Anfechtungen der Freiheit

Zu Beginn der 80er Jahre gab es eine wissenschaftliche Debatte über die obskure Theorie des britischen Biologen Rupert Sheldrake, der eine sensationelle Erklärung für ein seltsames Phänomen anbot. Sobald Versuchstiere in einem Labor irgendwo auf der Welt, z. B. in Australien, eine Aufgabe – etwa im Labyrinth – gelöst hatten, gelang dies anderen Tieren anderswo auf der Welt, z. B. in den USA, angeblich sofort schneller – obwohl die Mäuse oder Ratten in keinem beobachtbaren Verhältnis zueinander standen. Wie sollten sie also voneinander lernen? Sheldrake erklärte das damit, dass ein sogenanntes „morphogenetisches Feld“ die Lebewesen weltweit verbinde.

Dieses geheimnisvolle „Feld“ im Weltreich der Labormäuse ist ziemlich sicher Humbug. Aber in der Menschenwelt gibt es längst genau diese Kommunikation aller mit allen. Jede Lösung, die an einem Ort erfunden wurde, jedes neue Verhaltensmuster irgendeiner Menschengruppe steht beinahe sofort jedem anderen Menschen, wo immer er sei, zur Verfügung: durch „alte“ Medien wie Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, aber noch unaufhaltsamer durch die „neue“ Technik von Handy, Internet und Sozialen Netzwerken.

In Zeiten des djihadistischen Terrors ist das ein beunruhigender Befund. So wird nicht nur jede neue Scheußlichkeit binnen Minuten und Stunden in alle Welt verbreitet, geteilt und „geliked“, sondern auch der Nachahmung anempfohlen: Das Selbstmordattentat und der Sprengstoffgürtel, die orangefarbenen Gefangenenkittel und das archaische Köpfen von Andersgläubigen und Abtrünnigen, der amoklaufartige Serienüberfall auf das normale Leben einer Großstadt – all dies wird blitzschnell jeweils zu einem Gefahrenmuster, vor dem – wenn es erst einmal in der Welt ist – sich die Angreifbaren schützen müssen, überall und jederzeit. Und die Schutzreaktion macht gleichzeitig die Bedrohung noch sichtbarer und allgegenwärtiger. Was wiederum die Furcht vergrößert. Furcht lähmt. Deshalb ist es wichtig, die Muster der Gefahr und der Abwehrreaktionen nicht nur zu verbreiten, sondern auch einzuordnen.

Freiheit, Menschenwürde und Demokratie sind starke Werte. Nichts hat weltweit eine größere Anziehungskraft. Deshalb fliehen Verfolgte und Vertriebene nicht irgendwo hin, sondern – wenn sie es schaffen – in die freien westlichen Gesellschaften. Der Westen ist stark. Terror kann ihn nicht bezwingen. Aber die Furcht vor dem Terror kann selbstzerstörerisch sein. Darauf hatte schon die RAF im Herbst 1977 in Deutschland gesetzt. Doch der demokratische Rechtsstaat hat sich behauptet, und die RAF ist Geschichte. Der mörderische Djihadismus von IS und anderen stellt heute eine neue totalitäre Bedrohung unserer freiheitlichen Ordnung dar, so wie es im 20. Jahrhundert andere schreckliche totalitäre Anfechtungen der Freiheit gegeben hat. Deshalb dürfen wir uns auch jetzt nicht die Bilder und Emotionen der Angreifer aufzwingen lassen. Sie zu bekämpfen, scheint, wie die jüngsten Erfahrungen mit militärischen Interventionen des Westens gezeigt haben, nicht leicht zu sein. US-Präsident Obama sagt, eine erneute Intervention am Boden, etwa im Irak oder in Syrien, „wäre eine Wiederholung dessen, was wir schon gesehen haben“. Wir können wahrlich noch nicht behaupten, die Erfolgsformel zu kennen. Aber die freiheitlichen Gesellschaften können, wie die Geschichte zeigt, lernen, auch diesen totalitären Feind vollständig zu bezwingen.

Dr. Hans-Peter Bartels
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages