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„Ich bin dann mal weg“

Der Wallfahrten der Katholischen Militärseelsorge

Die Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes – seit fast 60 Jahren im Frühjahr auf Einladung des französischen Militärbischofs – ist zweifellos eine der größten und bekanntesten. In der Februar-Ausgabe 2016 des Kompass geht es jedoch nicht nur um die 58. Friedenswallfahrt vom 18. bis 24. Mai 2016, sondern auch um die vielen anderen – zu Fuß, mit Motorrädern oder auf unterschiedlichen Wegen – und grundsätzlicher: um das Pilgern in den Religionen insgesamt. Das ist mehr als ein „Wachstumstrend“ (Generalvikar Georg Kestel) und führt nicht nur nach Südfrankreich oder Nordspanien – Jakobsweg nach Santiago de Compostela –, sondern insgesamt zum „Sinnes-Wandel“ (Oberstleutnant Stefan Graichen) und steht bildhaft für das ganze „Leben als Pilgerweg“ (Prof. Petra Kurten).

„Beim Gehen predigen“ oder „Der Mensch als Wallfahrer“

von Prälat Georg Kestel

 

Der Heilige Franz von Assisi, so erzählt die Legende, schlug eines Tages einem jungen Mitbruder vor, sie sollten in die Stadt gehen und dort den Leuten predigen. So machten sie sich auf den Weg, sie gingen über die Straßen und über den Marktplatz und unterhielten sich dabei über ihre geistlichen Erfahrungen. Als sie schon wieder auf dem Weg nach Hause waren, rief der junge Bruder ungeduldig aus: „Aber wir wollten doch den Leuten predigen!“ Franz von Assisi legte lächelnd die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Wir haben die ganze Zeit nichts anderes getan“, antwortete er. „Wir wurden beobachtet und Teile unseres Gesprächs wurden mitgehört. Unsere Gesichter und unser Verhalten wurden gesehen. So haben wir gepredigt.“ Dann fügte er hinzu: „Merke dir, es hat keinen Sinn zu gehen, um zu predigen, wenn wir nicht beim Gehen predigen.“

Bei der Kriminalitätsrate spricht man von einer Dunkelziffer und meint das, was sich statistisch nicht erfassen lässt. Im Leben der Kirche gibt es etwas Ähnliches – aber im positiven Sinn. Keine Dunkelziffer, trotz mancher Probleme, sondern bestimmte „Leuchttürme“ des Glaubens durch das aktive Beispiel von vielen Gläubigen – beim ehrenamtlichen Dienst in der Ökumene, in der Missionsarbeit über Kontinente hinweg, für die Bewahrung der Schöpfung, im Hospizwesen oder im interreligiösen Dialog. Auch die vielen Wallfahrer und Pilger unserer Zeit gehören auf die Positivseite der religiösen Bilanz. Sie „predigen beim Gehen“, denn ihr unübersehbares Glaubenszeugnis steht für die Kirche als das „Volk Gottes unterwegs“ und lädt andere ein, sich mit ihnen auf den Weg der Gottsuche zu begeben.

Die Wallfahrt – ein Wachstumstrend

Es mag überraschen, dass gerade die Wallfahrten zu Fuß im Aufwind sind, wobei sich hier auch (junge) Leute beteiligen, die nicht unbedingt zu den treuen Kirchgängern zählen. Da wird ganze Nächte bei Wind und Wetter durchgewandert, es wird viel gebetet und auch gesungen. Das Wallfahrtsziel darf ruhig hundert Kilometer entfernt sein; in diesem Fall ist auch ein mehrtägiger Fußmarsch inklusive Zwischenübernachtungen kein Hindernis. Was kirchliche Strategen verwundert: Dieser Trend ist keineswegs die Reaktion auf besondere (ober-)kirchliche Aufrufe und Ermahnungen oder die Frucht neuer Pastoralkonzepte. Wir haben es hier mit dem Phänomen einer echten Basisbewegung „von unten“ zu tun, einer buchstäblichen „Abstimmung mit den Füßen“. Die Scharen dieser „freiwilligen“ Wallfahrer und Pilger haben ein gutes Gespür für Inhalte des Glaubens und Formen des Religiösen, die ihnen „persönlich etwas bringen“. Vielleicht mehr unbewusst suchen die Pilger Alternativen zu unserer globalisierten, mobilisierten und rationalisierten Umwelt: die Geborgenheit in der Gruppe; die Ganzheit von Naturerlebnis und geistlichen Impulsen; die Freiheit vom Alltag ohne Leistungsdruck; nicht zuletzt die körperliche Herausforderung beim langen Gehen.

Der moderne Mensch – ein „Wallfahrer“

Vielleicht ist der moderne Mensch überhaupt zum „Wallfahrer“ geworden. Der Berliner Schriftsteller Ulrich Woelk reflektiert in seiner Erzählung „Amerikanische Reise“ über Massentourismus und Bilderflut mit der Frage, ob es sich überhaupt noch lohnt, beispielsweise in die USA zu fahren, nachdem man in ungezählten Fernsehserien, Filmen und Nachrichten bereits dort gewesen ist. Er schreibt: „Es gibt in den meisten Kulturen einen ersten Besuch, der nicht die Funktion einer Reise hat, sondern die eines Rituals: die Wallfahrt – eine Reise also, bei der es gar nicht darum geht, eigene Erfahrungen zu machen, sondern kollektive Erfahrungen zu teilen. Man könnte also sagen, dass die Menschen heutzutage immer mehr von Reisenden zu Pilgern werden – die Bilder erzeugen eine Generation von Wallfahrern“. – Ob ich zur Safari nach Afrika aufbreche oder die Chinesische Mauer besteige – die Bilder in meinem Kopf liegen immer schon bereit. Die Kulturwissenschaftler sprechen vom „Iconic Turn“, der alles bestimmenden Macht der Bilder. „In der globalisierten Welt wird Heimatlosigkeit zum Normalfall“, titelte ein Magazin und folgerte: „Umso wichtiger werden tragfähige Bindungen zu Menschen, die den Phantomschmerz der heimatlos Gewordenen lindern können“.

Deshalb bin ich überzeugt, dass der Pilger-Trend mit diesen Zeitgeist-Erscheinungen etwas zu tun hat. Das um sich greifende globale Lebensgefühl verlangt ausgleichend nach Übersichtlichkeit und Nähe. Angesichts der Überfülle der Informationen und im Durcheinander der Lebensentwürfe fragen viele zunehmend nach dem persönlichen Sinn ihres Lebens. Sie suchen verlässliche Wegbegleiter, die ihnen helfen, im mitmenschlichen Kontakt die eigene Identität zu entwickeln. Dass angesichts dieser gesellschaftlichen Situation die bewährten Traditionen des Glaubens, wie zum Beispiel das Wallfahrts- und Pilgerwesen, neu in den Blick geraten, ist ein Zeichen für die Lebendigkeit und die Erneuerungskraft des Christentums. Ist doch der Glaube immer ein Unterwegs-Sein, ein anspruchsvolles Miteinander-Gehen, ein unablässiges Sinn-Suchen, eine anstrengende wie auch segenbringende Offenheit für Neues und Ungewohntes. „Ich bin der Sucher eines Weges, der breiter ist als ich“ – so der Lyriker Günther Kunert.

Das Religiöse – mit Klärungsbedarf

„Vom Jakobsweg zum Tierfriedhof. Wie Religion heute lebendig ist“ – so lautet ein Buchtitel aus jüngster Zeit. Wir leben in einer Epoche großer Veränderungen und Bewegungen im Bereich des Religiösen. Auf der einen Seite schwächelt die frühere Volkskirche, auf der anderen Seite verzeichnet der Markt religiöser Angebote einen ungebremsten Boom. Da werden die unterschiedlichsten Dinge miteinander kombiniert. Aberglauben, Naturmystik, die Beschwörung kosmischer Energieströme, Bausteine östlicher Weltreligionen, moderne Hexerei und vieles andere findet Unterschlupf unter dem Dach der Esoterik. Da braucht es einen festen Standpunkt, um im Durcheinander der verschiedenen Sinnangebote nicht die Orientierung zu verlieren. Das Problem dabei ist: die Religiosität, wiewohl ein Urelement im Menschen, kann auch manipuliert und missbraucht werden. Der Historiker Ernst Nolte meint, dass die Sehnsucht nach dem Göttlichen zugleich der „Thronsessel und das Marterholz“ des Menschen sein kann. Diktatoren, Ideologen, Fundamentalisten und Sektenführer der verschiedensten Sorten nutzen das gnadenlos aus. Wem es gelingt, sich als Heilsbringer und Sinnstifter einzuschmeicheln, der hat den Menschen ganz in der Hand. Deswegen braucht es ein Bekenntnis, das eine klare Auskunft über Wege, Inhalte und Ziele des religiösen Lebens gibt. Ein Christ zumindest weiß, dass er nicht irgendetwas Beliebiges glaubt, dass Glaube in kirchlicher Gemeinschaft keine Privatsache ist und dass niemand sich sein Credo selber nach Gutdünken zusammenbasteln kann. Er hält sich an Christus, der von sich sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Der Weg ist nicht das Ziel

So wichtig für den Wallfahrer der Weg an sich ist, die zeitliche Dauer der schrittweisen Annäherung an sein Ziel, so deutlich muss festgestellt werden, wenn wir es mit dem Kern von Glauben und Religion zu tun haben: Der Weg ist eben nicht das Ziel! Zwar kehrt der Ausflügler am Ende seiner Wochenendtour wieder an den Ausgangspunkt seiner Wanderung zurück, weil dort sein Auto steht. Und der Jogger absolviert seine tägliche Route von der Wohnung aus und kehrt dahin zurück. Beide haben als Ziel die körperliche Bewegung als solche. Teilweise mag das auch noch für den Wallfahrer gelten. Aber vom Jogger und Wanderer unterscheidet ihn schon, dass er nicht einfach im Kreis herum läuft, sondern sich klar auf ein bestimmtes Ziel hin bewegt. Spätestens aber, wenn wir den unmittelbaren Bereich des Alltags verlassen, wenn wir weiter und tiefer fragen, also zum Beispiel nach Inhalten und Werten für unser (Zusammen-)Leben, wenn es um die Entscheidung zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, Wahrheit und Irrtum geht, dann reicht es längst nicht mehr aus, einfach einen „Weg“ zu gehen, ohne nach dem „Ziel“ zu fragen. Schon wer zum Beispiel ein Auto kauft, sagt nicht: „Hauptsache vier Räder und der Karren läuft“. Er wird sehr wohl seine Ansprüche formulieren, verschiedene Angebote einholen, die Preise vergleichen und noch eine Reihe anderer Gesichtspunkte bei seiner Entscheidung berücksichtigen. Der Weg ist nicht das Ziel. Aber nur wer sich auf den Weg macht, wird seinem Ziel näherkommen. Der Philosoph Hans Jonas weist auf ein Paradox unseres Glaubens hin: Wir können Gottes Wort erst dann richtig hören, wenn wir innerlich schon begonnen haben, darauf zu antworten. Wir dürfen Gott finden, wenn wir die Suche nach seinen Spuren nicht aufgeben. Dafür legen die christlichen Wallfahrer ein ansteckendes und ermutigendes Bekenntnis ab.

Zum Autor: Georg Kestel, seit 1. April 2006 Generalvikar der Erzdiözese Bamberg. 1955 im Landkreis Kronach geboren und 1983 von Erzbischof Elmar Maria Kredel zum Priester geweiht. Von September 1987 an für den hauptamtlichen Dienst als Militärgeistlicher freigestellt und in dieser Zeit Militärpfarrer in Hammelburg. Zuletzt war er Militärdekan und Leiter des Seelsorgereferats im Katholischen Militärbischofsamt in Berlin. 2013 wurde Msgr. Kestel von Benedikt XVI. zum päpstlichen Ehrenprälaten ernannt.

„Dieser Weg wird kein leichter sein“

… das gilt nicht nur für den mittelalterlichen Pilger. Zwar war dieser meist unter sehr viel härteren Bedingungen als ein Wallfahrer heute unterwegs, in unbequemen Schuhen oder gar auf nackten Sohlen. Manche inszenierten ihre ganze Pilgerfahrt als Bußübung mit Erbsen in den Schuhen. Andere waren gezwungen, ihre Reise ins Heilige Land als Ersatz für eine langjährige Gefängnisstrafe auf sich zu nehmen. Derartige Motive sind dem modernen Pilger fremd. Trotzdem: „Ein richtiger Pilgerweg muss schon auch anstrengend sein, sonst kann man ja gleich als Tourist hinfahren“, meint meine 11-jährige Tochter. Soll heißen, dieser Weg wird kein leichter sein.

Pilger oder Tourist?

Aber worin unterscheidet sich der Pilger vom Touristen? Ist es nur die körperliche Anstrengung oder gehört dazu auch das Sich-selbst-aushalten-Müssen (oder das der gebrechlichen oder nervigen Mitpilgerin), das Unterwegs-Sein zu einem Ziel mit einer herausgehobenen religiösen Bedeutung oder die gewisse Pilgerstimmung mit ihrer „Mischung aus Glauben, Jubel und internationaler Begegnung“, wie sie Soldaten bei der Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes beschreiben?

Dabei muss es nicht immer nur die Pilgerreise an – zugegeben – einen der bedeutendsten Marienwallfahrtsorte der Welt wie Lourdes sein. Auch klassische Ziele ziehen jährlich Tausende von Pilgern an, sei es nach Rom zu den Gräbern frühchristlicher Märtyrer oder ins spanische Santiago de Compostela auf dem boomenden Jakobsweg. Eine herausragende Stellung unter den Wallfahrtszielen nimmt freilich Jerusalem ein, das in allen drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam als heiliger Ort gilt. Rom bietet sich übrigens gerade 2016 als Pilgerziel an: Im „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ ist noch bis Ende November im Petersdom die sogenannte Heilige Pforte geöffnet. Wer nicht so weit pilgern will, kann auch eine der „Pforten der Barmherzigkeit“ in fast allen Bistümern Deutschlands besuchen, die der in Rom nachgebildet sind.

Wallfahrten in Deutschland

Zahlenmäßig die meisten Soldatinnen und Soldaten zieht übrigens nicht eines der großen Zentren der Christenheit an, sondern die eintägige Fußwallfahrt zum Wahrzeichen Ambergs auf den Maria-Hilf-Berg. Mehr als 1.000 deutsche und amerikanische Soldaten pilgerten im letzten Jahr gemeinsam mit den Militärbischöfen Franz-Josef Overbeck und Frank Richard Spencer zum Gnadenbild der Muttergottes. „Ein bissl wallfahrten, ein bissl unterhalten, ein bissl in sich gehen“, beschreibt ein Hauptgefreiter den Pilgerweg.

Einen ganz anderen Charakter hat die einzige überregionale Soldatenwallfahrt im Osten der Republik. Mit rund hundert Pilgern und einer nicht einmal halb so langen Tradition geht es auf einem alten Pilgerweg von Rochlitz zur über 800 Jahre alten spätromanischen Stiftskirche des Klosters Wechselburg. Dass ein Weg manchmal nicht direkt zum Ziel führt, mühsam ist oder sich länger als geplant hinzieht, musste übrigens ein Teil der Wallfahrer im letzten Jahr bei Dauerregen erfahren, während der andere sich im Dauerstau in Geduld übte.

Ob per pedes, im Zug, mit dem Fahrrad oder auf dem Motorrad – wer gerne in Gemeinschaft zu einem Ziel hin unterwegs ist, Anstrengungen nicht scheut, Entschleunigung ausprobieren möchte und keine Angst davor hat, sich selbst und seinem Gott zu begegnen, der ist auf einer Wallfahrt genau richtig.

Übrigens: Die nächste Wallfahrt nach Lourdes findet statt am 18.–24. Mai, nach Amberg am 30. Juni und die nach Wechselburg am 6. Oktober 2016.

Petra Hammann, Wallfahrtsleiterin der deutschen Delegation Lourdes

„Sinnes-Wandel“

Ein Kommentar von Oberstleutnant Stefan Graichen

Mutter Gottes, Lourdes, Wallfahren, Pilgern – oh Mann, wie verstaubt und altertümlich das schon klingt! Da sieht man doch sofort irgendwelche Bilder von griesgrämig dreinschauenden, ultra-katholischen Menschen, die leise vor sich hin betend irgendwohin marschieren!

