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„Schnippeln, Kochen und Abwaschen“ – und das Gefühl, wieder etwas tun zu können

Das Katholische Militärpfarramt Hamburg I unterstützt Flüchtlinge bei der Integration und beim Deutschlernen.

Eckhard Schütze ist ehrenamtlicher Deutschlehrer für insgesamt etwa 40 Asylsuchende in Hamburg. © KS / Barbara Dreiling
Eckhard Schütze ist ehrenamtlicher Deutschlehrer für insgesamt etwa 40 Asylsuchende in Hamburg. © KS / Barbara Dreiling

Hände fliegen nach oben. Jeder will der erste sein, es ist ein bisschen wie in der Schule. „Das“ und „die“ werfen sie ein. Gewonnen haben die Lautesten, denn es heißt „das Buch“. Mit dem Artikelraten packt sie Eckhard Schütze immer wieder. Der ehemalige Rechtsanwalt versteht es, Erfolgserlebnisse zu vermitteln. Erfolg brauchen diese Erwachsenen dringend, denn ihr bisheriges, oft erfolgreiches und zufriedenes Leben haben sie komplett zurückgelassen, in Syrien, im Irak und in Eritrea.

Dreihundert Flüchtlinge wohnen unter Zelten im ehemaligen Fußballstadion des SC Concordia in Hamburg an der Oktaviostraße. Warmer Herbstwind streichelt die dunkelgrünen Planen, die die Bundeswehr über die Gestänge gespannt hat. Aneinandergereiht stehen sie auf dem festgetretenen Boden, bilden gleichgroße Durchgänge. Rundherum ist es ordentlich, auf einem Bauzaun trocknet Kinderkleidung.

Die Themen im Unterricht entsprechen den Alltagsanforderungen, zum Beispiel Vorstellung der eigenen Person, Krankheit, Gesundheit, Anträge und Behörden. © KS / Barbara Dreiling
Die Themen im Unterricht entsprechen den Alltagsanforderungen, zum Beispiel Vorstellung der eigenen Person, Krankheit, Gesundheit, Anträge und Behörden. © KS / Barbara Dreiling

Gutes zurückgeben

Das einstige Stadion steht etwas verloren zwischen Villen mit großen Vorgärten, die Allee ist lang und ebenso der Weg zur nächsten Bushaltestelle. Es gibt keine Kneipe; abends sieht man Menschen unter Leselampen hinter den Fenstern. Die Buchrücken der wandhohen Bibliotheken wärmen sich in behaglichem Licht.

Eckhard Schütze will das Gute zurückgeben, das er erfahren hat, als er in den 90er Jahren im Auftrag des Bundesfinanzministeriums in Syrien gearbeitet hat. Jetzt übernimmt er den Deutschunterricht für zwei Gruppen der Bewohner des Camps. Dafür kommen sie freiwillig von Montag bis Freitag von zehn bis halb zwölf und von drei bis halb fünf in eine der Villen etwa hundert Meter weiter. Es ist das Haus der Katholischen Hochschulgemeinde an der Helmut-Schmidt-Universität. Das katholische Militärpfarramt Hamburg I hat dort seinen Treffpunkt für Gottesdienste und Gruppen.

Die Deutschlerner stammen aus Syrien, dem Irak und Eritrea. © KS / Barbara Dreiling
Die Deutschlerner stammen aus Syrien, dem Irak und Eritrea. © KS / Barbara Dreiling

Gesellschaft und Normalität

Ihr Unterrichtsraum ist der große Saal im Erdgeschoss, nur eine Glastür trennt die Lernenden von der Kapelle. Sie wissen, dass dies ein katholischer Gebetsraum ist. Sie fragen offen nach der Religion eines anderen Menschen und genauso offen geht Pater Peter mit den Gästen um: „Es war von vornherein klar, dass dies ein Haus der katholischen Seelsorge ist und dass wir hier kein Kreuz dafür abnehmen.“ Pater Dr. Peter Henrich OP ist der Katholische Militärpfarrer an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr.

Seit vier Wochen kommen die Asylbewerber nun täglich ins Haus. „Die können schon ganz gut Deutsch“, findet Marianne Drese. Die Hauswirtschafterin öffnet den Männern und Frauen die Räume und erklärt auch schon mal, wann es ‚Guten Tag‘ und ‚Guten Abend‘ heißt. Ihr Lächeln und ihr Hamburger Dialekt öffnen die Herzen. Für die Anfängergruppe, die am Nachmittag zum Deutschunterricht kommt, hat sie heute Kuchen gebacken: Es soll eine Begegnung mit den Studenten werden, die am Nachmittag in das Haus kommen. Gesellschaft und Normalität, das scheint das Wertvollste zu sein, dass die Geflüchteten in der Katholische Hochschulgemeinde finden.

Eindrücke vom ersten Kochabend mit den Flüchtlingen auf Facebook. © Martina Drese
Eindrücke vom ersten Kochabend mit den Flüchtlingen auf Facebook. © Martina Drese

Ab Mitte November sollen jeweils einmal im Monat Koch- und Spieleabende für die Nachbarn aus der Notunterkunft im Haus der Hochschulgemeinde stattfinden. „Das ist unglaublich wichtig“, weiß Projektoffizier Leutnant Janet Watson. Sie meint damit „Schnippeln, Kochen und Abwaschen, damit die Menschen das Gefühl haben, wieder etwas tun zu können“. Zusammen mit Projektoffizier Leutnant zur See Elizabeth Rupprath berät sie die Katholische Hochschulgemeinde, wie sie die Spiele- und Kochabende gestalten können.

Nur ein Thema

Mal etwas anderes tun als auf Termine bei den Behörden zu warten ist nicht einfach und doch so wichtig. Manche der Geflüchteten leben seit über zwei Monaten im Camp. Auf die Frage, wie es ihnen geht, rutschte einem der Deutschlerner das Adjektiv „traurig“ heraus. Ein paar Minuten später behauptet er, das nicht gesagt zu haben. Die meisten der zwölf syrischen, sechs irakischen und drei Flüchtlingen aus Eritrea sagen, dass es Ihnen gut geht. Sie bedanken sich tausendfach für die Hilfe und das Willkommen in Deutschland. Doch ihre Grundstimmung ist – mehr oder weniger sichtbar – verzweifelt, denn es gibt nur ein Thema für sie: das Leben ihrer Ehefrauen, Kinder und Eltern.

Die katholischen Studenten und Militärpfarrer Dr. Peter Henrich planen Spiel- und Kochabende für die Nachbarn aus dem Camp. © KS / Barbara Dreiling
Die katholischen Studenten und Militärpfarrer Dr. Peter Henrich planen Spiel- und Kochabende für die Nachbarn aus dem Camp. © KS / Barbara Dreiling

Auf ihren Handys zeigen sie Bilder der Lieben von zu Hause. Geduldig warten sie, bis sich die Seite geladen hat. Das Smartphone ist die letzte Verbindung, die Fotos die letzte Erinnerung an ihre Heimat. Aus den Nachrichten in arabischen Schriftzeichen erhoffen Sie Hinweise, ob ihre Angehörigen noch am Leben sind. „Es gibt keinen sicheren Ort mehr in Syrien“, sagt einer der Männer, und „es ist eine Frage der Zeit, wann man drauf geht“. Weil er „jung und fit“ sei, konnte er fliehen, sagt er. Unter den 21 Deutschlernenden sind nur drei Frauen. Die Männer stellen immer wieder die gleiche Frage: Was muss ich machen, dass meine Familie aus Syrien ausreisen kann? Das ist nun ihr Job: dafür zu sorgen, dass ihren Familien die gefährliche Flucht erspart bleibt. Denn das „überleben die nicht“, sagt einer.

"Warum hilft Europa nicht!?"

Bedingung für den sogenannten Familiennachzug ist unter anderem, dass Ehepartner und Kinder bereits in ihrem Heimatland einen Aufenthaltstitel für Deutschland bewilligt bekommen haben. Außerdem müssen sie erste Deutschkenntnisse nachweisen. Jedoch müsse seine Familie in Syrien „über zwanzig Grenzposten passieren“, um die geforderten Papiere bei der nächsten deutschen Vertretung zu besorgen, erklärt ein Mann im roten Sportanzug mit dem Schriftzug des örtlichen SC Concordia. „Das überleben die nicht“, sagt er verzweifelt und er weiß, dass er gegen Wände redet. „Warum hilft Europa nicht!?“, fragt ein anderer.

