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Schwarzer Karfreitag

von Reinhold Robbe

Am Karfreitag sitze ich mit einer Gruppe von jungen Künstlern in meinem Berliner Amtssitz in einer Gesprächsrunde zusammen. Die Schauspieler, Sänger und Theatermacher wollen mit mir über die Frage diskutieren, weshalb es so wenig Verbindungen gibt zwischen den Soldatinnen und Soldaten unserer Bundeswehr und den Kulturschaffenden in Deutschland.
Einige meiner Gäste haben bereits persönliche Erfahrungen gemacht. Im vergangenen Jahr  waren sie mit meiner Unterstützung nach Afghanistan gereist, um im deutschen Feldlager Mazar-e Sharif einen musikalischen Abend mit Szenen und Sketchen von Karl Valentin aufzuführen. Ungeachtet der Tatsache, dass es bei der Vorbereitung dieser Reise einige organisatorische Probleme gab, waren alle jungen Künstler tief beeindruckt von der positiven Resonanz ihres nicht gerade alltäglichen Vorhabens. Sie waren – wie sie mir berichteten – mit durchaus „gemischten Gefühlen“ und vielen Fragen im Gepäck nach Mazar-e Sharif gefahren. Keiner der Künstler hatte jemals zuvor hinter eine Kasernenmauer geblickt. Wie würden die Soldaten auf ihre Vorstellung reagieren? Würde es Vorbehalte und gar Ressentiments bei den Gastgebern oder den Gästen geben?

Auf meine Frage, welche persönliche Bilanz die Künstler heute mit einigem zeitlichen Abstand ziehen können, bekam ich ausschließlich positive – ja fast euphorische – Antworten: Eine Opernsängerin zeigte sich besonders beeindruckt von der Begeisterungsfähigkeit des „Publikums in Flecktarn“. Sie habe gespürt, wie gut es den Soldaten getan hätte, zumindest für einen Abend einmal von dem schweren und gefährlichen Dienstalltag ein wenig abschalten zu können. Eine Schauspielerin war voll des Lobes über die Reaktionen der Soldaten auf ihr Stück. Sie hatte sogar den Eindruck, die Soldaten seien viel intensiver bei der Sache gewesen als das übliche Theaterpublikum in der Heimat. Und dem Regisseur der jungen Theaterakteure ist durch diese Reise an den Hindukusch erst richtig klar geworden, „dass wir es nicht bei dieser einmaligen Vorstellung bewenden lassen dürfen“.

Und wenn man wirklich etwas ändern wolle, so der Regisseur weiter, an dem von Bundespräsident Horst Köhler formulierten „freundlichen Desinteresse“ unserer Gesellschaft gegenüber den Soldaten, dann dürfe es nicht bei diesem „Versuchsballon“ bleiben. Er schlug vor, den Theaterabend für die deutschen Soldaten in Afghanistan nicht nur zu wiederholen, sondern gleichzeitig zu überlegen, wie man auch andere Künstler motivieren könne, sich für die Soldaten zu engagieren. Das müsse auf eine verlässliche und kontinuierliche Basis gestellt werden. Und sofort gab es von allen Seiten konkrete Vorschläge, wie dieser Gedanke mit Leben gefüllt werden könnte.

Bevor ich selbst etwas sagen konnte, klingelte mein Handy. Ich unterbrach die Gesprächsrunde. Der Anrufer fragt mich, ob mich die schreckliche Nachricht aus Kunduz schon erreicht habe. Bei schweren, lang anhaltenden Gefechten seien drei deutsche Soldaten gefallen. Zudem gebe es weitere schwer verwundete Kameraden.

Meine Gäste waren wie erstarrt. Betretenes Schweigen. Diesen „schwarzen Karfreitag“ wird sicher niemand der Anwesenden jemals vergessen.