 

„Nix für mich, als moderner und aufgeklärter Mensch“, denke ich, und nehme noch einen Schluck Frühstücks-Kaffee! Okay, ich gehe Weihnachten und Ostern in die Kirche, aber eigentlich eher meinen Eltern zuliebe. Schnell noch ein paar Mails checken, gibt‘s was Neues in Facebook? Zwölf Messages, aber nur Belanglosigkeiten – das wird auch immer flacher, was die da schreiben; das noch kurz als Kommentar getwittert. Ein kurzer Blick in die Zeitung und dann ab in den Dienst und – natürlich – Stress pur! Zwischen vier Mails und drei Besprechungen stelle ich fest, dass früher irgendwie alles ruhiger war, weniger gehetzt. Aber wer hetzt mich eigentlich? Warum lass‘ ich mich hetzen? Leider keine Zeit für solche philosophischen Gedanken, hab viel zu viel zu tun!

Abends dann zu Hause, herrlich, endlich Zeit und Ruhe, da kann ich die Mails beantworten, die ich in der Mittagspause nicht geschafft habe – Mist, das Handy klingelt, acht neue WhatsApp‘s, einkaufen muss ich auch noch! Ich stelle fest, dass ich noch immer gehetzt bin, weiß aber immer noch nicht, wer mich hetzt und warum ich mich hetzen lasse.

Da fällt mein Blick wieder auf den Flyer der Soldatenwallfahrt nach Lourdes, der noch herumliegt. Vielleicht doch ganz verlockend, mal eine Woche rauszukommen aus dem Trott, sich etwas Zeit zu gönnen, einmal nicht gehetzt zu werden. Mal, im wahrsten Sinne des Wortes, „über Gott und die Welt“ nachzudenken. Soll ich mitfahren oder nicht?

Unterwegs

Ein paar Wochen später – im Sonderzug nach Lourdes – stelle ich fest, dass diese kunterbunte Truppe aus den unterschiedlichsten Motivationen an der Soldatenwallfahrt teilnimmt. Neugier, Abenteuerlust, familiäre oder dienstliche Probleme, Kameradschaft usw. aber auch – ich kann es kaum fassen – tiefer Glaube an Gott. Und das von ganz normalen Leuten, Soldatinnen und Soldaten, Zivilisten, die eigentlich gar nicht so aussehen wie … ähhh, wie sieht denn ein typischer katholischer Christ aus, frage ich mich?! Ich komme mit den anderen Pilgern ins Gespräch und bemerke erst am nächsten Morgen, dass ich bereits 12 Stunden nicht mehr auf mein Handy geschaut habe.

In Lourdes angekommen, faszinieren mich als erstes die enormen Gegensätze in dieser Stadt. Hier die absolute Stille nachts an der Grotte, dort das pulsierende Nachtleben außerhalb des heiligen Bezirks. Ich erwische mich dabei, dass ich an der Grotte sitze und mit Gott rede, einfach mal so – ist das schon Beten? Neben mir ein Ehepaar mit einem schwerstbehinderten Jungen – wie liebevoll und geduldig die mit ihrem Kind umgehen, toll!

Ob ich diese Geduld und Leidensfähigkeit aufbringen würde? Wohl eher nicht! „Bitte lieber Gott, tu mir so etwas nicht an!“, denke ich … schon wieder rede ich mit Gott, und, komisch, es ist mir immer weniger peinlich!

Und urplötzlich ist sie da, diese Ruhe, der ich schon so lange hinterhergehetzt bin. Später beim Bier mit anderen Pilgern im Zeltlager erzähle ich davon und einige bestätigen mir, dass sie genau deshalb jedes Jahr hierherkommen. Die Gespräche werden immer tiefgründiger, einer erzählt von seinen Erlebnissen im Einsatz, ein anderer von den Problemen mit seinen Eltern wegen seiner neuen großen Liebe. Irgendwie kommt es mir so vor, als würde ich die alle schon Jahre kennen! Und dann wird mir, während ich später versuche, auf der Pritsche im Acht-Mann-Zelt einzuschlafen, auf einmal eines klar: Miteinander reden ist so unendlich viel mehr als nur chatten, soviel besser und intensiver als Informationsaustausch per Mail oder Facebook. Miteinander beten ist so viel mehr als das Herunterrasseln von religiösen Reimen – und wenn ich mit Gott rede, rede ich parallel auch immer irgendwie mit mir selbst.

Wieder zuhause angekommen fühle ich mich erschöpft, zugegeben, aber auch innerlich ruhig und ausgeglichen. Ich habe viel gelernt, über andere Nationen, über Kameradschaft und Glauben und – ja, über mich selbst. Nach einer kurzen Versuchung, diesen Überschwang an Gefühlen allen Freunden per Chat mitzuteilen, schalte ich den Laptop wieder aus, das Handy auch und genieße einfach die innere und äußere Ruhe.

Ich hoffe, dass ich davon ein wenig übers Jahr retten kann. Denn so lange dauert es ja leider, bis ich endlich wieder nach Lourdes darf.

OTL Graichen (BAAINBw Koblenz) ist der deutsche militärische Gesamtleitende der Internationalen Soldatenwallfahrt Lourdes.

Ich bin dann mal weg!

Militärdekan Kohl auf seinem eigenen Jakobs-Pilgerweg
Militärdekan Kohl auf seinem eigenen Jakobs-Pilgerweg

Was motiviert Menschen aus allen Teilen der Welt, sich auf Pilgerwege oder Wallfahrten zu begeben? Aus dem Alltag auszusteigen und sich für einen gewissen Zeitraum ungewohnten Lebensumständen zu überlassen, die oft nichts mit dem eigenen bequemen Leben zu tun haben? Pilgern oder sich auf Wallfahrt zu begeben verlangt, gewohnte Wege des Alltags zu verlassen. Sich auf etwas Neues, Unbekanntes einzulassen, fremden Menschen zu begegnen und sie kennenzulernen; vielleicht sogar einen Teil des Weges mit ihnen zu gehen. Begegnungen kann man auf einer Wallfahrt oder einem Pilgerweg nicht planen. Sie kommen spontan. Vielleicht ist das auch der Reiz einer Wallfahrt. Ich kann dies für meinen eigenen Jakobs-Pilgerweg im letzten Jahr bestätigen. Die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen aller Altersklassen und aus verschiedenen Nationen, von Australien über Tibet bis Italien, machten den Reiz dieses Pilgerwegs aus. Alle hatten das gleiche Ziel, obwohl sie sicherlich aus unterschiedlichen Motivationen bereit waren, diesen Weg zu gehen und die Strapazen auf sich zu nehmen.

So geht es mir auch bei der Internationalen Soldatenwallfahrt in Lourdes. Hier kommen jedes Jahr im Mai ca.10.000 Soldatinnen und Soldaten sowie Zivilpersonen aus rund 30 Nationen zusammen, um gemeinsam zu beten und zu feiern, miteinander zu sprechen sowie Uniformteile und Abzeichen zu tauschen; sich zu begegnen und kennenzulernen, aber auch sich wiederzutreffen. Viele Soldatinnen oder Soldaten nehmen nach Möglichkeit regelmäßig an dieser Wallfahrt teil. So bekommt sie auch teilweise den Charakter eines „soldatischen Familientreffens“. Man sieht sich jedes Jahr in Lourdes und freut sich schon auf die nächste Begegnung. Die Lourdes-Wallfahrt schafft auch Nähe. Da kann am Abend im Café der Gefreite neben dem General sitzen, und beide führen – ungezwungen von allen militärischen Konventionen – ein gutes Gespräch. Da steht der Feldwebel neben dem Oberst vor der Erscheinungsgrotte beim Gebet, und beide erfahren sich als Glaubende.

Die Soldatenwallfahrt nach Lourdes steht für eine völkerverbindende, friedliche Begegnung. Soldatinnen und Soldaten der verschiedenen Nationen, die in der Vergangenheit ein gespanntes Verhältnis hatten, verbringen in Lourdes eine gute Zeit zusammen. Sie ist geprägt von Begegnung, religiösen und kameradschaftlichen Feiern. Gemeinsam wird die Wallfahrt getragen von dem Wunsch aller Nationen nach Frieden auf der Welt. Uns vereint die Hoffnung auf eine Zukunft, in der nicht der Terror das Leben der Menschen lähmt, sondern der gemeinsame Wunsch eines friedlichen Miteinanders aller Menschen. Für diese Hoffnung erbitten wir in Lourdes Gottes Beistand. Aus diesem Grund machen sich Soldatinnen und Soldaten jedes Jahr auf den Pilgerweg zum Marienwallfahrtsort Lourdes und sagen zuhause oder in den Kasernen: „Ich bin dann mal weg!“

Militärdekan Romanus Kohl,
Katholisches Militärpfarramt Erfurt

Dokumente im Archiv des Katholischen Militärbischofs erzählen von der Soldatenwallfahrt 1958