Flüchtlinge in Hamburg-Wandsbek. © KS / Barbara Dreiling
Flüchtlinge in Hamburg-Wandsbek. © KS / Barbara Dreiling
Mit Hilfe kleiner Grafiken erklärt Stabsarzt Marius Schawaller, wann welche Dosis der Medizin eingenommen werden muss. © KS / Barbara Dreiling
Mit Hilfe kleiner Grafiken erklärt Stabsarzt Marius Schawaller, wann welche Dosis der Medizin eingenommen werden muss. © KS / Barbara Dreiling

Und dann erzählen sie, wieviele schon tot sind: Das Dorf mit einst 2500 Einwohnern, in dem innerhalb von drei Monaten achthundert Menschen durch Bomben gestorben seien. Die Großfamilie mit 35 Toten. Und ein schweigsamer Mann sagt, dass er vor drei Tagen erfahren habe, dass seine Frau und seine Tochter nicht mehr leben.

Alle haben solche Geschichten. Als Passagiere auf den seeuntauglichen Schlepperbooten sind die meisten selbst knapp dem Tod entkommen. „Sie sind schon jenseits dessen, dass sie das emotional noch zeigen“, sagt Stabsarzt Marius Schawaller. Man merke das seelische Leid an anderen Stellen: unerklärliche Kopf- oder Brustschmerzen als Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Auch Panikattacken und Schlaflosigkeit kämen häufig vor. „Es wird sicherlich viel psychologisch aufzuarbeiten sein“, schätzt der Arzt des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg. Mit weiteren Kollegen bietet er montags, mittwochs und freitags eine allgemeinmedizinische Sprechstunde in einem der drei Praxiscontainer innerhalb des Camps an. In dem zweiten Container findet dienstags und donnerstags die dermatologische Sprechstunde statt.

„Halsschmerzen.“ – Eckhard Schütze erklärt neue Wörter mit Pantomimenspiel. © KS / Barbara Dreiling
„Halsschmerzen.“ – Eckhard Schütze erklärt neue Wörter mit Pantomimenspiel. © KS / Barbara Dreiling


Pantomime gegen Trauer und Angst

Es ist Nacht geworden. Das ehemalige Stadion des SC Concordia ist mit Baustrahlern rundherum hell erleuchtet. Vor dem Eingang steht die Security. Kein Mensch ist mehr auf der Straße zu sehen, nur die mobile Trafostation in der linken Ecke des Spielfeldes hält sich nicht an die Nachtruhe. Sie brummt Tag und Nacht im gleichen penetranten Ton vor sich hin. Auch die Gedanken vieler Bewohner des Camps kommen nicht zur Ruhe solange ihre Familien nicht in Sicherheit leben. Werden sie jemals auf legalem Weg nach Deutschland ausreisen können? Und die Angst, dass sie alle schon längst tot sein könnten, sitzt auf der Kante ihrer provisorischen Liege.

„Wir müssen Geduld haben“ ist einer der am Häufigsten wiederholten Sätze in der Deutschstunde von Eckhard Schütze. „Geduld“ – die Lernenden können dieses Wort im Schlaf durchdeklinieren. Morgen früh ist es so weit: Von zehn bis elf Uhr dreißig erleben sie wieder eine bisweilen lustige Deutschstunde mit Ecki, wie sie ihren Lehrer nennen. Die Angst verstummt, wenn er sie mit neuen Wörtern, Artikeln, Fällen und Adjektiven in Atem hält. Nach vier Wochen Deutschunterricht können sie sich über ihre Person und ihre Bedürfnisse verständigen, wissen, welche Verben ein Dativ, Genitiv oder Akkusativobjekt verlangen. Auch die Anrede mit „Sie“ hat Eckhard Schütze mit ihnen bis zum Abwinken trainiert. „Man muss denen zeigen, dass man Liebe zur deutschen Sprache hat“, sagt der Jurist, „dann werden sie die Sprache auch lieben.“

Barbara Dreiling