Meine transatlantische Leseliste

Trotz Trump, Türkei und alledem, auch dieses Jahr wird wieder Weihnachten. Was schenken wir und kaufen wir uns selbst? Bücher, bitte! Geschichten, die uns die Welt mit anderen Augen sehen lassen.

Zuerst empfehle ich zum Wiederlesen oder endlich mal besorgen den großartigen Philip Roth mit seinem Gedankenexperiment, wenn nicht Franklin D. Roosevelt 1940 in den USA, sondern der Fliegerheld und Nazi-Freund Charles Lindbergh Präsident geworden wäre: Verschwörung gegen Amerika. Es geht, so viel sei verraten, gerade noch gut aus.

Auch sonst: Aktuelle und relevante Supergeschichten erzählen die großen amerikanischen Autoren Tom Wolfe, Jonathan Franzen, T. C. Boyle, Audrey Niffenegger oder Lily King. Keiner vor ihnen hat bisher den Literatur-Nobelpreis bekommen, aber alles Weltliteratur! Vom überraschenden amerikanischen Nobelpreisgewinner 2016, Bob Dylan, gibt es erst einmal nur „Hörbücher“, aber was für Lieder!

Dieses Jahr wiedergelesen habe ich meinen Lieblings-Nobelpreisträger aus Deutschland, Thomas Mann: zuerst die politisch sehr unkorrekten Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, dann – endlich, das Buch steht seit Jahrzehnten im Regal – Buddenbrooks, wehmütig, witzig, letztlich ein Buch über die Schwierigkeit, erfolgreich konservativ zu sein (im 19. Jahrhundert).

Von Christa Wolf sind postum nun Briefwechsel in Buchform erschienen. Ich wünsche sie mir zu Weihnachten. Und musste noch einmal Kassandra lesen. Für mich die beste je geschriebene deutschsprachige Prosa (aber natürlich kenne ich unendlich viel anderes überhaupt gar nicht): „Jetzt kann ich brauchen, was ich lebenslang geübt: meine Gefühle durch Denken besiegen. Die Liebe früher, jetzt die Angst.“ Dieses Buch wird bleiben, auch 30 Jahre nach dem Untergang der DDR, 3.000 Jahre nach dem Untergang Trojas. Kein Nobelpreis, so what.

Aktuelle deutsche Literatur der Gegenwart: Der wunderbare Roman Unterleuten von Juli Zeh, den man jedem schenken sollte, der glaubt, es könne immer nur einer recht haben (und wenn er selbst nicht recht bekommt, sind alle anderen Verbrecher). Lustig und melancholisch: Das Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre über seine Drogenjahre, Los Angeles und Udo Lindenberg (der ihn rettet), Titel: Panikherz. Den letzten Satz des Romans habe ich neulich bei einem Besuch in Köln dem MAD ins Gästebuch geschrieben: „Man muss aufpassen.“

Verstörend und zurzeit immer noch ein absoluter Bestseller ist Marc Elsbergs apokalyptischer Warnroman Blackout. Was passiert, wenn Leute, die das können, in Europa und Amerika heimlich den Strom abschalten? Wir haben zu Hause jetzt erst mal ein paar Vorräte eingelagert (Mineralwasser, Kalt-Konserven, Batterien. Brauchen wir eine Axt?).

Meine Frau, sie ist Anglistin, sagt, ich soll unbedingt noch Dave Eggers empfehlen: Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? Ein junger verkorkster Amerikaner, der das ganze übliche krause Zeug über die Welt und die Politik und all diese Dinge im Kopf hat, entführt ein paar Mitmenschen, darunter einen ehemaligen Abgeordneten und einen Astronauten, und verhört sie zu seinem krausen Zeug. Dann wird er erschossen.

Wer politische Fiktion lieber sieht als liest, wird viele sehenswerte amerikanische Serien und Kinofilme finden. In Deutschland gibt es dieses ganze Genre ja so gut wie gar nicht. Meine Shortlist: natürlich The West Wing mit dem beliebtesten (TV-)Präsidenten aller Zeiten, Josiah Bartlet (Martin Sheen). Wir haben immer noch den Bartlet/Hoynes-Aufkleber am Heck unseres Autos. Dann, sehr finster: House of Cards mit Frank und Claire Underwood (Kevin Spacey und Robin Wright). Schließlich Newsroom, eine realistische Medienserie von West Wing-Macher Aaron Sorkin. Und, noch up to date: Homeland, die fünfte Staffel dieser CIA-Groteske wurde in Berlin gedreht.

Hollywood (auf DVD): natürlich Independence Day. Auch gern Wag the Dog, Air Force One, Hello Mr. President, W., Dave … Aber vor allem: Mit aller Macht (nach dem literarischen Weltbestseller Primary Colors von Joe Klein. John Travolta und Emma Thompson als Jack und Susan Stanton (Bill und Hillary) – das wahnsinnige, aufregende, brutale Jahr der demokratischen Vorwahlen („Primaries“) 1992, die bekanntlich Clinton gewann. Sehr, sehr großes Kino! Und wie großartig wäre heute jedenfalls Emma Thompson in der Rolle der Präsidentin!

Dr. Hans-Peter Bartels
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages