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„Was ist wenn …“ – Der Weißbuchprozess

© KS / Doreen Bierdel
© KS / Doreen Bierdel

Das Weißbuch 2016 „Zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr“ befindet sich mitten im Entstehungsprozess. Nach dem Auftakt im Februar, mit dem sich das Titelthema von Kompass. Soldat in Welt und Kirche 03/2015 befasst hatte, haben sich inzwischen auch die Kirchen zu Wort gemeldet und es sind mehrere gesellschaftliche Gruppen einbezogen worden.
Im Schwerpunkt von Kompass November 2015 werden nun verstärkt kritische Stimmen laut, u. a. vom Katholischen Militärbischof Overbeck, von der Gemeinschaft Katholischer Soldaten, der Evangelischen Kirche in Deutschland sowie von den Professoren Justenhoven und Masala. Auch ein Studientag des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften beschäftigte sich mit dem Weißbuchprozess in Bezug auf die Ethik Innerer Führung.

Friedensethischer Rahmen und das Weißbuch 2016

„Staatliche Interessenpolitik ist dann – und nur dann – ethisch legitim, wenn sie die grundlegenden Güter, an denen alle Menschen interessiert sind …“

Ein Beitrag des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr Dr. Franz-Josef Overbeck

 

Weißbücher dienen der Orientierung und Selbstverortung staatlicher Sicherheits- und Außenpolitik und bedürfen einer regelmäßigen Fortschreibung und Neuausrichtung angesichts sich ständig wandelnder Risiken und Bedrohungen, die zuverlässige und langfristige sicherheitspolitische Prognosen kaum zulassen. Herausforderungen und Bedrohungen – dies gehört zur politischen Alltagserfahrung – können sich von heute auf morgen ändern.

Wichtig ist auch, dass dieser Entstehungs- und Reflexionsprozess in eine breite öffentliche Diskussion integriert wird und die Partizipation der Kirchen in dieser Konsultationsphase vorgesehen ist.

Als Dialogpartner bringen die Kirchen ihre friedensethischen Grundpositionen als eine Perspektive ins Gespräch, die in erster Linie Fragen formuliert, deren Beantwortung über die ethische Qualität der jeweiligen sicherheitspolitischen Konzeption mitentscheidet.

1. Friedensethik und Sicherheitspolitik
In den vergangenen Jahren haben wir deutschen Bischöfe wiederholt zu friedensethischen Fragen Stellung genommen und den staatlichen Sicherheitsauftrag, der in der Verantwortung für die Sicherung aller Menschenrechte gründet, ausdrücklich gewürdigt. Diese staatliche Sicherheitsaufgabe ist deshalb kein Selbstzweck, sondern funktional den Freiheitsrechten zugeordnet. Sicherheitspolitik und Sicherheitsbegriff haben in der Perspektive der neueren kirchlichen Friedensethik eine umfassende Veränderung und Erweiterung erfahren. Die Erhaltung der nationalstaatlichen territorialen Unabhängigkeit, der Schutz vor militärischer Gewalt und damit Kriegsverhütung reichen als Ziele staatlicher Sicherheitspolitik nicht aus, wenn die Konfliktursachen in Problemlagen wie der ungleichen Verteilung von Gütern und Lebenschancen, in ökologischen Gefährdungen oder kulturell-ethnischen Disparitäten bestehen. Dieser umfassende Sicherheitsbegriff ist zwischen kirchlicher Friedensethik, Politik und Friedensforschung nicht kontrovers und liegt auch dem Weißbuch von 2006 und den verteidigungspolitischen Richtlinien von 2011 zugrunde.

Friedensethik und Sicherheitspolitik haben ein weitgehend gemeinsames Materialobjekt, das in der Identifizierung der vielfältigen Konfliktursachen und der Analyse von Mittel der Ursachenbeseitigung besteht. Freilich gilt das Interesse einer kirchlichen Friedens-ethik nicht einfach den Instrumenten und Strategien zur Sicherung nationalstaatlicher Interessen gegen schwer kalkulierbare Risiken, sondern sie will friedensfördernde Zwecke und Ziele politischen Handelns formulieren.

Friedensethisch gefordert ist die Orientierung nationalstaatlicher, interessenbasierter Außen- und Sicherheitspolitik am Ziel eines Weltgemeinwohls, das auf gesellschaftliche Bedingungen zielt, die einer Person ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Staatliche Interessenpolitik ist dann – und nur dann – ethisch legitim, wenn sie die grundlegenden Güter, an denen alle Menschen interessiert sind, in der Verfolgung partikularer nationalstaatlicher Interessen nicht verletzt. Interessenpolitik, auch Sicherheitspolitik, muss mithin die Fundamentalstandards der Menschenrechte respektieren.

2. Effektive Rechtsdurchsetzung im zwischenstaatlichen Bereich
Welche Rolle spielt das Völkerrecht, insbesondere die Frage nach der Optimierung der Mittel einer effektiven Rechtsdurchsetzung im zwischenstaatlichen Bereich in der sicherheits- und außenpolitischen Konzeption des Weißbuchs?

In der friedensethischen Tradition der Kirche wird seit dem 19. Jahrhundert der Mangel an effizienten Mitteln zur Durchsetzung des Völkerrechts beklagt. Sicherlich sind mit der Etablierung der Vereinten Nationen, der Einrichtung eines ständigen internationalen Strafgerichtshofs, aber auch der zunehmenden europäischen Integration substantielle Schritte auf dem Weg zur Rechtsdurchsetzung im zwischenstaatlichen Bereich gemacht worden, gleichwohl setzt eine wirksame Rechtsdurchsetzung einen Souveränitätsverzicht der Staaten, die in der Verfolgung ihrer Interessen miteinander in Konflikt geraten können, voraus, den zu erwarten freilich illusorisch erscheint. Ohne einen im Konsens der Staaten beschlossenen Souveränitätsverzicht wird jedoch das Sicherheitsdilemma festgeschrieben.

Ein Staatensystem nämlich, das zwar völkerrechtliche Normen kennt, jedoch keine formale Herrschaft mit dem Monopol der Gewaltanwendung, verbleibt im Zustand der Anarchie, in dem das nationalstaatliche Sicherheitsstreben immer wieder zu einem Bedrohungsempfinden der jeweils anderen Staaten führt und damit letztlich politische Instabilität bewirkt.

Die Forderung nach wirksamer Rechtsdurchsetzung hat ihr Rational im wohlverstandenen Eigeninteresse der Staaten, weil alle Versuche, den eigenen Vorteil im Alleingang oder gar auf Kosten der Anderen zu suchen, in langfristiger Perspektive scheitern.

3. Staatliche Souveränität und ‚Responsibility to protect‘
Das Konstruktionsprinzip christlicher Friedensethik ist der Friede, nicht die Gewalt.

Auch politisches Handeln muss sich am Primat der Gewaltfreiheit im Sinne der Gewaltvorbeugung und Gewaltminimierung ausrichten, muss jedoch auch für bestimmte Umstände die Legitimität militärischer Gewaltanwendung anerkennen. „Das Prinzip der Gewaltfreiheit kann mit der Pflicht konkurrieren, Menschen davor zu schützen, massivem Unrecht und brutaler Gewalt wehrlos ausgeliefert zu sein.“ (Gerechter Friede 67) Die Anwendung militärischer Gewalt kann eine Solidaritätspflicht gegenüber von Gewalt bedrohten Menschen und Angegriffenen sein. (Gerechter Friede 155)

Seit dem Jahr 2001 hat das Konzept einer internationalen Schutzverantwortung zur Verhinderung schwerster Menschenrechtsverletzungen eine breite Diskussion hervorgerufen.

Die Diskussion der Kriterien für Maßnahmen einer Schutzverantwortung zeigt den normbildenden Einfluss der Tradition vom gerechten Krieg gerade in ihrer zentralen Intention der Limitierung militärischer Gewalt. Ebenso liegt das Konzept auf der Linie friedensethischer Grundüberzeugungen des Primates der Gewaltlosigkeit in der Politik, wenn die ‚Responsibility to prevent‘ als erste Säule der Schutzverantwortung akzentuiert wird, die in der Verantwortung besteht, der Eskalation von Konflikten zuvorzukommen.

Die zweite Säule bildet die ‚Responsibility to react‘, die dann greift, wenn die Prävention versagt. Hier geht es darum, in Situationen von überwältigender menschlicher Bedrängnis mit angemessenen Mitteln wie z. B. Erzwingungsmaßnahmen oder Sanktionen einzugreifen.

Im Falle einer Intervention verlangt die Schutzverantwortung, die Verantwortung für den Wiederaufbau zu übernehmen. Das ist die dritte Säule, die ‚Responsibility to rebuild‘. Den betroffenen Staaten soll volle Unterstützung bei dem Wiederaufbau und der innergesellschaftlichen Versöhnung gewährt werden.

Ein weiterer Punkt ist hier wichtig. Das Dreiecksverhältnis von Staatsmacht, Staatsvolk und Staatsterritorium kons-tituiert Souveränität nicht länger zureichend. Das Konzept der Schutzverantwortung definiert das Verständnis von staatlicher Souveränität neu. In Zukunft soll ein Staat nur dann als souverän gelten, wenn er seine Bevölkerung wirksam schützt und die grundlegenden menschlichen Güter seiner Bewohner (auch der Nichtstaatsbürger) gewährleistet. Versagt er hierin, geht diese Aufgabe auf die Staatengemeinschaft über, die daher in diesen Staat notfalls auch militärisch intervenieren darf. Eine öffentliche Diskussion dieser Veränderungen im Souveränitätskonzept und dessen Implikationen ist ebenso notwendig wie ein Diskurs über die Weiterentwicklung und Qualifizierung einer Interventions-Kriteriologie.

4. Ethische Bildung in den Streitkräften
Die Übel militärischer Gewaltanwendung, die den Primat gewaltfreier Politik notwendig macht, verlangen nach hohen legitimatorischen Hürden für den als ultima ratio erlaubten Einsatz militärischer Mittel. Zu diesen gehört auch, die Soldaten für ihre Einsätze so auszustatten, dass sie nicht unnötigen Risiken und Gefährdungen ausgesetzt werden.

Gemeint sind in unserem ethischen Kontext die Gefährdungen der moralischen Identität der Soldaten und Soldatinnen im Einsatz.

Die Auswirkungen von Kampferfahrungen auf moralische Überzeugungen und die Identität einer moralischen Grundhaltung wurden in den vergangenen Jahren hinreichend dokumentiert. Geradezu erschreckend sind die Ergebnisse einer Feldstudie des „mental health advisory team survey“ der amerikanischen Streitkräfte, die während des Irak-Kriegs durchgeführt wurde.

Ohne Beschönigung wird hier eine Verrohung bei der Beachtung ethischer Grundsätze im Einsatz beschrieben: Weniger als die Hälfte der Soldaten sind z. B. der Meinung, dass Nichtkombattanten mit Würde und Respekt behandelt werden müssen. Dies verweist auf die Unverzichtbarkeit der Ausbildung eines hohen Maßes moralischer Urteilskraft, die auch Extremsituationen und Stressbedingungen gewachsen sein muss.

Die deutschen Bischöfe haben schon im Jahre 2005 diese Problematik angeschnitten. „Denn die Anwendung von Gewalt bringt grundsätzlich die Gefahr mit sich, dass sich die Gewaltausübenden in die Gewalt verstricken, somit selbst zu einem Teil der Gewalt werden und damit auch ihre Persönlichkeiten. Ein kritisches Verhältnis zur Gewalt sowie zu ihren Dynamiken ist eine notwendige Voraussetzung, um den in der Gewaltausübung unausweichlich begründeten Übeln zu wehren.“ (Soldaten als Diener des Friedens, S. 6)

Die Formierung einer wertegebundenen moralischen Urteilsfähigkeit ist als Bedingung eines ethisch verantwortlichen selbstbestimmten Entscheidungsverhaltens unverzichtbar.

Gewaltpräventive Politik – wo immer möglich

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven, Leitender Direktor des Instituts für Theologie und Frieden (IThF) und Vorstand der Katholischen Friedensstiftung in Hamburg

