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Muslime in den Streitkräften

An diesem Thema kommt man seit einigen Jahren nicht mehr vorbei: Muslime in Deutschland – und in den Streitkräften. Zu der Frage, ob und wie es eine muslimische Militärseelsorge in der Bundeswehr geben kann oder gar muss, finden Sie hier Antworten:

Ausgehend von Originaltönen muslimischer Soldaten lesen Sie Beiträge aus der Islamischen und der Katholischen Theologie sowie aus der Katholischen Militärseelsorge; abschließend einen Kommentar des Militärgeneralvikars und als zusätzlichen Artikel – hier im Internet – aus der Sozialforschung. Einige Link- und Lese-Tipps runden das Titelthema im September-Kompass 2016 ab.

Reportage: Muslime in der Bundeswehr

Mehr als Gebetszeiten, Speisevorschriften oder Moscheebesuch …

für Sie vor Ort: Jörg Volpers

Bekannt ist, dass rund 1.500 Soldatinnen und Soldaten angegeben haben, Muslime zu sein. Wahrscheinlich sind es sogar mehr, die – oft „mit Migrationshintergrund“ bzw. mit ausländischen Wurzeln – freiwillig in der Bundeswehr Dienst tun. Aber da liegt schon die Besonderheit: Niemand muss seine Religionszugehörigkeit angeben; weil es für Muslime keine Kirchensteuer gibt wie bei den christlichen Kirchen in Deutschland, wird dies auch nicht in den Personal-Angelegenheiten erfasst; selbst der Verein „Deutscher.Soldat. e.V.“ erfragte in den ersten Jahren seit seiner Gründung 2011 nicht die Religions- oder Konfessionszugehörigkeit. Und immerhin: Der Schutz der Daten und Persönlichkeitsrechte funktioniert – niemand muss sich als gläubiger oder praktizierender Muslim „outen“!

Die Betroffenen des Titelthemas, nämlich Muslime in den Streitkräften, sollen selbst zu Wort kommen. Da aber weder Vor- oder Nachnamen, noch das Herkunftsland eines Soldaten oder seiner Eltern eindeutig darüber Auskunft geben, welcher Religion jemand angehört, war es nicht einfach, diese zu finden. Hier war „Deutscher.Soldat“ hilfreich, denn seine Mitglieder gehen nach außen und setzen sich für Integration ein – nicht nur als „Staatsbürger in Uniform“, sondern auch aus vielfältigen kulturellen und religiösen Hintergründen.

So zum Beispiel die neue Vorsitzende, Hauptfeldwebel Nariman Reinke: seit 2005 in der Bundeswehr, seit 2012 Vereinsmitglied und zuletzt stationiert in Daun / Eifel. Über diesen Zeitraum stellt sie durchaus Verbesserungen fest – in der Wahrnehmung muslimischer Besonderheiten und im Umgang von Kameraden und Vorgesetzten, die oft erst sensibilisiert werden mussten und müssen. Ihr Eindruck jedoch, z. B. aus dem Auslandseinsatz in Afghanistan: „Bei anderen Nationen klappt das teilweise schon besser!“ Die Probleme dort drehten sich noch häufiger als zuhause in der Kaserne um die Speisevorschriften, bei denen sie auf viel Unkenntnis stieß, so dass es immer noch keine EPa (Einmann-Packungen) gibt, die „halal“ sind und sie sich oft sicherheitshalber selbst verpflegt, statt sich auf die Truppenküche zu verlassen. Auch wünscht sie sich „islamische Militärseelsorge, die – gerade für die Einsätze – vorher und währenddessen unterstützen könnte, z. B. mit einer ‚Bedienungsanleitung für den Notfall‘, wenn es um den Umgang mit Verletzten oder Getöteten geht“. Auch die Militärseelsorge hat sie in ihrer Dienstzeit schon mal in Anspruch genommen – und war froh, dass es im Feldlager einen „Raum der Stille“ gab, den sie auch dazu nutzen konnte, mal allein zu sein.

Das Thema „Verpflegung“ nimmt auch beim Gespräch mit drei Protokollsoldaten des Wachbataillons zunächst breiten Raum ein. Verhältnismäßig viele Muslime gibt es inzwischen in dieser Einheit – wahrscheinlich, weil sie in Berlin als Großstadt und Hochburg des Multikulturellen angesiedelt ist, wie Obergefreiter Mehdí Aslan vermutet. Dessen Eltern stammen aus der Türkei, wie die seines Kameraden, Hauptgefreiter Siyabent Aslan, mit dem er aber nicht verwandt ist und der als Kurde seine Wurzeln in einem anderen Landesteil hat. Beide bestätigen den Eindruck der zukünftigen Offizieranwärterin Reinke, dass sich im Verhältnis zu den deutschstämmigen und nicht-muslimischen Kameraden und Vorgesetzten schon viel zum Guten gewendet hat, es aber immer von den Einzelnen abhängt, mit welchen Vorurteilen oder auch Diskriminierungen sie belastet bzw. wie offen sie sind.

Dass es in der Hauptstadt Berlin und innerhalb des Wachbataillons etwas einfacher ist als „in der Provinz“ oder auf kleinen schwimmenden Einheiten, auf denen er zuvor unterwegs war, erklärt auch der in Niedersachsen geborene Stabsgefreite Rame Issa, dessen muslimische Herkunft jedoch im Libanon liegt. Er beklagt, dass es gerade auf Schiffen und Booten, aber auch bei Übungen immer noch schwierig sei, Essen zu bekommen, dass tatsächlich den muslimischen (oder gar den jüdischen) Speisevorschriften entspricht: also nicht nur tatsächlich ohne Schweinefleisch und Alkohol hergestellt ist, damit möglichst nicht in Berührung kommt, sondern auch nach den Regeln des Koran geschlachtet (geschächtet) ist. Positiv erscheint den drei Kameraden, dass inzwischen viel Rücksicht auf Allergiker, Vegetarier oder Veganer genommen wird und es gut ist, wenn die Beschriftung in den Kantinen eindeutig und zuverlässig ist. Andererseits möchten Sie sich – gerade bei körperlicher Belastung – auch „nicht nur von Salat oder unbelegtem Brot“ ernähren. Das Einhalten des strengen Fastens im Ramadan-Monat erscheint ihnen sowieso weitgehend unmöglich – vor allem wenn es heiß ist, lange gestanden werden muss und sie dann den ganzen Tag nichts trinken würden.

Mit dem Einhalten der vorgeschriebenen Gebetszeiten ist es je nach persönlicher Frömmigkeit offenbar ganz unterschiedlich. Protokollsoldat Aslan erzählt, dass manche Kameraden es mit der Angst zu tun bekamen, als er während seiner Grundausbildung in den Pausen gelegentlich den Gebetsteppich ausrollte, weil man ihn sofort mit „Islamisten“ in Verbindung brachte. Auch aus diesem Grund wünschen sich die jungen Männer zwar nicht in jeder Kaserne eine Moschee, aber doch häufiger einen „Raum der Stille“ oder Gebetsraum, der zu möglichst vielen Zeiten und für alle Religionen offen steht. Ein „Militärimam“ bzw. ein muslimischer Geistlicher innerhalb der Kaserne wäre ebenfalls hilfreich, wie Stabsgefreiter Issa meint, „… da auch muslimische Soldaten ab und zu ein offenes Ohr und einen guten Rat gebrauchen können.“

Abschließend sagt Mehdí Aslan, der sich als gelernte Restaurantfachkraft besonders gut mit den Speisevorschriften auskennt und als „Wiedereinsteller“ nach einigen Jahren in die Streitkräfte zurückkehrte: „Ich finde es sehr gut bei der Bundeswehr; ich möchte auch meinen weiteren Werdegang hier verbringen!“ Weitere Aspekte bringt Hauptfeldwebel Ferhat Alhayiroglu ein, der in den zwölf Jahren als Soldat auf Zeit alle Teilstreitkräfte kennengelernt hat und über den Berufsförderungsdienst Anfang Oktober in eine zivile Beschäftigung wechselt. Im Gespräch bezeichnet er sich selbst als „manchmal mehr deutsch als mancher Deutsche“, wird aber öfter als „Ausländer“ betitelt, obwohl er in Deutschland geboren ist, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und man seinen türkischen Hintergrund kaum erkennen kann. Wie die anderen kennt er die Schwierigkeit, dass das Freitagsgebet in der heimatlichen Moschee meist nur mit Mühe oder unter Verwendung eines Urlaubstags zu erreichen ist, denn es lässt sich nicht verschieben, passt aber weder zur normalen Dienstzeit am Werktag noch zum beruflichen Pendeln, das ja neben dem Sonntag oder Montag meist am Freitag stattfindet. Als Mitglied von „Deutscher.Soldat“ ist ihm klar, dass aufgrund der Zahlen und Entfernungen zwar eine Reihe Militärimame wünschenswert, aber nicht realistisch wäre.

Anders als die meisten anderen Gesprächspartner hat er in Nienburg die Lebenskundlichen Unterrichte und Seminare der Evangelischen oder Katholischen Militärseelsorger wahrgenommen und – z. T. auch als Vorgesetzter – deren Hilfe in Anspruch genommen, unabhängig von ihrer Konfession und oft in Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst. Hauptfeldwebel Alhayiroglu war positiv aufgefallen, dass inzwischen die Erkennungsmarken für den Einsatz nicht nur mit Blutgruppe, Geburtsdatum oder dem internationalen Code für das Herkunftsland, sondern auch mit einem (freiwilligen) Hinweis auf die Religionszugehörigkeit versehen werden. Was er sich derzeit nicht vorstellen kann, wäre eine „Internationale Soldatenwallfahrt“ nach Mekka, vergleichbar z. B. der nach Lourdes von der Katholischen Militärseelsorge. Zwar ist jedem Muslim nahegelegt, mindestens einmal im Leben eine solche Wallfahrt zu unternehmen, aber die betrachtet er eher als zivil, zumal sich die Uniform nicht mit dem weißen Gewand des Pilgers und der Zielort im Nahen Osten sich nicht mit einer starken Beteiligung aus Deutschland oder Europa vertrüge.

Muslime in Deutschland. Muslime in deutschen Streitkräften. Was ist zu regeln?

von Prof. Dr. Mouez Khalfaoui, Lehrstuhl-Inhaber für Islamisches Recht und Studiendekan am Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen,


und Debora Müller M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZITh-Tübingen und Assistentin am Lehrstuhl für Islamisches Recht

Im Zuge der Einwanderungswelle in den 1960er Jahren kamen viele muslimische Migranten nach Deutschland. Inzwischen leben sie bereits in zweiter oder dritter Generation hier und sind zu Bürgern des Landes geworden. Sie partizipieren am öffentlichen und politischen Leben und sehen sich als Teil der pluralistischen Gesellschaft Deutschlands. Sie fordern einerseits ihre Rechte als vollgültige Staatsbürger und gleichzeitig empfinden nicht wenige die Pflicht, sich für ihr Land einzusetzen. Neben der Bekleidung öffentlicher Ämter und der Teilnahme am wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben, treten deutsche Bürger muslimischen Glaubens allmählich der Bundeswehr bei. Im Jahr 2016 sind Schätzungen zufolge zwischen 1.200 und 1.600 Muslime in der Bundeswehr und werden bei verschiedenen Missionen eingesetzt. Genaue Zahlen sind auf Grund der Freiwilligkeit der Religionsangabe nicht möglich. Diese Muslime haben an sich selbst den Anspruch, Deutschland zu dienen und zu verteidigen. In der Bundeswehr finden sie abseits vom Arbeitsmarkt und der Wissenschaft offensichtlich eine Möglichkeit dazu, wie die ansteigenden Zahlen von sich verpflichtenden Muslimen in den letzten Jahren zeigen.

Nicht nur für Politik und Wirtschaft, sondern auch für die Forschung ist dieses Thema relevant. Sicherlich können die traditionellen Wissenschaftszweige wie Soziologie und Politikwissenschaften aus der Thematik Material für neue Untersuchungen schöpfen, aber auch neue Disziplinen, wie z. B. die islamische Seelsorge, sind gefordert. Sie stehen in der Verantwortung, Antworten für muslimische Wehrdienstleistende auf deren Fragen zu finden. Dieser Aspekt wird am Schluss des Beitrags erläutert. Zunächst soll die Betrachtung der jüngeren Vergangenheit einen Bezug zwischen Muslimen und Bundeswehr schaffen. Auf der historischen Grundlage kann die aktuelle Situation besser abgebildet und bewertet werden. Daraus wird ersichtlich, was bei Muslimen in der Bundeswehr zu beachten ist.

In der jüngeren Vergangenheit lassen sich zwei große Ereignisse in Bezug auf Muslime und Bundeswehr verzeichnen: Zum einen sind vermehrt langwierige Auslandseinsätze der Bundeswehr in muslimisch geprägten Ländern festzustellen – ob auf dem Balkan in den 1990er Jahren, seit mehr als einem Jahrzehnt in Afghanistan oder derzeit humanitäre Einsätze in Afrika und Asien. Die Einsätze der Bundeswehr hatten bzw. haben in den meisten Fällen eine friedliche Mission, sei es Hilfe beim Wiederaufbau, eine Sicherung der Grenzen oder die Ausbildung der Soldaten zur Selbstverteidigung in Kriegsgebieten. Diese Mission wird seit dem 11.9.2001 in Frage gestellt. Spätestens seitdem der sogenannte „Islamische Staat“ seine grauenvollen Anschläge verübt, verschiebt sich der Fokus immer mehr in Richtung einer Prävention. Dabei werden langjährige Einsätze in der muslimischen Welt zur Normalität. Diese erfordern eine bessere Kenntnis der Sprache(n) und Kultur(en) des Islam.Zum anderen verpflichten sich immer mehr Muslime in Deutschland zum freiwilligen Dienst. Sie stehen vor einigen Herausforderungen, die oft mit dem Faktor Religion zusammenhängen. Diese Herausforderungen sind im Folgenden in drei Punkte gegliedert:

1. Die Herausforderungen für Muslime bestehen hauptsächlich in der Einhaltung ihrer religiösen Rituale und Verpflichtungen. Die sicherlich bekanntesten Vorschriften für Muslime sind das fünfmalige tägliche Gebet und das Einhalten bestimmter Speisevorschriften. Das Bereitstellen eines Raums, der als Gebetsraum genutzt werden kann, ist meist möglich. Ebenso gibt es die Möglichkeit zu einem den islamischen Vorschriften entsprechenden Essen. Die Befolgung der religiösen Rituale stellt in der Praxis meist kaum ein Problem dar. Die religiöse Pluralität in der Bundeswehr spiegelt in dieser Hinsicht die gesellschaftliche Pluralität wider. Die Bundeswehr hat sich in diesem Punkt offen gezeigt und darauf positiv reagiert; Muslimen in der Bundeswehr wird weitestgehend die Einhaltung ihrer religiösen Verpflichtungen ermöglicht, sei es in Bezug auf Speisevorschriften oder Rituale. Kurz gefasst, das Thema religiöse Rituale stellt kaum mehr Schwierigkeiten dar.

2. Muslime fühlen sich in der Bundeswehr teilweise benachteiligt. So stellt beispielsweise der Wunsch, Deutschland zu dienen, muslimische Bürger vor eine Hürde. Der Einstieg in die Bundeswehr scheint für sie immer noch erschwert. Eine Muslimin berichtet von einer Verlängerung der Sicherheitsüberprüfung von neun Monaten auf volle drei Jahre. Damit besteht die Befürchtung einer Ungleichbehandlung. Eine solche Ungleichbehandlung würde bei jungen Menschen ein Gefühl von Zurückweisung hervorrufen und ihrem Selbstverständnis, der deutschen Heimat dienen zu wollen, widersprechen. Des Weiteren berichtet besagte Muslimin (die mittlerweile als Soldatin einen sensiblen Posten bei der Bundeswehr bekleidet) auch von einer deutlich intensiveren Befragung bei der Überprüfung. Trotz Verständnisses und der Überzeugung, dass keinesfalls Terroristen bei der Bundeswehr ausgebildet werden, wird diese Sonderbehandlung als Vertrauensbruch empfunden. Diese Herausforderung ist letztendlich ein normales Phänomen, sie begleitet den Umwandlungsprozess in der Gesellschaft und der Bundeswehr. Andere Staaten, die eine lange Migrations- bzw. Kolonialgeschichte besitzen (etwa Kanada und England), haben ebenfalls solche Erfahrungen gemacht und überwunden, es ist daher zu erwarten, dass diese Hürde in den nächsten Jahren auch in Deutschland genommen wird.

3. Der dritte Punkt hat zwei Aspekte: der Einsatz in muslimischen Staaten und der dabei mögliche Krieg gegen Glaubensbrüder einerseits und die Bewältigung von seelsorgerischen Problemen anderseits. Da Muslime vermehrt in der Bundeswehr Fuß fassen und zu Einsätzen in muslimische Länder gesendet werden, ergibt sich für sie die Frage danach, wie man mit einem uralten Glaubensansatz umgeht: Darf ein Muslim einen anderen Muslim töten, und dürfen Muslime einem nicht-muslimischen Staat überhaupt dienen?

Im frühen Islam entstand die Idee einer großen Gemeinschaft (umma), der alle Muslime angehören, wo immer sie sich auch befinden.3 Zudem dürfen Muslime laut Koran und der Überlieferung der Lebenspraxis des muslimischen Propheten (sunna) nur im sogenannten Haus des Islam (dar al-Islam) leben, also in islamisch geprägten Gebieten. Alle Staatsgebiete, in denen der Islam nicht die herrschende Regierungsform ist, werden als Haus des Krieges (dar al-harb) bezeichnet und sollen von Muslimen nicht bewohnt werden. So stehen die Muslime in der Bundeswehr vor dem Konflikt, für sich selbst zu rechtfertigen, dass sie in einem nicht-islamisch geprägten Land leben und ihm sogar dienen. Da heute Muslime räumlich weit verstreut und unabhängig von Ländern und Regionen leben, stehen sie auch in Deutschland vor dem Konflikt, gegen ihre eigenen Glaubensbrüder kämpfen zu müssen, wenn sie beispielsweise in Kämpfen in Syrien eingesetzt würden. Hierbei kommen Fragen nach Identität und Zugehörigkeit auf. Sollen sich Muslime, die sich als Deutsche fühlen, eher ihren Religionsbrüdern zugehörig betrachten und der islamischen umma Solidarität beweisen, oder gehört ihre Loyalität ihrem Heimatland?

Solche und daraus resultierende Fragen können Muslime in der Bundeswehr in schwere Krisen stürzen und verlangen eine Unterstützung, der sie vertrauen und bei der sie sich verstanden fühlen. Eine spezifisch islamische Seelsorge kann hier Abhilfe schaffen. Natürlich bieten bei Gewissensfragen alle Seelsorger hilfreiche Unterstützung, wenn sie beratend zur Seite stehen. Dennoch können muslimische Seelsorger gerade bei o. g. Gewissenskonflikten aus dem eigenen Glaubensverständnis und evtl. sogar eigenen Erfahrungen andere Perspektiven aufzeigen, die sich einem Seelsorger, der einer anderen Religion angehört, nicht offenbaren. So kann eine islamische Seelsorge Muslime in der Bundeswehr besser unterstützen und diese können wiederum ihr Potenzial anders nutzen. Muslime in den Reihen der Bundeswehr bieten z. B. eine innere Sicht in einem Kampfeinsatz in einem islamisch geprägten Land, auch wenn sie nicht dort herstammen. Sie können ihre Kameraden und Vorgesetzten aufklären, beraten oder sogar vermittelnd im Kampfeinsatz eingreifen. Diese Aspekte beziehen sich ebenso auf Themen wie Genderfragen (Versorgung von verletzten Zivilisten, Schutzbedürftigkeit von Frauen und Mädchen), Kleidervorschriften, Rituale bei Sterbenden etc.

Eine der wichtigsten Aufgaben der islamischen Seelsorge in der Bundeswehr wäre also die Beratung und Unterstützung der Muslime in Gewissensfragen. Dabei wird impliziert, dass theologisch gegen die umma und für die Ziele des Heimatlandes und insbesondere des Friedens entschieden wird. Einige muslimische Theologen haben den Einsatz von Muslimen gegen andere muslimische Staaten bewilligt und wie folgt begründet: Solange eine Mission auf die Errichtung von Frieden und Hilfe für andere Völker abzielt, dürfen Muslime sie unterstützen. Muslime in der Bundeswehr brauchen daher dringend eine seelsorgerische Betreuung, deren Aufgabe nicht nur auf psychologische Unterstützung begrenzt ist, sondern auch theologische Fragen löst. Aufgrund einer fehlenden konkreten Ausbildung wird die Aufgabe der Seelsorge in der Bundeswehr oft von Imamen übernommen, die meist nicht entsprechend qualifiziert sind. Die sich gerade im Institutionalisierungsprozess befindliche islamische Seelsorge könnte dieses Problem lösen.

Die Universität Tübingen bietet als erste universitäre Institution in Deutschland ab dem Wintersemester 2016/17 einen Masterstudiengang für islamische Seelsorge an. Die Ausbildung beträgt zwei Jahre, das Curriculum erstreckt sich von religiösen Themen über Recht, Soziologie bis hin zu Psychologie. Die Bundeswehr könnte künftig auf die Expertise der Absolventen zurückgreifen und fundierte Seelsorger für muslimische Wehrdienstleistende gewinnen.

Sehr zu begrüßen ist die Entscheidung der Bundeswehr, den ersten muslimischen Seelsorger auch in Deutschland einzustellen, um auf die pluralistische Gesellschaft zu reagieren, die sich im Kleinen eben auch in der Bundeswehr widerspiegelt.

Muslimische Militärseelsorge in der deutschen Bundeswehr?

von Thomas R. Elßner

Nach offiziösen Schätzungen dienen rund 1.500 Soldatinnen und Soldaten muslimischen Glaubens in der Bundeswehr. Die meisten von ihnen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Dies bedeutet, dass in der Regel die Eltern bzw. ein Elternteil aus einem muslimisch geprägten Staat nach Deutschland gekommen ist, der Sohn bzw. die Tochter in Deutschland geboren ist und zugleich die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Denn allein die, welche die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, können in der deutschen Bundeswehr dienen. Außerdem kommen nach der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 jetzt nur noch Freiwillige zur Bundeswehr. Von daher weiß grundsätzlich jede Person, die in die Bundeswehr eintritt, worauf sie sich einlässt, nicht zuletzt auch in Bezug auf die je eigene Religion.

Seit dem Jahr 2012 gibt es aufgrund eines verbindlichkeitstragenden Auftrags aus dem Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages Überlegungen und Pläne, beispielsweise muslimische Militärseelsorge auch in der deutschen Bundeswehr anzubieten. Die allgemeine Basis hierfür bieten das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Artikel 4 sowie die ehemalige Zentrale Dienstvorschrift (ZDv) 10/1 „Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur der Bundeswehr“ aus dem Jahr 2008, jetzt die Regelung A-2600/1 genannt.

Im Artikel 4 des Grundgesetzes heißt es: „(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“

Darauf bezugnehmend steht unter anderem in der Regelung A-2600/1: „670. Alle Soldatinnen und Soldaten haben einen gesetzlichen Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung. 674. In der Bundeswehr sind Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit für alle Religionsgesellschaften und Weltanschauungsgemeinschaften gewährleistet …“.

Während es in Deutschland bereits im Ersten Weltkrieg ein Feldrabbinat gab, eine Institution, die nach dem Ersten Weltkrieg nicht fortgeführt worden ist, stellt eine mögliche Einstellung eines Militärimams für Deutschland im Allgemeinen und für die deutsche Bundeswehr im Besonderen ein Novum dar.

Die Kriterien hingegen, die ein anzustellender Militärimam zu erfüllen hat, sind insofern nicht neu, als diese ebenso für einen evangelischen oder katholischen Militärseelsorger seit Beginn der Militärseelsorge in der Bundeswehr gelten. Diese sind vor allem: Ein muslimischer Militärseelsorger für die deutsche Bundeswehr soll die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Er besitzt einen in Deutschland erworbenen Hochschulabschluss in islamischer Theologie (nicht in Islamwissenschaft) bzw. einen in Deutschland anerkannten Hochschulabschluss in islamischer Theologie. Er beherrscht die deutsche Sprache in Wort und Schrift. Ein muslimischer Militärseelsorger besitzt eine ausreichende pastorale Praxis, hat also Gemeindeerfahrung; ist mit Zustimmung eines islamischen Verbands bzw. von einem Moscheeverein in Deutschland [Deutsche Islamkonferenz (DIK)] in die Bundeswehr entsandt und seitens dieser ebenfalls akzeptiert. Letzteres bezieht sich auch auf eine damit implizierte und erfolgreich abgeschlossene Sicherheitsüberprüfung.

Islamische Gemeinden haben sich in Deutschland zum Teil in Form von Dachverbänden zusammengeschlossen und sind entsprechend strukturiert. Auf diese Weise bestehen repräsentative und verbindliche Ansprechpartner für den Staat und für die Kommunen. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat im Jahr 2005 vor dem Hintergrund, nach welchen Grundsätzen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen erteilt wird, eine Grundsatzentscheidung getroffen, die besagt, dass muslimische Dachverbände ebenfalls eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Artikels 7 Absatz 3 des Grundgesetzes sein können. Dies bedeutet zugleich, dass Dachverbände auch ganz grundsätzlich Religionsgemeinschaften bzw. Religionsgesellschaften im Sinne von Artikel 141 der Weimarer Reichsverfassung1 sein können. Dieser Artikel besagt: „Soweit das Bedürfnis nach Gottesdienst und Seelsorge im Heer, in Krankenhäusern, Strafanstalten oder sonstigen öffentlichen Anstalten besteht, sind die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist.“

Die Aufgaben, die ein künftiger Militärimam für die deutsche Bundeswehr wahrzunehmen hat, entsprechen letztlich genau denen, die gleichfalls einem evangelischen oder katholischen Militärseelsorger aufgegeben sind.

Als Grundsatz gilt: Ein hauptamtlicher Militärimam ist in Rechten und Pflichten christlichen Militärseelsorgern gleichzustellen. Er ist für die Seelsorge an Bundeswehrsoldatinnen und Bundeswehrsoldaten muslimischen Glaubens und ihrer Angehörigen zuständig. Er ist aber ebenso zu seelsorglichen Gesprächen mit Soldatinnen und Soldaten nicht-muslimischen Glaubens bereit und nimmt sich ihrer Sorgen und Nöte tätig an. Ein hauptamtlicher Militärimam bietet für alle Soldatinnen und Soldaten Lebenskundliche Unterrichte bzw. Lebenskundliche Seminare an und führt diese durch. Die inhaltlichen Schwerpunkte hierfür ergeben sich aus den unter der Nr. 407 in der Zentralrichtlinie A2-2530/0-0-1 „Lebenskundlicher Unterricht“ genannten Themenfeldern. Diese Themenfelder dienen kurzgesagt dem Erreichen ethischer Kompetenz von Soldatinnen und Soldaten. Der Lebenskundliche Unterricht ist kein Religionsunterricht.

Schließlich begleitet ein hauptamtlicher Militärimam Soldaten und Soldatinnen in Auslandseinsätzen der deutschen Bundeswehr. Von daher ist nicht zuletzt ein Militärimam, wenn er einen uniformähnlichen Anzug trägt, durch ein „Logo“ daran zu erkennen, welche Religionsgemeinschaft er repräsentiert bzw. welche er vertritt (z. B. durch einen „Halbmond“ wie in der französischen Armee). Dieses Logo muss von der jeweiligen Religionsgemeinschaft nach Möglichkeit vorgeschlagen und vor allem akzeptiert sein.

