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500 Jahre Reformation

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Auch 1517 und in den Jahren danach wurde oft zum Umkehren aufgerufen. Das ist heute noch aktuell, aber nach Jahrhunderten der Trennung ist „aufeinander zugehen“ genauso wichtig. Die „Kirche unter Soldaten“ ist ebenfalls ökumenisch unterwegs: Schon vor Jahrzehnten vereinbarten die Katholische und die Evangelische Militärseelsorge Richtlinien, die das Mögliche festlegen und den Willen zur Gemeinsamkeit bekunden.

Im Februar-Kompass 2017 melden sich Praktiker und Theoretiker der Ökumene zu Wort: Msgr. Dr. Michael Hardt vom katholischen Johann-Adam-Möhler Institut, Leitender Militärdekan Dr. Dirck Ackermann vom Evangelischen Kirchenamt, der Journalist Professor Ulrich Ruh, Militärpfarrer Thomas Funke und nicht zuletzt der Herausgeber und Katholische Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck.

Was verstehen Katholiken unter Ökumene?von Msgr. Dr. Michael Hardt, Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik und Leiter der Fachstelle Ökumene im Erzbistum Paderborn

Wie geht es mit der Ökumene weiter? Der gemeinsame Gottesdienst in der Kathedrale von Lund von Papst Franziskus und dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes (LWB), Bischof Munib Younan, zusammen mit anderen Vertretern aus den unterschiedlichen Kirchen, weckt Erwartungen auf intensivere Gemeinschaft der Kirchen, die auch über das Jahr des Reformationsjubiläums 2017 hinausreicht.

In der Gemeinsamen Erklärung „Einsatz im Dialog erneuern“ (1) bringen die Unterzeichnenden ihre tiefe Dankbarkeit zum Ausdruck für „die geistlichen und theologischen Gaben, die wir durch die Reformation empfangen haben“. Des Weiteren wünschen in dem Dokument Vatikan und LWB unter anderem einen vertieften Dialog über Wege zum gemeinsamen Abendmahl.

Wie geht es mit der Ökumene weiter? Diese Frage stellt sich in gleicher Weise nach dem Auftaktgottesdienst der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Eröffnung des Reformationsjubiläums in Berlin, bei dem ebenfalls Gäste aus der Ökumene mitwirkten. Diese Frage wird ebenso in vielen Pfarrgemeinden aufkommen, die in den nächsten Wochen und Monaten ökumenische Gottesdienste feiern. Zudem ist die Feier des Reformationsjubiläums sicherlich für die evangelischen Kirchen mit der Feier eines Heiligen Jahres der römisch-katholischen Kirche vergleichbar. Es soll die Christen bestärken, im Hören auf die Heilige Schrift das Leben in Christus festzumachen. Das Jahr 2017 könnte also so etwas wie ein „kairos“ = eine Gnadenzeit für die evangelischen Kirchen, aber eben auch für die Ökumene werden.

Wenn die Gemeinsame Erklärung von Vatikan und LWB ausdrücklich den Schmerz all derer bekennt, „die ihr ganzes Leben teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart im eucharistischen Mahl nicht teilen können, so dürfte hier der eindringliche Auftrag begründet sein, an den theologischen Problemen der Abendmahlsgemeinschaft weiter zu arbeiten. Denn die Gemeinschaft in der Eucharistie ist die intensivste Gemeinschaft der Christen.“

Diese Einheit der Christen wiederherzustellen bezeichnet das Zweite Vatikanische Konzil im Ökumenismusdekret als eine seiner Hauptaufgaben. (2) Deshalb hat der ökumenische Dialog der letzten fünfzig Jahre in Beratungen mit lutherischen, reformierten und orthodoxen Theologen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verständnis der Eucharistie, der Amtsfrage, der Rechtfertigungslehre geklärt. Die Gemeinsamkeiten in der Rechtfertigungslehre sind im Jahre 1999 in einer Gemeinsamen Erklärung zwischen dem LWB und dem Vatikan festgestellt worden, der sich inzwischen auch der Methodistische Weltbund angeschlossen hat. Die nachträgliche Zustimmung durch die reformierten Kirchen ist im Jahr 2016 erfolgt.

Das Hauptproblem für die Gemeinschaft im Sakrament der Eucharistie bildet dabei nach wie vor die fehlende Kirchengemeinschaft, die für die römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen die Voraussetzung der Kommuniongemeinschaft darstellt. Der Mangel im gemeinsamen Amtsverständnis bedarf als weitere Voraussetzung der Kommuniongemeinschaft ebenfalls noch der Klärung und einer Versöhnung zwischen den Kirchen.

Diese noch im ökumenischen Dialog zu klärenden Fragen schließen aber nicht aus, dass im Einzelfall eine Teilhabe eines nichtkatholischen Christen an der Eucharistie möglich ist. Die Möglichkeit der Zulassung eines evangelischen Christen zur Kommunion in einem begründeten Einzelfall ist nach dem katholischen Kirchenrecht (Codex Iuris Canonici, CIC can. 844) in Todesgefahr oder in einer anderen schweren Notlage erlaubt. Die Beurteilung einer solchen schweren Notlage wird dem Diözesanbischof oder der Bischofskonferenz überlassen. Mit der 2003 veröffentlichten Enzyklika „Ecclesia de eucharistia“ von Papst Johannes Paul II. ist mit der Rede von „einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis einzelner Gläubiger im Hinblick auf das ewige Heil“ (3) ein Kriterium genannt, das über die im Codex genannten Kriterien hinausführt. Diese neue Formulierung von Papst Johannes Paul II. kann aber nur in einem pastoralen Kontext richtig übersetzt werden, wobei für diesen Kontext wohl zu beachten ist, dass der Papst hier wie auch bereits in seiner Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ von 1995 die Möglichkeit zum Empfang der Eucharistie als einen „Grund zur Freude“ bezeichnet. In der Eucharistie-Enzyklika wird dieses Anliegen aber nicht im Hinblick auf eine bestimmte Gruppe wie etwa die konfessionsverschiedenen Ehepaare, sondern im Blick auf Einzelpersonen erörtert, die den Wunsch äußern, aufgrund eines solchen geistlichen Bedürfnisses die Kommunion in der katholischen Messfeier zu empfangen. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil genannten Aspekte der Eucharistie als Bezeugung der Einheit der Kirche einerseits und der Teilnahme an den Mitteln der Gnade andererseits (4) bieten die theologische Grundlage, die im Ausnahmefall die Teilhabe eines evangelischen Christen an der Kommunion gestatten kann.

Mit dem Grundsatz „der Sorge um die Gnade“ stellt die römisch-katholische Kirche die pastorale Praxis neben das „dogmatische Prinzip“ der Alten Kirche, dass Abendmahlsgemeinschaft nur bei voller Kirchengemeinschaft möglich ist. Sofern also ein grundlegendes gemeinsames Verständnis der Sakramente, vor allem der Eucharistie vorhanden ist, ist „die Teilhabe an den Mitteln der Gnade“ im Ausnahmefall theologisch legitim und pastoral möglich.

In diesem Sinne ist wohl auch die Antwort von Papst Franziskus auf die Frage nach der Teilhabe an der Kommunion für einen evangelischen Ehepartner bei seinem Besuch in der lutherischen Gemeinde in Rom zu verstehen. Der Papst wollte hier keine dogmatische Lehraussage geben, sondern eine pastorale Hilfestellung anbieten: „… ich werde nie wagen, Erlaubnis zu geben, dies zu tun, denn es ist nicht meine Kompetenz“ (5). Allerdings benennt der Papst pastorale Kriterien für die Überlegungen konfessionsverbindender Ehepaare. Sein Hinweis, „das Leben ist größer als unsere Erklärungen und Deutungen“, verweist die Entscheidung in das konkrete gemeinsame Glaubensleben eines konfessionsverbindenden Ehepaares. Dabei öffnet die Aufforderung „Geht voran“ den Raum für die Respektierung einer durchdachten Gewissensentscheidung, auch wenn Papst Franziskus dieses Wort nicht verwendet. Insofern liegt die Antwort von Papst Franziskus auf der Linie der Eucharistie-Enzyklika von Papst Johannes Paul II.

Die lutherischen und reformierten Kirchen Europas haben mit der Leuenberger Konkordie im Jahre 1973 die Voraussetzungen für die innerevangelische Abendmahlsgemeinschaft geschaffen und so die bis dahin bestehende Trennung in der Feier des Abendmahls überwunden und dann konsequent auch die Gemeinschaft im geistlichen Amt ermöglicht. Lutherische Pfarrer/innen können sich seitdem auch auf reformiert geprägte Pfarrstellen bewerben und reformierte Pfarrer/innen umgekehrt genauso. Die Selbständige Lutherische Kirche in Deutschland (SELK) hat sich dieser theologischen Vereinbarung allerdings nicht angeschlossen, sondern bietet für Besucher ihrer Gottesdienste die sogenannte „eucharistische Gastfreundschaft“ an. Seit der Leuenberger Konkordie hat sich im europäischen Raum und in vielen evangelischen Kirchen der Welt das Modell der „Versöhnten Verschiedenheit“ durchgesetzt. Die in diesem Modell vereinten lutherischen, reformierten, unierten und inzwischen auch methodistischen Kirchen betrachten ihre verbleibenden theologischen Differenzen als legitimen Ausdruck des einen christlichen Glaubens.

Mit Blick auf die evangelischen Kirchen der Welt und die zwanzig verschiedenen Landeskirchen in Deutschland stellt sich die Frage, ob dieses Konzept der Kirchengemeinschaft ein Weg wäre, um auch Kirchengemeinschaft und dann konsequent Eucharistiegemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche zu ermöglichen (6). Diese Frage ist insofern von großem Gewicht, weil in Deutschland mit den Landeskirchen und der römisch-katholischen Kirche zwei gleich große Kirchengemeinschaften Partner der Ökumene sind. Allerdings erfasst die Rede von den beiden großen Kirchen in Deutschland nicht die Wirklichkeit der Ökumene in unserem Lande. Sie nimmt die Existenz der unterschiedlichen Freikirchen nicht in den Blick. Ebenso sind die mehrere Millionen orthodoxen Christen mit ihren Kirchen ausgeblendet.

Das rechte Verständnis des Evangeliums, das ist die Rechtfertigungslehre, stellt für die an der Leuenberger Konkordie beteiligten Kirchen die Grundvoraussetzung für die Verwirklichung der Kirchengemeinschaft dar, die dann auch Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft einschließt. Ist nun die Vorstellung von der vollen sichtbaren Einheit der Kirche mit diesem Modell der Kirchengemeinschaft vereinbar? Zumindest im Hinblick auf die orthodoxen Kirchen und Christen hat das Zweite Vatikanische Konzil bereits die Teilhabe an den Sakramenten der Eucharistie, Buße und Krankensalbung ermöglicht, wenn eine pastorale Notlage durch das Fehlen bzw. die Unerreichbarkeit eines orthodoxen Geistlichen besteht. Das Konzil hat hier die geistliche Notlage gewichtiger eingeschätzt als die noch ausstehende Kirchengemeinschaft mit den getrennten orthodoxen Kirchen. Die pastorale Sondervereinbarung mit den syrisch-orthodoxen Christen aus dem Jahre 1984 kann in diesem Sinne als Fortschreibung der im Konzil grundgelegten Regel für die „geistliche Notlage“ von orthodoxen Christen verstanden werden. (7)

Nun hat das Zweite Vatikanische Konzil kein eigenes Konzept zur Wiederherstellung der zerbrochenen Gemeinschaft der Kirchen entwickelt. „Schlüsselbegriff und Angelpunkt eines katholischen Konzepts von Kirchengemeinschaft ist der Begriff der Gemeinschaft im Sinne der eucharistica communio.“ (8) Die Überprüfung und Klärung der theologischen Kompatibilität der Lehrdifferenzen in Fragen vor allem der Sakramente und des Amtes ist die bleibende Voraussetzung für die Eröffnung einer wahrscheinlich gestuften Kirchengemeinschaft je nach dem Grad der Übereinstimmung im sakramentalen Charakter der Kirche. Schließlich setzt Kirchengemeinschaft eine Erklärung über die gegenseitige Anerkennung der Kirchen als Kirchen voraus. Der Grundsatz der Alten Kirche, dass Abendmahlsgemeinschaft Kirchengemeinschaft voraussetzt, gilt somit auch für die Überlegungen der Kirchengemeinschaft mit den evangelischen Kirchen, die diesen Grundsatz in der Leuenberger Konkordie untereinander verwirklicht haben. Diese Zukunftsgedanken für die Ökumene sollten aber nicht verdecken, dass für die pastorale Notsituation nichtkatholischer christlicher Geschwister schon Grundlagen gelegt sind, die in der näheren ökumenischen Zukunft auch eine weitere kirchenamtliche Bestätigung und Verstärkung erhalten sollten, worauf ja auch bei der Bischofssynode in Rom immer wieder verwiesen wurde.

Gelebte Ökumene vollzieht sich aber nicht nur in der sakramentalen Gemeinschaft der Kirchen und der Christen, sondern überall, wo die Kirchen die „Charta Oecumenica. Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa“ in die Tat umsetzen. Das heißt: gemeinsam das Evangelium verkünden – aufeinander zugehen – gemeinsam handeln – miteinander beten – und Dialoge fortsetzen. „Wir verpflichten uns, auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens gemeinsam zu handeln, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind und nicht Gründe des Glaubens oder größere Zweckmäßigkeit dem entgegenstehen; die Rechte von Minderheiten zu verteidigen und zu helfen, Missverständnisse und Vorurteile zwischen Mehrheits- und Minderheitskirchen in unseren Ländern abzubauen.“ (9) Diese Verpflichtung zur Nummer 4 „Gemeinsam handeln“ unterstreicht, dass die Kirchen hier noch viel Handlungsspielraum haben, um mit einer Stimme das Evangelium in der säkularen Welt zur Geltung zu bringen, damit Menschen darin Orientierung finden und nicht an der Spaltung der Christen verzweifeln.

(1) Vgl. Einsatz im Dialog erneuern. Gemeinsame Erklärung zum Reformationsgedenken, in: KNA / Ökumenische Information, Nr. 44 (2016).

(2) Dekret über den Ökumenismus, Art. 1, in: Karl Rahner / Herbert Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, Freiburg i. Br. 1966, S. 229.

(3) Johannes Paul II., Enzyklika de eucharistia, hg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn ²2003 (VApS 159), Nr. 45.

(4) Vgl. UR 8: „Man darf jedoch die Gemeinschaft beim Gottesdienst (communicatio in sacris) nicht als ein allgemein und ohne Unterscheidung gültiges Mittel zur Wieder herstellung der Einheit der Christen ansehen. Hier sind hauptsächlich zwei Prinzipien maßgebend: die Bezeugung der Einheit der Kirche und die Teilnahme an den Mitteln der Gnade. Die Bezeugung der Einheit verbietet in den meisten Fällen die Gottesdienstgemeinschaft, die Sorge um die Gnade empfiehlt sie indessen in manchen Fällen.“

(5) Vgl. Osservatore Romano, 27. Dezember 2015, Nr. 48, S. 8.

(6) Vgl. Wolfgang Thönissen, Plädoyer für ein gestuftes Modell von Kirchengemeinschaft, in: ders. (Hg.), „Unitatis redintegratio“. 40 Jahre Ökumenismusdekret – Erbe und Auftrag, Paderborn / Frankfurt a. M. 2005, S. 151–162.

(7) Vgl. Gemeinsamer Glaube und pastorale Zusammenarbeit. 25 Jahre Weggemeinschaft zwischen der Syrisch-Orthodoxen Kirche und der Römisch-Katholischen Kirche, hg. v. Johannes Oeldemann, Basel 2011 (Epiphania – Egregia 6).

(8) Wolfgang Thönissen, a. a. O., S. 157. (9) Charta Oecumenica, in: Gelebte Ökumene. Anregungen für die ökumenische Arbeit in den Gemeinden, hg. v. Diözesanrat der Katholiken im Bistum Hildesheim 2005.

Der Reformation gedenken in versöhnter Verschiedenheit Beitrag eines evangelischen Theologen

In diesem Jahr gedenken wir als evangelische Christen der Reformation vor 500 Jahren. Schon sehr früh haben die reformatorischen Kirchen ihrer an runden Jahrestagen gedacht, häufig verbunden mit den damaligen Weltereignissen und gerne auch in Abgrenzung zu Kirchen anderer Konfessionen, ja 1917 – mitten im ersten Weltkrieg – auch in Abgrenzung zu anderen Nationen.

2017 ist es Gott sei Dank anders. Nach Jahrzehnten der ökumenischen Bewegung kann ich mir in diesem Jahr ein Gedenken an die Reformation nur in ökumenischer Offenheit und Verbundenheit vorstellen. Das hängt auch mit meiner Biografie und mit meinem Beruf als Militärseelsorger zusammen.


Schon in meiner Jugend habe ich erlebt, wie bereichernd das ökumenische Miteinander für meinen Glauben ist. Wir begingen gemeinsam mit der katholischen Jugend den ökumenischen Jugendkreuzweg. Ein enger Schulfreund entschloss sich ungefähr zeitgleich mit mir, Theologie zu studieren.


Besonders prägend war für mich das ökumenische Studienjahr Jerusalem. Katholische und evangelische Theologiestudierende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz studieren und leben gemeinsam auf dem Zionsberg, angeschlossen an die Dormitio-Abtei. Hier lernten wir unterschiedliche theologische Zugänge kennen und verstehen, sprachen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Abendmahlsverständnis und über den schon erreichten Konsens zwischen den Kirchen. Wir beteten miteinander und luden uns gegenseitig zu Abendmahlsfeiern ein. Besonders gerne erinnere ich mich an unsere gemeinsamen Gottesdienste am See Genezareth nahe der Brotvermehrungskirche zurück.

Als Pastor in Kiel erlebte ich, welche Strahlkraft das gemeinsame Zeugnis der Kirchen haben kann, wenn sie ökumenisch zusammenarbeiten. So wurden wir zur katholischen Osternacht in unsere Nachbargemeinde eingeladen, so wie wir unsere katholischen Schwestern und Brüder zum Festgottesdienst und anschließenden Ostfrühstück in unsere Gemeinde einluden. Pfingstmontag feierten Baptisten, Methodisten, Katholiken und Lutheraner gemeinsam Gottesdienst. Zwei Pfarrer traten dabei auf der Kanzel miteinander in den Dialog. Wir gestalteten in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) einen Stadtkirchentag mit einem Abschlussgottesdienst in der Ostseehalle.


Militärseelsorge mal zwei

Kurzum: Kirche und kirchliches Leben waren für mich schon lange ökumenisch geprägt. Von daher ist es vielleicht kein Zufall, dass ich Militärpfarrer geworden bin. Denn wenn auch die Arbeit der Militärseelsorge nur unter konfessionellem Vorzeichen geschieht, so ist doch die ökumenische Zusammenarbeit in diesem Arbeitszweig der Kirchen von besonderer Bedeutung. Sie ist in den über sechzig Jahren ihrer Praxis zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir begleiten die Soldatinnen und Soldaten im Inland und bei ihren Auslandseinsätzen auf der gemeinsamen Grundlage des Evangeliums von Jesus Christus und ermutigen sie in kritischer Solidarität zu verantwortungsvollem Handeln in ihrem Leben und Dienst. Diese gemeinsame Aufgabe verlangt gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Planung. Katholische und Evangelische Militärseelsorge sitzen gleichsam „in einem Boot“.

Für diese Zusammenarbeit ist die gegenseitige Achtung vor dem Bekenntnis des anderen eine entscheidende Voraussetzung. Weder soll eine Übereinstimmung dort vorgetäuscht werden, wo sie nicht besteht, noch soll die Zusammenarbeit dort versagt bleiben, wo sie ohne Verfälschung des kirchlichen Bekenntnisses möglich ist. Solche Praxis der Zusammenarbeit in einem kirchlichen Arbeitsfeld kann sich als Segen für das gesamte ökumenische Miteinander unserer Kirchen erweisen, zeigt sich hier doch, dass die beiden Konfessionen mehr verbindet als sie trennt. In der Militärseelsorge nehmen wir einander nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahr. Allerdings wird gerade in der Zusammenarbeit beider Militärseelsorgen schmerzlich deutlich, welche Hürden bis zur vollständigen Einheit der Kirche Jesu Christi noch zu überwinden sind.

Oftmals kommen Soldatinnen und Soldaten in der Begegnung mit den Militärgeistlichen zum ersten Mal in Kontakt mit der Kirche. Vor diesem Hintergrund ist es entscheidend für unsere Glaubwürdigkeit, dass wir trotz aller konfessionellen Verschiedenheit gemeinsam Zeugnis von der freimachenden Gnade Gottes geben. Je mehr uns das ökumenische Miteinander gelingt, desto glaubwürdiger wird unsere Botschaft von der Liebe Gottes sein, die allen Hass und alle Entzweiung überwindet. Je deutlicher wir machen können, dass wir in aller konfessionellen Vielfalt den Reichtum von Gottes Verheißung an alle Menschen gemeinsam verkündigen, desto überzeugender wird die Botschaft für die Menschen sein – auch für jene, die keiner Kirche angehören. Vor allem müssen wir die noch bestehende Trennung am Tisch des Herrn zu überwinden suchen. So werden wir glaubwürdige Zeugen für die frohe Botschaft von der Versöhnung Gottes mit den Menschen.

Ein besonderes Aufgabenfeld der Militärseelsorgerinnen und -seelsorger ist der Lebenskundliche Unterricht (LKU). Er ist gemeinsames Anliegen beider Zweige der Militärseelsorge und der Streitkräfte. Die Weiterentwicklung dieser wichtigen Ergänzung zur Ethischen Bildung in den Streitkräften geschieht in engem Zusammenwirken von Katholischer und Evangelischer Militärseelsorge. Das gemeinsame Leitbild des Gerechten Friedens zeigt die große Übereinstimmung beider großer Kirchen im friedensethischen Diskurs. Das erleichtert die ökumenische Zusammenarbeit. In den verschiedenen Initiativen zur Verbesserung der berufsethischen Qualifizierung von Soldatinnen und Soldaten arbeiten katholische und evangelische Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger eng zusammen. So haben evangelische Militärgeistliche wesentliche Impulse bei der Konzeption des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften (zebis) gegeben. Zwei evangelische Geistliche sind Mitglieder im Wissenschaftlichen Beirat des Zentrums. Ebenso arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des zebis und des Katholischen Militärbischofsamts (KMBA) in der evangelischen Theologisch-Ethischen Arbeitsgemeinschaft mit. In diesem guten ökumenischen Miteinander wollen wir Soldatinnen und Soldaten Orientierung geben für den Dienst und Beruf in der Bundeswehr und das Leben als Staatsbürgerin bzw. Staatsbürger. Damit leisten beide Zweige der Militärseelsorge gemeinsam einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Inneren Führung.


In Gottes Namen begleiten, ermutigen, verkündigen und orientieren – unter diesen vier Begriffen lassen sich die beschriebenen Aufgaben der Militärseelsorge zusammenfassen. Glaubwürdig können wir diese Aufgaben nur erfüllen, wenn Katholische und Evangelische Militärseelsorge dies in einem guten ökumenischen Miteinander tun. Daran wollen wir alle mittun – konfessionell getrennt, aber ökumenisch wirksam.

Reformationsgedenken als gemeinsames Christusfest

Schon aus diesen Erfahrungen heraus kann ich mir ein Gedenken an die Reformation nur in ökumenischer Offenheit und im ökumenischen Miteinander vorstellen.Bedeutsam wird dieses Miteinander aber besonders in diesen Zeiten: Als 1948 das erste Mal der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) zu einer Vollversammlung in Amsterdam zusammenkam, lag Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche. Der sogenannte Kalte Krieg zeichnete sich bereits ab. Damals betonte die ökumenische Vollversammlung, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll und die Kirchen und Christen angesichts der internationalen Unordnung bestimmte Verpflichtungen haben. Christen, so hieß es, stehen in der Pflicht, sich in ihrer weltweiten ökumenischen Verbundenheit für die Versöhnung der Völker und damit für den Frieden einzusetzen.In unserer Zeit wird nun davon gesprochen, dass die Welt zerrissen und aus den Fugen geraten zu sein scheint. Statt der Hoffnung auf einen gemeinsamen europäischen Friedensraum von Lissabon bis nach Wladiwostok hört man heute immer wieder von einer „Weltunordnung“.Wenn wir in diesem Jahr 500 Jahre Reformation begehen, ist es daher von besonderer Bedeutung, dass wir es im ökumenischen Geist tun. Ich bin daher froh, dass zu Beginn des Reformationsjahres 2016/17 Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gemeinsam an die Ursprungsstätten des Christentums gereist sind. Ich bin dankbar für das gemeinsame Gebet von Papst Franziskus und dem Präsidenten des Lutherischen Weltbunds.Über solche ökumenische Verbundenheit freue ich mich besonders in diesen Zeiten: Auch in einer zerrissenen und aus den Fugen geratenen Welt feiern Christen trotz aller Verschiedenheit und über alle konfessionellen und nationalen Grenzen hinweg gemeinsam Gottesdienst. Ein Zeichen: Versöhnung ist möglich trotz aller Unterschiede. So freue ich mich auf ein Reformationsjahrin versöhnter Verschiedenheit.

 Leitender Militärdekan Dr. Dirck Ackermann,
Referatsleiter im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr (EKA)

Ein Kommentar von Prof. Dr. h. c. Ulrich Ruh

„Das Reformationsjubiläum wiederum wirft die Frage nach dem reformatorischen Profil neu auf.“

Ökumene gehört im kirchlich-religiösen Leben Deutschlands längst zum unspektakulären Alltagsgeschäft – und das ist auch gut so. Gleichzeitig gibt es herausragende Ereignisse, durch die die Frage nach Stand, Problemen und Perspektiven der Ökumene in besonderer Weise auf die Tagesordnung kommt. Ich denke hier an Papstbesuche wie den Johannes Pauls II. im Jahr 1980 oder Benedikts XVI. im Jahr 2011, aber auch an die Ökumenischen Kirchentage von 2003 und 2010. Das Reformationsjubiläum 2017 ist ebenfalls ein solcher Anlass: Schließlich markieren Martin Luther und die maßgeblich von ihm ausgelöste Reformation den Ursprung des Neben- und Gegeneinanders von katholischem und reformatorischem Christentum, das die deutsche Geschichte über Jahrhunderte geprägt hat und noch heute unverkennbar mitprägt.

Dass auf der Ebene von Deutscher Bischofskonferenz und Evangelischer Kirche in Deutschland etliche gemeinsame Unternehmungen zum Reformationsjubiläum vereinbart wurden, ist ein gutes ökumenisches Zeichen, wie auch das ausführliche und differenzierte „Gemeinsame Wort“ von DBK und EKD zum Jahr 2017. Aber alle ökumenischen Bemühungen aus Anlass des Reformationsjubiläums werden nichts daran ändern und auch nichts daran ändern können, dass die Leitvorstellungen über kirchliche Einheit beziehungsweise Kirchengemeinschaft zwischen der katholischen Kirche einerseits und den Kirchen der Reformation andererseits nach wie vor nicht kompatibel sind. Das katholische Beharren auf Einheit im Glauben, in den Sakramenten wie im kirchlichen Amt, einschließlich des Papstamtes, ist für die evangelische Seite ein unüberwindbarer Stolperstein.