In manchen Diskussionszusammenhängen wird die implizite These vertreten, dass staatliche Interessen etwas Unmoralisches seien, dass es moralisch hochstehender wäre, wenn ein Staat keine Interessen hätte oder keine vertreten würde. Dem gegenüber vertrete ich die These, dass politische Gemeinschaften gar nicht anders können, als ihre Interessen zu vertreten: Interessen sind Ausdruck des gemeinschaftlichen Wollens auf ein Ziel hin. Die Interessen einer politischen Gemeinschaft ergeben sich aus dem Zweck der politischen Gemeinschaft und müssen von daher begründet werden. Im Weißbuch der Bundesregierung aus dem Jahre 2006 heißt es in einem ersten Schritt: „Die Sicherheitspolitik Deutschlands wird von den Werten des Grundgesetzes und dem Ziel geleitet, die Interessen unseres Landes zu bewahren, insbesondere: Recht und Freiheit, Demokratie, Sicherheit und Wohlfahrt für die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes zu bewahren und sie vor Gefährdungen zu schützen.“ Die hier aufgeführten Kerninteressen sind zutreffend beschrieben, aber nun nicht spezifisch deutsch, sondern treffen auf jeden demokratischen Rechtsstaat zu.

Spezifisch deutsche Interessen

Die Definition der spezifischen Interessen Deutschlands hängt von einer Reihe weiterer Gegebenheiten und Umstände ab. Dies sind die geographische Lage Deutschlands in der Mitte Europas; politische und sicherheitspolitische Herausforderungen, die als für unsere Sicherheit sehr relevant betrachtet werden (von Umweltzerstörung bis zum Krieg in Syrien); unser Lebensstil und die Konfiguration unserer Wirtschaft als rohstoff- und exportabhängig. Schon hier wird deutlich, dass Interessen nicht ohne Berücksichtigung der Interessen anderer definiert werden können. Zu den Gegebenheiten, die für die Definition unserer Interessen relevant sind, zählen dann auch politische Grundentscheidungen, die sich teilweise historischen Erfahrungen verdanken (EU-Integration, Verhältnis zu Israel); die historische Erfahrung von Jahrhunderten kriegerischer Konflikte, schwerster Menschenrechtsverbrechen und Völkermord, die zu der Einsicht geführt hat, Menschenrechte, das internationale Recht als normative Basis globalen Zusammenlebens zu verstehen und die Stärkung und Weiterentwicklung der internationalen Institutionen als deutsches Interesse zu definieren; deswegen spricht das Grundgesetz dem Ziel, dem „Frieden der Welt zu dienen“, Verfassungsrang zu. Schließlich begründen transnationale Herausforderungen wie die Umweltverschmutzung, Klimaerwärmung, Drogen- und Menschenhandel das Interesse an vernetzten internationalen Regelungsmechanismen in einer multipolaren Welt. Und dann ist die Nachbarschaft der EU zu Afrika als einem politisch und ökonomisch instabilen Kontinent zu berücksichtigen, die dazu führt, die Entwicklungszusammenarbeit als deutsches Interesse anzusehen. Eine solche Aufzählung ist natürlich nur sehr kursorisch und unvollständig, sie unterliegt in Teilen Veränderungen, wenn sich die Gegebenheiten der internationalen Politik verändern. Was folgt aus dem Gesagten?

Es ist erstens offenkundig, dass die Staaten in ihrer Interessenvertretung in Konflikt geraten. Die Mechanismen, mit denen solche zwischenstaatlichen Interessenkonflikte friedlich ausgetragen werden könnten, sind unterentwickelt. Mit dem internationalen Recht und den Vereinten Nationen stehen zwar prinzipiell die richtigen Instrumente zur Verfügung, jedoch ist die Bereitschaft, diese Instrumente konsequent zum Interessenausgleich zu nutzen, noch sehr rudimentär. Schließlich ist es sowohl unmoralisch als auch im langfristigen Eigeninteresse unklug, wenn sich politisch und ökonomisch mächtige Staaten konsequent über die legitimen Interessen von benachteiligten Völkern und Staaten hinwegsetzen und sie missachten. So ist es offenkundig, dass Flüchtlingswellen und die Radikalisierung junger Menschen auch eine Ursache in der Asymmetrie der derzeitigen Weltordnung haben.

Konkurrierende Interessen

Eine weitere wichtige Frage ist, wie mit konkurrierenden Interessen umgegangen werden muss: Wie wird politisch entschieden, wenn z. B. Fragen der Entwicklungszusammenarbeit auf gegenläufige Interessen der Landwirtschaftsexportpolitik treffen? Wie ist zu entscheiden, wenn Bündnissolidarität in Konkurrenz zur Aufrechterhaltung des internationalen Rechts tritt; welche Gründe sind ausschlaggebend für die Entscheidung? Welche Bedeutung hat die Rücksichtnahme auf europäische Partner und deren Interessen, wenn erkennbar wird, dass deren politisches Ziel den Eigeninteressen und dem Gemeinwohl beispielsweise des intervenierten Landes vorgezogen wird und damit nicht nachhaltig ist? Die Politik Frankreichs in Mali kann hier zur Illustration dienen.

