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Schulterpolster statt Schulterklappen

© KS / Barbara Dreiling
© KS / Barbara Dreiling

        

... und der Sound von Freiheit und Verantwortung

Von Barbara Dreiling

Wenn die Biker abends zum Gottesdienst zusammenkommen, legen sie ihre Helme vor den Altar. Es sind Zeichen ihrer eigenen Geschichte, die im Gottesdienst Platz hat. 25 motorradfahrende Soldatinnen und Soldaten nahmen vom 13. bis 17. Juni 2016 an der Pilgerfahrt des Katholischen Militärpfarramtes Berlin I teil. Viele waren in Bundeswehr-Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan oder bereiten sich darauf vor. Deutschlandweit gibt es mehrere Bikerwallfahrten der Katholischen Militärseelsorge.

Führung durch die Kriegsgräberstätte Golm. © KS / Barbara Dreiling
Führung durch die Kriegsgräberstätte Golm. © KS / Barbara Dreiling


Die Motorradwallfahrt stand unter dem Leitwort „Unterwegs auf Spurensuche“. Dass die Spuren der persönlichen und der politischen Geschichte oft nah beieinander liegen, zeigte sich bei der Fahrt zur Kriegsgräberstätte Golm. Es waren Schicksale wie das jenes Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der zum Fotografen ging, um ein Porträtbild von sich machen zu lassen. Er steckte es in einen Umschlag und schrieb seiner Mutter dazu, dass es ihm gut ginge. Die Mutter erhielt den Brief an ihrem Geburtstag zusammen mit der Todesnachricht ihres Sohnes, die einen Tag nach dem Brief des Sohnes vom Marinestützpunkt Swinemünde versandt worden war.

Spiel mit den Muskeln, aber zu welchem Preis?

Während der Führung über den Friedhof kommen die Bundeswehr-Soldaten schnell zu der Frage, welchen Sinn das Bombardement des Hafens von Swinemünde kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs hatte. Der militärische Nutzen war gering, denn die Kriegsschiffe der deutschen Marine lagen am 12. März 1945 auf der Ostsee. Hafen und Bahnhof waren jedoch überfüllt mit Flüchtlingen auf Schiffen und in Zügen sowie mit Soldaten. Zwischen 6.000 und 10.000 Menschen starben bei dem amerikanischen Angriff zur Unterstützung der sowjetischen Front. Heute wird das Bombardement des Hafens mit über 650 Flugzeugen auch als Machtdemonstration der USA für den sich abzeichnenden Kalten Krieg interpretiert. Der militärische Zweck gilt als verfehlt.





Hier ging es wohl darum, „Muskeln spielen zu lassen. Aber zu welchem Preis?“ – fragt Hauptfeldwebel Christian Riedel. Kann ein Bundeswehr-Soldat sich darauf verlassen, dass er moralisch verantwortlichen Zwecken dient? Und wie schnell und unerwartet kann ein Leben zu Ende sein? „Sie zündeln und am Ende gehen wir in den Krieg“, heißt es in einer Gruppe. Es geht um Politiker in Deutschland, Polen, in der Türkei und in den USA und deren aggressive Parolen gegen andere Länder und Menschen anderer Herkunft. Einige sehen bereits eine aufgeheizte Kriegsstimmung wie zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Strategie überdenken

Der Besuch einer Kriegsgräberstätte oder eine andere Veranstaltung mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gehört zu jeder Motorradwallfahrt des Katholischen Militärpfarramts Berlin I dazu. „Wie menschliche Geschichte verschlungene und oft auch tragische Wege geht“, ist ein wichtiges Thema, sagt Militärdekan Bernd Franz Schaller als Leiter und Organisator der Wallfahrt. Der Besuch der Kriegsgräberstätte werfe Fragen auf, wie ich mit meiner eigenen Geschichte und mit der Geschichte meines Volkes umgehe, so der Militärdekan.

Die Biker legen beim Gottesdienst ihre Helme vor den Altar. © KS / Barbara Dreiling
Die Biker legen beim Gottesdienst ihre Helme vor den Altar. © KS / Barbara Dreiling

Um Kraft für Vergangenheit und Gegenwart bitten die Biker im abendlichen Gottesdienst, der jeden Tag nach der Rückkehr in der Kolping Familienferienstätte in Salem stattfindet. Für Hauptfeldwebel Andreas Hoffmann sind die Gottesdienste der Militärseelsorge auch eine Gelegenheit, die Erlebnisse aus dem Dienstalltag zu verarbeiten. In der Eucharistiefeier am zweiten Abend hören sie in der Lesung die Geschichte über den Propheten Elija, der seinem König Ahab die Karten vorlegt: Wenn er sich und seinen Regierungsstil nicht ändert, wird sein Reich den Nachbarvölkern zum Opfer fallen. Ahab lässt sich auf den Unheilspropheten ein, zieht ein Bußgewand an und überdenkt seine Strategie. „Das Leben mit Gott kann schwierig sein und Neuausrichtung bedeuten“, erklärt Militärdekan Schaller in seiner Predigt. Für das Verhältnis zwischen vorgesetzten und untergebenen Soldaten heißt das manchmal, Fehler zuzugeben oder gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Biker fragen nicht nach Dienstgraden

Bei der Motorradwallfahrt werden die Hierarchien für eine Woche ausgeblendet, die Uniformen sind zuhause geblieben, statt Schulterklappen sind nur die Schulterpolster der Bikerjacke zu sehen. „Sobald der Dienstgrad ins Spiel kommt, werden Barrikaden aufgebaut“, weiß Andreas Hoffmann. Das Faszinierende an dieser Motorradwallfahrt sei für ihn, dass Soldaten von den niedrigsten bis zu den höchsten Dienstgraden dabei sind. Aber „keiner fragt danach, sondern das Motorradfahren verbindet uns“, sagt er.

Andreas Hoffmann gewinnt bei der Motorradwallfahrt Abstand vom Alltag. © KS / Barbara Dreiling
Andreas Hoffmann gewinnt bei der Motorradwallfahrt Abstand vom Alltag. © KS / Barbara Dreiling

Gerade mit noch fremden Kameraden möchte Andreas Hoffmann während dieser Woche in Kontakt kommen. Es ist seine dritte Motorradwallfahrt und er hat selbst zwei neue Teilnehmer, Polizisten aus Berlin und Brandenburg, mitgebracht. Er kennt sie von seinem Arbeitsort bei der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) am Flughafen Berlin Schönefeld. Die Wallfahrt ermögliche es ihm, Kameraden aus anderen Bereichen in ihrem Dienst besser zu verstehen: „Wir fahren einfach mal miteinander Motorrad und können den Rest des Jahres leichter zusammen arbeiten“, fasst er zusammen.

Entschleunigung

Was er von dieser Wallfahrt mitnimmt ist „Entschleunigung, Runterkommen“, wie er sagt, und Abstand zum Alltag. Und dabei hilft die Natur, denn ein Biker wählt nicht nur das Ziel, sondern vor allem die Strecke sorgfältig aus. Die Autobahn kommt während der Motorradwallfahrt nicht in Frage. Alle Gruppen fahren auf Landstraßen und maximal auf Bundesstraßen zu den Tageszielen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Lange Alleen alter Bäume halten ihr Geäst wie ein grünes Dach über die huckligen Fahrbahnen. Mancher hat das Visier einen Spalt offen, um den Duft von Lindenblüten und Holunder zu atmen. Kornblumen und Mohn setzen blaue und rote Tupfen in die Getreidefelder links und rechts der Straße. Störche bauen ihr Nest und staksen Nahrung suchend über die Wiesen. Untertouriges Knattern bis gleichmäßiges Grollen ist der Sound des Motors für Freiheit und Kraft.

Andacht und Segen vor der Abfahrt. © KS / Barbara Dreiling
Andacht und Segen vor der Abfahrt. © KS / Barbara Dreiling

Im Einklang mit der Maschine

Mancher fährt ein paar Meter Schlangenlinien und genießt auf diese Weise die Fahrt und ein anderer gibt einmal kräftig Gas, sodass der Motor aufheult. Die Freiheit des Bikers geht vom vorausfahrenden bis zum nachfolgenden Kameraden. Denn während der Motorradwallfahrt sind sie gemeinsam in Gruppen bis zehn Mann unterwegs. Dabei muss jeder auf jeden Rücksicht nehmen und jeder ist für sich und die anderen verantwortlich: „Hinten drauf sein, ist eine schöne Sache, aber die Maschine zu beherrschen und mit ihr im Einklang zu sein, das ist das Spannende“, sagt Polizeihauptkommissar Andreas Schütz über die Herausforderung ein Motorrad zu fahren. Einige finden sich kurzzeitig auf einer Abenteuerfahrt wieder, wenn sie über Rollsplit, durch Matsch, über Pflaster oder bei Starkregen fahren. Bis auf das Wetter haben die Gruppenleiter immer ein paar Überraschungen in ihre Strecken eingeplant.

© KS / Barbara Dreiling
© KS / Barbara Dreiling

Aber sie haben vom Ersten bis zum Letzten alle im Blick. Es gibt verschiedene Gruppen für schnelle und langsame, für erfahrene und weniger erfahrene Biker, damit alle die Wallfahrtsziele erreichen. Wenn Andreas Hoffmann auf seinem Motorrad unterwegs ist, schaut er mitunter auf eine bronzefarbene Medaille rechts neben dem Tacho. Die Abbildung zeigt den Heiligen Christophorus, den Schutzpatron der Reisenden. Sie erinnert ihn an das, was ihm wichtig ist: Entschleunigung und Abstand vom Alltag.