Warum dauert bei der Ausrüstung alles so lange?

In meinem Jahresbericht für 2016 hatte ich dafür geworben, die beschlossenen Trendwenden Personal, Material und Haushalt zu ergänzen um eine „Trendwende Tempo“ und eine „Trendwende Mentalität“. Mit der gleichen Herangehensweise wie in den 25 Jahren des Schrumpfens wäre die politisch gewollte Trendumkehr nicht zu schaffen. Das gilt in gewisser Weise auch für die Ausrüster der Bundeswehr.

Auch die deutsche wehrtechnische Industrie braucht eine Mentalitäts-Trendwende. Das alte Denken aus der Zeit nach 1990 führt heute, spätestens seit 2014, in die Irre.

Bisher galt: Es ist für die Industrie klug, sich an einem Beschaffungsprojekt lange festzuklammern. Man konnte ja nicht wissen, wann und ob überhaupt noch mal ein neues Projekt kommen würde. Alles wurde immer weniger, Stückzahlen genauso wie Neubeginner. Wenige Projekte schienen wirklich existenziell für die Sicherheit des Landes. Gerade bei den Großprojekten drängte kaum etwas zur Eile.

Dem Ministerium waren Verspätungen nur allzu oft allzu recht: Was später kam, musste auch erst später bezahlt werden. Das passte zur strukturellen Unterfinanzierung des gesamten Beschaffungswesens. Mit Schieben und Strecken blieb alles irgendwie im Lot.

Und wenn nun sowieso noch Zeit war bis zum Abschluss von Entwicklung und Beschaffung, durfte der Bedarfsträger ja wohl auch noch mal militärische Forderungen nachmelden! Inzwischen gab es doch längst neuere Technik, neuere Einsatzverfahren – und neuere Moden. Dass es dann mit der Auslieferung noch länger dauerte, war kein Schaden, weil dann ja auch erst noch später bezahlt werden musste.

Es war lange Zeit einfach nicht eilig. Das hat sich spätestens seit 2014 geändert. Die Zeit, in der permanentes Reduzieren und Sparen möglich war – bevor die Welt aus den Fugen ging –, diese Zeit ist vorbei. Was heißt das für unsere deutsche Industrie? Auch für sie gilt heute: Trendwende Tempo! Unsere Soldatinnen und Soldaten warten auf das neue moderne Gerät, das vor 10 oder 15 Jahren bestellt worden ist. Und sie brauchen es bitte komplett, FOC (Full Operational Capability). Beschleunigung tut not! Der militärische terminus technicus dafür heißt zu gut deutsch: „fertig werden!“

Nicht zu lange festhalten an laufenden Projekten, es werden neue kommen! Nicht zu sehr auf immer umfassendere Wartungsverträge setzen! Manches Materialerhaltungsgeschäft wäre wirklich besser in der Bundeswehr, sogar bei den Verbänden selbst, aufgehoben.

Neue Projekte sind die Kernkompetenz der deutschen Industrie. Nicht bei jeder denkbaren technischen Innovation an schon laufenden Projekten sollte man versprechen: Das bauen wir ein, bauen wir um, erfinden wir neu, kein Problem. Diese Innovationsfreude am immer gleichen Objekt kann sich die Bundeswehr nicht mehr leisten, zeitlich nicht und finanziell nicht.

Schließlich: Der Inspekteur des Heeres hat bei einer Veranstaltung im Zusammenhang mit der Münchner Sicherheitskonferenz vor einer Tendenz gewarnt, die auch ich problematisch finde. Das ist die Tendenz zur Überkomplexität, zur Digitalisierung von allem und jedem. Er sagt: „Komplexität und Digitalisierung per se sind nicht nur Vorteile – es vergrößert sich auch die Verwundbarkeit der Systeme.“

Und Menschen müssen mit dieser Komplexität umgehen können, Soldatinnen und Soldaten, auch unter Stress, im Gefecht. Deshalb sagt General Vollmer: „Vereinfachung tut not.“ Recht hat er!

Dr. Hans-Peter Bartels
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages