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Über die Sorge für das gemeinsame Haus: „LAUDATO SI‘“

© Doreen Bierdel
© Doreen Bierdel

Die „Umwelt-Enzyklika“ von Papst Franziskus hat in diesem Sommer große Resonanz ausgelöst. Anlässlich des neuen „Weltgebetstags für die Bewahrung der Schöpfung“ am 1. September und des Zusammentreffens am 4. Oktober 2015 von Erntedank und Gedenktag des Hl. Franz von Assisi, der den Sonnengesang „Sei gepriesen“ gedichtet hatte, widmet sich das Titelthema der Natur.
Angefangen von „Die Grenzen des Wachstums“ 1972 bis hin zum „Klimaneutralen Katholikentag“ 2016 bieten wir eine Fülle von Artikeln, Lese- und Handlungs-Tipps sowie Anregungen, u. a. von Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin, und von der Katholischen Landjugendbewegung Deutschlands (KLJB). Selbst das Geistliche Wort und der „Kompass Glauben“ in der Ausgabe 10/2015 befassen mit sich dem Thema „Schöpfung“.

Grundsatz: „LAUDATO SI´“

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus

von Prof. Dr. Margit Eckholt, Professorin für Dogmatik (mit Fundamentaltheologie) am Institut für katholische Theologie der Universität Osnabrück; Leiterin des Stipendienwerkes Lateinamerika-Deutschland e. V.; Mitglied der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz (DBK)

 

Am 13. März 2013 wurde der Jesuit Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt, und seit den ersten Augenblicken seines Pontifikats überrascht er und hält die Welt – sicher nicht nur die katholische – in Bann. Der Name Franziskus steht symbolhaft für sein Programm der Reform und Erneuerung der katholischen Kirche; er lädt die Kirche ein zum „Aufbruch“ und zu einer Rückbesinnung auf ein Leben aus dem Geist des Evangeliums, der Bergpredigt Jesu und der Seligpreisungen. Franz von Assisi, der geistliche Troubadour des 13. Jahrhunderts, hatte im Kontext der Armutsbewegungen seiner Zeit eine solche Reformbewegung angestoßen und sowohl der Kirche wie dem Papst ins Gewissen geredet mit seiner Erinnerung an den ursprünglichen Geist des Evangeliums. „Ich wünsche mir eine arme Kirche für die Armen“, so knüpft Papst Franziskus in seinem ersten Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ daran an, und er stellt sich damit 50 Jahre nach der Erneuerung, die das 2. Vatikanische Konzil für die katholische Kirche bedeutet hat, in die große Dynamik einer Kirche, die „die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst aller Menschen“ tragen will, so der Beginn der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“. Dazu gehört die Analyse der „Zeichen der Zeit“, der großen Herausforderungen der Weltgesellschaft – so die Armutsfrage, Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung, die ökologische Krise –, an denen sichtbar wird, dass Gott im Ringen der Menschen um ihre Würde und im Einsatz für die Zukunft des ganzen Planeten in der Geschichte wirkt und Menschen herausfordert zu einem Handeln im Dienst der Menschenwürde und Sorge um die ganze Schöpfung.

 

Das Schöpfungslob des „Sonnengesangs“ und die „Sorge für das gemeinsame Haus“

 

Die eröffnenden Worte der jüngsten Enzyklika des Papstes – „LAUDATO SI´“ – zitieren den „Sonnengesang“ des Franz von Assisi, sein großes Schöpfungslob, einer der ersten Texte in der italienischen Volkssprache, in dem Franz in seinem Lob auf Sonne, Mond und Sterne, auf Wind, Luft und Wolken, auf Wasser und Feuer, auf die Erde, aber auch das Leiden und den „Bruder Tod“ seine zärtliche Liebe zu allem, was geschaffen ist, ausdrückt. Angesichts der Herausforderungen der Umweltkrise stellt der Papst seine neue Enzyklika in den Dienst der „Sorge für das gemeinsame Haus“, wie der Untertitel lautet, und er erinnert uns mit Franz von Assisi daran, „dass unser gemeinsames Haus wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt“; dann zitiert er aus dem Sonnengesang: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“ (LS 1) Genau diese Schwester „schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat“ (LS 2); darum ist es entscheidend, „den Planeten als Heimat zu begreifen und die Menschheit als ein Volk, das ein gemeinsames Haus bewohnt“ (LS 164). „Die Interdependenz verpflichtet uns, an eine einzige Welt, an einen gemeinsamen Plan zu denken“ (ebd.).

 

Eine Umwelt- und Sozialenzyklika

 

Die Enzyklika reiht sich ein in die Sozialenzykliken der vorhergehenden Päpste. Es fällt auf, dass Papst Franziskus gleich zu Beginn seines Textes auf die Enzyklika „Pacem in Terris“ von Johannes XXIII. (1963) mit ihren Vorschlägen für den Weltfrieden Bezug nimmt, in einer Zeit verfasst, als die Welt „am Rand des Nuklearkriegs“ (LS 3) stand. Die ökologische Katastrophe wird in ihren weltweiten Auswirkungen genau mit dieser Bedrohung in Verbindung gebracht. Paul VI. hat die ökologische Krise 1971 angesprochen, aber erst Johannes Paul II. hat von der Notwendigkeit einer „weltweiten ökologischen Umkehr“ gesprochen (LS 5), und Benedikt XVI. ist dann mehrfach auf die Umweltkrise eingegangen und hat vor dem Deutschen Bundestag in einer weit beachteten Ansprache am 22. September 2011 unverantwortliches Verhalten und ungezügeltes Wirtschaftswachstum angeprangert, das eine Humanökologie im Dienst der ganzen Schöpfung erforderlich macht. Mit der neuen Enzyklika von Franziskus liegt nun ein lehramtlicher Text vor, der sich in seinen sechs Kapiteln in einer umfassenden Weise mit der weltweiten ökologischen Krise und der Zukunft des Planeten auseinandersetzt: Nach der Analyse der Herausforderungen durch Umweltverschmutzung und Klimawandel, der Wasserfrage, dem Verlust der biologischen Vielfalt, der Verschlechterung der Lebensqualität und dem sozialen Niedergang, der weltweiten sozialen Ungerechtigkeit, die im eröffnenden Kapitel angesprochen werden, gibt Franziskus im zweiten Kapitel unter dem Titel „Evangelium von der Schöpfung“ einen kurzen Abriss von Leitfragen christlicher Schöpfungstheologie. Er geht im dritten Kapitel auf die Debatten um die „menschliche Wurzel der ökologischen Krise“ ein, kritisiert einen fehlgehenden Anthropozentrismus und fasst auf diesem Hintergrund im vierten Kapitel zentrale Thesen katholischer Soziallehre zu einer „ganzheitlichen Ökologie“ zusammen. In den beiden letzten Kapiteln werden Leitlinien für das Handeln formuliert; zunächst geht der Papst auf Handlungsanforderungen im Dialog mit Politik, Wirtschaft und den Wissenschaften ein, dann skizziert er in pastoraler Hinsicht Aufgabenfelder einer „ökologischen Erziehung und Spiritualität“. Der große geistliche Impuls auch dieser Enzyklika und damit ihr Stellenwert im Zusammenhang des Evangelisierungs-Auftrags der katholischen Kirche wird gerade in diesen Anregungen zur Entfaltung einer Schöpfungsspiritualität deutlich. Wenn die Kirche sich angesichts der Umweltkrise und der Zerstörung des „gemeinsamen Hauses“, der Gefährdung der Zukunft der Schöpfung äußert, so ist dies nicht eine bloße „Reaktion“ auf eine der großen Krisen der Gegenwart, sondern es hat mit dem ursprünglichen Auftrag der Kirche zu tun: den Menschen an seinen Ursprung zurückzubinden, der in dieser Zerstörung der Lebenswelten verletzt wird, weil der Mensch sich vergeht an seinem, in die Schöpfung eingeschriebenen Auftrag, „Hüter“ der Schöpfung zu sein, „den Garten der Welt zu ‚bebauen‘ und zu ‚hüten‘“ (LS 67), wie es in den großen Texten der Genesis formuliert ist. Gerade darum „appelliert“ eine „zerbrechliche Welt mit einem Menschen, dem Gott sie zur Obhut anvertraut, (…) an unsere Vernunft, um zu erkennen, wie wir unsere Macht orientieren, ausüben und beschränken müssten“ (LS 78).

 

Ökologische Umkehr

 

Franziskus macht – genauso wie in „Evangelii Gaudium“ – deutlich, dass die zentralen Herausforderungen unserer Zeit jeden Einzelnen treffen und ein neuer „Lebensstil“ (LS 206) notwendig ist, wenn das gemeinsame Haus der Schöpfung Zukunft haben soll. Dazu gehören Achtsamkeit dem anderen und der Umwelt gegenüber (LS 208), „ökologische Umkehr“ (LS 216–221) und eine „Veränderung des Menschen“ (LS 9), die nur über Bildungsprozesse möglich sind. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit den Fakten, die Analyse der Ursachen der Umweltkrise, aber noch mehr ein Bewusstwerden dessen, was Schöpfung überhaupt ist: die tiefe Erfahrung der Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung, die Fähigkeit des „Staunens“ gegenüber der Natur und der Lobpreis des Schöpfers, zu dem Franz von Assisi in seinem „Sonnengesang“ gefunden hat: „Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen. Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine bloß äußerliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln.“ (LS 11) Wenn Papst Franziskus hier an Franz von Assisi erinnert, so ist dies kein ökologischer Romantizismus, sondern er verbindet das franziskanische Schöpfungslob mit der „Option für die Armen“ – das ist der „rote Faden“ seines Apostolischen Schreibens: Ein ökologischer Ansatz verwandelt sich immer in einen „sozialen Ansatz“, „der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“ (LS 49). Der Papst spricht in diesem Zusammenhang mehrfach von der „ökologischen Schuld“ besonders zwischen dem Norden und dem Süden und redet den reichen Nationen ins Gewissen „im Zusammenhang mit Ungleichgewichten im Handel und deren Konsequenzen im ökologischen Bereich wie auch mit dem im Laufe der Geschichte von einigen Ländern praktizierten unproportionierten Verbrauch der natürlichen Ressourcen“ (LS 51). „LAUDATO SI´“ ist eine Sozialenzyklika, die einen neuen, ganzheitlichen Blick auf die Welt wirft und im Dienst der Bewusstseinsbildung steht, „dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind“. „Es gibt keine politischen oder sozialen Grenzen und Barrieren, die uns erlauben, uns zu isolieren, und aus eben diesem Grund auch keinen Raum für die Globalisierung der Gleichgültigkeit.“ (LS 52)

 

Das ist nur möglich im Dialog der vielen, und so versteht der Papst „LAUDATO SI´“ als einen Aufruf zu einem „neuen Dialog“, „wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten“ (LS 14), einen Dialog von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und der verschiedenen religiösen Traditionen. „Es ist auch notwendig, auf die verschiedenen kulturellen Reichtümer der Völker, auf Kunst und Poesie, auf das innerliche Leben und auf die Spiritualität zurückzugreifen. Wenn wir wirklich eine Ökologie aufbauen wollen, die uns gestattet, all das zu sanieren, was wir zerstört haben, dann darf kein Wissenschaftszweig und keine Form der Weisheit beiseitegelassen werden, auch nicht die religiöse mit ihrer eigenen Sprache.“ (LS 63) Lernen kann die katholische Kirche von den Schöpfungstheologie und Umweltethik des orthodoxen Christen-tums; nicht umsonst war darum bei der Vorstellung der Enzyklika im Vatikan am 18. Juni dieses Jahres auch der orthodoxe Metropolit von Pergamo, Giovanni Zizioulas, anwesend, neben Kardinal Peter Turkson (Päpstlicher Rat Justitia et Pax), dem deutschen Klimaexperten Hans Joachim Schellnhuber, der Leiterin der US-amerikanischen Catholic Relief Services, Carolyn Woo, und Valeria Martano, einer Grundschullehrerin in Rom, die Mitglied ist von Sant´Egidio. Auch im Blick auf die nächste UN-Klimakonferenz vom 30. November bis 11. Dezember 2015 in Paris möchte die Enzyklika ein Zeichen setzen, wie in der gesamten Weltgemeinschaft ein Prozess angestoßen werden kann hin zu einem „anderen Blick“, einem Denken, einer Politik, einem Erziehungsprogramm, einem Lebensstil und einer Spiritualität, „die einen Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas bilden.“ (LS 83). Das bedeutet eine „kulturelle Revolution“, Entschleunigung und ökologische Umkehr, eine andere Politik: „Wir brauchen eine Politik, deren Denken einen weiten Horizont umfasst und die einem neuen, ganzheitlichen Ansatz zum Durchbruch verhilft, indem sie die verschiedenen Aspekte der Krise in einen interdisziplinären Dialog aufnimmt.“ (LS 197)

 

Hüter der Schöpfung werden

 

Die Enzyklika, im deutschen kirchlichen und politischen Kontext positiv aufgenommen, aber auch nicht unumstritten in konservativen politischen und kirchlichen Kreisen in den USA und dem Heimatkontinent des Papstes, wartet auf eine weitere Rezeption. Franziskus weiß um die Komplexität der Herausforderungen der Umweltkrise, er weiß, dass ein solcher Text im Blick auf wirtschaftliche, politische, wissenschaftliche Sachverhalte immer nur Vereinfachungen bieten kann, er versteht sein Schreiben nicht mehr und nicht weniger als eine Einladung zu einem gemeinsamen Tun im Dienst der Menschheit und der ganzen Schöpfung. Kardinal Walter Kasper hatte bereits im Blick auf das Apostolische Schreiben „Evangelii Gaudium“ formuliert: „Das sind sperrige, zum Widerspruch reizende, provokante Thesen, die weh tun. Doch harmlos war auch das Evangelium, das Jesus verkündet hat, nicht.“ (Walter Kasper, Papst Franziskus – Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe. Theologische Wurzeln und pastorale Perspektiven, Stuttgart 2015, 96/97) Das trifft in gleicher Weise auf „LAUDATO SI´“ zu.

 

Franziskus hat bei seiner Amtseinführung am 19. März 2013 in der Predigt auf den heiligen Josef als „Custos“, als Hüter, verwiesen. Eine zerbrechliche Welt braucht Menschen, die „Hüter“ der Schöpfung sind. Das ist auch ein schönes Sinnbild für das Papstamt in globalen Zeiten, in der „Sorge für das gemeinsame Haus“ und im Dienst des Friedens weltweit. Die Hoffnung, die der Papst mit seiner Enzyklika verbindet, möge Wirklichkeit werden: „Während die Menschheit des postindustriellen Zeitalters vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in Erinnerung bleiben wird, ist zu hoffen, dass die Menschheit vom Anfang des 21. Jahrhunderts in die Erinnerung eingehen kann, weil sie großherzig ihre schwerwiegende Verantwortung auf sich genommen hat.“ (LS 165)

 

 

Interview mit Prälat Dr. Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro in Berlin

„Die Enzyklika lässt sich nicht in eine Schublade stecken“

Kompass: Die Enzyklika „LAUDATO SI´“, die der Heilige Vater am 18. Juni 2015 in acht Sprachen veröffentlichte, reiht sich ein in die Sozialenzykliken der vorhergehenden Päpste. Wie waren bisher die Reaktionen aus dem politischen Raum? Wurde sie auch im öffentlich politischen Raum aufgegriffen?

Prälat Jüsten: Medial wurde die neue Enzyklika sehr stark wahrgenommen. In ersten Reaktionen wurde sie auch von der Politik über alle Lager hinweg gelobt. So sprach die Umweltministerin Barbara Hendricks, SPD, von tiefen Gedanken und hob die Geradlinigkeit des Dokuments hervor. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller, CSU, sieht darin einen Weckruf des Papstes. Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan nannte die Veröffentlichung des Papstes moralisch und ethisch stark. Nun kommt es darauf an, die Absicht des Papstes in konkrete Politik zu übersetzen, denn Papst Franziskus war es wichtig, die Enzyklika im Vorfeld der Verabschiedung der 2030-Agenda für Nachhaltige Entwicklung auf dem UN-Gipfel in New York und vor der Klimakonferenz in Paris zu veröffentlichen. So kann sie beim Überbrücken von Differenzen helfen und einen fruchtbringenden Beitrag für diese internationalen Verhandlungen leisten. „LAUDATO SI´“ selbst ist ein umfassend begründeter Kompass für eine menschen- und umweltgerechte Entwicklungsagenda.

Kompass: Das Katholische Büro, das Sie leiten, wird im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz in politischen Fragen gegenüber den Organen des Bundes, den gemeinsamen Organen der Länder, den Landesvertretungen beim Bund, den Parteien und den auf Bundesebene agierenden gesellschaftlichen Kräften sowie im Zusammenhang damit auch gegenüber internationalen Stellen tätig. Was bedeutet dies konkret mit Blick auf die Sozialenzyklika „LAUDATO SI´“?