Was die konkrete Umsetzung betrifft, so ist 2012 im Bundesverteidigungsministerium ein sogenannter Dreistufenplan als Richtlinie entworfen worden. In einer ersten Stufe wird eine Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen geschaffen, kurz ZASaG genannt. Diese besteht bereits seit 2015 und ist am Zentrum Innere Führung in Koblenz angesiedelt. Diese Ansprechstelle nimmt keine Aufgaben der Militärseelsorge wahr und ist daher auch kein Ersatz für diese. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, über einen gewissen Zeitraum hinweg eine Bedarfsermittlung bezüglich Militärseelsorge für Soldaten und Soldatinnen anderer Glaubensrichtungen zu erheben. Zudem knüpft diese Ansprechstelle ein Netzwerk hinsichtlich möglicher Ansprechpartner für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen. Zu diesem Netzwerk gehören beispielsweise Moscheevereine und muslimische Verbände. Darüber hinaus vermittelt schon jetzt ZASaG für Soldaten und Soldatinnen, die weder evangelisch noch katholisch sind, bei Bedarf Ansprechpartner ihrer jeweiligen Religionszugehörigkeit deutschlandweit. An dieser Stelle erweist sich immer wieder, dass auch die Bundeswehr ein Spiegelbild religiöser Pluriformität ist, wie sie in der deutschen Gesellschaft allgemein anzutreffen ist. Mit anderen Worten, an die Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen wenden sich nicht nur Soldaten und Soldatinnen muslimischen Glaubens. Nach Abschluss der Bedarfsermittlung wird möglicherweise dann in einer zweiten Stufe ein nebenamtlicher Militärimam ernannt. Dieser ist kein Staatsbeamter auf Zeit. Er bleibt in erster Linie Imam in (s)einer zivilen Moscheegemeinde, hält aber kontinuierlichen Kontakt zu den Kasernen, für die er zuständig ist. Schließlich kann in einer dritten Stufe die Einstellung eines hauptamtlichen Militärimams für die deutsche Bundeswehr vorgenommen werden, wenn sich Stufe zwei bewährt hat. Diese drei Stufen müssen jedoch nicht streng sukzessiv eingehalten werden.

Unabhängig davon ist im Jahr 2007 am Zentrum Innere Führung ein Arbeitspapier „Deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr“ erstellt worden, in dem für Vorgesetzte auf allen Ebenen Informationen und Hinweise für den Umgang mit Soldaten und Soldatinnen muslimischen Glaubens gegeben werden. Schon jetzt können Soldatinnen und Soldaten muslimischen Glaubens auf ihre sogenannte Erkennungsmarke auf eigenen Wunsch hin das Kürzel ISL einprägen lassen. Das Kürzel ISL steht für „Islamische Religionsgemeinschaft“. Aber auch Soldaten und Soldatinnen evangelischen (E), jüdischen (JD), katholischen (K) und orthodoxen (O) Glaubens können dies mit dem hier angezeigten Kürzel tun.

 

 

Muslimische Militärseelsorge

Ein Kommentar von Militärgeneralvikar Monsignore Reinhold Bartmann

Der Seelsorgedienst der christlichen Kirchen in den Streitkräften ist ein Angebot, zu dem sich diese aufgrund der besonderen moralischen (als Subjekt von Gewalthandlungen), physischen (als Objekt von Gewalthandlungen) und psychischen Gefährdungen verpflichtet wissen. Die Apostolische Konstitution „Spirituali militum curae“ (1989) spricht von den besonderen Lebensbedingungen der Soldaten, die eine spezielle Form der Seelsorge notwendig machen.

Staatlicherseits gründet die Zulassung eines kirchlichen Seelsorgedienstes in den Streitkräften auf dem in Artikel 4 (2) GG verankerten Recht auf freie Religionsausübung, das durch den militärischen Dienst nicht eingeschränkt werden darf. Das Soldatengesetz (Art. 36) gießt diese verfassungsrechtliche Vorgabe in die Form eines konkreten Petitums: „Der Soldat hat einen Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung.“ Auf der Basis von verfassungsrechtlichen und einfach gesetzlichen Normen erfolgt die rechtliche Ausgestaltung der Organisationsform der Militärseelsorge durch Verträge zwischen Staat und Kirchen.

Seit der Gründung der Bundeswehr besteht die Militärseelsorge aus einem katholischen und evangelischen Zweig. Darin spiegelt sich die religiöse Signatur der bundesdeutschen Gesellschaft der 50er Jahre wider, die in den vergangenen Dekaden starken Veränderungsprozessen unterworfen war. Die deutsche Gesellschaft ist religiös-weltanschaulich pluralistischer geworden: Zum einen ist die Zahl der Mitbürger, die sich zu keiner Konfession oder Religionsgemeinschaft bekennen, deutlich gewachsen, zum anderen ist der Islam aufgrund von Arbeitsmigration und politischen Fluchtbewegungen in Deutschland eine öffentlich-sichtbare Religion mit wachsender Tendenz geworden. Manchem Zeitgenossen erscheint deshalb die gegenwärtige Form der Militärseelsorge eine unbillige Privilegierung der christlichen Kirchen, die gegen das Paritäts- und Neutralitätsgebot verstoße.

Das Recht auf freie und ungestörte Religionsausübung gilt selbstverständlich für die Angehörigen aller Religionsgemeinschaften. Schon Ende der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden deshalb erste Forderungen nach der Einrichtung einer muslimischen Militärseelsorge laut, da mit der Reform des Staatsbürgerschaftsrechts ein starker Anstieg der Zahl muslimischer Soldaten prognostiziert wurde, der aber so nicht erfolgte.

Es muss an dieser Stelle deutlich gesagt werden, dass diese Forderungen nicht mit Hinweis auf besondere Probleme der muslimischen und anderer Minderheiten erhoben wurden. In den Streitkräften war das Bewusstsein wach, dass es notwendig sei, organisatorische Vorgaben und rechtliche Regelungen zu treffen, die die legitimen religiösen Interessen der Soldaten schützen und den Ermessensspielraum der Vorgesetzten begrenzen. Ein Arbeitspapier „Deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr“, das am Zentrum Innere Führung in Koblenz erarbeitet wurde und in mehreren Auflagen erschien, leistete hier wertvolle Hilfe.

