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Was sind uns Soldaten wert?

© 2016 Bundeswehr / Jonas Weber
© 2016 Bundeswehr / Jonas Weber

Wenn von der Wertschätzung der Soldaten in der deutschen Gesellschaft die Rede ist, wird weiterhin gerne der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler mit seinem Wort vom „freundlichen Desinteresse“ zitiert. Im Kommentar des Journalisten Thomas Wiegold, der das Blog „Augen geradeaus!“ verantwortet, wird im November-Kompass 2016 deutlich, dass auch in den USA „nicht alles besser“ ist.

Dr. Heiko Biehl vom „Forschungsbereich Militärsoziologie“ am „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“ ermutigt in seinem Grundsatz-Beitrag die Soldaten mit dem Zitat von Alt-Kanzler Helmut Schmidt: „Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen.“ Der Bundesvorsitzende der „Gemeinschaft Katholischer Soldaten“, Oberst Rüdiger Attermeyer, äußert in diesem Zusammenhang Zweifel, ob das Weißbuch der Bundesregierung 2016 hier hilfreich sein wird.

Was sind der Gesellschaft ihre Soldaten wert?

Militärsoziologische Hinweise zur sozialen Anerkennung der Bundeswehr von Dr. Heiko Biehl

Fragt man nach der gesellschaftlichen Wertschätzung für die Streitkräfte, ist zunächst zu klären, woran diese festzumachen ist. Heutzutage ist es gleichermaßen üblich wie umstritten, den Wert einer Sache oder, wie im betrachteten Fall, den gesellschaftlichen Wert einer Organisation in fiskalischen Größen zu bemessen. Auch bei der Bundeswehr liegt ein solches Vorgehen nahe, legt doch das Parlament im Bundeshaushalt jährlich fest, wieviel Steuergeld den Streitkräften zur Verfügung steht. Die reine Summe ist zunächst beeindruckend: Mehr als 34 Milliarden Euro, das sind 34.000 Millionen Euro, werden für Sold, Rüstung, Kasernen, militärischen Betrieb, Einsätze etc. ausgegeben und fließen eben nicht in Bereiche wie Infrastruktur, Bildung, Kultur oder Soziales. Dieser Betrag lässt sich gleichermaßen dramatisieren wie relativieren. Einerseits stellen die Verteidigungsausgaben den zweitgrößten Posten im Bundeshaushalt (nach dem Etat des Ministeriums für Arbeit und Soziales) dar und sind im Vergleich zu vor zehn Jahren nominal um fast ein Viertel gestiegen. Ebenso richtig ist aber, dass die Ausgaben gemessen an der Wirtschaftsleistung geringer ausfallen als in der Endphase des Ost-West-Konflikts und niedriger sind als bei einigen großen (USA, Großbritannien, Frankreich) und kleinen (baltische Staaten, Griechenland) NATO-Partnern. Weitaus wichtiger als die jeweilige Bewertung der Verteidigungsausgaben ist jedoch die Einsicht, dass diese kein alleiniger und kein unmittelbarer Ausdruck gesellschaftlicher Anerkennung sind. Vielmehr ist der Wehretat das Ergebnis politischer Prioritätensetzungen auf exekutiver Ebene und unterliegt parlamentarischen Abstimmungsprozessen.

Sicherlich gehen in die Entscheidungsfindungen die Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger – also auch ihre Wertschätzung für die Streitkräfte – mit ein, aber allenfalls als einer von mehreren Faktoren. Der Verteidigungsetat hängt von politischen Interessen und Kalkülen ebenso ab wie von der Konkurrenz der Ansprüche verschiedener Politikbereiche und nicht zuletzt entscheiden die Steuereinnahmen über das zu verteilende Budget. Von daher kann der Bundeshaushalt als politische Willensbekundung gelten – gesellschaftliche Wertschätzung umfasst jedoch mehr. Denn Organisationen wie Individuen streben nicht alleine nach Entlohnung, Bezahlung und finanziellen Mitteln. Sie suchen ebenso soziale Anerkennung, die sie durch Vertrauen, Zuspruch und Unterstützung erfahren. Die Bundeswehr als öffentliche Einrichtung kann dabei aus allen Bereichen der Gesellschaft auf Bestätigung – wie auf Ablehnung – treffen. Gerade in Demokratien sind die Organisation und der Einsatz militärischer Mittel stets Gegenstand öffentlicher Diskussionen und Auseinandersetzungen. Für die Bundeswehr ist gesellschaftliche Wertschätzung jedenfalls wesentlich, ganz so, wie es die Konzeption der Inneren Führung vorsieht. Doch wie steht es um die soziale Anerkennung der deutschen Streitkräfte?