Prälat Jüsten: Im Rahmen von Parlamentarischen Abenden sowohl mit den Mitgliedern des Europaparlaments wie mit denen des Deutschen Bundestags machen wir die wesentlichen Inhalte dieses bedeutenden Dokuments bekannt. Die Enzyklika lässt sich nicht in eine Schublade stecken, sie führt eine Wirtschafts-, Umwelt-, Human- und Kulturökologie zusammen. Deshalb wollen wir mit den Fachpolitikern über alle ihre zentralen Themen sprechen. Über Klimawandel und Umweltzerstörung, über die Auswirkungen dieser ökologischen Krise für die Ärmsten der Welt, über die Notwendigkeit eines anderen Verständnisses von Wirtschaft und Fortschritt, die Elemente einer ganzheitlichen Ökologie sowie die Verantwortung der internationalen Politik für diese Fragen. Auch für die Asyl- und Flüchtlingspolitik und die Sozialpolitik ist „LAUDATO SI´“ relevant.

Kompass: Wenn Sie zurückblicken: Wie wirkungsvoll sind päpstliche Verlautbarungen, Hirtenworte der deutschen Bischöfe oder – ganz allgemein gesprochen – die Erklärungen der Kirche und ihrer Verantwortungsträger auf das politische Geschehen? Hat sich in den zurückliegenden Jahren daran etwas verändert?

Prälat Jüsten: Die Rezeption kirchlicher Papiere in der Politik ist unterschiedlich, was wesentlich mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung zu tun hat. So entfaltete etwa Populorum Progressio eine unglaubliche Wucht, weil Papst Paul VI. die Entwicklungspolitik im Kontext mit der Friedenspolitik sah und hier entscheidende Weichenstellungen für eine neue Entwicklungspolitik vornahm. Das Gemeinsame Wort der Kirchen „Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland“ von 1997 hat in der Debatte über die Modernisierung unseres Sozialstaats eine wichtige Rolle gespielt. Von der Enzyklika „LAUDATO SI´“ erwarte ich die gleiche Resonanz. Wenn etwa der Papst nun auch die Atmosphäre zu einem Gemeinwohlgut erhebt, bedeutet das für die Staaten, dass sie dafür zu sorgen haben, die Ressourcen der Atmosphäre nicht grenzenlos auszubeuten und ihren Nutzen gerecht zu verteilen. Das heißt: Klima- und Emissionsschutz gehört in den Pflichtenkatalog der staatlichen und letztlich auch der globalen Ordnung.

Die Fragen stellte Josef König.

„Die Erde ist ein Geschenk Gottes" Ein Kommentar zur Sache von Stephan Barthelme, Bundesvorsitzender der Katholischen Landjugendbewegung Deutschlands e. V. (KLJB)

Bereits vor einem Jahr gab es erste Anzeichen, dass Papst Franziskus eine ganze Enzyklika dem wichtigen Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit widmen möchte. In den katholischen Verbänden, die stark in Umwelt- und Eine-Welt-Themen engagiert sind, war die Spannung seither groß, denn seit seiner Wahl hat der Heilige Vater durch Wort und Tat für den von vielen Katholiken in den Pfarrgemeinden und Verbänden ersehnten „frischen Wind“ in der Kirche gesorgt. Viele Gläubige spüren, dass sich mit diesem Papst – 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – tatsächlich innerkirchlich etwas bewegen kann. Papst Franziskus ist ein Mann, der die Zeichen der Zeit erkennt und der ernst genommen werden muss.

Dass der Papst sich gerade jetzt – kurz vor dem wichtigen UN-Klimagipfel im Dezember 2015 in Paris – der Umweltthemen annimmt und die Enzyklika „LAUDATO SI´“ veröffentlicht, ist erfreulich: Er leistet damit einen wichtigen Beitrag in der Diskussion, wie wir die Schöpfung Gottes auch für nachfolgende Generationen bewahren können. Den Forderungen nach einem neuen Klimaabkommen verleiht Franziskus besonderen Nachdruck und man spürt, dass er hundertprozentig hinter dem steht, was er schreibt. Die „Sorge für das gemeinsame Haus“, wie es im Untertitel der Enzyklika heißt, ist tatsächlich die Sorge dieses Papstes. Franziskus möchte die Menschheit wachrütteln und sie ermutigen, die Augen vor dem Offensichtlichen nicht zu verschließen: Die Schöpfung Gottes ist wunderbar – die Menschheit aber ist drauf und dran, dieses Geschenk Gottes aufs Spiel zu setzen.

Nicht nur Theorie, sondern Praxis

Wer „LAUDATO SI´“ aufmerksam liest, findet darin reihenweise Handlungsaufforderungen, die natürlich an die Gesellschaft als Ganze, aber auch an die Politik im Speziellen gerichtet sind. Die Sorgen des Papstes um den Planeten, auf dem wir leben, werden sehr deutlich. Man muss sich aber gleichzeitig fragen, ob die Politik diese Sorgen ernst nimmt und wirklich etwas verändern möchte, und ob Worte und Taten im politischen Handeln tatsächlich zusammenpassen.