Die Zeichen stehen nicht zuletzt in Deutschland deshalb eher auf einer Ökumene der kleinen Schritte, gerade auch für die katholische Kirche. In diesem Prozess verbinden oder vermischen sich bei genauerem Hinsehen zwei Dinge: Es gibt zum einen den wachsenden Druck der gesellschaftlich-religiösen Verhältnisse, die mehr ökumenische Offenheit dringend nahelegen oder mindestens plausibel erscheinen lassen. Zum anderen hat sich in der katholischen Kirche in Deutschland in den letzten Jahren auf allen Ebenen vielfach das Nachdenken darüber verstärkt, ob bestimmte Festlegungen im katholischen Kirchenverständnis sich nicht mehr und mehr als Blockaden für ein glaubwürdiges und ausstrahlungskräftiges christliches Zeugnis hierzulande erweisen. Dieses Nachdenken kann zumindest indirekt auch zu einer neuen Sicht auf Selbstverständnis und Praxis des ökumenischen Partners und zu einer entsprechenden Lernbereitschaft führen.

So haben die deutschen Bischöfe Mitte Dezember des letzten Jahres eine Erklärung zur Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts veröffentlicht, die den Weg zu mehr Kooperation von katholischem und evangelischem Religionsunterricht öffnet. Begründet wird diese Option unter anderem mit der Schwierigkeit, in manchen Regionen angesichts der geringen Schülerzahl noch konfessionell getrennten Religionsunterricht organisieren zu können. Als Konsequenz des immer stärker spürbar werdenden Priestermangels betonen hierzulande vielerorts kirchliche Verantwortliche und Gremien die Bedeutung anderer Dienste und des ehrenamtlichen Engagements – das geweihte Amt bekommt so im konkreten Leben und damit wohl auch im Selbstverständnis der katholischen Kirche tendenziell eine andere Stellung als bisher; es verschieben sich die Gewichte zugunsten des „allgemeinen Priestertums“ der Gläubigen.

In die gleiche Richtung geht die Aufwertung des synodalen Prinzips in der katholischen Kirche, für die sich unter anderem das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ausspricht und die auch bei den deutschen Bischöfen Fürsprecher hat. Bislang ist vieles in diesem Bereich noch Zukunftsmusik; aber mittelfristig muss wohl die Verantwortung des Bischofs im kirchlichen Gefüge neu austariert werden. Und schließlich: Es wächst bei den Verantwortlichen die Einsicht, dass Revisionen in der bisherigen katholischen Ehe- und Sexualmoral unumgänglich sind, will die offizielle Kirche sich nicht noch fataler in Sackgassen verrennen. Der Streit um „Amoris Laetitia“ hat hier die Funktion eines Katalysators.

Es geht bei allen diesen Kontroversen und Suchbewegungen letztlich um das katholische Profil und seine konkrete Ausgestaltung heute. Das Reformationsjubiläum wiederum wirft die Frage nach dem reformatorischen Profil neu auf. Beides zusammen kann und soll dazu beitragen, dass Ökumene ein lohnendes und spannendes Geschäft bleibt – notwendig nicht zuletzt im Blick auf die anstehenden religiös-kulturellen Herausforderungen für das Christentum insgesamt.

Zum Autor: Prof. Dr. h. c. Ulrich Ruh war von 1991 bis 2014 Chefredakteur der Herder Korrespondenz und ist jetzt Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.

                            

Kompass Februar 2017

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„Aufeinander zugehen“ in Deutschland und über Grenzen hinweg, das gilt in der Ausgabe 02/17 an vielen Stellen: in Berichten aus dem Irak und dem Iran, vom Weltfriedenstag in Köln und einem Gesprächsabend in Hamburg, bei Veranstaltungen und Ausstellungen in Berlin, Vorpommern, Bonn und Leipzig. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Dr. Hans-Peter Bartels, stellt aktuell seinen am 24.1.17 veröffentlichten zweiten Jahresbericht vor. Und die beliebten Rubriken mit Personalveränderungen, zum Lebenskundlichen Unterricht, zum Glauben, Buch- und Filmtipp sowie Preisrätsel werden fortgesetzt.

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