Eine Friedenswallfahrt, wie sie keiner erwartet hätte

Die erste Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes mit deutscher Beteiligung im Jahr 1958 stand ganz unter dem Zeichen der Aussöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern. Es waren keine zwei Jahrzehnte vergangen, seitdem sich Deutsche und Franzosen im Zweiten Weltkrieg wie so oft in der Geschichte als Feinde begegnet waren und deutsche Wehrmachtsoldaten Frankreich besetzt hatten. Jetzt wurden Uniformierte der deutschen Truppen spontan mit Beifall bedacht, und die schwarz-rot-goldene Flagge wehte gleichberechtigt mit denen anderer Nationen am Fuß der Pyrenäen. Die katholische Zeitschrift „Der Feuerreiter“ schrieb: „Die französische Bevölkerung, erst vor 14 Jahren von der deutschen Besatzung befreit, sah in den deutschen Soldaten nicht Gegner, sondern Freunde.“

Militärgeneralvikar Werthmann: „Ein echtes geschichtliches Ereignis“

Bereits 1944 waren französische Soldaten nach Lourdes gepilgert. Daraus entwickelte sich in den 50er Jahren ein Treffen französischer Veteranen. Zum 100. Jahrestag der Marienerscheinungen an der Grotte von Lourdes sollte nun die erste große und internationale Soldatenwallfahrt stattfinden. Dazu hatte die französische Militärseelsorge auch Soldaten der neugegründeten Bundeswehr eingeladen. Über 500 (die Presse schrieb zuweilen von 800) Mann waren diesem Ruf gefolgt. Insgesamt waren fast 40.000 Soldaten aus Frankreich, Großbritannien, Spanien, Portugal, den Beneluxstaaten, der Bundesrepublik Deutschland, Kanada und den USA an den Marienwallfahrtsort gekommen. Maßgeblich eingesetzt für die Organisation der deutschen Beteiligung hatte sich Militärgeneralvikar Georg Werthmann, der selbst noch im Ersten Weltkrieg französischer Kriegsgefangener war und der trotz ambivalenter Erfahrungen stets eine gewisse Verbundenheit gegenüber Frankreich hegte. Für ihn als Leiter des Katholischen Militärbischofsamts hatte die Teilnahme an der Wallfahrt auch eine politische Komponente. In einer Ansprache vor Ort ermahnte Werthmann die Soldaten: „Wenn Europa, wenn das christliche Abendland, wenn Deutschland und Frankreich nicht zusammenfinden, dann werden wir zerrieben und zermahlen zwischen den beiden großen Machtblöcken dieser Welt. Ich möchte es mit glühendem Stift euch in die Seele schreiben, dass ihr doch alles tut, was in eurer Kraft steht, um aus diesem Nebeneinander unserer beiden Völker ein echtes Miteinander zu machen.“ Rückblickend nannte er die Soldatenwallfahrt „ein echtes geschichtliches Ereignis, dessen Bedeutung und Auswirkung wir vielleicht gegenwärtig noch gar nicht ermessen können.“

Mit dem Moped nach Lourdes?

Der Militärbischof, Erzbischof Joseph Kardinal Wendel, reiste zusammen mit Ministerialdirektor Ernst Wirmer im Flugzeug des aus gesundheitlichen Gründen verhinderten Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß nach Lourdes, während der Militärgeneralvikar wie die meisten Teilnehmer im Sonderzug fuhr. Auf der Zugfahrt trugen die deutschen Soldaten auf Anraten des französischen Innenministeriums, das um die Sicherheit der Wallfahrer besorgt war, Zivil und „Räuberzivil“. Der Dienstanzug wurde erst in Lourdes angelegt. Nur ein einzelner Soldat aus Kaufbeuren wollte lieber mit seinem Moped statt mit der Bahn nach Lourdes fahren. Der Militärpfarrer erkundigte sich diesbezüglich beim Katholischen Militärbischofsamt und erhielt die Auskunft: Wenn per Moped, dann nur als Privatreise und in zivil. Ob der Soldat letztlich die fast 3.000 Kilometer hin und zurück vom Allgäu in die Pyrenäen auf zwei Rädern zurückgelegt hat oder doch auf den Sonderzug umgestiegen ist, geht aus Akten nicht hervor.