Seit Jahren ist die Diskussion um die Etablierung einer muslimischen Militärseelsorge in der Bundeswehr präsent, in der letzten Zeit forciert durch verbindliche politische Forderungen. Als ein neuralgischer Punkt in diesen Diskussionen erweist sich die institutionelle Verfasstheit des Islam und seiner Mitgliederstruktur, die nicht kirchenanalog ist. Geprägt ist der Islam durch eine Pluralität muslimischer Gemeinschaften, die sich gegenseitig den Anspruch verbindlicher Repräsentanz abstreiten. Für staatliche Verträge und Verhandlungen mit dem Islam zeigt sich das als Fehlen eines Ansprechpartners, der verbindlich für die muslimische Gemeinschaft spricht. Nun scheint es aber wenig hilfreich und aus Gründen der Garantie der Religionsfreiheit auch illegitim, einer Religionsgemeinschaft die Form einer angemessenen Institutionalisierung vorschreiben zu wollen. Für den staatlichen Dienstherrn bedeutet dies, Formen der Institutionalisierung einer Militärseelsorge im Gespräch mit dem Islam in Deutschland zu entwickeln, die dem Selbstverständnis der Religionsgemeinschaft nicht widerspricht, zugleich aber auch die Vergleichbarkeit mit der christlichen Militärseelsorge sicherstellt.

Im Kontext des islamischen Religionsunterrichts hat sich auf der Ebene der Bundesländer die Einberufung von Beiräten bewährt, die in Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen Lösungen in strittigen Fragen erarbeiten.

Ein analoger Beirat für islamische Militärseelsorge könnte mit dem Dienstherrn Vorschläge entwickeln für den Aufbau einer Organisation, die Identifikation von Arbeitsbereichen und daraus Qualifikationserfordernisse und Auswahlkriterien für muslimische Militärgeistliche folgern und verbindlich fordern. Die Militärseelsorge in der Bundeswehr ist nämlich nicht reduziert auf Gottesdienste, gemeinsame Gebets-praxis und Verkündigung. Sie bietet ein ganzheitliches Angebot der Lebenshilfe für die Soldaten und ihre Familien durch Bildungsangebote, Begleitung in den Auslandseinsätzen sowie Beratung in Krisensituationen und unter belastenden Lebensbedingungen. Schließlich unterstützt die Militärseelsorge die Streitkräfte in ihren Bemühungen um die ethische Bildung der Soldaten durch die Erteilung des Lebenskundlichen Unterrichts.

Modelle Muslimischer Militärseelsorge im internationalen Vergleich

von Ines Michalowski (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, WZB)

In ihrer jetzigen Runde behandelt die Deutsche Islamkonferenz die Möglichkeiten einer besseren seelsorgerischen Versorgung muslimischer Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr. Damit bewegt sich die Bundeswehr in eine ähnliche Richtung wie andere westeuropäische und nordamerikanische Länder mit einer vergleichsweise großen muslimischen Bevölkerung.

Vorreiter in Europa ist Frankreich, wo bereits seit 2005 eine große muslimische Militärseelsorge von 38 Seelsorgern (ca. 17% aller Militärseelsorge-Posten) muslimische und nicht-muslimische Soldatinnen und Soldaten betreut (Michalowski 2015). Schätzungen zufolge (Settoul 2014) sind 10%, vielleicht sogar 15% der französischen Soldatinnen und Soldaten Muslime, was sich durch das schon seit Jahrzehnten liberale Staatsbürgerschaftsrecht und die kolonialen Erfahrungen Frankreichs mit der Rekrutierung muslimischer Soldaten, aber auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit von rund 25% erklären lassen mag.

In der Bundeswehr dienen nur etwa 1.000–2.000 Muslime (Menke, Langer and Tomforde 2011: 14; s. a. SVR 2016: 121). Wäre es nicht zu einer Aussetzung der Wehrpflicht gekommen, hätte die Bundeswehr ab 2018 einen deutlichen Anstieg von Muslimen unter ihren Rekruten beobachten dürfen, da dies der erste Jahrgang gewesen wäre, der von der Liberalisierung des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts profitiert hätte: Denn seit dem Jahr 2000 sind in Deutschland geborene Kinder automatisch Deutsche, wenn sich ein Elternteil seit mindestens acht Jahren legal in Deutschland aufhält. Die heutige Berufsarmee Bundeswehr wird sich aktiv um Rekrutierungen aus diesem neuen Personalpool bemühen müssen. Auch aus dieser Perspektive macht die Schaffung einer muslimischen Militärseelsorge Sinn, da sie ein starkes Signal der religiösen Öffnung, aber auch der Aussicht auf Emanzipation und Gleichbehandlung an weniger religiöse Muslime sendet. Schon jetzt bietet das Arbeitspapier des Zentrums Innere Führung „Deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr“ (ZInFü 2011) Lösungen für grundlegende Fragen im Umgang mit dem Islam in der Bundeswehr an. Erfahrungen aus anderen Ländern lassen jedoch vermuten, dass solche Regelungen eine bessere Sichtbarkeit erlangen, wenn sie von einem muslimischen Militärseelsorger oder einer muslimischen Militärseelsorgerin (denn auch diese gibt es in Frankreich) in die Streitkräfte hineingetragen werden.

Aus diesen vielfältigen Gründen setzen auch weitere Länder auf die Einführung einer muslimischen Militärseelsorge. Neben Frankreich sind hier in Europa vor allem die Niederlande zu erwähnen, wo derzeit zwei von insgesamt 132 Seelsorgern muslimisch sind. Die muslimische Militärseelsorge in den Niederlanden ist den anderen Seelsorgen (katholisch, protestantisch, humanistisch, jüdisch und hinduistisch) rechtlich in allen Punkten gleichgestellt. Allerdings haben sich die Niederlande gegen eine Überrepräsentierung von Minderheiten in der Seelsorge entschieden. Aus diesem Grund stellen die zwei muslimischen, drei jüdischen und zwei hinduistischen Seelsorger zusammen nur ca. 5% aller Seelsorger, was jedoch in etwa ihrer Gesamtgruppengröße im niederländischen Militär entspricht (s. a. Bernts et al. 2014: 33). Organisatorisch ergeben sich dadurch jedoch einige Probleme, da die sogenannten „kleinen Dienste“ nicht voll funktionsfähig sind – sie nehmen zum Beispiel nicht an Auslandseinsätzen teil, sondern betreuen Soldatinnen und Soldaten im Einsatz nur punktuell. Auch zwingt ihre geringe Größe sie zu einer Fokussierung auf die eigene Klientel und zur Neuorientierung der seelsorgerischen Arbeitsweise hin zu einer stärkeren Dienstleistungsorientierung im Sinne gezielt gelieferter Beratungen.