Nicht nur ethische Überlegungen sondern auch politische Klugheit verlangen, gewaltpräventive Politik wo immer möglich zu betreiben, um sicherheitspolitische Gefährdungen weit im Vorfeld zu unterbinden. Dies gelingt am nachhaltigsten durch den politischen Einsatz für eine stabile internationale Ordnung – wann immer und wo immer möglich. Die Stärkung der Vereinten Nationen liegt also genauso im deutschen Interesse wie ihre Reform zu mehr Effizienz. Dass Deutschland als ein international einflussreiches Land solche Prozesse betreiben kann, hat es durch seine Rolle bei der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofes 1998 in Rom bewiesen.

Der Krieg in der Ostukraine hat den europäischen Staaten einmal mehr verdeutlicht, dass die einzelnen europäischen Staaten kein hinreichendes politisches Gewicht auf die Waage bringen, um die Entwicklung wirklich zu beeinflussen, sondern dass sie politische Gestaltungsmacht nur noch gemeinsam zurückgewinnen können. Weitere Schritte auf eine vergemeinschaftete Außen- und Sicherheitspolitik der EU sind nicht nur im Vertrag über die Europäische Union (EUV, Vertrag von Lissabon) vereinbart, sondern auch realpolitisch klug. Allerdings müssen die Schritte auf diesem Weg auch in der politischen Debatte kommuniziert und die Defizite und Hindernisse klar benannt werden.

Durchsetzung der Interessen

In der deutschen sicherheitspolitischen Debatte der vergangenen Jahre ist gelegentlich der Eindruck entstanden, dass Staaten natürlicherweise ihre Interessen im äußersten Fall auch mit dem Einsatz militärischer Gewalt durchsetzen und dass Deutschland sich dieser internationalen Realität nicht nur stellen, sondern Teil von ihr werden müsste. Sollen und müssen wir Teil einer solchen internationalen Realität werden? Nein, ethisch gefordert ist die Überwindung dieser Realität durch die Stärkung und Weiterentwicklung der Vereinten Nationen. Kluge, ethisch begründete Politik hält die Notwendigkeit realistischer Politik im Auge und sucht zugleich nach den ethisch gebotenen Möglichkeiten der Überwindung der latenten Anarchie zwischen den Völkern und Staaten durch die Weiterentwicklung des internationalen Rechts. Dieses Verhältnis beider Dimensionen kluger Politik muss dann auch entsprechend kommuniziert werden, um öffentliche Akzeptanz zu erzielen.

Das Grundgesetz verpflichtet zu Mechanismen und Institutionen friedlicher

Konfliktlösung, zu denen das internationale Recht, die Vereinten Nationen und weitere internationale Institutionen gehören. Nun leben wir nicht in einer idealen Welt: Nicht alle Konfliktparteien sind zu friedlicher Konfliktlösung bereit, wie der Krieg in Syrien zeigt. Es ist aber offenkundig, dass nicht nur das Grundgesetz die Politik verpflichtet, die Möglichkeiten friedlicher Konfliktlösung zu nutzen und nach Möglichkeit auszubauen, sondern dies auch der Wille des Souveräns ist: Die Bevölkerung erwartet, dass Deutschland nicht einfach eine realpolitische Sicherheitspolitik klassischen Stils macht, sondern der Verpflichtung des Grundgesetzes nachkommt. Die entstehenden ethischen Dilemmata müssen dann offen benannt und die Handlungsalternativen diskutiert und begründet werden. Dies kann im äußersten Fall auch der Einsatz militärischer Mittel sein.

„… das 2016 veröffentlichte Weißbuch wird ein ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘-Papier werden.“ Ein Kommentar zur Sache von Prof. Dr. Carlo Masala

In Großbritannien werden Weißbücher unter Zynikern als „motherhood and apple pie“-Papiere bezeichnet. Dieses ins Deutsche nur schwer übersetzbare Idiom bezeichnet Dokumente der Regierung, die bewusst schwammig gehalten sind und in denen es kaum spezifische und vor allem klare Aussagen gibt. Und in der Tat sind die meisten Weißbücher oder nationalen Sicherheitsstrategien solch schwammige Papiere. Alles ist wichtig und man wird sich als Staat jeder Herausforderung stellen und sie meistern. Dies ist – übertrieben – die Essenz der meisten Weißbücher oder nationalen Sicherheitsstrategien. Überraschungen sind eher nicht zu erwarten.

Dies ist bedauerlich, sollten Weißbücher doch dazu dienen, der Bevölkerung sowie den Partnern die Prioritäten der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik darzulegen. Und gerade in den heutigen Zeiten scheint dies mehr als je geboten.

Wo liegen die Prioritäten deutscher Sicherheitspolitik? In der Landes- und Bündnisverteidigung oder in Missionen in entlegenen Weltgegenden? Gibt es eine regionale Priorisierung, oder ist Sicherheit auf dem Balkan und in Nordafrika für die Bundesrepublik genauso wichtig wie die Sicherheit in der südchinesischen See?

Wie ist überhaupt heutzutage angesichts immer knapper werdender Staatshaushalte Sicherheit nationalstaatlich noch zu organisieren, zu garantieren und vor allem zu finanzieren? Müssen wir uns europäischen Lösungen zuwenden oder unsere Ambitionen herunterschrauben?

Dies sind nur einige von vielen Fragen, denen sich das gerade in Arbeit befindliche Weißbuch zuwenden sollte. Und die gute Nachricht ist zunächst, dass es dies auch macht. In unzähligen Workshops und Expertenrunden diskutieren offizielle Vertreter des Bundesministeriums der Verteidigung mit Expertinnen und Experten all diese Fragen. Und dennoch wage ich die Prognose, dass das 2016 veröffentlichte Weißbuch ein „Friede, Freude, Eierkuchen“-Papier werden wird. Warum? Weil es ein Weißbuch der ganzen Bundesregierung ist und weil das Auswärtige Amt die Hauptverantwortung für Sicherheitspolitik trägt. Und es gehört zu den Usancen deutscher Diplomatie, das klare Wort zu scheuen und der Verschleierung den Vorzug zu geben.

So werden wir am Ende des Weißbuch-Prozesses, der seitens des Verteidigungsministeriums mit ungeahnter Offenheit und auch der Bereitschaft zur Innovation betrieben wird, wohl wieder nur ein Papier bekommen, das durch eine Vielzahl von Allgemeinplätzen gekennzeichnet sein wird. Schade!

 

Prof. Dr. Carlo Masala studierte an den Universitäten Köln und Bonn Politikwissenschaften, Deutsche und Romanische Philologie. 1996 promovierte er mit einer Arbeit über die deutsch-italienischen Beziehungen im Zeitraum 1963–1969. Zum Akademischen Rat auf Lebenszeit am Forschungsinstitut für Politische Wissenschaften und Europäische Fragen der Universität zu Köln wurde er 1998 ernannt. Im März 2007 erhielt er den Ruf auf die Professur für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München und hat diese zum 1. Juli 2007 angenommen. Prof. Masala ist seit 2009 Mitglied des wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft für den gesellschaftswissenschaftlichen Anteil der Sicherheitsforschung.

                            

Kompass November 2015

Kompass_11_2015.pdf

Im Mittelpunkt der aktuellen Berichterstattung steht in diesem Monat die 60. Gesamtkonferenz der Katholischen Militärseelsorge in Berlin mit ihrem Thema „Gewalt in den Religionen“. In der Militärseelsorge fanden im September / Oktober außerdem Begleitveranstaltungen zur Ausstellung „Operation Heimkehr“ in Koblenz und mehrere Wallfahrten statt. Die Artikel aus den Bereichen Medien, Glaube und Kirche im Kompass 11/2015 bewegen sich zwischen dem Sommer (Filmtipp) und dem November (Trauerarbeit und Geistliches Wort) und schauen bereits voraus in den Advent (Impulse, Vorschau auf das Dezember-Thema „Flüchtlinge“). Der Artikel „Kompass Glauben“ geht – passend zur Gesamtkonferenz – auf die Vielfalt der Religionen ein.

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