieb aufnehmen konnte. In den 17 Monaten, in denen das Feldlazarett von einem rund 140-köpfigen Team unter zum Teil widrigsten Umständen mit hohem Engagement betrieben wurde, kamen insgesamt rund 450 Angehörige des Sanitätsdienstes zum Einsatz. Es konnten fast 3.500 Patienten stationär und einschließlich der „Out-Patient-Clinic“ (einer an das Hospital angegliederten Ambulanz für die einheimische Bevölkerung) mehr als 110.000 Patienten ambulant behandelt werden. Am 12. November 1993 endete der Einsatz. Noch kurz zuvor, am 14. Oktober 1993, hatte die Bundeswehr mit der Ermordung von Sanitätsfeldwebel Alexander Arndt das erste Todesopfer im Rahmen eines Auslandseinsatzes zu beklagen.

 

Zwischen UN-Friedensmission und „humanitärer Unterstützungsmaßnahme“

 

Politisch war die Beteiligung der Bundeswehr an diesem Blauhelm-Einsatz der Vereinten Nationen äußerst umstritten, nicht zuletzt, da mit der Entscheidung der Bundesregierung die generelle Frage nach der Notwendigkeit und den Grenzen von Einsätzen der deutschen Streitkräfte, der sicherheitspolitischen Ausrichtung und dem internationalen Engagement wie auch die Frage nach der Entscheidungskompetenz und der Beteiligung des Parlaments verbunden war. Dies belegen etwa die Sitzungsprotokolle des Deutschen Bundestages und entsprechende parlamentarische Anfragen aus den Reihen der Oppositionsparteien, also SPD, PDS / Linke Liste und BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN.

 

Aufgrund der rechtlichen Unsicherheit hatte die Bundesregierung diesen ersten, rein sanitätsdienstlichen UN-Einsatz der Bundeswehr sowohl im politischen Bereich wie auch in der Öffentlichkeit als „humanitäre Unterstützungsmaßnahme“ vermittelt, was auch das Selbstverständnis im Feldlazarett prägte. Entgegen der Vorgaben der UN wurden in erheblichem Maße einheimische Patienten behandelt, die nicht lebensbedrohlich verletzt oder erkrankt waren, und der eigentliche Auftrag der Versorgung der UNTAC-Angehörigen schien in den Hintergrund zu rücken. Dies musste unweigerlich zum Konflikt führen. Auf der einen Seite bestand die UNTAC-Führung verständlicherweise auf der Erfüllung des eigentlichen Auftrags, und auf der anderen Seite sahen sich die Sanitätsoffiziere vor Ort – aufgrund der falsch kommunizierten Grundannahmen ebenso nachvollziehbar – in ihrem humanitären Auftrag behindert. Der spätere Generalstabsarzt und damalige Chief Medical Officer Oberstarzt Dr. Peter Fraps berichtete im Jahr 2000 rückblickend, „dass ein nicht geringer Anteil der Sanitätsoffiziere und auch des sonstigen Sanitätspersonals den Auftrag des deutschen VN-Kontingentes tatsächlich in erster Linie als ‚humanitäre Unterstützungsmaßnahme’ für die kambodschanische Zivilbevölkerung verstand.“ Maßnahmen zur Gegensteuerung durch die UNTAC-Führung blieben zunächst ungehört. Fraps, der als Chief Medical Officer der Vereinten Nationen deren Interessen auch im deutschen Kontingent durchzusetzen hatte, berichtet weiter: „Die mehrfachen Aufforderungen an die Ärzteschaft, eine vernünftige Basis für humanitäre Hilfsmaßnahmen zu finden, wurden als Befehle zur Missachtung ärztlicher Ethik interpretiert und konstant boykottiert.“

 

Das Denken eines Großteils des Sanitätspersonals dieses Feldlazaretts, das von der kambodschanischen Bevölkerung als „Haus der Engel“ bezeichnet wurde, war also vor allem von humanitären Idealen und ärztlichem Berufsethos dominiert. Der militärische Auftrag war demgegenüber – zweifellos auch aufgrund der politisch motivierten Sprachregelung „humanitäre Unterstützungsmaßnahme“ und einer verfehlten Informationspolitik – anfangs in den Hintergrund getreten. Dies führte gar dazu, dass das deutsche Sanitätskontingent Gefahr lief, von den Vereinten Nationen abgelöst zu werden, was letztlich im Sommer 1992 eine „Kursänderung“ bewirkte und zu einem Ausgleich der Interessen führte.

 

1994 – das Bundesverfassungsgericht entscheidet

 

Diese auf einer mangelhaften Kommunikation und Definition des Auftrags beruhenden Irritationen sind allerdings kaum dem Sanitätsdienst zuzuschreiben, sondern waren Symptom einer nach der „Wende“ in der Politik nur zögerlich geführten Wertediskussion. Die Anfang der 1990er Jahre vor allem angesichts der Einsatzszenarien in Somalia und auf dem Balkan drängende Frage der Rechtmäßigkeit der Teilnahme der Bundeswehr an bewaffneten Auslandseinsätzen „out of area“, also außerhalb der NATO-Bündnisgrenzen, wurde trotz der teils heftigen kontroversen Debatten im politischen Raum schließlich auch nicht parlamentarisch, sondern juristisch entschieden: Am 12. Juli 1994 wurde nach Klagen der Bundestagsfraktionen sowohl der SPD als auch der FDP (als Regierungspartei) die Verfassungsmäßigkeit von bewaffneten Einsätzen unter einem Mandat der UN bzw. der NATO durch das Bundesverfassungsgericht bestätigt. Die Verfassungshüter stellten diese „out of area“-Einsätze jedoch unter einen „Parlamentsvorbehalt“, das heißt sie waren an die vorherige Zustimmung des Bundestages gebunden, eine Verfahrensweise, die letztlich im Dezember 2004 durch das so genannte „Parlamentsbeteiligungsgesetz“ abschließend gesetzlich geregelt wurde.

 

zum Autor: Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth, geboren 1963 in Würzburg. 1982 Eintritt in die Bundeswehr als Sanitätsoffizieranwärter. Studium der Zahnmedizin und der Geschichte an der Universität Würzburg. 1991 Promotion und 2000 Habilitation in Geschichte der Medizin, 2006 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor, Würzburg. Verschiedene kurative Tätigkeiten und Stabsverwendungen im Sanitätsdienst der Bundeswehr. Von 2013 bis 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit Juli 2016 Beauftragter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes für Geschichte, Theorie und Ethik der Wehrmedizin am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Potsdam.

Zeitzeugen - Im Interview mit:

dem Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Dr. Michael Tempel. Er war damals als Oberfeldarzt Kommandeur des deutschen Feldhospitals in Phnom Penh.

und

dem Leitenden Militärdekan Rainer Schadt (Kiel). 
Er war damals als Seelsorger für Koblenz I erster Katholischer Militärpfarrer im Feldlazarett Phnom Penh.

 

 

Kompass: Am 8. April 1992, also knapp drei Jahre nach dem Fall der Mauer in Berlin und dem Beginn der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands, beschloss die Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl, der Bitte des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Boutros Boutros-Ghali nachzukommen. Es ging um die Unterstützung des UN-Mandats für „United Nations Transitional Authority in Cambodia“ (UNTAC) mit der Übernahme und Verantwortung für den Betrieb eines 60-Betten-Hospitals in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Die Aufbauarbeiten begannen am 22. Mai, also vor nun 25 Jahren. Mit welchen Gefühlen, Vorahnungen und Erwartungen machten Sie sich zusammen mit etwa weiteren 150 deutschen Sanitätssoldaten auf den Weg? Wie war die Stimmung?

Dr. Michael Tempel: Die politische Situation von Kambodscha war seinerzeit in den Medien sehr präsent. Daher war die Motivation – ganz besonders natürlich bei unserem Sanitätspersonal – sehr hoch, im Rahmen der Vereinten Nationen in diesem von Krisen geschüttelten Land zu helfen. Man kann schon behaupten, dass eine Art Aufbruchsstimmung herrschte, gepaart mit der Ungewissheit, was da auf uns zukommen möge. Bemerkenswert war ein enger Zusammenhalt, welcher sich bereits von Anfang an in dieser kleinen „Kampfgemeinschaft“ ausgeprägt hatte.

Kompass: Monsignore Schadt, sie waren vorgesehen, als Katholischer Militärpfarrer die seelsorgliche Begleitung im Feldlazarett wahrzunehmen. Wurden Sie eigens darauf vorbereitet?

Monsignore Rainer Schadt: Ein solcher Einsatz und alles was damit verbunden war, waren für uns alle – Soldaten wie Militärseelsorger – völlig neu. Themen der Gespräche und Diskussionen damals drehten sich in erster Linie um das Einsatzland und die dort zu erwartenden Lebensumstände. Natürlich spielte auch Neugier und eine gewisse Abenteuerlust eine Rolle. Im Gegensatz zu heute reduzierte sich die Vorbereitung des Militärseelsorgers auf den Einsatz allerdings auf die Herstellung des Impfstatusses und die Frage, wann es endlich losgeht.

Kompass: Damals war eine Zustimmung des Bundestages für eine deutsche Beteiligung an diesem UN-Einsatz nicht notwendig. Gab es Diskussionen darüber unter den Soldaten? Wie wurden Sie und die weiteren Sanitätssoldaten darauf vorbereitet? Gab es Besonderheiten?

Dr. Michael Tempel: Die Bundeswehr stand gewissermaßen „Gewehr bei Fuß“, als die UN die Bonner Regierung baten, sich mit sanitätsdienstlichen Fähigkeiten in Kambodscha zu beteiligen. Es gab keine grundsätzlichen Bedenken gegen diesen humanitären Einsatz dort. Und wer kann sich unverdächtiger das blaue Barett aufsetzen als Sanitätssoldaten? Wir bildeten gewissermaßen die Vorhut für die deutsche Teilnahme an regulären Blauhelmeinsätzen.

Von November 1991 bis März 1992 hatte eine Gruppe von Sanitätsoffizieren und Sanitätsunteroffizieren der Bundeswehr zunächst an der Vorausmission der Vereinten Nationen in Kambodscha UNAMIC (United Nations Advance Mission in Cambodia) teilgenommen, um das UNAMIC-Personal medizinisch zu betreuen und die sanitätsdienstliche Versorgung der nachfolgenden UNTAC-Mission vorzubereiten. Von daher bestanden bereits erste Erfahrungswerte mit der Tätigkeit in dieser Region, auf die man zurückgreifen konnte.

Der Anspruch war es, bei unserer UN-Premiere ein besonders gutes Bild abzugeben. Mit 14 Iljuschin-Maschinen brachten wir modernstes medizinisches Gerät nach Phnom Penh. Trotzdem wurde gerade in der Anfangszeit viel improvisiert. Zwei Operationscontainer wurden eingeflogen, ein Ultraschallgerät für 500.000 DM und zwei Beatmungsgeräte.

Sogar etwas zu gut hätten es die Neulinge machen wollen, wurden wir Deutschen im New Yorker UN-Hauptquartier milde getadelt. Etwa als wir einen Computer-Tomographen orderten – nicht gerade die übliche Ausstattung bei Friedensmissionen der Weltorganisation. „Man muss sich an das Land angleichen, in dem man medizinisch arbeitet“, hieß es in der UN-Zentrale.

Zumindest im Verständnis des Einsatzkontingents war unser Status unklar. Während für uns Sanitäter der humanitäre Gedanke – also Hilfe für die notleidende Bevölkerung Kambodschas – im Vordergrund stand, sahen uns die Vereinten Nationen strikt als Unterstützer und Dienstleister für die eigenen Truppen im Land. Diese Verständnisunterschiede mussten, nicht zuletzt aufgrund der generierten Kosten, zwangsläufig zu Friktionen führen. Die Lösung kam hier dadurch zustande, dass die Bundesrepublik Deutschland Gelder für humanitäre Hilfe bereitstellte und die einheimische Bevölkerung gesondert von den UN-Truppen in einer eigenen Outpatient-Clinic behandelt wurde.

Kompass: Wie wurde dies in der katholischen Kirche in Deutschland und mithin auch in der „Kirche unter Soldaten“ diskutiert? Was sagte der damalige Militärbischof, Erzbischof DDr. Johannes Dyba, dazu?

Monsignore Rainer Schadt: Für den damaligen Militärbischof war völlig klar: „Wohin auch immer die Soldaten gehen, wir werden sie begleiten.“ Eine sehr, sehr große Mehrheit der Militärseelsorger sah das genauso. Kontrovers diskutiert wurde der Einsatz natürlich durch Pax Christi und andere kirchliche Verbände und Gemeinschaften.

Kompass: Mit Blick auf das Feldhospital in Phnom Penh: Wie war es ausgestattet? Welche Abteilungen gab es? Was waren die Hauptaufgaben und wie funktionierte das mit Blick auf die ärztliche Versorgung der einheimischen Bevölkerung? Gab es große Probleme?

