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Familien und die Politik

© Andreas Klinke Johannsen / flickr
© Andreas Klinke Johannsen / flickr

„Familie“ ist – neben Ehe und Partnerschaft – ein zentrales Thema sowohl für die Politik als auch die Kirche. Ausgehend von einer biblischen Perspektive und den bisher insgesamt acht „Familienberichten“ der Bundesregierung wird in der Doppelausgabe Juli / August 2016 die Familienpolitik aus kirchlicher und politikwissenschaftlicher Sicht in Augenschein genommen.

Das vom Katholischen Militärbischof geförderte „Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft“ (ZFG) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt kommt mit einem Kommentar und Veröffentlichungen zu Wort. Auch die Reihe „Kompass Glauben“ befasst sich mit dem „Band der Liebe – Bund der Ehe“. Und das Familienteam der „Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung“ (KAS) stellt ein Familienseminar zur Einsatznachbereitung im neuen Berliner KAS-Zentrum vor.

Familienpolitik: Begründung – Ziele – Defizite

von Prof. Dr. Klaus Stüwe, Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft Direktor des Zentralinstituts für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Die Familienpolitik hat in Deutschland seit einigen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Vor allem die sinkenden Geburtenraten und die sich aus dem absehbaren demographischen Wandel ergebenden problematischen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und die Sozialversicherungssysteme führten dazu, dass aus einem ehemals eher randständigen Politikbereich mittlerweile ein zentraler Gegenstand politischen Handelns wurde.

Unter Familienpolitik lassen sich alle Maßnahmen verstehen, mit denen der Staat das Ziel verfolgt, die Familie als Institution zu fördern und die einzelnen Familienmitglieder bei der Erfüllung familialer Aufgaben zu unterstützen. Doch warum nimmt sich der Staat das Recht, in den höchst privaten Raum der Familie einzugreifen? Welche Ziele soll Familienpolitik haben? Und warum gilt sie als defizitär?

Warum Familienpolitik?

Die Begründung für Familienpolitik ergibt sich aus der Bedeutung der Familie für die Gesellschaft. Bereits der römische Philosoph Cicero bezeichnete die Familie als „Keimzelle der Bürgerschaft“. Auch in der katholischen Soziallehre wird die Bedeutung der Familie ausführlich gewürdigt. Im Apostolischen Schreiben Familiaris Consortio von 1981 heißt es: „Die Familie ist in lebendiger, organischer Weise mit der Gesellschaft verbunden (...). In der Familie wachsen ja die Bürger heran, und dort finden sie auch ihre erste Schule für jene sozialen Tugenden, die das Leben und die Entwicklung der Gesellschaft von innen her tragen und gestalten.“ (Nr. 42) Aus gutem Grund haben deshalb auch die Väter und Mütter des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland Ehe und Familie mit Art. 6 Abs. 1 GG unter den „besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ gestellt. Dieser Schutzauftrag des Staates ergibt sich unmittelbar aus den Leistungen der Familie: Sie ist ein Lebensraum, in dem eine Vielzahl von Aufgaben für die ganze Gesellschaft erfüllt wird. Familien ermöglichen Kindern Wachstum, Entwicklung und Geborgenheit und sind insofern entscheidend für die nachfolgenden Generationen. In Familien werden Werte vermittelt und Privatheit ermöglicht. Sie erbringen Fürsorge auch für ältere Familienangehörige. Und vor allem haben Familien eine positive psychisch-emotionale Funktion. Das Humankapital einer Gesellschaft wird somit in entscheidendem Maße durch die Leistungen der Familie gebildet.

Familien brauchen Unterstützung

Dass Familien diese Leistungen erbringen, war lange Zeit selbstverständlich. „Kinder bekommen die Leute immer“, meinte einst Konrad Adenauer. Im seinem ersten Kabinett von 1949 war ein Familienministerium noch nicht nötig. Doch schon 20 Jahre später begann die Geburtenrate in Deutschland rapide zu sinken. Die zusammengefasste Geburtenziffer des Jahres 2014 betrug in Deutschland 1,47 Kinder je Frau. 2,1 wären für den Bestandserhalt notwendig. Im Vergleich zum Höhepunkt 1960 hat sich die Geburtenanzahl in den 2010er Jahren fast halbiert. Bereits seit 1972 ist die Sterberate höher als die Geburtenrate. Bleibt es bei so niedrigen Geburtenraten, werden in Zukunft immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland leben. Prognosen des Statistischen Bundesamts gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2050 die deutsche Bevölkerung um rund sieben Millionen Menschen auf insgesamt 75 Millionen schrumpfen wird. Die Folgen dieser Entwicklung für die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt, die Sozialversicherungssysteme, also letztlich für den Wohlstand unseres Landes, können heute noch gar nicht überblickt werden.

Wenn es nicht gelingt, die Geburtenrate nachhaltig zu steigern, wird man dem demografischen Wandel in Deutschland nicht begegnen können. Familienpolitik muss insofern sicher auch die Zielsetzung haben, die Zahl der Kinder zu erhöhen. Selbstverständlich ist in einer freiheitlichen Demokratie eine Familienpolitik, die Frauen dazu bringt, mehr Kinder zur Welt zu bringen als sie eigentlich möchten, nicht denkbar. Der Staat muss jedoch Rahmenbedingungen schaffen, die es Paaren erleichtert, bestehende Kinderwünsche zu realisieren.

Eine dieser Rahmenbedingungen ist eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere für Mütter. Die traditionelle familiale Rollenverteilung, wonach der Mann als Alleinverdiener einer Erwerbsarbeit nachgeht und die Frau daheim bei den Kindern bleibt, existiert schon lange nicht mehr. Der Anteil der berufstätigen Frauen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen, allein in den letzten 20 Jahren von 55 Prozent (1995) auf 68 Prozent (2014). Es ist in Deutschland längst gesellschaftliche Realität, dass die meisten Mütter einer Erwerbsarbeit nachgehen, abhängig vom Alter der Kinder. Allerdings arbeiten 45 Prozent der Frauen nicht in einem Vollzeitarbeitsverhältnis, sondern in Teilzeit. Es muss daher auch das Ziel von Familienpolitik sein, Vätern und insbesondere Müttern die Teilhabe am Arbeitsmarkt zu erleichtern. Dazu bedarf es einer ausgebauten Betreuungsinfrastruktur und einer familienfreundlichen Arbeitszeit-, Arbeitsort- und Karrieregestaltung. Hier ist in den vergangenen Jahren zwar schon vieles verbessert worden, aber noch immer ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Eltern ein Problem. Dabei zeigt sich im Übrigen, dass Familienpolitik nicht nur eine Aufgabe des Staates ist. Auch Arbeitgeber können bei ihrer Personalpolitik zu mehr Familiengerechtigkeit beitragen.

Dass Familienpolitik eine materielle Dimension haben muss, ist wohl unbestritten. Weil Familien mit der Erziehung, Versorgung und Bildung der Kinder Leistungen für die ganze Gesellschaft erbringen, muss ihnen der Staat einen finanziellen Ausgleich dafür gewähren. Die deutsche Familienpolitik gestaltet sich stärker als in vielen anderen Ländern in Form von Geldleistungen. Die familienpolitischen Leistungen sind mittlerweile fast unüberschaubar: Kindergeld, Kinderfreibetrag, Kinderzuschlag, beitragsfreie Mitversicherung von Kindern, Ausbildungsfreibetrag sowie sonstige kinderbezogene Zuschüsse, Förderungen und Steuererleichterungen gehören dazu. Die den öffentlichen Haushalten jährlich dadurch entstehenden Kosten liegen angeblich – je nachdem, wer die Zahlen berechnet und was mit einbezogen wird – zwischen 190 und 250 Milliarden Euro. Doch bei dieser Summe sind Zweifel angebracht. Die enorme Summe kommt, wie z. B. der Familienbund der Katholiken festgestellt hat, nur dadurch zustande, dass Maßnahmen einbezogen werden, die nicht der Förderung von Familien dienen. Sie knüpfen entweder gar nicht an Familien an, wie das Ehegattensplitting. Oder sie verfolgen andere – zumeist verfassungsrechtlich vorgegebene – Zwecke, wie die Steuerfreistellung des Kinderexistenzminimums. Betrachtet man die familienpolitischen Leistungen im Einzelnen, zeigen sich zudem noch viele Ungerechtigkeiten. Wer kann erklären, warum der Kindergarten gebührenpflichtig, das Studium aber gebührenfrei ist?

Familienpolitik hat darüber hinaus auch eine sozialpolitische Dimension. Denn Kinder sind in Deutschland seit Jahren in besonderer Weise von Armut und ihren Folgen betroffen. Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung lebt jedes vierte Kind (24,2 Prozent) unter 15 Jahren in einer Familie, die armutsgefährdet ist und/oder Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch („Hartz IV“) bezieht. Vor allem kinderreiche Familien sind von Armut bedroht. Für ein reiches Land wie Deutschland ist eine solche Situation eigentlich unerträglich.

