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2 x 7 Werke der Barmherzigkeit

© Doreen Bierdel
© Doreen Bierdel

Seit der Wahl von Papst Franziskus vor drei Jahren im März 2013 und vor allem, nachdem er ein besonderes „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen und es am 8. Dezember 2015 begonnen hat, rückt das alte Wort „Barmherzigkeit“, das häufig in Vergessenheit geraten war, wieder mehr ins Bewusstsein.

In der April-Ausgabe 2016 des Kompass werden in der diesjährigen Osterzeit sowohl die Barmherzigkeit als auch die Konsequenzen daraus von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet. Zum Titelthema gehören z. B. auch die Beschäftigung mit den biblischen Gleichnissen vom „Barmherzigen Vater“ und vom „Barmherzigen Samariter“ sowie einige Empfehlungen für aktuelle Bücher.

Barmherziges 21. Jahrhundert?

Papst Franziskus hat am 8. Dezember 2015 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen, um damit neue Wege für die Seelsorge zu gehen. Er setzte damit ein Zeichen und erinnerte damit die Christenheit daran, wie Jesus Christus selbst seinen Mitmenschen begegnet ist. Bis zum 20. November 2016 wird dieses Heilige Jahr dauern. Vielleicht kann es damit Anlass geben, dass jeder Mensch für sich selbst überprüft, was Barmherzigkeit im 21. Jahrhundert noch bedeuten und wie man sie erreichen kann.

Aber was meint Franziskus mit dieser Barmherzigkeit und welche Wurzeln hat sie in der Tradition der Kirche? Wenn man den Katechismus, das Glaubenshandbuch der katholischen Kirche aufschlägt, ist dort die Rede von den sieben geistlichen und den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit, die ein Christ in seinem Leben als Leitlinie verfolgen sollte: „Die Sünder zurechtweisen“; „Zweifelnde beraten“; „Kranke besuchen“ oder „Nackte bekleiden“. Dies sind nur einige Beispiele für die Werke der Barmherzigkeit. Sie gehen zurück auf Gleichnisse Jesu, die in die Bibel aufgenommen worden sind. In ihnen spiegelt sich das volle Ausmaß der Nächstenliebe wider, wie es Christus vorgelebt hat. Wichtig ist dabei, dass diese Werke nicht aus Berechnung geschehen, sondern aus Liebe zum Nächsten und in der Nachfolge Christi. Nun hat der Papst eine Renaissance dieser über 2.000 Jahre alten Maxime ausgerufen.

„Hungrige speisen“, „Tote begraben“, „Almosen geben“: Haben die Werke der Barmherzigkeit im 21. Jahrhundert überhaupt noch Relevanz? Hat Papst Franziskus damit nicht viel eher eine Tradition ausgegraben, die als Relikt einer vormodernen, vorstaatlichen Zeit daherkommt? Mittlerweile kümmert sich doch der Sozial- und Rechtsstaat um alles: Durch Sozialleistungen, karitative Einrichtungen, Altenheime und andere Anlaufstellen wird zumindest in Deutschland dafür gesorgt, dass kein Mensch mehr auf der Straße leben muss und dass Menschen, die in Armut leben, beispielsweise eine Notunterkunft aufsuchen können. Suppenküchen teilen Mahlzeiten aus und verteilen Kleidung. Zumindest für die leiblichen Werke der Barmherzigkeit scheint damit Sorge getragen, denn die Forderungen sind institutionalisiert worden und in die staatliche Ordnung eingegangen. Der Staat selbst macht sich die Barmherzigkeit als selbstloses Handeln am Anderen zwar nicht zur Grundlage – der neutrale Staat an sich kennt kein barmherziges Handeln –, aber er sichert jeden Staatsbürger rechtlich in seinen sozialen Grundbedingungen ab. Gerade dieser Umstand scheint Hilfe durch den individuellen Helfer obsolet zu machen. Doch ist dem wirklich so? Können wir uns im christlich geprägten Deutschland getrost zurücklehnen, weil es in einem Sozialstaat schlicht keiner Barmherzigkeit mehr bedarf? Oder ist es vielmehr so, dass in einer individualisierten Gesellschaft, die auf Selbstperfektionierung setzt, jeder für sein Wohl zuständig und Barmherzigkeit schlicht nicht angesagt ist? Wer der Barmherzigkeit bedarf, hat es in diesem Land einfach nicht geschafft und ist damit selbst verantwortlich …

Der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (2016) sollte ein derartiges „Selbstbewusstsein“ einer ganzen Gesellschaft ins Wanken bringen: Demnach liegt die Armutsquote in der reichen Bundesrepublik immer noch über 15 Prozent. Gerade Arbeitslose, Alleinerziehende und immer mehr Rentner sind von Armut betroffen, die sich nach einem monatlichen Einkommen unter 890 Euro bemisst. Diese Form der Armut macht zwar nicht automatisch die biblischen Werke, wie „Obdachlose beherbergen“ und „Nackte bekleiden“ wieder aktuell und zwingend, aber sie fordert jeden Menschen heraus, die christliche Barmherzigkeit für das 21. Jahrhundert neu auszubuchstabieren. Jeder muss sich fragen, ob er in seinem Umfeld Armut (ob geistig oder materiell) wahrnimmt oder ignoriert. Warum nehmen die Kinder von nebenan nie an den Schulfreizeiten teil? Hat sich der Obdachlose aus der Fußgängerzone sein Schicksal wirklich selber gewählt? Wie geht es den Rentnern im Viertel überhaupt, man sieht sie kaum noch. Diese Fragen sollte man sich gelegentlich stellen und ihre Antworten könnten das eigene Handeln lenken.

Der Armutsbericht zeigt, dass unser Sozial- und Rechtsstaat keine absolute Absicherung für alle bereithalten kann. Immer werden Menschen durch dieses Raster fallen. Auch in Deutschland wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. Der Staat kann demnach nie als Ersatz für Taten der Barmherzigkeit verstanden werden. Und deshalb muss man fragen, wo die mitmenschliche Verantwortung füreinander bleibt? Besonders besorgniserregend: In Deutschland gibt es immer noch Kinderarmut. Tendenz steigend. Sollte dies nicht jedem Menschen ein Appell sein, sich mit der päpstlichen Forderung nach Barmherzigkeit auseinanderzusetzen? Armut ist nicht immer für jedermann sichtbar, sie ist auch nicht immer materiell erkennbar. Armut kann der Grund sein, warum sich Menschen nicht in die Gemeinschaft integrieren (können), warum sie sich zurückziehen. In einem relativ reichen Land, in dem jeder für sein gelingendes Leben verantwortlich ist, verursacht Armut Scham und diese kann in die Isolation treiben. Wenn das Geld schon vor Monatsende ausgegeben ist, kann schwerlich an gesellschaftlichen Aktivitäten teilgenommen werden. Armut findet in Deutschland verdeckt statt, darauf muss wieder aufmerksam gemacht werden, so der Verbandschef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Ulrich Schneider. Jeder Mensch müsse sich selbst überprüfen, ob er den Willen hat, Not um sich herum auch wahrzunehmen.

Gerade das bedeutet Barmherzigkeit, das macht Papst Franziskus deutlich. Es wird sich schwerlich immer die Situation ergeben, nach dem Vorbild des Heiligen Martin den eigenen Mantel zu zerteilen, um einem Obdachlosen Wärme (im mehrfachen Sinne) zu spenden. Aber der Papst lebt vor, was es heißen kann, 2016 das Jahr der Barmherzigkeit unter „modernen“ Bedingungen zu leben: Er besucht Elendsviertel in aller Welt, er geht in die Gefängnisse, er nimmt die Nöte der Menschen wahr und benennt sie.

Es ist schon erstaunlich, dass es Fremde sind, die nun eine Konjunktur der Barmherzigkeit in unserer Gesellschaft zu bewirken scheinen: Die vielen Menschen, die in den letzten Monaten aus ihrer Heimat fliehen mussten und nach Europa und Deutschland gekommen sind, konnten den Sinn der Barmherzigkeit wieder aktuell und erfahrbar machen. Das Engagement der deutschen Bürger beeindruckte nicht nur im Ausland, sondern zeigte auch innerhalb des Landes, wie viel Empathie füreinander vorhanden ist.

Das von Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit ist genau zur richtigen Zeit gekommen: Zu einer Zeit, wo die Werke der Barmherzigkeit Autorität und Sinn in einem modernen Staat verloren zu haben schienen. Hatte nicht das Vertrauen in ein staatliches Sozialsystem auch zu einer gewissen Blindheit gegenüber den Nöten der anderen geführt? In einer Zeit der Blindheit zeigen gerade die vielen fremden Menschen in Not, dass nicht allein der Staat eine „barmherzige“ Ordnung errichten und erhalten kann. Der Staat kann die politischen Rahmenbedingungen schaffen und nach Angela Merkels Devise „Ja wir schaffen das!“ fordern, dass so viele Flüchtlinge, wie möglich in Deutschland aufgenommen werden. Aber der Staat kann nicht beeinflussen, dass diese vielen Menschen mit Empathie und Fürsorge aufgenommen werden. Im Gegenteil: Der Staat ist angewiesen auf das Engagement seiner Bürger, die freiwillig und ohne Gegenleistung für die Grundversorgung dieser Menschen eintreten.

Im Sinne des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit ist es jedoch mit der Grundversorgung vieler fremder Menschen im Land nicht getan. Vielmehr sollte dies der Anlass sein, sich auf eine neue Auslegung der barmherzigen Werke zu besinnen. Auf die leiblichen Werke der Grundversorgung müssen nun auch weiterhin empathische Initiativen zur Integration dieser Menschen folgen. Die geistlichen Werke der Barmherzigkeit können dafür vielleicht neu ausgelegt werden und damit den Weg weisen: Es wird in Zukunft genau darum gehen: „Die Unwissenden zu lehren“, indem man Sprach- und Integrationskurse initiiert; „Die Zweifelnden zu beraten“, um gemeinsam einen humanitären Weg aus der Flüchtlingssituation zu finden; „Die Trauernden zu trösten“, denn sie haben ihr Land, ihre Heimat und ihre Familie unter katastrophalen Bedingungen verlassen müssen; „Die Sünder zurechtzuweisen“, weil in einer barmherzigen Gesellschaft nie Fremdenhass und Rassismus Platz finden dürfen.

Die Werke der Barmherzigkeit finden damit im Jahre 2016 eine hoch brisante Aktualität und machen auch für Nichtchristen deutlich, welch humanitäres und politisches Potenzial in der jesuanischen Botschaft der Barmherzigkeit und Nächstenliebe steckt: Es ist die Empathie für die Mitmenschen.

Es sollte nicht nur in Deutschland, sondern weltweit Ziel der Christen und aller Menschen sein, dass auch nach dem Heiligen Jahr die Werke der Barmherzigkeit in einem Staat, in einem Land und in einer Gesellschaft eine hohe Priorität haben, für die es sich einzutreten lohnt. Dann wird es in Zukunft vielleicht möglich sein, dass Fremde ohne Ausgrenzung integriert werden können und dass Menschen in Armut und Not auch innerhalb eines Systems wahrgenommen werden, damit ihnen Unterstützung zukommen kann. Letztlich verweist die alte, biblische Maxime der Barmherzigkeit doch in eine Aktualität des 21. Jahrhunderts hinein: Es kann kein menschliches Miteinander ohne barmherzige Empathie füreinander gelingen.

Felizia Merten (geb. 1987), Diplom-Theologin, hat kath. Religionslehre und Germanistik auf Lehramt und Magister Theologiae in Münster studiert. Seit Juli 2015 ist sie Volontärin in der Redaktion der Herder Korrespondenz (Berliner Büro). www.herder-korrespondenz.de

„Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“

Gedanken zu Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Barmherzigkeit – was heißt das?

Die katholische Kirche begeht im Jahr 2016 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit – kein Thema, das sich leicht erschließt, denn das Wort ‚Barmherzigkeit‘ ist heute im alltäglichen Sprachgebrauch eher unüblich. Wir kennen es aus den biblischen Erzählungen vom barmherzigen Samariter und vom barmherzigen Vater, oder auch aus den aktuellen Diskussionen um Wahrheit und Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Was aber genau meint dieses altertümliche Wort? Als erste Annäherung an das Thema können vielleicht einige semantische Überlegungen hilfreich sein.

Das deutsche Wort ‚Barmherzigkeit‘ setzt sich zusammen aus den Worten ‚Erbarmen‘ und ‚Herz‘. Barmherzig zu sein bedeutet, ein erbarmendes Herz zu haben, sich in seinem Innersten vom Erbarmen, von der Zuwendung zum Armen leiten zu lassen. Ähnlich liegt der lateinische Begriff ‚misericordia‘, der sich aus den Worten ‚miseri‘ (die Armen) und ‚cor‘ (das Herz) zusammensetzt.

Das Alte Testament benutzt, wenn es von Barmherzigkeit oder Mitleid spricht, den Ausdruck ‚rachamim‘. Dieser leitet sich ab vom Wort ‚rechem‘, womit sowohl der Mutterschoß als auch die Eingeweide des Menschen bezeichnet werden können. Auch ‚rachamim‘ drückt also aus, wie der Barmherzige in seinem Innersten, bis in seine Eingeweide bzw. bis in den Geburtsort des Lebens hinein, vom Leid des Anderen bewegt wird.

Semantisch verbirgt sich hinter dem Wort Barmherzigkeit also mehr als eine oberflächliche mitleidige Gefühlsregung. Ebenso ist Barmherzigkeit keine bewusste Handlung, kein Almosengeben und keine primär kognitive Reaktion auf bewusst wahrgenommenes und reflektiertes Unrecht. Barmherzigkeit ist vielmehr die grundsätzliche Einstellung und Bereitschaft, sich von der Not des Anderen ansprechen und in die Pflicht nehmen zu lassen – oder eben auch, auf die unbedingte Durchsetzung des eigenen Rechts zu Gunsten des Nächsten zu verzichten.

Doch genau hier wird es problematisch: Wie oft kann ein Mensch bzw. wie oft können eine Gesellschaft oder ein Staat auf die Durchsetzung des Rechts verzichten, ohne dass daraus selbst Unrecht entsteht? Im theologischen Kontext stellt sich eine ähnliche Frage in Bezug auf die kirchliche Lehrwahrheit: Inwiefern kann die Kirche von ihren dogmatischen und disziplinären Vorgaben – von denen sie doch letztlich überzeugt ist, dass sie dem Heil des Menschen dienen – im Sinne der Barmherzigkeit absehen, ohne dass sie sich dabei an ihrem Verkündungsauftrag versündigt?

Die Barmherzigkeit Gottes

Es verwundert nicht, dass die Fragestellung bereits in den biblischen Schriften von großer Bedeutung ist. In der Bundesgeschichte mit Israel erweist sich Gott seinem Volk gegenüber immer wieder barmherzig. Das untreue Volk verwirkt im Bundesbruch sein Existenzrecht, denn es ist Volk Gottes; Volk, das ganz Gott gehört. Und doch verzichtet Gott auf die Vernichtung Israels, wenngleich er den Bundesbruch nicht ungestraft lässt. So lässt er sich von Mose zwar, als das Volk um das Goldene Kalb tanzt, besänftigen und vernichtet Israel nicht. Doch die Strafe, die Mose danach über das Volk verhängt (er verbrennt das Kalb, lässt die Israeliten seinen Staub trinken und schließlich 3.000 von ihnen töten, vgl. Ex 31,18–33,6), ist hart. Das Schema wiederholt sich in Varianten immer wieder in der Bundesgeschichte: Auf den Bruch des Bundes und die Untreue Israels folgt die Strafe Gottes; diese geht jedoch nie so weit, dass der Bund aufgekündigt und Israel vernichtet wird, sie erscheint vielmehr oft als Erziehungsstrafe. Auch wenn es uns heute ob der Härte der Strafen schwerfallen mag, im Gott des Alten Testamentes einen barmherzigen Gott zu sehen, bezeugt doch ebendies der Psalmist des Alten Testaments: „Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte“ (Ps 103,8; vgl. Ps 86,15).

In der neutestamentlichen Verkündigung Jesu, ja im Christusereignis selbst, steht die Barmherzigkeit Gottes quasi im Mittelpunkt. Nirgends wird diese deutlicher ausgedrückt als im bekannten Gleichnis von den zwei Brüdern und dem barmherzigen Vater (Lk 15,11–32), das auch als ein Gleichnis über die Beziehung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verstanden werden kann.

Der jüngere der beiden Söhne fordert noch zu Lebzeiten des Vaters seinen Erbteil. Dies ist sein gutes Recht, wenngleich es dem Vater und dem Bruder gegenüber ein Affront ist. Der Vater hindert ihn nicht, er gibt ihm, was ihm zusteht, er lässt ihn ziehen – auch wenn er sicher eine Ahnung von dem hat, was nun geschehen wird. Der entlassene Sohn zieht von dannen und bringt das Erbe in kürzester Zeit mit einem zügellosen Leben durch. Als er schließlich am Ende ist, hungrig und am Boden zerstört, besinnt er sich. Er weiß, dass er nach gutem Recht von seinem Vater nichts mehr zu erwarten hat: Sein Erbe ist verbraucht, er hat aus eigenem Entschluss seine Rechte und Pflichten als Sohn aufgegeben, hat seinen Vater verlassen und ist in die Fremde gezogen. Er weiß auch um die Sündhaftigkeit seines Verhaltens. So erwartet er bei seiner Heimkehr keine Wiedergutmachung, keine Wiederaufnahme. Er wird lediglich von der Hoffnung getrieben, bei seinem Vater Vergebung und eine Anstellung als Tagelöhner zu finden.

Doch der Vater hat Mitleid mit ihm. Er wartet nicht auf ihn, wie es sich gebührt hätte, er eilt dem Sohn entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Der Sohn bekennt seine Schuld und verweist auf die Konsequenz („ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein“, Lk 15,21), doch der Vater setzt ihn durch Überreichen von Herrschaftsinsignien (Gewand, Ring und Schuhe) wieder als Sohn ein. Und er ordnet an, ein großes Fest ob der Wiedergeburt seines Sohnes zu feiern.

Als der zweite Sohn dies hört, empfindet er die Barmherzigkeit des Vaters gegenüber dem Bruder als Ungerechtigkeit sich gegenüber. Ohne eine Zeit der Buße und Bewährung, ohne den Beweis, dass er sich geändert hat, hat der Vater dem Jüngeren vergeben und auch noch ein teures Fest ausrichten lassen. Er weigert sich, einzutreten und mitzufeiern. Wieder ist es der Vater, der herauskommt. Er versichert ihm die Tiefe und Innigkeit ihrer Beziehung („du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist dein“, Lk 15,31) und lädt ihn ein, an der Feier der Wiedergeburt des Bruders teilzuhaben.

Das Gleichnis bricht hier ab. Der Hörer wird selbst vor die Aufgabe gestellt, sich dem Nächsten als ebenso barmherzig zu erweisen, wie es der Vater tut. Der Zorn des älteren Bruders ist verständlich, denn auch ihm wurde durch den Jüngeren Unrecht angetan. Die unendliche Barmherzigkeit Gottes erweist sich als Auftrag und herausfordernde Aufgabe an den Menschen, ebenso zu handeln.

Menschliche Dimensionen der Barmherzigkeit

Das Gebot der Barmherzigkeit steht in Zusammenhang mit dem Gebot der Nächstenliebe (vgl. Lk 10,27), dessen höchste Ausformung die Feindesliebe (vgl. Mt 5,44) ist. Doch anders als diese ist Barmherzigkeit auf ein Machtgefälle angewiesen. Nur der Mächtige, Überlegene kann dem Schwachen gegenüber barmherzig sein. Barmherzigkeit selbst ist ein Zeichen von Souveränität und Macht. Vom Unterlegenen Barmherzigkeit mit dem Mächtigen zu fordern, ist zynisch. Dieses Machtgefälle stellt das Gebot der Barmherzigkeit unter den Verdacht, letztlich ein Unrechtsystem stabilisieren zu können.

Zu Beginn des katholischen Gottesdienstes tritt die Gemeinde mit der Bitte „Herr, erbarme dich“, „Kyrie eleison“ vor das Angesicht Gottes. Das Kyrie stellt liturgisch keine vorgezogenen Fürbitten dar, es ist vielmehr eine aus dem Altertum übermittelte Grußformel, mit der der Untertan vor seinen Herrscher tritt: „Herr, erbarme dich meiner, höre mich an.“ Die Bitte nach Barmherzigkeit hat ihren ursprünglichen Platz in einem hierarchischen Herrschaftssystem.

In einem modernen Rechtsstaat stellt sich die Frage nach Barmherzigkeit in einem anderen Kontext. Vor dem Gesetz sind, so zumindest die Theorie, alle Menschen gleich. Das Gesetz soll die Rechte des Schwachen gegen den Zugriff des Starken verteidigen. Der Schwache ist nicht länger darauf angewiesen, dass der Starke ihm gegenüber barmherzig ist, sondern er kann seine Rechte vor dem Gesetz einklagen, kann sich mit Hilfe des Gesetzes gegen den Starken durchsetzen. Am weitesten geht dabei ausgerechnet das Kriegsrecht. Im Genfer Abkommen über die Behandlung von Kriegsgefangenen von 1929 ist die Pflicht des Siegers kodifiziert, gegenüber dem kapitulierten Gegner barmherzig zu sein, sein Leben zu schonen und auf Folter zu verzichten. Hat die Barmherzigkeit im modernen Rechtsstaat also ausgedient?

Jeder weiß aus Erfahrung, dass die Realität anders aussieht. Der Starke kann das Recht oft ohne Konsequenzen missachten oder hat gar die Möglichkeit, es in seinem Sinne gegen den Schwachen zu nutzen. Die Vorstellung, ein Rechtsstaat sei wirklich eine Gemeinschaft gleichgestellter Bürger, bleibt oft genug ein Wunschtraum. Um seine Rechte durchsetzen zu können, braucht es in der Regel Geld und Fachwissen. Beides hat der Schwache oft genug nicht zur Verfügung. Und in einer kriegerischen Situation den Feind zu schonen, der mich gerade noch töten wollte, stellt eine ganz eigene Herausforderung dar.

Barmherzigkeit ist, wie wir eingangs gesehen haben, weniger eine einmalige Handlung als vielmehr eine charakterliche Grundeigenschaft. Diese gilt es einzuüben. Ein barmherziger Mensch zu sein kann bedeuten, dem Schwächeren gegenüber auf die Durchsetzung des eigenen Rechtes zu verzichten, wenn ihm diese Durchsetzung weiter schaden würde und ich zugleich den mir entstandenen Nachteil verkraften kann. Es kann aber auch bedeuten, sich für die Rechte des Schwächeren einzusetzen, um ihm die Möglichkeit zu geben, sich gegebenenfalls zu verteidigen, ihn also zu stärken. Die politische Bekämpfung eines Unterdrückungssystems, selbst wenn ich selbst nicht unmittelbar davon betroffen bin, kann selbst ein Akt der Barmherzigkeit sein.

Das Gebot der Barmherzigkeit stellt mich also vor die Frage, wie ich die mir gegebene Macht einsetze. Setze ich sie nur zu meinem Vorteil ein, oder setze ich sie so ein, dass sie dem Unterlegenen hilft, dass sie das Leben fördert? Die Antwort des christlichen Glaubens hierauf ist eindeutig: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist.“ (Lk 6,36). Barmherzigkeit erweist sich als die höhere Gerechtigkeit, die nicht nur das verbriefte Recht, sondern auch die Konsequenzen der Durchsetzung dieses Rechtes in meine Entscheidung einbezogen wissen möchte. Wirklich gerecht handelt der, der sich von seiner Barmherzigkeit leiten lässt. Denn am Ende der Zeiten werden wir, da ist die Schrift eindeutig, einmal alle vor Gott stehen und ganz auf seine große, uns versprochene Barmherzigkeit angewiesen sein.

Stefan Ley, Dipl.-Theol., Jahrgang 1983, Studium der Katholischen Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, seit 2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kardinal Walter Kasper Institut für Theologie, Ökumene und Spiritualität in Vallendar bei Koblenz

Barmherzigkeit

Ein Kommentar von Professor Thomas R. Elßner, Pastoralreferent

Das Heilige Jahr im Zeichen der Barmherzigkeit hat begonnen. Die Pforten der Barmherzigkeit in bedeutenden Kirchen deutscher Diözesen sind aufgestellt, und Papst Franziskus hat Boten der Barmherzigkeit ausgesandt, die von besonders schwerer Schuld loszusprechen beauftragt sind. Dennoch ist es (noch) merkwürdig ruhig um das Heilige Jahr der Barmherzigkeit. Was ist los? Doch das Problem fängt bereits viel früher an. Wozu benötigt ein Mensch Barmherzigkeit? Und zwar vor allem dann, wenn er schuldig geworden ist. Aber lädt heute noch jemand in einer aufgeklärt-westlichen Gesellschaft Schuld auf sich? Ist Schuld nicht eher ein archaischer Begriff, der einer griechischen Tragödie gleich eines Aischylos entsprungen zu sein scheint? Sieht man genauer hin, lassen sich doch für fast jedes Fehlverhalten Entschuldigungsgründe finden: Die Erziehung, das Herkunftsmilieu, die gesellschaftlichen Strukturen und – ach ja – die neurologischen Verknüpfungen im Gehirn, welche mich die eine oder andere Tat zwar nicht unmittelbar haben ausführen lassen, die aber dennoch so etwas wie eine grundsätzliche Disposition hierfür bereitstellen, so dass ich ihnen nicht zu entkommen vermochte. Sicherlich, es wäre zu kurz gesprungen, wenn man die eben genannten Punkte einfach beiseiteschiebt und ihnen keinen Anteil an unserem Tun und Lassen zuerkennen will.

Vor diesem Hintergrund war der Verfasser etwas irritiert, als vor wenigen Jahren das Streitkräfteamt die Kampagne gestartet hatte: „Ich war´s“. Plötzlich gab es überall (bestellte) Personen, die von sich sagten: „Ich war´s“, freilich in positiven Zusammenhängen. Denn im normalen Berufsalltag und darüber hi-naus war es ja nicht selten so, wenn man eine Kritik, einen Änderungsvorschlag oder gar eine Beschwerde vorzubringen versuchte, einem die jeweils andere Seite sofort zu verstehen gab: „Ich bin dafür nicht verantwortlich oder zuständig“ oder einem schlicht sagte: „Ich war´s nicht.“ Leider ist jene Kampagne nicht fortgeführt worden.

Zurück zur Barmherzigkeit. Woran kann ich schlicht und einfach, aber dennoch auf nicht zu simple Art verdeutlichen, was Schuld und was Barmherzigkeit bedeuten? Eine der schönsten und theologisch hochsensibelsten Erzählungen über Barmherzigkeit findet sich beim Evangelisten Lukas. Bereits auf der Suche nach einer passenden Überschrift für diese Erzählung können sich die Geister scheiden. Ist es nun die „Erzählung vom verlorenen Sohn“ oder die „Erzählung vom barmherzigen Vater“ (Lk 15,11–32)? Der jüngere Sohn fordert wie aus heiterem Himmel seinen Vater auf, ihm seinen Erbteil auszuzahlen. Ist dies nicht ein Verstoß gegen das dekalogische Elterngebot? Der Sohn scheint aber insofern im Recht zu sein, als ihm der Vater ohne zu zögern den beanspruchten Erbteil auszahlt. Keine ungünstigen Umstände, keine plötzlich fallenden Aktienkurse oder ein Börsencrash: Der Sohn bringt wissent- und willentlich sein Erbe durch. Erst danach kommt die große Hungersnot. Auf dem Tiefpunkt seiner Verelendung angelangt, kommt dem Sohn im Schweinestall sein Tun und Lassen vollends zum Bewusstsein. Erst jetzt reift in ihm der Gedanke zur Umkehr. „Dann brach der Sohn auf …“ Für das Aufbrechen steht im Griechischen übrigens ein Wort, welches auch für Auferstehen / Auferstehung verwendet wird. Dass der Vater seinen Sohn schon von weitem sieht und ihm entgegenkommt, bedeutet nicht nur, dass der Vater den Sohn bereits erwartet hat, sondern dass der Sohn ebenso zur Umkehr bereit gewesen ist, damit der Vater auch barmherzig sein kann. Von daher ist Barmherzigkeit keine billige Gnade oder ein „Alle-Fünfe-gerade-sein-Lassen“.

Barmherzigkeit setzt wahre Umkehr voraus. Diese freilich ist ebenso von Gott gewirkt. Das heißt, der Gnade der Umkehr korrespondiert die Gnade der Barmherzigkeit. Ein Beigeschmack haftet aber dieser Gleichniserzählung oft an. Was ist mit dem älteren Sohn, der stets dem Vater treu gedient hat? Auch ihm ist ein ebenso langer Abschnitt in jener Erzählung gewidmet. Am Ende bleibt offen, ob der ältere Sohn sich wirklich vom Vater getröstet und verstanden weiß.

Barmherzigkeit bleibt ein schwerwiegender Prozess. Eine Prüffrage kann jedoch lauten: Wie oft bin ich auf Barmherzigkeit angewiesen. Siebenmal? Siebenundsiebzigmal?

Prof. Dr. habil. Thomas R. Elßner, Pastoralreferent, Militärseelsorger und Dozent für Ethik am Zentrum Innere Führung, Katholisches Militärpfarramt Koblenz III

                            

Kompass April 2016

Kompass_04_2016.pdf

Barmherzigkeit, dieses Wort hatte auch für die diesjährige Pfarrhelfer-Konferenz und den Tag der Besinnung im März Bedeutung. Sie finden Berichte darüber auf zwei Doppelseiten in der Ausgabe 04/16 von Kompass. Soldat in Welt und Kirche.Kürzere Berichte aus der Militärseelsorge werden geboten vom Tag der Archive, von Kamingespräch, Schulung, Kreuzweg und einer Veranstaltung für Soldatenfamilien. Die gewohnten Rubriken nehmen den Bundeswehr-Einsatz in Mali, den Glauben an Wunder sowie den Film „Die Kommune“ in den Blick. Gleichzeitig richtet sich der Ausblick u. a. auf die nächste NATO-Schachmeisterschaft und vor allem den 100. Katholikentag im Mai in Leipzig.

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