Dr. Michael Tempel: Am 8. April 1992 beschloss die deutsche Bundesregierung aufgrund einer Bitte des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, diese Folgemission mit dem Betrieb eines 60-Betten-Hospitals zu unterstützen. Die Aufbauten begannen am 22. Mai 1992. Hierfür mussten mehr als 350 Tonnen Material von Deutschland nach Kambodscha transportiert werden, bis das Hospital am 8. Juni 1992 den klinischen Betrieb mit 130 Soldaten unter der Leitung eines Sanitätsstabsoffiziers aufnehmen konnte. Das Deutsche Feldhospital (German Field Hospital, GFH) in der Hauptstadt Phnom Penh verfügte über zwei Bettenstationen, eine Isolierstation sowie eine Intensivstation und sieben fachärztliche Abteilungen. Weiterhin betrieb das deutsche Kontingent ein Medical Center in Phnom Penh zur Versorgung des in der Hauptstadt eingesetzten UN-Personals. Wie gerade schon erwähnt, war die Versorgung der Bevölkerung anfänglich ein schwieriges Unterfangen. Es wurden jedoch die angesprochenen Lösungen gefunden, sodass die Probleme mit fortschreitender Einsatzdauer kleiner wurden.

Kompass: Was waren die seelsorglichen Aufgaben im Feldhospital?

Monsignore Rainer Schadt: Als Einsatzpfarrer lebte ich mit den Soldaten quasi mittendrin im Hospital. Das bedeutete, den Sanitätern und Sanitäterinnen nicht im Wege zu stehen, kein „Gefechtsfeldtourist“ zu sein, mitzuhelfen in der Notaufnahme, auf der Intensivstation, in den anderen Abteilungen präsent zu sein, Sterbende zu begleiten, Verletzte und Verwundete zu trösten, Kranke zu pflegen, als Gesprächspartner für alle da zu sein, kurz: Seelsorger im vollem Umfang zu sein. Mein Funkrufname war „Delta Charlie“, DC, bedeutet: Don Camillo. Ich wurde sehr oft angefunkt.

Kompass: Bereits nach kurzer Zeit wurde das Hospital von der einheimischen Bevölkerung „Haus der Engel“ genannt. Was war der Grund dafür?

Dr. Michael Tempel: Die Versorgung der kambodschanischen Bevölkerung – zunächst nur als Ausnahme vorgesehen – wurde zum Schwerpunkt des humanitären Einsatzes der Bundeswehr in Kambodscha. Insgesamt setzte die Bundeswehr während der Mission drei Kontingente mit 448 Soldaten ein. Vom 8. Juni 1992 bis zum Ende der UNTAC-Mission am 30. Oktober 1993 wurden 115.883 ambulante und 3.489 stationäre Behandlungen im Deutschen Feldhospital durchgeführt.

Zeitweilig war bereits jedes zweite Bett mit Einheimischen belegt. Schnell hatte es sich in Phnom Penh herumgesprochen, dass man bei den Deutschen ausgezeichnet behandelt wird. Diesen Samariterdienst an der Zivilbevölkerung hatte die Hardthöhe ausdrücklich gestattet. Es ging offiziell eben um eine „humanitäre Aktion“, eingebettet in einen UN-Einsatz.

Monsignore Rainer Schadt: Das UNTAC-Field-Hospital war einige Zeit das einzige funktionierende Krankenhaus in Kambodscha. Das sprach sich schnell herum. Die deutschen Soldaten und Soldatinnen leisteten Außergewöhnliches, indem sie nicht nur UN-Angehörigen, sondern auch der Zivilbevölkerung halfen. Die Leistungsbereitschaft der Deutschen und das technische Level des Hospitals taten ein Übriges dazu, die Kambodschaner sehr zu beeindrucken. Auch ich selbst hatte jeden Tag mit der Zivilbevölkerung zu tun.

Kompass: Am 14. Oktober 1993 wurde in der kambodschanischen Hauptstadt der 26-jährige deutsche Sanitätsfeldwebel Alexander Arndt erschossen. Was hat sich damals zugetragen? Was wurde darüber im Feldhospital gesprochen? War ein Militärseelsorger zur Stelle?

Dr. Michael Tempel: Hauptfeldwebel Alexander Arndt wurde am genannten Datum in Phnom Penh auf offener Straße von unbekannten Tätern erschossen. Dies geschah kurz vor Ende des Einsatzes.

