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Ich bin dann mal weg!

So heißt das Buch des bekannten Entertainers Hape Kerkeling aus dem Jahr 2006, in dem er seinen Pilgerweg von Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich nach Santiago de Compostela beschreibt. Am Heiligen Abend 2015 startete die Verfilmung in den deutschen Kinos. Nachdem Hans-Peter Kerkeling sein Buch „Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg“ veröffentlicht hatte, gab es den sogenannten „Kerkeling-Effekt“ auf dem Camino Francés in Spanien. Die Zahlen deutscher Pilger auf dem Jakobsweg stiegen 2007 nach der Veröffentlichung um über 70 Prozent an. Ich selbst pilgerte im Jahr 2015 ca. 800 km des Jakobswegs zu Fuß.

Militärdekan Kohl auf seinem eigenen Jakobs-Pilgerweg
Militärdekan Kohl auf seinem eigenen Jakobs-Pilgerweg

Was motiviert Menschen aus allen Teilen der Welt, sich auf Pilgerwege oder Wallfahrten zu begeben? Aus dem Alltag auszusteigen und sich für einen gewissen Zeitraum ungewohnten Lebensumständen zu überlassen, die oft nichts mit dem eigenen bequemen Leben zu tun haben? Pilgern oder sich auf Wallfahrt zu begeben verlangt, gewohnte Wege des Alltags zu verlassen. Sich auf etwas Neues, Unbekanntes einzulassen, fremden Menschen zu begegnen und sie kennenzulernen; vielleicht sogar einen Teil des Weges mit ihnen zu gehen. Begegnungen kann man auf einer Wallfahrt oder einem Pilgerweg nicht planen. Sie kommen spontan. Vielleicht ist das auch der Reiz einer Wallfahrt. Ich kann dies für meinen eigenen Jakobs-Pilgerweg im letzten Jahr bestätigen. Die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen aller Altersklassen und aus verschiedenen Nationen, von Australien über Tibet bis Italien, machten den Reiz dieses Pilgerwegs aus. Alle hatten das gleiche Ziel, obwohl sie sicherlich aus unterschiedlichen Motivationen bereit waren, diesen Weg zu gehen und die Strapazen auf sich zu nehmen.

So geht es mir auch bei der Internationalen Soldatenwallfahrt in Lourdes. Hier kommen jedes Jahr im Mai ca.10.000 Soldatinnen und Soldaten sowie Zivilpersonen aus rund 30 Nationen zusammen, um gemeinsam zu beten und zu feiern, miteinander zu sprechen sowie Uniformteile und Abzeichen zu tauschen; sich zu begegnen und kennenzulernen, aber auch sich wiederzutreffen. Viele Soldatinnen oder Soldaten nehmen nach Möglichkeit regelmäßig an dieser Wallfahrt teil. So bekommt sie auch teilweise den Charakter eines „soldatischen Familientreffens“. Man sieht sich jedes Jahr in Lourdes und freut sich schon auf die nächste Begegnung. Die Lourdes-Wallfahrt schafft auch Nähe. Da kann am Abend im Café der Gefreite neben dem General sitzen, und beide führen – ungezwungen von allen militärischen Konventionen – ein gutes Gespräch. Da steht der Feldwebel neben dem Oberst vor der Erscheinungsgrotte beim Gebet, und beide erfahren sich als Glaubende.

Die Soldatenwallfahrt nach Lourdes steht für eine völkerverbindende, friedliche Begegnung. Soldatinnen und Soldaten der verschiedenen Nationen, die in der Vergangenheit ein gespanntes Verhältnis hatten, verbringen in Lourdes eine gute Zeit zusammen. Sie ist geprägt von Begegnung, religiösen und kameradschaftlichen Feiern. Gemeinsam wird die Wallfahrt getragen von dem Wunsch aller Nationen nach Frieden auf der Welt. Uns vereint die Hoffnung auf eine Zukunft, in der nicht der Terror das Leben der Menschen lähmt, sondern der gemeinsame Wunsch eines friedlichen Miteinanders aller Menschen. Für diese Hoffnung erbitten wir in Lourdes Gottes Beistand. Aus diesem Grund machen sich Soldatinnen und Soldaten jedes Jahr auf den Pilgerweg zum Marienwallfahrtsort Lourdes und sagen zuhause oder in den Kasernen: „Ich bin dann mal weg!“

Militärdekan Romanus Kohl,
Katholisches Militärpfarramt Erfurt