Noch vor ein paar Jahren dominierte die vom damaligen Bundespräsidenten Köhler vertretene These eines „freundlichen Desinteresses“ der Deutschen an ihren Soldaten und an der Sicherheitspolitik die öffentliche Diskussion. Offensichtlich hatte er mit dieser Diagnose das Unbehagen vieler Soldatinnen und Soldaten am als mangelhaft empfundenen gesellschaftlichen Rückhalt auf den Punkt gebracht. In der Folgezeit griffen verschiedene Beteiligte bis hin zum Wehrbeauftragten die Formel vom freundlichen Desinteresse auf und teilten diese zumeist. Einen Kontrapunkt setzte im Jahr 2013 der damalige Verteidigungsminister de Maizière, als er der Truppe eine ausreichende gesellschaftliche Wertschätzung attestierte und manchem Soldaten eine Gier nach Anerkennung vorhielt – eine Zuspitzung, die er in nachfolgenden Äußerungen relativierte. Ungeachtet des Abflauens der Debatte haben deren Kernfragen nichts an Relevanz eingebüßt: Welchen gesellschaftlichen Zuspruch erfährt die Bundeswehr? Worauf gründen Wertschätzung und Abneigung? Kurz: Was sind der Gesellschaft ihre Soldaten wert und woran macht sich dies fest?

Eine sozialwissenschaftlich etablierte und geeignete Möglichkeit, die Einstellungen der Bevölkerung zu den Streitkräften zu ermitteln, sind Befragungen: Wer wissen will, was die Bürgerinnen und Bürger über die Bundeswehr denken, muss sie danach fragen. Mittlerweile liegt eine Vielzahl empirischer Untersuchungen vor, die Auskunft über die gesellschaftlichen Haltungen zu den Streitkräften geben. Dabei ergänzen sich Studien bundeswehreigener Einrichtungen, wie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) mit Erhebungen ziviler Institute und universitärer Forscher. Die Ergebnisse sind im Kern deckungsgleich und verweisen allesamt auf eine bemerkenswerte Diskrepanz:

Auf der einen Seite erfahren die Streitkräfte hohe Zustimmung und breite Unterstützung. Das Gros der Bevölkerung hat – wie alle einschlägigen Untersuchungen zeigen – eine positive Haltung zur Bundeswehr. Sicherlich, es gibt Pazifisten, die jede Form militärischer Gewalt ablehnen, generell gegen Streitkräfte eingestellt sind und die Abschaffung der Bundeswehr fordern – doch ihre Anzahl ist überschaubar. Weitaus mehr Bürger sind der Bundeswehr wohlgesinnt und begegnen den Soldatinnen und Soldaten mit Respekt und Zuspruch. Jedes öffentliche Gelöbnis und jeder Tag der offenen Tür, den die Bundeswehr veranstaltet, ist Beleg für das positive Meinungsbild der deutschen Bevölkerung. So zeigt der mittlerweile wiederholt durchgeführte Tag der Bundeswehr, wie groß der Zulauf ist, wenn sich die Streitkräfte den Bürgerinnen und Bürgern präsentieren und Einblicke in Kasernen und Dienstalltag erlauben. Wie auch sozialwissenschaftliche Analysen belegen, vertrauen die meisten Deutschen ihren Streitkräften, weil sie gute Erfahrungen in der und mit der Bundeswehr gemacht haben. Dabei ergänzen sich die Erlebnisse als Wehrpflichtiger, Zeit- und Berufssoldat oder Zivilangestellter mit persönlichen Kontakten und medialer Berichterstattung. Wesentlich aus Sicht der Bürger wie der Streitkräfte ist, dass es überhaupt zu einem Austausch und zu Kommunikation kommt. Auf welchem Wege und über welchen Kanal ist zweitrangig, wodurch – entsprechende Anstrengungen und Angebote vorausgesetzt – die Bundeswehr als Freiwilligenarmee ähnlich in die zivile Gesellschaft integriert sein kann, wie sie es als Wehrpflichtarmee gewesen ist.

Auf der anderen Seite gibt es durchaus Kritik und Ablehnung. Diese richtet sich jedoch nicht gegen die Bundeswehr und ihre Angehörigen, sondern gegen deren Einsätze und Missionen. So stieß insbesondere das langjährige Engagement der Bundeswehr in Afghanistan auf verbreitete Vorbehalte. Aber auch den laufenden Missionen begegnet ein Teil der Bevölkerung mit Skepsis und Kritik und dies umso mehr, je weiter sich die Einsätze von einem heimatnahen und humanitären Szenario entfernen. Zwar hat die Bevölkerung mehrheitlich akzeptiert, dass Auslandseinsätze – in unterschiedlichen Formen und Intensitäten – zum Aufgabenspektrum der Bundeswehr gehören. Diese erfahren in Umfragen jedoch nicht dieselbe Zustimmung wie humanitäre Aufträge und Verteidigungsaufgaben. Ginge es nach den Bürgerinnen und Bürgern, dann wären der Schutz des eigenen Staatswesens, die Aufrechterhaltung der äußeren und inneren Ordnung sowie die Sicherung der Grenzen die vordringliche Aufgabe der deutschen Streitkräfte. Kurzum: Gesellschaftliche Wertschätzung für die Bundeswehr ist vorhanden, ihre Aufgaben und Einsätze stoßen jedoch auf ein geteiltes gesellschaftliches Echo.

Viele Soldatinnen und Soldaten zeigen sich unzufrieden mit dem ambivalenten Meinungsbild der Öffentlichkeit. Sie begründen ihren Anspruch auf uneingeschränkte Anerkennung und Unterstützung mit ihrer Bereitschaft, notfalls ihr Leben einzusetzen. Aus Sicht der Bevölkerung ist dies zweifelsohne ein hohes Gut, doch sollte es Mittel zu einem eigentlichen, politisch und gesellschaftlich akzeptierten Zweck sein. Keineswegs sollte es einen Selbstzweck oder einen Wert an sich darstellen. Mittels des militärischen Einsatzes ist ein Ziel zu verfolgen, das diesen Einsatz lohnt. Hierfür stellt die deutsche Gesellschaft, wie die meisten anderen europäischen Gesellschaften, hohe Ansprüche. Nicht, dass die Bevölkerung grundlegend gegen militärische Mittel wäre, aber sie stimmt nur bestimmten Zielen und Absichten zu, für die sie militärische Gewalt sinnvoll und zweckmäßig eingesetzt sehen will. Die Ablehnung, die einige Auslandseinsätze der Bundeswehr erfahren, speist sich unter anderem aus den diffusen Absichten, die damit zuweilen verbunden sind. Entsprechend zurückhaltend bewertet die Bevölkerung die Erfolgsaussichten der Missionen. Woran es mithin mangelt, ist die gesellschaftliche Überzeugung, dass militärische Engagements sicherheitspolitisch sinnvoll und funktional sind.

Es mag nicht jedem, der politische und militärische Verantwortung trägt, gefallen, dass die bundesdeutsche Gesellschaft zurückhaltend reagiert, wenn es um die Entfaltung militärischer Gewalt geht. Zugleich mag diese Haltung hinderlich sein angesichts bündnispolitischer Verpflichtungen und sicherheitspolitischer Entscheidungen. Sie mag auf Unverständnis bei den Partnern im Bündnis stoßen. Aber: Die Vorsicht der Bürgerinnen und Bürger hinsichtlich des Einsatzes militärischer Mittel kann mit einiger Berechtigung als eine Form der gesellschaftlichen Wertschätzung verstanden werden. Die Soldatinnen und Soldaten sind der Bevölkerung einiges wert, von daher sollen sie nicht unnötig oder plan- und ziellos eingesetzt werden. Im Umkehrschluss sollten die Soldatinnen und Soldaten die vorhandene gesellschaftliche Anerkennung nicht unterschätzen, sondern als Ausdruck einer gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für die Streitkräfte verstehen. Letztlich sind die gesellschaftlichen Vorbehalte gegen den Einsatz militärischer Gewalt ein Garant für das Versprechen, das Alt-Kanzler Helmut Schmidt im Jahre 2008 den Rekruten anlässlich des Feierlichen Gelöbnisses vor dem Deutschen Bundestag gegeben hat: „Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen“.

