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Globalisierung der Gleichgültigkeit

© The Arches / flickr
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Der Januar-Kompass 2016 bringt Gedanken zum Jahreswechsel von Militärgeneralvikar Bartmann und dem Katholikenrats-Vorsitzenden Aßmuth und befasst sich vor allem mit dem Weltfriedenstag am 1. Januar.

Die erste Ausgabe im neuen Jahr dokumentiert in Auszügen die Botschaft von Papst Franziskus „Überwinde die Gleichgültigkeit und erringe den Frieden“ sowie deren Grundlage, seine Predigt auf Lampedusa. Die Autoren des Schwerpunktthemas widmen sich der Gleichgültigkeit und dem Frieden aus philosophischer und theologischer Sicht. Ferner stellen wir eine Gebetsstunde, eine Arbeitshilfe und die Soldatengottesdienste zum Weltfriedenstag 2016 vor.

Philosophischer Kampf wider die Gleichgültigkeit

von Prof. Dr. Stephan Jolie, Professor für Literatur der älteren Epochen am Deutschen Institut der Universität Mainz aus einer Absolventenrede des Dekans der Philosophischen Fakultät der Universität Mainz

 

Das lettische Zitat auf dem Lesezeichen, das ich Ihnen gleich mit Ihrer Urkunde überreichen werde, heißt übersetzt: „Gleichgültigkeit ist das größte Laster unserer Zeit, die zivilisierte Form der Rohheit.“ Es ist ein Wort der Schriftstellerin Zenta Maurina (1897–1978), lettisch-deutsch-russisch in Riga aufgewachsen, geflohen nach Schweden, später nach Deutschland. Mit „unserer Zeit“ meinte Maurina die 60er Jahre – aber man darf wohl sagen, dass solch rohe Gleichgültigkeit eine allgegenwärtige Gefährdung der (Post-)Moderne unserer westlichen Zivilisation ist.

Der Papst als Zeuge

Als Zeugen rufe ich nur Papst Franziskus auf und das, was er am 8. Juli 2013 bei seiner Reise zu den Flüchtlingen auf Lampedusa uns reichen Europäern an schändlicher Gleichgültigkeit vorgehalten hat. Lassen Sie mich darum hier und heute fragen: Gibt es ein Ethos auch in unserem philosophisch-philologischen Fachbereich, das den Kampf gegen die zerstörerisch-unmenschliche Gleichgültigkeit aufnimmt?

Wir dürfen uns um diese Frage nicht drücken. Sie alle haben sich diese Frage oft genug gestellt – Sie alle, die Sie Geisteswissenschaften studiert haben, Fächer, mit denen man oft nicht so leicht einen Beruf, einen Platz in der Gesellschaft und ein Auskommen findet. Es ist die Frage: „Wozu ist das alles gut?“ Ist es wichtig, relevant – oder, wenn man das geschützte Aquarium der Universität verlässt, eben nicht doch ziemlich gleichgültig? Es wäre ziemlich unverantwortlich, wenn es keine Idee dazu gäbe. Es ist ziemlich teuer, eine Universität für so viele Studierende zu betreiben, und nicht nur Ihre Eltern haben sich das in den meisten Fällen ziemlich was kosten lassen, sondern auch die Gesellschaft nimmt sehr viel Geld dafür in die Hand.

Der große jüdisch-deutsche Philosoph Walter Benjamin, ebenso wie Zenta Maurina geflohen vor den Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts, schreibt in seinem letzten Text kurz vor seinem Selbstmord auf der verzweifelten Flucht vor den Nazis: „In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ Nichts ist leichter, zumal wenn man in der reichen westlichen Welt lebt, als die Dinge gleich-gültig sein zu lassen und sich einzurichten mit dem scheinbar Gegebenen, mit der Rhetorik der vermeintlichen Alternativlosigkeit, mit der uns die ökonomisierte und technokratische Lebenswelt überwältigen will.