Papst Franziskus prangert in „LAUDATO SI´“ die Wegwerfkultur an, die nicht nur Ressourcen, sondern auch Menschen wie Abfall behandelt. Er richtet sich an alle Menschen guten Willens, diesen Missstand zu beenden. Wenn es aber darum geht, das Streben nach finanziellem Gewinn und endlosem Wachstum zu überwinden, dann braucht es vor allem die Unterstützung durch die Politik, um der Gesellschaft die Veränderungen zu erleichtern. Doch genau das gestaltet sich derzeit noch schwierig: Denn die Regierungen der reichen Nationen müssten die Ursachen der zahlreichen Probleme anerkennen und somit Teile der Politik der Vergangenheit wie der Gegenwart für gescheitert erklären und umdenken – ein schwerer Schritt! Während das Bevölkerungswachstum häufig als Ursache für die Armut in der Welt angesehen wird, müsste man sich eingestehen, dass das Konsumverhalten reicher Bevölkerungsgruppen und der verschwenderische Umgang mit Ressourcen viel mehr zur Ausbeutung beitragen. Die Politik muss erkennen, dass ökologische Schulden ebenso zu begleichen sind wie rein monetäre.

Wandel des Klimas

Besonders wichtig erscheint dies im Kontext des Klimawandels: Die reichen Nationen müssen ihre Mitschuld durch die Jahrhunderte lange Nutzung von fossilen Brennstoffen ebenso begleichen, wie den Raubbau an Ressourcen und den damit einhergehenden Schaden an Trinkwasser, Grund und Boden. Die deutsche Bundesregierung kann als Vorreiterin auftreten, wenn sie mit ambitionierten Zielen in die Klimaverhandlungen in Paris geht. Die deutschen Vertreterinnen und Vertreter müssen Verantwortung tragen und sich für diejenigen Nationen einsetzen, die besonders die Gefahren des Klimawandels fürchten. Für jene Nationen reicht das bisherig immer postulierte 2-Grad-Ziel nicht aus. Große Teile der pazifischen Inseln würden durch den steigenden Meeresspiegel sowie die Häufung von Extremwetter-Ereignissen schon bei einem Anstieg um mehr als 1,5 Grad unbewohnbar. Deshalb setzen sie sich für ein 1,5-Grad-Ziel ein, dass auch von der deutschen Politik unterstützt werden sollte. Zudem ist es wichtig, dass die unterschiedlichen Klimafonds gut gefüllt sind. Besonders jene zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels werden künftig von Bedeutung sein. Die deutsche Regierung ist dabei in der Vergangenheit schon ambitioniert aufgetreten und muss jetzt die anderen Staaten überzeugen, dass auch sie ihren Beitrag leisten.

Allem voran müssen wir Menschen uns immer wieder vor Augen halten, dass wir alle Teil von Gottes Schöpfung sind. Die Erde ist ein Geschenk Gottes, das wir bewahren müssen, denn der Wert jedes Bestandteils der Schöpfung übersteigt den Wert einer potenziellen Ressource.

 

Katholisch? Landbevölkerung? Jugend? Diese drei vorurteilsbeladenen Merkmale zeichnen die Katholische Landjugendbewegung Deutschlands (KLJB) aus. Sie zählt mit ihren 70.000 Mitgliedern zu den größten Jugendverbänden Deutschlands. www.kljb.org

                            

Kompass Oktober 2015

Kompass_10_2015.pdf

„Mit dem Hauptmann von Kafarnaum“ lautete der Titel der diesjährigen „Woche der Begegnung“ der engagierten katholischen Soldaten. Was sich dahinter verbirgt, wird auf den vier Mittelseiten in der „Reportage vor Ort“ verraten. Dort und an mehreren Stellen im Kompass 10/2015 spielt unvermeidlich die aktuelle Flüchtlingskrise eine wichtige Rolle. Wir schauen zurück auf Antrittsbesuche, Ernennungen und ein ungewöhnliches Familienwochenende – und nach vorn auf ein Buch und einen Film der nächsten Zeit, das Titelthema „Weißbuch“ im November 2015 sowie auf Kalender des Jahres 2016. Das Kreuzworträtsel mit einem attraktiven Gewinn rundet wie immer die Monatsausgabe ab.

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