Defizitäre Familienpolitik

Noch nie wurde in Deutschland so viel für Familienpolitik getan wie derzeit. Insgesamt 156 verschiedene familienpolitische Maßnahmen listete die Bundesregierung in einer Bestandsaufnahme im Jahr 2012 auf, darunter 63 direkte Geldleistungen, 24 Steuererleichterungen und 53 Maßnahmen in der Sozialversicherung sowie 16 Infrastrukturleistungen.

Dennoch wird zu Recht beklagt, dass Familienpolitik in Deutschland defizitär ist. Je nach Interessenlage werden dabei allerdings höchst unterschiedliche Aspekte kritisiert. Die einen sehen in der Tatsache, dass es bislang nicht gelungen ist, die Geburtenrate signifikant zu erhöhen, ein Scheitern der Familienpolitik. Andere bemängeln, dass sich die wirtschaftliche Lage von Familien nicht entscheidend verbessert habe. Wieder andere meinen, es werde nicht genug für die Vereinbarkeit von Elternschaft und Erwerbstätigkeit getan. Und nicht wenige beklagen die vielerorts zu beobachtende Kinderunfreundlichkeit unserer Gesellschaft.

Die offensichtlichen Defizite der Familienpolitik haben viele Ursachen. Ein Hauptgrund ist der Charakter von Familienpolitik selbst. Bezeichnend ist, dass der aktuelle Etat des Bundesfamilienministeriums mit 9,1 Mrd. Euro nur einen Bruchteil der öffentlichen Familienausgaben umfasst. Dies macht deutlich, wie sehr die Familienpolitik eine politische Querschnittsaufgabe ist, bei der unterschiedliche Ebenen zusammenspielen müssen. Die Verwirklichung ihrer Ziele ist abhängig vom Einsatz sozial-, wirtschafts-, bildungs- und rechtspolitischer Instrumente sowie vom Zusammenwirken von Bund, Ländern und Gemeinden. Auch die Rechtsprechung der Gerichte ist zu beachten. Diese strukturelle Zersplitterung verhindert, dass Familienpolitik als ein einheitliches Konzept gestaltet werden kann.

Hinzu kommen die unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Zielsetzungen der beteiligten politischen Akteure. Zwar kann man feststellen, dass sich die familienpolitischen Grundsätze der großen politischen Parteien seit den 1990er Jahren einander angenähert haben, aber dennoch war bislang noch mit jedem Regierungswechsel auch eine Korrektur der Familienpolitik verbunden. Zugleich besteht die Gefahr, dass die politischen Parteien im Interesse der Stimmenmaximierung verstärkt Rücksicht auf die steigende Zahl der kinderlosen Wähler nehmen und dadurch Familienpolitik vernachlässigen.

Betrachtet man den Einfluss der gesellschaftlichen Akteure, dann lässt sich im Bereich der Familienpolitik ein starkes Gewicht ökonomischer Interessen erkennen. Die Wirtschaft will eine möglichst frühe Rückkehr von Eltern nach der Geburt an den Arbeitsplatz. Dies entspricht jedoch nicht immer den Wünschen von Eltern und Kindern. Es fehlt an einer durchsetzungsfähigen Lobby für Familien.

Auch bei der Diskussion um die Ausgestaltung familienpolitischer Maßnahmen ist die große Bedeutung ökonomischer Argumente nicht zu übersehen. Aus Sicht der Familien, die ihren finanziellen Bedarf decken müssen, ist es durchaus legitim, dass Eltern an der Sicherung ihres Einkommens durch Erwerbsarbeit auch in der Familienphase interessiert sind. Dabei darf jedoch der Wert der Familienarbeit nicht weniger geschätzt werden. Befragt man junge Eltern, dann wünschen sich die meisten nicht bloß mehr Geld, sondern vor allem mehr Zeit für die Familie.

Das eigentliche Problem heutiger Familienpolitik ist jedoch, dass allzu schnell nach Resultaten gefragt wird. Was aber macht den Erfolg von Familienpolitik aus? Die Effekte familienpolitischer Maßnahmen lassen sich nur schwer bewerten. Es reicht nicht aus, Familienpolitik einfach in Form einer Kosten-Nutzen-Rechnung nach der Entwicklung der Geburtenraten oder der Zahl berufstätiger Mütter und Kindertagesstätten zu bemessen. Die gesellschaftlichen Leistungen der Familie lassen sich ohnehin nicht quantifizieren. Wenn es der Familienpolitik gelänge, ein kinder- und familienfreundliches Klima zu schaffen, in dem sich mehr junge Paare bewusst zur Familiengründung entscheiden, dann wäre schon viel erreicht.