Hilft dagegen unsere Wissenschaft? Hilft unser geistes- oder kultur- oder sprach- oder wissenschaftliches Wissen? Es kann nicht einfach darum gehen, Wissen anzuhäufen. Die Menge dessen, was die Menschen wissen und was man wissen kann, nimmt rapide zu, ebenso der Zugang zu Wissen im Internet-Zeitalter. Doch schon der Vordenker der Moderne Friedrich Nietzsche sagt, dass es nicht auf das ankommt, was man alles wissen kann, sondern darauf, in der unendlichen Menge des Wissbaren das Wissenswerte zu identifizieren. Und genau das, was wissenswert ist, das, was eine Gesellschaft für wichtig erachtet, um an einer Gegenwart und Zukunft zu arbeiten, die sie für lebenswert hält, genau das darf nie feststehen! Bloße Ansammlung von Wissen ist nur Hilfsmittel – für sich alleine taugt es zum Einrichten von netten Museen. Solches darf einem aufs Ganze gesehen wirklich ziemlich gleichgültig sein.

Denn das Problem ist ein anderes: Wir können heute nicht wissen, welches Wissen uns einmal nützen wird, um die Probleme von morgen zu lösen. Ja, wir kennen die Probleme und Herausforderungen nicht einmal! Klimawandel, Atomkraft – das haben wir als Problem schon erkannt. Aber haben wir schon all die Probleme erkannt, die es mit sich bringen wird, eine Gesellschaft zu bauen, der das, was auf Lampedusa und andernorts geschieht, ernsthaft nicht gleichgültig ist? Und wie wird unsre Gesellschaft ein „Web 3.0“ verändern – das bald kommen wird, von dem wir nicht einmal wissen, was es sein wird? Wissen wir, welche Optionen wir haben, um dies in gute Bahnen zu lenken und unsere freie, offene Gesellschaft zugleich zu schützen?

Lernen gegen die zerstörerische Gleichgültigkeit

Was wir Ihnen an der Universität beizubringen versuchten, war nicht in erster Linie Wissen über dieses oder jenes. Sondern es waren Übungen darin, Fragen zu stellen, wo etwas fraglos scheint; Aufforderungen, komplexe und vieldeutige Dinge verstehen zu lernen, um Handlungsoptionen in einer Welt zu entwickeln, in der uns so viel als gegeben und darum gleich-gültig erscheinen will, Handlungsoptionen für eine Zukunft, die wir nicht kennen, die wir aber frei und gemeinsam gestalten wollen. Daran und nur daran kann man das vielleicht Entscheidende lernen, was gegen Überwältigung durch Gleichgültigkeit und Konformismus hilft: den produktiven Zweifel!

Darum ist das, was ich Ihnen an Ihrem letzten Tag an der Universität mitgeben möchte, kein Wissen. Es ist ein Wunsch: Ich wünsche Ihnen den Mut, auch weiterhin das auszuhalten, was sie im Studium ausgehalten haben: Krumme, riskante Wege zu gehen, sich nicht mit den breiten, bequemen Wegen zufrieden zu geben; das zweifelnde Fragen zu wagen, sich nicht im Konformismus der Pseudo-Alternativlosigkeiten einzurichten, die uns täglich zu überwältigen drohen. Vielleicht geht dann auch mein anderer Wunsch in Erfüllung: dass Sie an Ihre Universität zurückdenken als den Ort des freien, riskanten Zweifelns, an dem Sie die Kraft und das Rüstzeug gesammelt haben gegen die so bequeme und so zerstörerische Gleichgültigkeit!

Die Liebe in den Zeiten der Flucht

Eva-Maria Düring, Geistliche Bundesleiterin der Katholischen jungen Gemeinde (KjG)

In meiner Liebe zu meinem Nächsten zeigt sich meine Liebe zu mir selbst: „Ich bin der Herr euer Gott. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ Klare Worte, die Gott in Levitikus 19 findet. Ein deutliches Gebot, das er seiner Gemeinde mit auf den Weg gibt. Gott erinnert in diesen Worten aber auch an unsere eigenen Flucht-erfahrungen. Er macht damit deutlich, dass Flucht eine Erfahrung ist, die sich durch Generationen und Kulturen hindurch immer wieder neu ereignet. Die Fluchterfahrung, von der Gott spricht, ist lange her. Doch die Menschheit hat noch keinen Frieden gefunden. Seitdem gab und gibt es viele verschiedene Fluchtgründe, die dazu führen, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Und oft wissen wir gar nicht um diese Fluchterfahrungen. Vielleicht hat ja mein Nachbar oder meine Kollegin einen Fluchthintergrund? Vielleicht war der Verkäufer oder die Lehrerin gezwungen, in einem anderen Land ein neues Leben zu beginnen? Vielleicht musste mein Ausbilder oder meine Erzieherin einmal Schutz suchen? Eine Fluchterfahrung kennen wir aus der Bibel: Josef ist mit seiner Frau Maria und dem Kind Jesus geflohen. Nicht nur daran erinnert uns die Weihnachtszeit. Sondern auch an die Sterndeuter, die Jesus nicht an Herodes verraten haben; an den Engel, der Josef im Traum erschienen ist und daran, dass die Familie wieder in ihre Heimat zurückkehren konnte. Flucht ist Teil der Menschheitsgeschichte. Und Teil der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen.