Österreich und Großbritannien schließlich erproben ein weiteres Modell der muslimischen Militärseelsorge, das auf die Einbindung ziviler muslimischer Seelsorger setzt. Anders als die katholische und evangelische Militärseelsorge in Österreich tragen weder der seit 2011 arbeitende christlich-orthodoxe Militärseelsorger, noch der 2015 hinzugekommene muslimische Seelsorger Uniform. In Großbritannien arbeiten vier zivile Seelsorgerinnen und Seelsorger für die vier sogenannten „world religions“: ein Buddhist, ein Hindu, ein Muslim und eine Sikh. Der jüdische Militärseelsorger ist als Reservist kein Zivilist und hat damit einen Sonderstatus. Die eigentliche Militärseelsorge in Großbritannien wird jedoch ausschließlich von der Church of England, der Church of Scotland und derzeit fünf christlichen Freikirchen angeboten. Der punktuelle Zukauf weiterer Militärseelsorger-Dienste ist attraktiv, weil die Anstellung eines Zivilisten oder die Vergabe eines Werkvertrags deutlich einfacher ist als die Schaffung einer neuen Militärseelsorge; zudem entspricht sie dem in der Zahl der zu betreuenden Soldatinnen und Soldaten relativ geringen Bedarf bei Minderheiten. Darüber hinaus bleibt die gesellschaftspolitische Signalwirkung nach innen und außen erhalten. So waren der christlich-orthodoxe und der muslimische Seelsorger in Österreich etwa beide in die öffentliche Angelobung neuer Rekruten eingebunden. Folglich bietet sich diese Lösung als erster Schritt und Übergang in weitere Seelsorgeformen an. Eine gute Dauerlösung stellt sie allerdings nicht dar, weil eine Schlechterstellung von Minderheiten droht: Im britischen Militär etwa ist es den zivilen „world faith“-Seelsorgern nicht gestattet, die Särge gefallener Soldaten auf britischem Boden zu empfangen; auch ist die finanzielle Ausstattung dieser zivilen Dienste deutlich schlechter. So bemüht sich das britische Militär derzeit auch um eine volle militärische Integration der sogenannten „world faith“-Seelsorger.

Sollte es dauerhaft zu einer stärkeren Einbindung verschiedener religiöser Minderheiten in die Militärseelsorge kommen, wäre angesichts dieser Überlegungen durchaus über die Vorteile des in Europa wenig gelittenen US-amerikanischen Systems der Militärseelsorge nachzudenken, das keine parallele Etablierung von immer kleiner werdenden, religions- und konfessionsspezifischen Diensten kennt. In Deutschland wird jedoch bisher ernsthaft nur über Muslime als weitere Kandidaten für eine Militärseelsorge nachgedacht und auch dies eher als mittelfristiges Ziel gesehen. Ein nächster Schritt könnte aber die Einstellung eines einzelnen muslimischen Seelsorgers oder Beraters sein.

Literaturangaben

  • Bernts, Ton, Ruard Ganzevoort, Carlo Leget and Joanna Wojtkowiak. 2014. "Omvang En Verdeling Van De Geestelijke Verzorging in De Krijgsmacht Vanaf 2016." edited by U. v. Humanistiek, V. U. Amsterdam and R. U. Nijmegen.
  • Menke, Iris, Phil C. Langer and Maren Tomforde. 2011. "Challenges and Chances of Integrating Muslim Soldiers in the Bundeswehr: Strategies of Diversity Management in the German Armed Forces." in Muslim Service Members in Non-Muslim Countries. Experiences of Difference in the Armed Forces in Austria, Germany and the Netherlands, edited by I. Menke and P. C. Langer. Strausberg: Bundeswehr Institute of Social Sciences.
  • Michalowski, Ines. 2015. "What Is at Stake When Muslims Join the Ranks? An International Comparison.". Religion, State & Society 43(1): 41-58.
  • Settoul, Elyamine. 2014. "L'aumônerie Musulmane Au Sein De L'armée Française Et Les Soldats De Confession Musulmane." Les Cahiers de l'Islam (27 Décembre 2014):http://www.lescahiersdelislam.fr/Rencontre-avec-Elyamine-Settoul-L-aumonerie-musulmane-au-sein-de-l-armee-francaise-et-les-soldats-de-confession_a894.html.
  • SVR. 2016. Viele Götter, Ein Staat: Religiöse Vielfalt und Teilhabe im Einwanderungsland. Jahresgutachten 2016 mit Integrationsbarometer. Berlin: Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR).
  • ZInFü. 2011. Deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr. Koblenz: Zentrum Innere Führung der Bundeswehr (ZInFü).

                            

KOMPASS September 2016

Der KOMPASS 09/2016 als Web-Paper

Kompass September 2016

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Der Wehrbeauftragte des Bundestages berichtet im „Kompass“ 09/16 von seinen Besuchen „bei Bündnispartnern“. Die Rückblicke richten sich auf eine der Soldatenwallfahrten dieses Sommers sowie auf das Leben des zweiten Militärgeneralvikars, Martin Gritz, der am 23.9.2016 den 100. Geburtstag feiern könnte. Die Vorschau nimmt die „56. Woche der Begegnung“ und die „Interkulturelle Woche“ im September sowie die „61. Gesamtkonferenz der Militärseelsorge“ im Oktober in den Blick – außerdem den neuen Film „24 Wochen“. Ferner werden die Bücher „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ und „Zusammen schaffen wir das!“ vorgestellt.

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