Zum Autor: Prof. Dr. Klaus Stüwe ist Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU).

Er studierte Politikwissenschaft, Geschichte, Politische Bildung, Christliche Gesellschaftslehre und Anthropologie in Eichstätt und Washington D.C. (USA). Seit 2002 lehrt er an der KU. Im Jahr 2013 hatte er eine Gastprofessur in Seoul (Südkorea) inne.

Er veröffentlichte über 90 Bücher und Artikel zu den politischen Systemen Deutschlands und anderer Länder, darunter auch zu sozial- und familienpolitischen Fragen. Zahlreiche internationale Kooperationen u. a. mit Universitäten und Forschungseinrichtungen in den USA, Südkorea, Italien, Spanien, Portugal, Island und Polen gehen auf seine Initiative zurück.

Professor Stüwe ist Programmbeauftragter des Deutsch-Französischen Studiengangs Politikwissenschaft. Er engagiert sich in mehreren wissenschaftlichen Fachverbänden und Kommissionen. Er ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

„Wir brauchen eine familiengerechte Arbeitswelt und nicht marktkonforme Familien.“

Interview mit Birgit Mock „Unsere Kirche kann Familie.“

Kompass: Sie sind Sprecherin für familienpolitische Grundfragen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), einem Zusammenschluss von Vertretern der Diözesanräte und der katholischen Verbände sowie von Institutionen des Laienapostolats und weiteren Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft. Wie kommt es, dass sich das ZdK eigens mit familienpolitischen Grundfragen befasst?

Birgit Mock:Das ZdK ist gesellschaftspolitisches Sprachrohr der Katholikinnen und Katholiken in Deutschland und nimmt eine koordinierende Funktion für die Kräfte des Laienkatholizismus wahr. Themen, zu denen es in der katholischen Kirche in Deutschland eine verzweigte Organisationslandschaft gibt, sind darum immer auch Themen des ZdK. Zu diesen Themen gehören, neben dem weltkirchlichen und entwicklungspolitischen Engagement, auch die Familienpastoral und -politik – man denke allein an die vielen katholischen Familienbildungsstätten, die Ehe- und Familienberatung, die katholischen Kindertagesstätten und die Kirchengemeinden und Verbände mit ihren Angeboten für Familien.
Das alles zeigt: Unsere Kirche kann Familie. Es ist überdies ein für uns besonders relevanter Themenbereich, weil er alle Menschen persönlich betrifft. Deshalb haben auch so viele Gläubige an der Familiensynode im Vatikan 2015 Anteil genommen.

Kompass: Familienpolitik ist in Deutschland immer auch Gesellschaftspolitik. Welche Ziele sollten Ihrer Meinung nach Vorrang haben, wenn es gilt, diese – beispielsweise durch konkrete politische Initiativen – einer Realisierung näher zu bringen?

Birgit Mock: Wer in Partnerschaft und Familie Verantwortung übernimmt, tut immer auch etwas für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und sollte darin politisch anerkannt und, wo nötig, unterstützt werden. Wir sollten die langjährigen ideologischen Grabenkämpfe darüber, wie die „richtige“ Familie aussieht, überwinden. Ein besonders wichtiges Anliegen ist das Bemühen um die bessere Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familienleben. Wir setzen uns dafür ein, dass Väter und Mütter Zeit haben für Kinder, und dass sie Erwerbsleben und Sorgeaufgaben partnerschaftlich untereinander aushandeln können. Wir wollen nicht, dass hier die Arbeitswelt allein den Takt vorgeben darf. Wir brauchen eine familiengerechte Arbeitswelt und nicht marktkonforme Familien.

Kompass: Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Staates. So will es das Grundgesetz. Wie steht es nach Ihrer Auffassung um diesen besonderen Schutz? Klaffen Anspruch und Wirklichkeit nicht erheblich auseinander?

Birgit Mock: Das sehe ich nicht so. Gleichwohl müssen wir uns zu allen Zeiten fragen, wie wir diese grundsätzliche, für eine Verfassung keineswegs selbstverständliche Festlegung jeweils glaubwürdig ausbuchstabieren. Als ZdK setzen wir uns für die Stärkung und Förderung von Ehe und Familie ein, weil sie, auch durch die eingegangene rechtliche Verbindlichkeit, einen besonderen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zur Zukunftssicherung leisten. Dabei wollen wir aber die Leistungen von Ehe und Familie je gesondert würdigen und verstehen unter Familie auch nichteheliche Formen von verbindlich gelebter Partnerschaft und von Generationenverantwortung. Neben der Sorgeverantwortung für Kinder müssen wir hier auch die Verantwortung für ältere Menschen in der (Groß-)Familie bedenken.

Kompass: Und was ist zu tun, damit Anspruch und Wirklichkeit zumindest annähernd deckungsgleich werden können?

Birgit Mock: Wie gesagt, so „ungeschützt“ kommen mir Ehe und Familie bislang nicht vor, mindestens soweit es die staatliche und gesetzliche Ordnung betrifft. Ein konkreter Kritikpunkt betrifft aber z. B. das vor einigen Jahren geänderte Unterhaltsrecht, also das rechtliche Nachwirken einer Ehe. Die vollzogene Änderung kann in vielen Fällen zur Benachteiligung geschiedener, alleinerziehender Frauen führen.

Ein rauer Wind schlägt Familien aber vielfach auch in Gesellschaft und Arbeitswelt entgegen – einfach dadurch, dass keine oder zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Familien genommen wird. Das wurde schon vor vielen Jahren als „strukturelle Rücksichtslosigkeit“ beschrieben. Hierin liegt eine riesige Aufgabe, auch, aber längst nicht allein für den Gesetzgeber, sondern für uns alle. Darum finde ich es zum Beispiel hervorragend, wenn nun in der Bundeswehr die Bedürfnisse der Familien von Soldatinnen und Soldaten einen größeren Stellenwert genießen.

Kompass: Ehe ist nach dem katholischen Verständnis ein Sakrament und gilt als unauflöslich. Im Staatsverständnis ist eine Ehe jedoch ein Vertrag, der unter Beachtung einiger gesetzlicher Bestimmungen jederzeit auch wieder aufgelöst werden kann. Zwischen dem staatlichen Verständnis und dem der katholischen Kirche liegen mithin Welten. Was würden Sie davon halten, das Wort „Ehe“ aus der Verfassung zu streichen und durch einen Begriff wie beispielsweise „besonderes Vertragsverhältnis“ zu ersetzen, der dann wiederum einem besonderem Schutz unterworfen ist?

Birgit Mock: Ich möchte dafür keinen neuen Begriff, und schon gar nicht einen so technokratischen. Und es liegen auch keine Welten zwischen der sakramentalen Ehe und der im Standesamt geschlossenen Zivilehe. Im Gegenteil: Was wir im Kern unter einer sakramentalen Ehe verstehen, begegnet uns auch im Verständnis der Zivilehe: Sie ist unbestreitbar auf lebenslange Dauer angelegt (auch wenn sie durch Scheidung gelöst werden kann). Sie ist – wenigstens rechtlich – auf Treue und Ausschließlichkeit angelegt (man kann nur einen Partner heiraten). Und sie ist in den meisten Fällen auch offen für Kinder – das zeigt jedenfalls die Statistik. Es ist doch eine interessante Entwicklung, dass heute vielfach die Geburt eines Kindes in einer langjährigen Partnerschaft der Anlass ist, auch zu heiraten und den noch verbindlicheren Rahmen, den die Bindung durch das Kind automatisch erhält, auch durch die rechtliche Bindung der Eltern als Paar zu bestätigen. Das sind in meinen Augen gute Gründe, den Ehebegriff nicht als religiöses Sondergut anzusehen, sondern als Kerninstitution in unserer Gesellschaft.

Die Fragen stellte Josef König.

Auch Urlaub will gelernt sein!

Ein Kommentar zur Sache von Dr. Peter Wendl

Neulich erzählte mir ein Soldat von seinen kommenden Sommerwochen. Lassen Sie uns ihn Herr Müller nennen. Er war kurz zuvor von einem Auslandseinsatz zurückgekehrt. In einem Seminar hatte ich ausgeführt, dass es nach der Rückkehr aus dem Einsatzland einige Zeit dauern könne, bis sich das Familiensystem daheim mit Frau und Kindern wieder einspiele. Schließlich musste in seiner Abwesenheit das Alltagsleben daheim weitergehen, und auch er als Soldat sei angefüllt mit Eindrücken, die verarbeitet sein wollten. Das könne durchaus einige Wochen oder sogar Monate dauern; je nachdem, wie belastend die getrennten Phasen daheim und im Einsatz waren.