Momentan sind weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Sie fliehen vor Hunger, Umweltzerstörung, Verfolgung und Krieg. 60 Millionen Menschen verlassen ihre Heimat, weil es für sie keinen anderen Weg mehr gibt. Sie hoffen auf Gastfreundschaft, Zukunft und eine neue Chance in einem anderen Land. Sie reihen sich in die lange Geschichte der Geflüchteten ein. In diese Zeit hinein formuliert Papst Franziskus das Leitmotiv des Weltfriedensgebetes 2016: Überwinde die Gleichgültigkeit und gewinne den Frieden! Papst Franziskus spricht jede und jeden mit dieser Aufforderung direkt an. Er fordert uns auf, sich selbst zu prüfen: Bin ich gleichgültig? Was hat mich gleichgültig werden lassen? Dieses Leitmotiv birgt die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und innezuhalten. Es ist ein Appell, nicht vorschnell die Gleichgültigkeit von sich zu weisen.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter fordert uns Jesus heraus, selbst barmherzig zu sein, der Liebe ein Gesicht zu geben. Es ist auch eine Möglichkeit, sich selbst zu hinterfragen. In der Arbeitshilfe unserer Verbände für den Weltfriedensgebetstag ist nicht ohne Grund dieser Text aus dem Lukas-Evangelium für die Gebetsstunde vorgeschlagen. Da wird ein Mann auf seinem Weg von Räubern überfallen. So wie auch heute Menschen auf der Flucht überfallen und ausgeraubt werden. Der Mann aus dem Gleichnis bleibt halb tot liegen. Die Räuber gehen weg und schauen nicht zurück. Sie haben das bekommen, was sie wollen. Wenn wir die Aufforderung von Papst Franziskus ernst nehmen und unsere Gleichgültigkeit überwinden, dann müssen wir uns die Frage stellen: Wo bin ich selbst Räuber? Wo werden Menschen für meinen Vorteil ausgenutzt? Im weiteren Lauf des Gleichnisses gehen zwei Menschen an dem Verletzten vorbei. Sie sehen ihn und helfen doch nicht. Wie viel Leid sehen wir Tag für Tag? Selbst wenn wir wollten, können wir das nicht alles lösen. Auch wenn ich nicht gleichgültig bin, scheinen mir die Hände gebunden. Auch hier kann uns die Botschaft von Papst Franziskus einen Hinweis geben: Gewinne den Frieden! Und dieser Friede fängt im Kleinen an: Wie gehe ich mit meinen Nächsten um? Bleibe ich im Streit oder vergebe ich? Steht meine Türe offen? Bin ich in der Liebe zum Nächsten? Im Gleichnis kommt schließlich ein Samariter, der sich um den Überfallenen kümmert, ihn in Sicherheit bringt und verspricht wiederzukommen. Er hat liebend gehandelt. Mit diesem Gleichnis verbindet Jesus einen klaren Auftrag an uns: Geht hinaus in diese Welt! Seid in der Liebe! Habt ein offenes Auge für die Nöte eurer Nächsten und handelt! Kurz: Sei auch du barmherzig!

                            

Kompass Januar 2016

Kompass_01_2016.pdf

Die Ausgabe 01/16 von Kompass. Soldat in Welt und Kirche berichtet aus den unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Katholischen Militärseelsorge: über die Auslandseinsatzbegleitung im Kosovo und in Mali, über die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen und der Soldatenbetreuung sowie bei der „Aktion Friedenslicht“ mit Jugend- und Pfadfinder-Verbänden. Wie jeden Monat erscheinen die Kolumne des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages und ein Beitrag der Reihe „Kompass Glauben“. Wir präsentieren eine Reihe von Medientipps und im Bereich der Personalia eine Ehrung sowie die neue Rubrik „Personalveränderungen in der Katholischen Militärseelsorge“.

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