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Krieg und Gewalt im Namen der Religionen

Frau mit Kindern im Flüchtlingslager Delhamieh (Libanon), welches von der Caritas verwaltet wird. ©  flickr / Österreichisches Außenministerium / Dragan Tatic
© flickr / Österreichisches Außenministerium / Dragan Tatic

Ein Thema, das nach den schlimmen Terroranschlägen im Januar – nicht nur in Paris, sondern auch in Nigeria und weltweit – weiterhin sehr aktuell ist: In welchem Verhältnis stehen Gewalt und Religion(en) zueinander?

Dazu äußert sich in der Ausgabe Februar 2015 u. a. der Herausgeber, Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck, in einem eigenen Beitrag.

Quelle: KMS / Doreen Bierdel
Quelle: KMS / Doreen Bierdel

Über das Spannungsverhältnis von Religion und Gewalt

Eine einführende Reflexion von Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck

Am 29. Juni 2014 rief Abu Bakr al-Baghdadi den „Islamischen Staat“ (IS) aus, der aktuell das nördliche Territorium des Iraks und Syriens umfasst, und ernannte sich selbst zum Kalifen. Der Kalif gilt als der Stellvertreter des Gesandten Gottes und damit als politischer und religiöser Führer aller Muslime. Der Inthronisierung vorausgegangen waren massive Gebietsgewinne der IS-Milizen in den sunnitisch dominierten Gebieten im Norden und Westen des Iraks bis kurz vor Bagdad und der von den Kurden eroberten Stadt Kirkuk. In der zweiten Jahreshälfte hat sich der Vormarsch verlangsamt und die Zahl der Gegner (z. B. die Kurden, die irakische Armee, der Iran und die von den USA angeführte internationale Allianz) sowie die Intensität des Widerstands, mit dem sich der IS konfrontiert sieht, haben erheblich zugenommen.

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Die Ereignisse im Irak und Syrien sind vor allem aufgrund der grausamen Methoden ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gerückt, mit denen der IS zum einen Angst und Schrecken unter den diversen Bevölkerungsgruppen in den beiden Staaten verbreitet und gleichzeitig um neue Rekruten – auch in der westlichen Welt – wirbt. Neben der Verschleppung von Frauen und Kindern, Zwangskonvertierungen und der massenhaften Ermordung von Zivilisten steht vor allem das Verhalten gegenüber den ethnischen und religiösen Minderheiten im Fokus des internationalen Interesses. Amnesty International (AI) betitelte einen seiner jüngsten Berichte aus der Region mit dem Befund, dass im Nordirak „ethnische Säuberungen von historischem Ausmaß“1 stattfinden. Betroffen sind assyrische Christen, turkmenische und schabakische Schiiten, Jesiden, Kurden und Mandäer. Beispielsweise wurden Tausende jesidische Frauen und Kinder verschleppt, die Männer ermordet. Wem die Flucht vor den sunnitischen Rebellen nicht gelingt, bleibt nur die Wahl zwischen Konversion oder Tod. Aber auch moderate Sunniten, die etwa unter dem schiitischen Ministerpräsidenten (2006–2014) ein öffentliches Amt übernommen hatten oder schlicht den Herrschaftsanspruch des IS nicht anerkennen, werden von der Miliz verfolgt und getötet (Ende Oktober 2014 wurde z. B.ein Massengrab mit 220 erschossenen sunnitischen Dorfbewohnern westlich von Bagdad entdeckt.).

Die Vereinten Nationen stellten im August eine humanitäre Katastrophe im Irak fest, die Folgen der Gewaltexzesse der IS sind jedoch nicht auf Irak und Syrien begrenzt. Die angrenzenden Staaten wie Jordanien oder der Libanon drohen unter dem Übermaß an Flüchtlingen zu kollabieren. Die Vereinten Nationen gehen von 2 Millionen Binnenflüchtlingen und 200.000 Irakern aus, die in benachbarte Staaten geflohen sind (die Zahlen für Syrien liegen nach dem seit fast vier Jahren schwelenden Bürgerkrieg bei 3,2 Mio. Flüchtlingen in Nachbarstaaten und 6,5 Mio. Binnenflüchtlingen). Ein überwiegend religiös motivierter Konflikt droht somit die gesamte Nahostregion zu destabilisieren.

Politische und religiöse Ansprüche

Die Machtbefugnisse des Kalifen speisen sich aus einem dreifachen Anspruch: Er ist das politische Oberhaupt aller Muslime, er ist die oberste religiöse Autorität und Gehorsamsverweigerung führt zum Status „Abtrünniger“, der mit dem Tod zu bestrafen ist. Das brutale Verhalten des IS in dem eroberten Territorium hat jedoch dazu geführt, dass der politische und religiöse Alleinvertretungsanspruch, der mit der Errichtung des Kalifats einhergeht, weder von anderen muslimischen Staaten noch von der Mehrheit der sunnitischen religiösen Autoritäten akzeptiert wird. Im „Islamischen Staat“ gelten die Regeln und Gesetze der Scharia und des Wahhabismus, die das öffentliche und private Leben streng normieren: Alkohol, Drogen, Tabakwaren und das Tragen von Waffen sind verboten, das Versammlungsrecht ist eingeschränkt, Frauen müssen entweder zuhause bleiben oder sich züchtig bekleiden.

Ziel des „Islamischen Staates“ ist die Konsolidierung der Herrschaft des Kalifen auf dem eigenen Territorium und die tendenziell unbeschränkte Expansion, sein Vertretungsanspruch ist global. Dieser Expansionsdrang und die unmenschliche Behandlung von Minderheiten und „Abtrünnigen“ im „Islamischen Staat“ erfordern es, dass sich die internationale Gemeinschaft und auch die Kirchen mit den Anliegen der terroristischen Organisation auseinandersetzen müssen. Dabei stellt sich schon jetzt die äußerst schwierige Frage, ob man – analog zu den Debatten über die Taliban in Afghanistan – im Zweifelsfall mit Vertretern des IS verhandeln muss, um nach der militärischen Konfrontation eine politische Lösung zu finden, um eine – den internationalen Menschenrechtsstandards genügende – Nachkriegsordnung im Irak und Syrien aufbauen zu können.

Verhältnis zwischen Religion und Gewalt

In den derzeitigen Ereignissen im Irak und Syrien manifestieren sich einige zentrale Beobachtungen: Wir leben in einer Zeit, in der kulturelle und religiöse Konflikte im öffentlichen Diskurs zunehmend wahrgenommen werden. Besonders seit dem Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 in New York stehen Themen wie das Verhältnis von Islam und Christentum, religiöser Fundamentalismus und religiös motivierte Gewalt auf einmal wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Die aktuellen Entwicklungen im Rahmen des IS-Terrors zeigen außerdem die Notwendigkeit, grundlegend über das Verhältnis von Religion und Gewalt zu reflektieren. Jeden Tag werden wir in den Medien mit Grausamkeiten konfrontiert, die im Namen von sogenannten religiösen Idealen vollzogen werden. Wo die Religion in der öffentlichen Debatte viele Jahre nur noch im Kontext ihres Bedeutungsverlustes zur Sprache kam, scheint sie am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr ohne Bezug auf ihr vermeintliches Gewaltpotenzial besprochen werden zu können.

Verfolgt man die Diskussion über das Verhältnis von Religion und Gewalt, so wird deutlich, dass sie von zwei Lagern beherrscht wird. Die erste Richtung geht von einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit von Religion und Gewalt aus und sucht die Ursachen der Gewaltausschreitungen im nicht-religiösen Bereich. Im Gegensatz dazu tendiert die zweite Richtung zu der Annahme, dass Religion immer mit Gewalt einhergeht und gerade die Religion selbst es ist, die solche unmenschliche Ausschreitungen hervorbringt und begründet. Durch die aktuellen Ereignisse in Rahmen einer zunehmenden religiös motivierten Terrorismusbedrohung könnte außerdem leicht den Eindruck entstehen, dass vor allem vom Islam ein extremes Gewaltpotenzial ausgeht und die islamische Religion von ihrem Wesen her Gewalt legitimiere.

Blick in die Geschichte

Eine tiefer gehende Darstellung zu diesem komplexen Sachverhalt zu formulieren, würde den Rahmen dieser Auseinandersetzung sprengen. Dennoch hilft ein kurzer Blick in die Geschichte des Verhältnisses von Religion und Gewalt, um wesentliche Aspekte dieses Verhältnisses differenzierter zu beleuchten.

Historisch gesehen kann man feststellen, dass Religion und vor allem die Expansion bestimmter Glaubensgemeinschaften – allzu oft – mit der Anwendung roher Gewalt einhergegangen sind. Während des Christianisierungsprozesses unter Kaiser Konstantin sowie im Rahmen christlicher Missionen und Kreuzzüge wurde teilweise mit „Wellen des Terrors“ gegen nicht-christliche Völker vorgegangen. Diese „Wellen des Terrors“ vernichteten Anders-Gläubige, die nicht zur Konversion bereit waren, sowie nicht-christliche Heiligtümer und als heidnisch bezeichnete Kulturen. Doch nicht nur historisch betrachtet scheint auch das Christentum nicht unschuldig in Bezug auf Gewaltanwendung zu sein. Noch heute kämpft z. B. die Lord’s Resistance Army unter der Führung von Joseph Kony (nach ihrer Vertreibung aus dem Norden Ugandas) im Südsudan und im Norden der DR Kongo, angeblich um einen „theokratischen” Staat zu errichten.

Es wäre falsch zu behaupten, dass nur von radikalen Islamisten ein Gewaltpotenzial ausgeht. Ein Blick in die Vergangenheit und Gegenwart zeigt, dass überall dort, wo religiöse Motive mit universalen Geltungsansprüchen, imperialistischen Tendenzen sowie weiteren politischen oder wirtschaftlichen Zielen einhergehen, ein gefährliches Gewaltpotenzial latent ist. Es muss also zwischen fundamentalistischen, radikalen oder politisierenden Strömungen, die die Religion verzwecken und der Religion selbst deutlich differenziert werden. Die gewaltsame Durchsetzung einer Religion oder ein gewaltsames Vorgehen im Namen dieser Religion agiert gegen deren eigene Grundlagen. Im Islam wie im Christentum gibt es keinen Gott, der die Menschen aufruft, Gewalt auszuüben.

Für Christen steht das gewaltfreie Vorbild Jesu in dessen Leben, Tod und Auferstehung im Mittelpunkt der religiösen Praxis. Erst im letzten Jahr wurde im Vatikan von der Internationalen Theologischen Kommission ein Dokument verabschiedet („Der dreifaltige Gott, Einheit der Menschen – Der christliche Monotheismus gegen die Gewalt“)2 , in dem betont wird, dass das Christusereignis radikal „jede Berufung auf eine religiöse Rechtfertigung der Gewalt” (Nr. 51) ablehnt.3

Gewalt im Namen Gottes?

Wenn es stimmt, dass die Religionen von sich aus keine Gewalt legitimieren, ist zu fragen, woran es liegt, dass die Menschheitsgeschichte trotzdem schon seit Jahrhunderten von religiösen Kriegen, religiöser Gewalt und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen verschiedener Glaubensgemeinschaften geprägt zu sein scheint. Eine erste Antwort auf diese Frage liefert vielleicht die Annahme, dass die Entstehungsgründe religiöser Gewalt nicht religiöser, sondern andersartiger Natur sind. In diesem Zusammenhang könnte man sagen, dass der Gott, mit dem Gewalt legitimiert wird, eher die Gestalt eines public God’s annimmt, auf dessen Autorität sich jedermann scheinbar beliebig beruft. Ein public God in diesem Sinne hat mit Gott im eigentlichen Sinn nichts mehr gemein.