Selbstverständlich hat dieses Ereignis die Angehörigen des deutschen Einsatzkontingents tief getroffen. Wie bereits gesagt, waren wir eine kleine eingeschworene Gemeinschaft mit großem Zusammenhalt. Umso spürbarer wurde dies, als ein Kamerad gewaltsam aus unserer Mitte gerissen wurde.

Die Militärpfarrer waren damals schon ein nicht weg zu denkender „Fels in der Brandung“. Vieles, was heute als völlig normal in den Einsätzen gilt, war damals Neuland – dies gilt auch für die Militärseelsorge. Selbstverständlich war unser Militärpfarrer nach dem Tod von Alexander Arndt als Beistand für die Soldatinnen und Soldaten vor Ort.

Kompass: An was erinnern Sie sich lebhaft? Was ist gut, was eher schlecht gelaufen?

Monsignore Rainer Schadt: Eingebrannt in mein Gedächtnis haben sich verwundete Menschen, denen nach Minen-Detonationen Gliedmaßen fehlten. Besonders Kinder traf es nicht selten grausam. Aber auch dankbare Augen von schwerkranken oder hilflosen Menschen vergesse ich nicht. Die Kameradschaft unter uns war groß und wir waren insgesamt ein sehr gutes Kontingent.

Kompass: Wir würden Sie heute, rückschauend auf die zwischenzeitlich vielfältigen Einsätze der Bundeswehr außerhalb der bündnisbezogenen Landesverteidigung, den ersten Auslandseinsatz im Rahmen eines UN-Mandats bewerten? War er gleichsam der Beginn einer neuen Perspektive für deutsche Streitkräfte auch mit Blick auf die damalige Verfassungsdebatte?

Dr. Michael Tempel: In gewisser Weise stellte der Einsatz eine Blaupause für die kommenden Missionen dar. Mit unklarer Einordnung zwischen UN-Beteiligung und humanitärer Hilfsaktion wurden die Kontingente nach Kambodscha verlegt. Mehr oder weniger regelte sich die Ausrichtung dann vor Ort und insbesondere die Versorgung der Zivilbevölkerung gewann mehr und mehr an Bedeutung. Ich denke, dass dieser Einsatz den Weg bereitet hat für die anschließenden Debatten und die dann später getroffenen Entscheidungen. Es waren wichtige Erfahrungen, die wir damals machen konnten. Heute ist die Beteiligung deutscher Streitkräfte an multinationalen Missionen vollkommen zur Normalität geworden, aber gerade deswegen lohnt es, sich der Anfänge unserer Auslandseinsätze zu erinnern, da hier die Wurzeln aller lessons learned liegen.

Kompass: Als Sie schlussendlich wieder in Deutschland waren – was ist Ihnen aufgefallen? Wie wurden Sie innerhalb und außerhalb der Militärseelsorge wahr- und aufgenommen?

Monsignore Rainer Schadt: Unmittelbar nach meiner Landung am Frankfurter Rhein/Main-Airport las ich damals eine Schlagzeile der größten deutschen Boulevard-Zeitung: „Deutschland – Angst vor den neuen Postleitzahlen!“ Da wusste ich, dass ich wieder zu Hause bin. Innerhalb der Militärseelsorge wurde ich mit viel Freude und der Bitte zu erzählen wieder aufgenommen. Außerhalb war eigentlich das berühmte „freundliche Desinteresse“ vorrangig. Unsere Gesellschaft lebt halt ein anderes Leben mit anderen Inhalten und Erfahrungen. Vielleicht ist das auch gut so.

Die Fragen stellte Josef König.

Kompass Mai 2017

Kompass_05_2017.pdf

Genau vor 10 Jahren, im Mai 2007, erschien die erste Ausgabe „Kompass. Soldat in Welt und Kirche“ nach einem neuen Konzept. Darum passt es gut, dass dies im Editorial, mit einer kompletten Titelseite in alter Form und mit Zitaten in der neuen Rubrik „Aus dem Archiv: DAMALS“ gewürdigt wird. Es geht u. a. um Demokratie und Schöpfungsverantwortung und der Wehrbeauftragte fragt: „Warum dauert … alles so lange?“ Aus der Militärseelsorge gibt es von mehreren Wochenenden für Soldatenfamilien zu berichten, außerdem von Gottesdiensten rund um Ostern. In den deutschen Kirchen werden im Redaktions-Zeitraum der Ausgabe 05/17 die ökumenische „Woche für das Leben“ und die 25. Renovabis-Pfingstaktion begangen. Medientipps für Kinofilm, Kinderbuch und Familienspiel runden die Themenvielfalt ab.

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