Dr. Heiko Biehl, Leitender Wissenschaftlicher Direktor,
Forschungsbereich Militärsoziologie am
Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam

Interview mit Oberst Rüdiger Attermeyer, Bundesvorsitzender der Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS)

„Ich bezweifle, dass das Weißbuch 2016 einen nachhaltigen Beitrag zur sicherheitspolitischen Debatte in der deutschen Gesellschaft leisten wird.“

Kompass: Seit 2009 sind Sie ehrenamtlicher Bundesvorsitzender eines nach dem Kirchenrecht anerkannten, freien Zusammenschlusses katholischer Soldatinnen und Soldaten einschließlich ihrer Familienangehörigen in der Jurisdiktion des Katholischen Militärbischofs in Deutschland. Sowohl als deren Vorsitzender als auch als Soldat und Staatsbürger in Uniform verfolgen Sie die friedensethische und sicherheitspolitische Debatte. Was ist Ihr Eindruck? Wird diese immer noch von einem „freundlichen Desinteresse“ begleitet, oder hat sich etwas nachhaltig verändert?

Oberst Attermeyer: Die Ereignisse in Frankreich, im Nahen und Mittleren Osten und die Flüchtlingsströme, die auch in Europa und Deutschland ankommen, führen dazu, dass das Sicherheitsgefühl der Menschen sich verändert hat. Der Krieg und der Terror sind greifbar näher gerückt, das Gefühl, dass Frieden in Europa etwas Selbstverständliches sei, hat Risse bekommen. Die Fähigkeit sich verteidigen zu können, Soldatinnen und Soldaten zu haben, die bereit sind, mit Gewalt unter Einsatz des eigenen Lebens für die Sicherheit der Bevölkerung einzutreten, bekommt bei vielen Menschen plötzlich wieder einen gewissen Stellenwert. Man ist auch bereit, sich dies etwas kosten zu lassen, den Verteidigungshaushalt zu erhöhen und auch sonstige Anstrengungen zu unternehmen, um die Wehrhaftigkeit der Demokratie gegen Bedrohungen von innen und außen zu stärken.

Leider führt dieses aber nach meiner Wahrnehmung bisher nicht dazu, dass sich die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite intensiver mit sicherheitspolitischen und friedensethischen Fragen auseinandersetzen würde. Dass die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist und damit jeder Bürger, jede Bürgerin Verantwortung für die Soldatinnen und Soldaten und für deren Tun trägt, ist im Bewusstsein der Gesellschaft kaum verankert.

Insofern ist für mich noch nicht klar, ob dieses derzeitige Interesse zu einem nachhaltigen Interesse an Fragen der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik und an der Bundeswehr und ihrem Tun führt, oder ob es bei der Bewertung „freundliches Desinteresse“ des Altbundespräsidenten Horst Köhler bleibt. Nach meiner persönlichen Einschätzung erwarte ich allerdings kein nachhaltiges Interesse in der breiten Bevölkerung. Die GKS wird aber nicht müde, an die Zusammenhänge zu erinnern und für ein sicherheitspolitisches Gesamtkonzept zu werben, bei dem die Streitkräfte nur ein Element von mehreren sind.

Kompass: Nun hat die Bundesregierung kurz vor der diesjährigen Sommerpause ihr Weißbuch 2016 veröffentlicht. Unter welcher Voraussetzung kann dieses Weißbuch Ihrer Meinung nach einen nachhaltigen Beitrag zur Debatte in Deutschland leisten? Halten Sie dieses regierungsamtliche Format, auch mit Blick auf die Zukunft, für geeignet und zweckmäßig, um eine sicherheitspolitische Diskussion über Parlament, Streitkräfte und Soldaten hinaus zu forcieren und zu verstetigen?

Oberst Attermeyer: Ich bezweifle, dass das Weißbuch 2016 einen nachhaltigen Beitrag zur sicherheitspolitischen Debatte in der deutschen Gesellschaft leisten wird. Schon der zumindest unglückliche Veröffentlichungszeitpunkt in der Sommerpause ließ das so wichtige „Erstinteresse“ fast wirkungslos verpuffen. Als hoch komplexes, sehr theorielastiges „Fachwerk“ bietet es wenig Anreiz, dass sich größere gesellschaftliche Gruppen mit seinen Inhalten auseinandersetzen. Auch die verwendete Sprache mit ihren monoton anmutenden, immer wiederkehrenden Satzbildern lädt nicht zum Weiterlesen ein, daran können auch die vielen, großflächigen Bilder nichts ändern.