Viele Teilnehmer der Wallfahrt konnten es kaum fassen, dass eine völkerverbindende Verständigung nach so kurzer Zeit möglich war. Der Zivilist Paul Klaus, Regierungsinspektor im Katholischen Militärbischofsamt, schilderte die ungewohnte Situation: „Wir standen neben Franzosen, Negern und Menschen aus Ländern, deren Sprache wir noch nie gehört hatten. Eines aber schien uns sicher: alle hatten die gleichen Gedanken an Frieden, Freiheit und Zufriedenheit für alle Menschen.“ Ein junger Bundeswehrsoldat berichtete über folgendes Erlebnis: Er hatte eine Kerze gekauft und wollte sich zur Lichterprozession einreihen, als ihn ein älterer Herr auf seine Uniform ansprach. Nach seiner Erklärung legte ihm der Herr seine Hände auf die Schultern und sagte: „Ave Maria, wir sind Brüder!“ Der Herr entpuppte sich als französischer General.

Wundertätiger Jahrmarkt?

Die Zeichen der Verständigung waren zahlreich: Schwarze und Weiße posierten für gemeinsame Fotos. Man tauschte Adressen und Uniformen, half sich beim Krankentransport und verständigte sich mit Händen und Füßen. Die Presseartikel über die Lourdes-Wallfahrt waren voll des Lobes über die große soldatische Verbrüderung. Einzig in einer deutschen evangelischen Wochenzeitung, die auch von der Evangelischen Militärseelsorge an Soldaten verteilt wurde, erschien zeitgleich zur Soldatenwallfahrt unter dem Titel „Wundertätiger Jahrmarkt in Lourdes“ ein Bericht, der sich sehr kritisch mit Lourdes auseinandersetzte. Von klingelnden Ladenkassen, religiöser Konfektion zu billigen Preisen und schmutzigem Wasser war die Rede. Auch wenn die Soldatenwallfahrt als solche in dem Artikel gar keine Erwähnung fand, sah sich der evangelische Militärgeneraldekan Friedrich Hofmann genötigt, sich von der „journalistischen Entgleisung“ gegenüber seinem katholischen Amtsbruder zu distanzieren. Er unterstrich, dass ihm und der evangelischen Militärseelsorge sehr daran gelegen sei, „den konfessionellen Frieden innerhalb der Militärseelsorge zu hüten.“

Auch so mancher Soldat dürfte von der Jahrmarkt-Atmosphäre am Pilgerort befremdet gewesen sein. Dies konnte die überwältigende Grundstimmung jedoch kaum trüben. Oberstleutnant Karl-Theodor Molinari, der sich als Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbands für die Lourdes-Wallfahrt stark gemacht hatte, fasste seine Eindrücke 1958 so zusammen: „Abgesehen von dem tiefen religiösen Erleben jedes einzelnen ist diese Wallfahrt zu einer Friedens- und Versöhnungsfahrt zwischen Deutschland und Frankreich geworden, wie es keiner von uns erwartet hätte.“ Seitdem findet die Soldatenwallfahrt alljährlich und zwar stets mit maßgeblicher deutscher Beteiligung statt. Nur einmal, im Jahr 1968, mussten die Soldaten infolge von Bahnstreiks und Studentenunruhen in Frankreich zu Hause bleiben.

Dr. Markus Seemann

                            

Kompass Februar 2016

Kompass_02_2016.pdf

Am Beginn der Ausgabe 02/16 von Kompass. Soldat in Welt und Kirche steht der Truppenbesuch von Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck bei UNIFIL am Mittelmeer zu Anfang des Jahres. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Dr. Hans-Peter Bartels, geht mit der Frage „Wie groß muss die Bundeswehr sein?“ über seinen ersten Jahresbericht vom 28.1.2016 hinaus. Ebenfalls am Jahresbeginn standen der Weltfriedenstag und aus diesem Anlass die ersten beiden großen Soldatengottesdienste am 21.1. in Köln und Würzburg. Wir berichten ferner von Aktionen der Sternsinger und der Militärseelsorge. Schließlich blicken wir zurück auf die Ernennung des ersten Militärbischofs vor 60 Jahren am 4.2.1956. Damit wird bereits das März-Titelthema aufgegriffen, nämlich „60 Jahre Wehrverfassung in Deutschland“.

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