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Ein Intellektueller mit Bodenhaftung

 

Zum 100. Geburtstag von Militärgeneralvikar Dr. Martin Gritz


Prälat Dr. Martin Gritz (1916–2002) war ein Theologe, Dozent, Seelsorger und Behördenleiter, der die Militärseelsorge in der Bundeswehr geprägt hat, ohne sich dabei persönlich in den Vordergrund zu drängen. Fast 20 Jahre lang, von 1962 bis 1981, leitete er als Militärgeneralvikar das Katholische Militärbischofsamt und fungierte als Stellvertreter, Berater und enger Vertrauter des Militärbischofs. Der 100. Jahrestag seiner Geburt lässt eine Würdigung im Spiegel der archivalischen Überlieferung und Erinnerung angemessen erscheinen.

© AKMB
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Dass Martin Gritz ein Amt antreten würde, das mit dem Militär zu tun haben sollte, war ihm, wenn auch in Kriegszeiten geboren, nicht in die Wiege gelegt. Der Sohn eines „königlichen Stellwerkschlossers“ aus dem niederschlesischen Namslau spielte zu Schulzeiten mit dem Gedanken an ein Jurastudium; auch war er politisch interessiert und zeigte Sympathien für die katholische Zentrumspartei. Angesichts der seit 1933 veränderten Lage befolgte er den Rat eines mit der Familie befreundeten evangelischen Pastors: Um seine Absichten verwirklichen zu können, müsse er katholischer Pfarrer werden. So entschied sich Gritz nach dem Abitur 1935 für das Theologiestudium in Breslau, wo er 1940 auch die Priesterweihe empfing. Als Student leistete er ein halbes Jahr „studentischen Ausgleichsdienst“. Vom Dienst in der Wehrmacht wurde er aus gesundheitlichen Gründen befreit. „Ich hatte Glück“, resümierte Gritz Jahrzehnte später die Fügungen seines Lebenswegs.

Jugendseelsorger und Wissenschaftler

Als junger Kaplan war Gritz in Pfarreien in Schlesien und in den angrenzenden, zum Erzbistum Breslau gehörigen, sudetendeutschen Gebieten tätig. Dort lag ihm die Jugendseelsorge besonders am Herzen, hatte er doch schon als 16-jähriger Gymnasiast eine katholische Jugendgruppe gegründet. Bald kam er allerdings auch in Berührung mit der Staatsmacht. Unter dem Vorwurf der „aktivierten Seelsorge“ wurde er von der Gestapo verhört. Man eröffnete ihm dabei, dass der im Reichskonkordat der Kirche gewährte Schutz im Sudetenland keine Gültigkeit habe. Infolgedessen schickte ihn das Erzbistum vorübergehend wieder auf schlesisches Gebiet.

1946 erfolgte für Gritz das abrupte Ende der seelsorgerlichen Tätigkeit in seiner Heimatregion. Mit seinen Landsleuten gelangte er auf einen Flüchtlingstransport ins württembergische Bietigheim, wo er Vertriebenenseelsorger der Diözese Rottenburg wurde. Bald darauf führte ihn sein Weg wieder in akademische Gefilde. Als Repetent am Tübinger Wilhelmsstift unterrichtete er ab 1947 angehende Theologen, sechs Jahre später wechselte er als Wissenschaftlicher Assistent an die dortige Universität, an der er 1955 promoviert wurde. Thema seiner Dissertation war die Stellungnahme der katholischen Kirchenhistoriker Deutschlands im 19. Jahrhundert zu Renaissance und Humanismus.