Inhaltlich hat mich enttäuscht, dass im Weißbuch von der Notwendigkeit der ganzheitlichen Sicherheitspolitik zwar gesprochen, dieser Begriff im Text dann aber so wenig mit Leben gefüllt wird. Strategisch sprechen wir vom vernetzten Ansatz, davon dass Entwicklungspolitik, Unterstützung in Bildung, beim Aufbau von Wirtschaft, Verwaltung und Infrastruktur und militärische Präsenz Hand in Hand gehen müssen. Diese Punkte bleiben aber in der reinen Darstellung stecken, werden nur idealtypisch gestreift und nicht konkretisiert.

Enttäuscht hat mich auch, dass dem Alleinstellungsmerkmal der Bundeswehr, nämlich der Führungskultur der „Inneren Führung“, im Verhältnis zu den anderen Themen des Weißbuchs nur wenige Zeilen gewidmet werden. In Zeiten, in denen so große Veränderungen geschehen, kommt es über die theoretischen und praktischen Fähigkeiten der einzelnen Soldaten hinaus ganz wesentlich auf den Bildungsstand und die ethische Basis an. Hier gilt es meines Erachtens, intensiv im Rahmen der Inneren Führung zu arbeiten, dass diese auch unter den sich rasch verändernden Rahmenbedingungen ihre wichtige, an der Menschenwürde orientierte Wirkung weiterhin entfalten kann.

Ein „Weißbuch“ allein kann – auch wenn es attraktiver und gesellschaftsorientierter formuliert wäre – den notwendigen sicherheitspolitischen Diskurs nicht begründen. Aber in seinem Erscheinen läge die Chance, dass die Mitglieder des Bundestages und der Regierung aktiv vor Ort mit den Menschen das Gespräch zu Fragen der Sicherheitspolitik suchten. Es geht nicht darum, dass die Menschen nur über die Bundeswehr sprechen, sondern darum, dass sie auch über ihre eigenen Aufgaben und die diesen zugrundeliegenden Werte und Entscheidungen sprechen.

Kompass: Nun kann man den Dienst der Soldatinnen und Soldaten nicht von ihrem Auftrag, der letztendlich auch immer ein politischer ist, trennen. Trotzdem die Frage: Kann der Dienst der Soldatinnen und Soldaten, können Soldaten schlechthin wertgeschätzt werden? Wie beurteilen Sie sowohl grundsätzlich als auch aktuell diese Wertschätzung? Gibt es sie in Deutschland?

Oberst Attermeyer: Wertschätzung für den Dienst der Soldatin, des Soldaten, drückt sich meines Erachtens darin aus, dass eine Gesellschaft als Ganze bereit ist, immer wieder um die Fragen der konkreten Umsetzung sicherheitspolitischer Fragen und Interessen zu ringen. Das ist deutlich wichtiger als mehr oder weniger interessiertes Zuschauen!

Wertschätzung drückt sich darin aus, dass gesellschaftlich klar ist, dass Soldatinnen und Soldaten einen Auftrag ausführen, der ihnen letztlich von allen Wählerinnen und Wählern gegeben worden ist. Wenn das klar ist, kann sich die Gesellschaft über pazifistische und militärgebundene Lösungsansätze auseinandersetzen und auch einen einzuschlagenden militärischen Weg kontrovers diskutieren. Man könnte um die Anerkennung als politische und gesellschaftliche Mehrheit ringen, weil klar ist, dass die Soldaten und Soldatinnen im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland für sie handeln – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Damit können die Soldatinnen und Soldaten vom Auftraggeber für das „Wie“ ihrer Dienstausübung kritisiert werden, aber niemals dafür, dass sie es tun. In dieser sauberen Trennung liegt für mich die einer Demokratie angemessene Form der Wertschätzung. Zurzeit nehme ich allerdings wahr, dass wir von dieser Form der Wertschätzung und der damit verbundenen Handlungssicherheit für die Soldatinnen und Soldaten noch weit entfernt sind.

Kompass: Mit Blick auf die Kirche und den Dienst der Soldatinnen und Soldaten – verhält es sich in der katholischen Kirche anders als in der bundesdeutschen Gesellschaft? Welche Erwartungen richten Sie als ein katholischer Zusammenschluss an die Gläubigen?