Herr Müller atmete in der Runde hörbar tief durch, richtete den Blick auf mich und sagte dann ruhig, dass das ja schon stimmen könne. Aber dass er als Soldat gar nicht die Zeit habe, das Zusammenfinden so zu pflegen. Denn wenn er mit seiner Familie von diesem Seminarwochenende mit der Militärseelsorge heimkomme (wobei es ja schon ein Glücksfall sei, dass das zeitlich überhaupt geklappt habe), würde der Alltag rasch wieder einkehren – zumindest bis Juli / August, wenn endlich der Sommerurlaub anstehe. Bis dahin würde er jeden Sonntagabend in die Kaserne aufbrechen, noch spät anrufen, dass er gut angekommen sei, danach die Woche über „funktionieren“, so wie seine Frau auch. Dazwischen würden sie wochentags telefonieren, Absprachen treffen und einander ein wenig vom Tag erzählen, die Kinder gingen derweil in die Schule, und freitags käme er heim, mit fünf Stunden Fahrtzeit in den Knochen. Zwischen Freitagabend und Sonntagmittag müssten dann die kleinen und großen Herausforderungen des Lebens „gerockt“ werden, wie Herr Müller es nannte. Und daneben, das stimme schon, müsse sich das Familiensystem wieder „einspielen“ nach dem Einsatz. Seine Frau sei fünfmal mit ihm umgezogen. Aber jetzt fühle sie sich richtig wohl in der Nachbarschaft, sie hätten sogar ein kleines Häuschen gekauft. Die Kinder seien in Vereinen integriert und besuchten gern ihre Schulen, wo zudem die Abschlüsse anstünden. Und beinahe am wichtigsten für Herrn Müller: Seine Frau habe eine Arbeitsstelle, die sie nicht mehr ohne Weiteres aufgeben wolle. Schließlich sei es zwar noch eine Weile hin bis zur Pension – aber immerhin inzwischen weniger als ein Jahrzehnt. So ergänzte er lächelnd.

Es war still geworden in der Runde. Jede und jeder hätte wohl sofort eigene Geschichten dazu ergänzen können. Mit anderen Details, aber ähnlichen Auswirkungen. Noch lange wurde am Abend in der Bierstube kontrovers diskutiert, was es für Soldaten heißt, sich als Familie und Paar nicht aus den Augen zu verlieren – trotz all der Unkalkulierbarkeiten dieses Berufs. Herr Müller, übrigens, hatte nicht vergessen vehement zu betonen, er sei sehr, sehr gerne Soldat. Und er spüre bei aller Belastung auch, dass sich gerade in Familienfragen in den letzten 15 Jahren vieles verbessert habe. Manches könne aber halt im Soldatenberuf „einfach nicht familienfreundlich sein“, so Herr Müller weiter. „Wir sind halt keine Sachbearbeiter im Büro, die weitgehend wissen, was der Tag mit sich bringt und wann sie daheim sind.“ Aber nun stünde ja bald der Urlaub an. Übrigens, so Herr Müller, „auch so eine besondere Zeit für Soldaten“. Denn sie seien ja Profis darin, das Pendeln und die Entfernung zu koordinieren. „Da ist der Urlaub einerseits wunderbar. Und andererseits habe ich immer das Gefühl, wir müssen dann immer alle erst mal wieder lernen, die intensive Nähe über die freien Wochen auszuhalten!“ Aus der Runde erntete er für diese offenen Worte verständnisvolles Lächeln, das große Zustimmung spiegelte.

Sommerzeit ist Urlaubszeit: Für viele Soldatenfamilien bedeutet das eine Unterbrechung der eingespielten „Ferne“. Für Menschen, die gewöhnlich in „hohem Tempo“ und viel unterwegs leben, sind ein paar unbeschwerte, ruhige Tage nicht selten erst mal schwer auszuhalten. Ich nenne das den „Weihnachtseffekt“. Aber der kann natürlich auch zum „Urlaubseffekt“ werden. Denn gerade Freizeiten und längere Urlaube sind häufig mit hohen Erwartungen verbunden, die dann oft nur schwer zu erfüllen sind. Viele Fernbeziehungspaare (und nicht nur Soldatenfamilien) kennen beispielsweise die Spannungen am Freitagabend, obwohl man sich doch so lange aufeinander gefreut hatte. Und so gibt es manchmal auch unerwartete Konflikte im Urlaub, wenn endlich Zeit für Nähe sein soll. Denn dann zeigt sich, dass es durch die im Alltag gewohnte Distanz manchmal zunächst einfacher ist, einander „nah in der Ferne zu bleiben, als bei jedem Wiedersehen wieder in der Nähe nah zu kommen“, wie es die Ehefrau eines Soldaten in einem meiner Seminare ausdrückte.