In der Militärseelsorge

Zur Militärseelsorge kam Gritz auf eine Empfehlung des Rottenburger Domkapitulars Alfons Hufnagel an Militärgeneralvikar Georg Werthmann. Der als fähiger Dozent geltende Theologe Gritz entschied sich gegen eine weitere wissenschaftliche Karriere und wurde 1958 im Rang eines Militäroberpfarrers Dozent an der Schule der Bundeswehr für Innere Führung (heute Zentrum Innere Führung) in Koblenz. In dieser Funktion wirkte er entscheidend am weiteren Auf- und Ausbau der Militärseelsorge mit. So entwickelte er ein Konzept für die Mitarbeit von Laien in der Militärseelsorge, woraus letztlich die bis heute aktive Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS) entstehen sollte. Nachdem Militärgeneralvikar Werthmann 1962 aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand gegangen war, zog Gritz als sein Nachfolger nach Bonn. Dass er, der „Zivilist durch und durch“, sich sowohl gegenüber den leitenden Militärgeistlichen, die allesamt auf soldatische oder seelsorgerliche Erfahrungen in der Wehrmacht zurückblicken konnten, als auch bei den Soldaten bis hin zur Generalität behaupten konnte, ist nicht zuletzt seinem gewinnenden, freundlichen Wesen zu verdanken, mit dem Martin Gritz auf seine Gesprächspartner zuzugehen verstand. Dieses besondere Charisma fand sich in seiner Person kombiniert mit wissenschaftlich geschultem Scharfsinn und unermüdlichem Arbeitseifer.

Ernennungsurkunde zum Militäroberpfarrer, 1958, unterzeichnet von Bundespräsident Heuss und Verteidigungsminister Strauß © AKMB
Ernennungsurkunde zum Militäroberpfarrer, 1958, unterzeichnet von Bundespräsident Heuss und Verteidigungsminister Strauß © AKMB

Bei seinem Amtsantritt als Generalvikar waren Grundlagen der Militärseelsorge in der Bundeswehr insbesondere durch die Aufbauarbeit seines Vorgängers gesetzt. Doch die Militärseelsorge und Militärbischof Franz Hengsbach standen vor neuen Herausforderungen. Die sechziger Jahre brachten revolutionäre Veränderungen in Kirche und Gesellschaft mit sich. Wie konnte sich Militärseelsorge gegenüber einem kritischen Zeitgeist behaupten? Wie sollte sie sich im Sinne der Erneuerung der Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil, an dem Gritz als Begleiter Hengsbachs zeitweilig teilgenommen hatte, gestalten? Wie sollte sie mit Wehrpflichtigen umgehen, die unter Berufung auf ihre christliche Gesinnung den Dienst mit der Waffe ablehnten? Und was hatte die katholische Lehre vom „gerechten Krieg“, die auf Kirchenvater Augustinus zurückgeht, zur realen Bedrohung eines Atomkriegs zu sagen? Gritz verstand es, sei es intern oder öffentlich, zwischen gegensätzlichen Positionen zu vermitteln. Etwa zwischen denjenigen, für die Kriegsdienstverweigerung gleichbedeutend mit Vaterlandsverrat war, und denen, die den Dienst im Militär kategorisch als nicht vereinbar mit dem christlichen Gebot der Nächsten- und Feindesliebe ansahen. Gritz agierte als in hohem Maße anerkannter Moderator und Vermittler, ohne dabei einen eigenen klaren Standpunkt vermissen zu lassen. In der innerkirchlich kontrovers diskutierten Frage der Vereinbarkeit des christlichen Friedensgebots mit dem Dienst des Soldaten war für ihn die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils Maßstab. Dort heißt es: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Frieden bei.“

Die Militärseelsorge wurde unter seiner Ägide ausgebaut. So wurde aus einer Seelsorge für Soldaten auch eine Seelsorge für Soldatenfamilien. Gritz war umtriebig und arbeitseifrig – die Liste seiner Vorträge, Festansprachen, Aufsätze, Rezensionen und Radiopredigten ist immens. Das Themenspektrum reicht dabei von der Geschichte des Bistums Breslau in der Barockzeit über die Sakramentalität der Ehe bis zum Dienst des Soldaten als Beitrag zur Festigung des Friedens. Schwer fiel ihm nur, nein zu sagen. Vieles, was der Militärbischof verkündete, basierte auf der Zuarbeit im Hintergrund durch Martin Gritz. Als sich Hengsbach und Gritz 1990 bei einer Veranstaltung trafen, begrüßte der ehemalige Militärbischof seinen Generalvikar, indem er das bekannte Lied vom guten Kameraden anstimmte: „und ging an meiner Seite“.