Oberst Attermeyer: Als Christen teilen wir alle die Verpflichtung, für den Frieden aktiv einzutreten. Über den Weg, wie dies am nachhaltigsten geschehen kann, streiten wir uns auch als Christen mit großem Engagement. Und genau dieses Engagement fordere ich in noch viel größerem Maße ein, als es derzeit in Deutschland in der Kirche zu spüren ist. Der Frieden in unserem Land, in Europa und letztlich weltweit, ist auch uns zur Pflege anvertraut, er geht uns alle an und gedeiht nicht ohne Zutun. Noch viel mehr als bisher müssen sich die Gemeinden und die Verbände dieser Verantwortung stellen.

Als Menschen sind wir immer Suchende. Welcher Weg zum Ziel führen wird, das wissen wir nie mit letzter Sicherheit. Deshalb gibt es in unserer Kirche sowohl Pazifisten als auch Menschen, die Gewalt als ultima ratio für legitim halten. Christ sein bedeutet für mich nicht, eine Einheitsmeinung zu haben, sondern sich einzumischen. An der Art, wie wir um den richtigen Weg miteinander ringen, daran soll man uns erkennen! Deshalb erwarte ich von der Kirche und uns Gläubigen, dass wir miteinander und untereinander um den richtigen Weg ringen, dabei aber immer im anderen auch den Bruder, die Schwester sehen.

Es wird jedoch nicht ausreichen, wenn wir dies im katholischen Biotop innerhalb der Gemeinden und hinter den Kirchenmauern tun. Es geht darum, nach außen in der Gesellschaft Flagge zu zeigen, Argumente für eine sicherheitspolitische Debatte anzubieten, Lösungswege darzustellen und sich in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs immer wieder einzumischen. Dabei für Menschenwürde, Freiheit und Frieden aus unserm Glauben heraus einzutreten, steht uns gut an. Als GKS versuchen wir das immer wieder. Aber: Wir alle, Kirche, Gläubige und GKS können da noch mehr tun und haben da sicherlich eine Menge Luft nach oben!

Die Fragen stellte Josef König.

Was sind uns Soldaten in Deutschland wert?

Ein Kommentar von Thomas Wiegold, Journalist mit dem Schwerpunkt internationale Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, Militär und Bundeswehr

Wenn deutsche Soldaten über die Wertschätzung sinnieren, die sie in Deutschland erfahren, schwärmen sie regelmäßig von ihren Erfahrungen im Ausland, vor allem in angelsächsischen Ländern. Das selbstverständliche „Thank you for your service“, das ein Uniformträger in den USA von der Supermarktkasse bis zum Museumseintritt zu hören bekommt, die großzügigen Nachlässe für die Männer und Frauen auch im Bundeswehr-Dienstanzug – so etwas würden sich deutsche Soldaten auch im eigenen Land wünschen.

Das ist zwar verständlich, beschreibt das Problem aber nur zum Teil. Denn auch in den USA ist das lächelnde „Thank you“ nur die eine Seite der Medaille; die aus dem Dienst ausgeschiedenen Veteranen, die sich nur schwer oder gar nicht wieder in die Gesellschaft eingliedern können, als Obdachlose nicht mehr Fuß fassen oder für ihre seelischen und körperlichen Verwundungen nicht die nötige Zuwendung und Unterstützung finden, fallen im Regelfall viel weniger auf. Nicht ohne Grund nahm die „22 push up challenge“, eine Bewegung zur Unterstützung von einsatzgeschädigten Veteranen, in den USA ihren Anfang: 22 ehemalige Soldaten, so die ernüchternde Statistik, nehmen sich dort im Durchschnitt jeden Tag das Leben.

Wertschätzung ist deshalb, das wird selten mit dazugerechnet, ein Gesamtpaket: Nicht nur, ob der Soldat in Uniform in der Straßenbahn mit lobenden Worten oder mit Pöbeleien rechnen muss, spielt dabei eine Rolle. Sondern auch, welche Chancen ein Soldat hat, wenn er – planmäßig – als Soldat auf Zeit aus dem Dienst ausscheidet. Oder im Einsatz verwundet, geschädigt oder belastet mit seinen Problemen in der deutschen Gesellschaft klarkommen muss.