Auch Urlaub will gelernt sein! Womöglich ist schon viel geholfen, wenn das immer wieder anstrengende Hamsterrad der Fernbeziehung mal zum Stillstand kommen kann. Wenn man wieder etwas aufmerksamer füreinander sein kann. Wenn Zeit ist für Gemeinsamkeit und Unternehmung, für Erholung und Kultur, für einfach Da-Sein und Zusammen-Sein. Und wenn der manchmal unbarmherzig vertraute Rhythmus zwischen Abschied und Wiedersehen nicht den Takt vorgibt. Und übrigens: Ein Streit im Urlaub ist keine Katastrophe. Dafür muss schließlich auch mal Zeit und Gelegenheit sein. Wer wüsste nicht, wie klar die Luft nach einem wilden Gewitter wieder sein kann, wenn zuvor die Atmosphäre durch eine Hitzeperiode erdrückend schwül und aufgeladen war.

Für Soldatenfamilien bedeutet Urlaubszeit nicht selten eine rigide Unterbrechung der Fernbeziehung. Soldatinnen und Soldaten, aber auch viele Zivilangestellte und ihre Angehörigen müssen „multimobil“ sein: Sie arbeiten mit langen Abwesenheitszeiten von daheim, immer wieder auch in fernen Ländern, und sind dabei mehr als in vielen anderen Berufen „ineinander verwoben“ von Versetzungen betroffen. Daraus resultieren wiederholte Umzüge oder (für viele als besonders belastend empfundene) Wochenendbeziehungen.

Von Rainer Maria Rilke stammen wunderbare Zeilen: „Des Sommers Wochen standen still, (…) jetzt fühlst du, dass es fallen will in den, der alles tut.“ Davon inspiriert möchte ich in dieser Sommerausgabe des Kompass alle Soldatenfamilien ermuntern, dass die Sommerwochen mehr oder weniger stillstehen dürfen vom Pendeln und vom Überwinden der Kilometer zwischen Ihnen. Dass Sie gemeinsam reisen – oder eben die „Homebase“ genießen. Und dass einfach sein darf, was Partnerschaft, Beziehung, Familie und Freundschaften auch ausmacht: Zeit miteinander zu verbringen, in der reines „Dasein“ genügt – auch gern mal ohne große Unternehmung. Gönnen Sie sich also ein wenig Rast vom Funktionieren. Laden Sie die „Familienakkus“ für die Zeiten des Unterwegsseins, die dann wieder (beruhigter) kommen dürfen – mit allen wunderbaren, belastenden, aber eben auch „zu rockenden“ Herausforderungen des Soldaten-Familien-Lebens.

Dafür wünsche ich vor allem: viel Zeit – und Gottes Segen, der, wie Rilke vielleicht sagen könnte, letztlich alles tut und hält: die Ferne und die Nähe!

Zum Autor: Dr. Peter Wendl leitet seit 2002 am „Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft“ (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt das Projekt „Mobilität und Partnerschaft“. 

Er ist zuständig für die Entwicklung und Durchführung von wissenschaftlichen und praktischen Initiativen zur Vorbereitung, Bewältigung und Reintegration von Fernbeziehungen und Auslandseinsätzen. Gefördert wird dieses Projekt vom Katholischen Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr.

Familie ist … Autor: Militärpfarrer Frank Schneider, Katholisches Militärpfarramt Walldürn , aus: Kompass 07-08/2016

Mit dieser Überschrift widmet sich die Rubrik „Auf ein Wort“ dem Titelthema. Sie ist bewusst offen gehalten, um zu verdeutlichen, dass die Frage nach Ehe und Familie viele mögliche Antworten bietet. Es kann nicht einfach eine Antwort in den Raum gestellt werden, die nicht Bezug nähme auf das, was an Überzeugungen zu den Fragen rund um Ehe und Familie und an Lebenswirklichkeiten da ist. Zudem ist bei diesem Thema jeder unmittelbar mit seinen beglückenden und verletzenden Erfahrungen angesprochen und reagiert entsprechend auf diesbezügliche Äußerungen.

Auch wenn in einem Kurzbeitrag nicht einmal im Ansatz allen Facetten des Familienlebens, den (wissenschaftlichen) Erkenntnissen, (eigenen) Erfahrungen und Meinungen dazu Rechnung getragen werden kann, so sei trotzdem der Versuch gewagt, die Bandbreite einer Einordnung und den Stellenwert von Familie aufzuzeigen und gleichzeitig Position zu beziehen, etwa zu sagen: „Familie ist schön!“ Das ist ein erster, grundsätzlicher gedanklicher Anlauf, der sagen will: An Familie zu denken, heißt in erster Linie, sich darüber freuen, sich freuen über die Erfüllung und die Möglichkeiten, die Familie schenkt, darüber hinaus in die Gesellschaft hinein, die von der Familie her lebt und existiert.

Ein weiterer gedanklicher Anlauf muss freilich ein differenzierender sein, der genauer ausdrückt: Ja, was ist denn Familie eigentlich? Dazu will ich drei grundsätzliche Positionen wenigstens nennen, um das Panorama anzudeuten, in dem sich Familie in ihrem Erscheinungsbild widerspiegelt. Da spannt sich ein Bogen von der Formulierung: „Familie ist, was wir daraus machen“, über: „Familie ist dort, wo Kinder sind“, bis hin zu der Überzeugung: „Die Familie ist ein Werk Gottes“, eine auf einer lebenslangen Ehe basierende Gemeinschaft von Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen.

Dass dieser Bogen ein gewaltiges Spannungspotenzial enthält, geht allein schon aus den schlagwortartigen Formulierungen hervor: Die Spannung bildet sich zwischen der Vorstellung, dass sich jeder sein privates Lebensgefüge nach eigenen Vorstellungen mit denen aufbaut, mit denen er darüber Einvernehmen erzielt und es dann „Familie“ nennt – und der Gewissheit, dass Familie Ausdruck des Planes eines anderen, Vorgabe des Schöpfergottes, ist, dem wir „einfach“ folgen. Seiner Liebe wird in der konkreten Gemeinschaft von Mann, Frau und Kindern ein menschlicher Raum gegeben als die Keimzelle, aus der alles zusammenwächst und über die alles zusammenhält. Die Kirche favorisiert diese Gemeinschaft, weil sie diese von ihrem Herrn und Auftraggeber Jesus Christus empfangen hat, weil sie naturgemäß dem Menschen als Mann und Frau sowie ihrer Sehnsucht nach Liebe und Treue entspricht. Junge Männer und Frauen sollen und brauchen daher keine Angst haben, diesen Weg zu gehen. Sie gehen ihn ja bei gelebtem Gottvertrauen nicht allein!

Ein Letztes: In diesem Spannungsgefüge sind vor allem die Kinder nicht zu vergessen. Gerade ein Christ, der an die Menschwerdung Gottes glaubt, ist gehalten, bei allem die kindliche Perspektive einzunehmen. Und wo mit Kindern argumentiert wird, ist besonders darauf Acht zu geben, wann die Perspektive des Kindes verlassen und somit das Wohl des Kindes vernachlässigt wird. Mit anderen Worten: wann es bei der Argumentation nicht mehr um das Kind und seine Interessen geht, sondern um die Interessen derer, die über Kinder und Familie sprechen; Kinder werden so in Wahrheit benutzt und vorgeschoben für die Durchsetzung eigener Wünsche. Achten Sie einmal darauf, wie oft mit Kindern argumentiert wird, aber die Kinder selbst nicht gefragt werden …

Militärpfarrer Frank Schneider,
Katholisches Militärpfarramt Walldürn

                            

KOMPASS Juli / August 2016

Der KOMPASS 07-08/2016 als Web-Paper

Kompass Juli / August 2016

Kompass_07-08_2016.pdf

Vor der „Sommerpause“ und dem Erscheinen der Ausgabe 07-08/16 von „Kompass. Soldat in Welt und Kirche“ hat sich in Kirche, Welt und Militärseelsorge viel ereignet, von dem hier berichtet wird: von einem Expertenkolloquium in London und einer Konferenz in Málaga über vielfältige Wallfahrten der Militärseelsorge (nach Rom, als Sternwallfahrt und per Motorrad) reicht das Spektrum bis zu einem „Runden Tisch“ in Berlin und einem Friedensgottesdienst in Münster. In den bewährten Rubriken lesen Sie eine kritische Äußerung des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, ferner Internet-, Buch- und Film-Tipps sowie von Jubiläen und Abschieden (u. a. in den „Personalien“). Und für das Preisrätsel und die Einsendung des Lösungsworts bleibt diesmal etwas mehr Zeit, weil die nächste Ausgabe erst Anfang September erscheinen wird.

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