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Ein fast vergessener Auslandseinsatz

Von Jürgen Kappel

Eine Gruppe schwarz gekleideter Demonstranten belagert das von Polizeikräften geschützte Parlamentsgebäude. Die Demonstranten sind mit Knüppeln und Molotowcocktails bewaffnet. Sie schreien und drohen den Polizeikräften mit den Fäusten und machen sich auf diese Weise Mut, das Parlamentsgebäude zu stürmen.

Gefechtsübung im KFOR-Einsatz. © Jürgen Kappel
Gefechtsübung im KFOR-Einsatz. © Jürgen Kappel

Die Polizisten, mit Schlagstöcken und Schilden ausgerüstet sowie an Armen und Beinen durch entsprechende Kleidung geschützt, wehren sich heftig, können dem Druck der Angreifer nicht standhalten und weichen immer weiter zurück. In diesem Moment tritt die KFOR-Truppe auf den Plan. Unter dem Schutz von mehreren Panzerwagen gelingt es den Soldaten, auf das Gelände zu gelangen und die gewaltbereiten Kräfte unter dem Einsatz von Tränengas zurückzudrängen. Am Ende flüchten die Demonstranten vor der Kraft der KFOR-Truppe.

Seit dem 12. Juni 1999 ist die Bundeswehr im Kosovo präsent. Am 10. Juni 1999 hatte der Sicherheitsrat der UN die Resolution 1244 beschlossen. Auf dieser Grundlage sollte der Einsatz der NATO-Sicherheitstruppe Kosovo Force (KFOR) den Abzug der jugoslawischen Truppen und die Entmilitarisierung des Kosovos überwachen. Ein sicheres Umfeld aufzubauen, einschließlich der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, gehört zur Aufgabe der KFOR. Mit der Verbesserung und Stabilisierung der Sicherheitslage während der vergangenen Jahre konnte die Truppenstärke von KFOR angepasst und langfristig verringert werden.

Ernst und Spiel im Einsatz

Die gewaltsamen Szenen beeindrucken. Jedoch spielt sich der Einsatz nicht in der Realität ab. Die einzelnen Schritte entsprechen den Planungen einer Übung, die im Militärcamp in Novo Selo nahe Pristina stattfindet. Das Miteinander von Truppen verschiedener Nationalitäten ist ein wesentlicher Aspekt der Übung. Auf den Hügeln beobachten nicht nur Kommandeure der Einheiten die Szene, auch Militärpfarrer Andreas Vogelmeier verfolgt interessiert das Rollenspiel. Der 44-jährige katholische Seelsorger signalisiert durch seine Körpersprache und Mimik, dass er Anteil nimmt an dem Dienst der Soldaten – zum Beispiel, wenn Gasgranaten auf den Panzerwagen geworfen werden und explodieren oder der Einsatz von Schlagstöcken mit großer Härte geführt wird. Vogelmeier ist kein Unbekannter bei den Soldaten. Die Kameraden sprechen ihn freundlich an und freuen sich, dass er da ist – ein Indiz dafür, dass er anerkannt ist.

Blick auf das Geschehen aus sicherer Distanz. © Jürgen Kappel
Blick auf das Geschehen aus sicherer Distanz. © Jürgen Kappel

Vogelmeier ist seit Herbst 2015 im KFOR-Camp in Prizren. „Im September 2014 hatte sich abgezeichnet, dass im Kosovo ein weiterer Militärpfarrer gebraucht wurde“, sagt der Geistliche. Da er 2012 bereits in Afghanistan als Militärpfarrer gearbeitet hatte und sich jetzt die Gelegenheit bot, die Truppe im Kosovo in den Einsatz zu begleiten, griff er zu. „Hier ist eine völlig andere Situation als in Afghanistan“, erläutert er. In Afghanistan rücke man auf Grund der äußeren Bedrohung zusammen, sagt er. Hier im Kosovo gebe es zwar eine latente Bedrohung. Insgesamt sei es jedoch ruhig.

„Die Menschen sind hier sehr freundlich zu uns“, sagt Vogelmeier. „Es gibt keinen äußeren Druck. Deshalb kommt bei den Soldaten schnell die Frage auf, was tun wir hier eigentlich? Dann rücken Kleinigkeiten ins Zentrum: Ist die Uniform korrekt oder sind die Schuhe sauber geputzt?“, beschreibt Vogelmeier die psychische Situation in der Truppe. Auch hier, rund 1.000 Kilometer von der Heimat entfernt, machen sich die Soldaten Sorgen um ihre Familien, fehlt ihnen der Partner, vermissen sie die Kinder und müssen Probleme aus der Distanz mit dem Partner besprochen und gelöst werden. Der Militärseelsorger bietet den Soldaten Raum, mit ihren Sorgen und Nöten zu ihm zu kommen. Und sie wissen: Ihm können sie sich ohne Folgen öffnen, ihm können sie vertrauen, da er zum Schweigen verpflichtet ist. „Ich berate sie, verrate sie aber nicht“, bringt Vogelmeier seine pastorale Arbeit auf den Punkt.

Seelsorger unter den Soldaten

Andreas Vogelmeiers Weg zum Priester verlief über manche Umwege. In München und Berlin hatte er je vier Jahre Trompete und Klavier studiert und ein Jahr lang als Praktikant an der Hamburger Staatsoper musiziert. „Schon während des Studiums habe ich gemerkt, dass ich nicht voll und ganz bei der Sache war“, erinnert er sich. Nach seinem Berufswunsch in Kindertagen gefragt, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: Feuerwehrmann, Polizist, Sanitäter oder Soldat. Vogelmeier ist in Dachau aufgewachsen und im Schatten der Kirche groß geworden. Die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen und die Liturgie faszinierten ihn als Jugendlichen. So wuchs in ihm die Idee, Priester zu werden. 

Militärpfarrer Andreas Vogelmeier (re.) zusammen mit den Leitenden Militärdekanen Joachim Simon (li.) und Artur Wagner (Mitte). © Jürgen Kappel
Militärpfarrer Andreas Vogelmeier (re.) zusammen mit den Leitenden Militärdekanen Joachim Simon (li.) und Artur Wagner (Mitte). © Jürgen Kappel

Schon während seines Studiums und der Ausbildung hatte er das Gefühl, hier gehöre ich hin. 2005 wurde er zum Priester geweiht, und bereits drei Jahre später wurde er zum Militärpfarrer berufen. Auf diese Weise hatte sich seine Traumvorstellung, Priester zu sein und bei den Soldaten zu arbeiten, erfüllt.
Seine musikalische Begabung kommt ihm im KFOR-Camp in Prizren entgegen. Um die Liturgie, den Ort, an dem sich die Soldaten im Glauben versammeln, schöner zu gestalten, gründete er einen Chor. Bereits 16 Frauen und Männer aus dem 42. Deutschen Kontingent singen mit. „Der Chor stärkt einerseits den Gemeindegesang, er hat aber auch eine seelsorgerische Funktion“, sagt Vogelmeier. „So dürfen die Sängerinnen und Sänger zum Beispiel dann aus dem Lager raus, wenn sie im Rahmen von liturgischen Diensten auftreten.“ Nach der Chorprobe, so bestätigen Soldatinnen und Soldaten dem Pfarrer, seien sie wie verwandelt.

Die Teilnahme an den Gottesdiensten ist in Prizren auffällig hoch. „Wir haben hier einen hohen Kirchenbesuch“, bestätigt Vogelmeier. „Von den 800 deutschen Soldaten kommen etwa 80 zu den Gottesdiensten.“ Das habe nicht nur etwas mit dem Pfarrer zu tun, sagt er bescheiden. Viele Soldaten des 42. Deutschen KFOR-Kontingents kommen aus Bayern und sind kirchlich sozialisiert. Doch eines wird bei aller Bescheidenheit deutlich: Andreas Vogelmeier steht mitten im Leben der Soldaten in Prizren. Er kennt ihren Alltag und ihre Sorgen. Und er geht auf sie zu. „Im Zimmer der Militärseelsorge zu warten, bis die Kameraden kommen, hätte sicher keinen Erfolg“, sagt er. „Soldaten schätzen Professionalität: dass der Pfarrer gut organisiert ist, im Lager präsent ist und gut predigt. Stimmen die Faktoren nicht, folgt die Abstimmung mit den Füßen“, sagt er. „Dann bleiben sie weg.“