Da bleibt, das haben die Gesellschaft wie die Bundeswehr erst spät und nur sehr allmählich verstanden, noch genügend zu tun. Wie viele Anlaufstellen gibt es für Soldaten, die mit einer Verwundung an der Seele nach belastenden Erlebnissen im Auslandseinsatz heimkehren? Welchen Behörden-Marathon muss ein ehemaliger Soldat absolvieren, wenn er aus der Truppe ausgeschieden ist und mit den Landesbehörden um die Anerkennung dauerhafter Schäden ringen muss? Wie oft ist in den vergangenen Jahren die Bundeswehr gegen Urteile von Gerichten, die Soldaten Entschädigungen zusprachen, in die zweite Instanz gegangen – und diese Soldaten mussten sich von Gutachtern vorhalten lassen, ihre psychischen Folgen stammten gar nicht aus Gefechten am Hindukusch, sondern aus unverarbeiteten Belastungen in ihrer Kindheit?

Da hat sich zweifellos in den vergangenen Jahren einiges getan, Gesetze wurden geändert, Regelungen angepasst. Die gesellschaftliche Haltung zur Truppe können solche Initiativen „von oben“ nur wenig bis gar nicht ändern.

Denn zur Realität gehört auch, was der britische Verteidigungsattaché in Deutschland mal auf die Formel brachte: „In meinem Land haben die Streitkräfte im vergangenen Jahrhundert zweimal das Land gerettet. In Deutschland war das nicht so.“ Das mag ungerecht klingen und ist für einen Bundeswehrsoldaten kein Trost, beschreibt aber ganz gut einen wesentlichen Grund für die bisweilen erkennbare Abneigung der deutschen Gesellschaft gegen das Militärische.

Allerdings: Ist die Abneigung wirklich so groß, wie sie immer empfunden wird? Umfragen deuten darauf hin, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung der Soldaten längst nicht so negativ ist, wie es scheint.

Ablehnung gibt es dagegen, in messbarem Maß, gegen manche Auslands-einsätze deutscher Streitkräfte. Dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt wird, wie der damalige Verteidigungsminister Peter Struck sagte, wurde mit zunehmender Dauer des Afghanistan-Einsatzes von immer weniger Deutschen bejaht. Auch Missionen wie der noch gar nicht so richtig wahrgenommene Einsatz in Mali oder die durchaus kontrovers gesehene Mission vor der Küste Libyens im Mittelmeer – die einen beklagen die „militärische Flüchtlingsabwehr“, die anderen finden das nicht erfolgreich genug – tragen dazu bei, dass eine ablehnende Haltung gegenüber Auslandseinsätzen auf die Soldaten durchschlägt, die man im Stadtbild zu sehen bekommt.

Das sind zudem, verglichen mit früheren Jahrzehnten, immer weniger – wo hat der Durchschnittsbürger noch Kontakt mit der Truppe? Soldaten müssten deshalb auch, so die Position des deutschen (!) Stabschefs bei der US-Army in Europa in Wiesbaden, Brigadegeneral Markus Laubenthal, viel mehr als bisher von sich aus an die Öffentlichkeit treten und für ihr Image werben.

Ein früherer US-General verwies öffentlich gerne auf einen Spruch, den er mal in der Nähe einer Garnison in seiner Heimat entdeckte: „Hate the war, love the troops“ (Hasse den Krieg, liebe die Soldaten). Wenn auch die Bundeswehr und ihre Soldaten herausfinden, dass oft lautstarke Ablehnung ihrer Einsätze nicht zwingend bedeutet, dass sie selbst nicht wertgeschätzt werden – dann sind vielleicht alle ein Stückchen weiter.

Thomas Wiegold

                            

Kompass November 2016

Kompass_11_2016.pdf

In der Katholischen Militärseelsorge standen im Monat Oktober die Gesamtkonferenz der Militärgeistlichen und Pastoralreferenten in Paderborn sowie das 60-jährige Jubiläum des ersten Standort-Gottesdienstes in Köln im Mittelpunkt. Neben ausführlichen Berichten hiervon mit zahlreichen Fotos stellen wir in Ausgabe 11/2016 auch den Deutschen Historikertag „Glaubensfragen“ vor. „Novembergedanken“, die Kolumne des Wehrbeauftragten, Filmtipp, der „Kompass Glauben“, mehrere kurze Erfahrungsberichte und Termin-Hinweise – auch schon mit Blick auf den Advent – setzen sich mit weiteren aktuellen Fragestellungen auseinander.

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