Umtriebig, verständlich und nach vorn blickend

Auch im Ruhestand blieb Martin Gritz, der sich nur selten Urlaub gönnte, nicht untätig. Er kehrte zu seiner akademischen Tätigkeit zurück und gab als Lehrbeauftragter der Universität Würzburg Seminare zu sozialethischen und staatskirchenrechtlichen Themen. 1986–96 war er Vorsitzender des Beirats zur Erforschung der Katholischen Militärseelsorge.

Gritz bei einem Vortrag, ca. 1980 © AKMB
Gritz bei einem Vortrag, ca. 1980 © AKMB

Von Zeitgenossen und Weggefährten sind einige Anekdoten über den Generalvikar überliefert. Sie dokumentieren seinen feinen Humor, seine Besonnenheit und seine Gelassenheit. Als er einmal zu einem Termin bei einem Staatssekretär im Verteidigungsministerium geladen war und der ihn im Vorzimmer warten ließ, begann er leise den Rosenkranz zu beten. Als man ihn dann endlich hereinbat, wehrte er nur ab und meinte, er wäre bald mit dem Beten fertig. Viele, die Gritz kannten, betonen seine stetige Freundlichkeit, Gutmütigkeit und Großherzigkeit. Allergisch reagierte er nur, wenn man ihm Negatives über Andere erzählte. Er pflegte Kontakte und Freundschaften, ohne sich dabei anzubiedern. Er bezeichnete es selbst als seine Eigenheit, dass er das distanzierte „Sie“ in vielen Fällen gegenüber dem „Du“ bevorzugte, und dabei Menschen, die er siezte, dennoch zu seinen Freunden zählen konnte.

Gritz blieb Zeit seines Lebens Wissenschaftler, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Persönlich von tiefer und inniger Frömmigkeit geprägt, täglich den Rosenkranz betend, machte er schon in den fünfziger Jahren seinen Studenten klar: „Bisher hatten Sie ein frommes Verhältnis zur Bibel, jetzt geht es darum auch ein wissenschaftliches Verhältnis zur Bibel zu finden.“ Gleichzeitig war ihm verständliche Sprache stets ein Anliegen. Gerade das Katholische sollte seinem Grundsatz entsprechend so ausgedrückt werden, dass es auch für einen Nichtchristen verständlich sei.

Im Alter von 83 Jahren reiste Gritz zum ersten und einzigen Mal nach der Vertreibung in seine schlesische Heimat und zeigte sich vom Empfang in Namslau und im Erzbistum Breslau sichtlich gerührt. Als er 2002 in seiner letzten Wahlheimat München auf dem Ostfriedhof beigesetzt wurde, begleitete ihn eine große Trauergemeinde. In einem Nachruf aus dem Heliand-Bund, einer katholischen Mädchen- und Frauenvereinigung, der Gritz seit seiner Kaplanszeit eng verbunden war, wurde er aus einem seiner letzten schriftlichen Beiträge unter dem Titel „Zur Besinnung“ zitiert. Darin machte Gritz, der sich als Kirchenhistoriker viel mit der Vergangenheit beschäftigt hatte, deutlich, dass er nichts von rückwärtsgewandtem Denken hielt: „Man kann nicht sagen, dass man etwas nachmachen soll, wie man es früher gemacht hat, man muss es selber ganz neu machen. Geht in die Zeit, jetzt, zu den Leuten heute!“ Auch für die Militärseelsorge hat das Vermächtnis von Martin Gritz an Aktualität nichts eingebüßt.

Dr. Markus Seemann