Religiöse Gewalt entsteht dann, wenn Menschen mit Wahrheitsansprüchen in Bezug auf die Existenz oder den Willen Gottes gegen andere vorgehen. Es geht mit anderen Worten bei den gewaltsamen Ausschreitungen, wie wir sie heute und in der Vergangenheit wahrnehmen können, an erster Stelle nicht um eine Gewalt, die religiös begründet ist, sondern die religiös gerechtfertigt wird. „Dort, wo Religion draufsteht, ist in der Regel keine Religion drin.“ Die Instrumentalisierung der Gottesmacht bei der Durchsetzung politischer oder anderer nicht-religiöser Ziele bildet die größte Gefahr für unsere Zeit.

Nachhaltiges religiöses Friedensengagement in religiös motivierten Konflikten ist möglich und heutzutage mehr als erforderlich. Wenn wir uns auf das Friedenspotenzial aller Religionen konzentrieren, ist sogar ein kooperatives interreligiöses Vorgehen gegen Gewalt in Krisensituationen eine reale Möglichkeit. Religiöse Akteure können dank dieses Friedenspotenzials innerhalb der Religion in der Friedensbildung und Friedenskonsolidierung eine wichtige Rolle spielen. Nicht zuletzt ist das gemeinsame Gebet aller Religionen um den Frieden, das Papst Johannes Paul II. 1986 in Assisi begonnen hat, ein gemeinsamer Versuch aller friedlichen Gläubigen, die Verzweckung von Religion für Gewalt zu überwinden.

1 Vgl. AI, Ethnic cleansing on a historic scale. The Islamic State’s systematic targeting of minorities in northern Iraq, London, September 2014.

2 http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/cti_documents/rc_cti_20140117_monoteismo-cristiano_ge.html

3 Herder Korrespondenz Jg. 68/ 3, März 2014, S. 117–119.


Quelle: Maurizio Lupi / flickr
Quelle: Maurizio Lupi / flickr

„Wenn sie mich töten, kann ich nichts machen“

Ignatius Kaigama muss jeden Tag damit rechnen, von der Terrorgruppe Boko Haram ermordet zu werden. Der Erzbischof von Jos im Norden Nigerias sprach im domradio-Interview über islamistische Gewalt und forderte Hilfe aus der EU.

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© flickr / U.S. Islamic World Forum / Paul Morse 2012
© flickr / U.S. Islamic World Forum / Paul Morse 2012

„Unsere Aufklärung war fehlerhaft“

Angesichts der Gräueltaten, die die IS-Miliz und Fundamentalisten in Israel und Palästina begehen, könnte man meinen, die Welt wäre besser ohne Religion. Karen Armstrong, britische Religionswissenschaftlerin und ehemalige Nonne, sieht das anders.

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Quelle: Katharina Eglau
Quelle: Katharina Eglau

Kommentar: Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht?

Ein Kommentar von Dr. Martin Gehlen

Er ist seit 2008 Nahostkorrespondent in Kairo und arbeitet für Tageszeitungen in Deutschland,Österreich und der Schweiz.

Seit Monaten hält eine Welle bestialischer Verbrechen die Welt in Atem – verübt im Namen des Islam, wie die Täter deklamieren. In Syrien enthaupteten die Terroristen westliche Geiseln. In Irak und Syrien massakrierten sie Tausende Opfer – Muslime, Christen und Jesiden gleichermaßen. In Pakistan ermordeten sie 132 Schulkinder, in Kanada exekutierten sie einen Soldaten im Zentrum von Ottawa. In Sydney nahmen sie australische Cafébesucher als Geiseln. In Nigeria metzelten sie Dutzende Dörfer nieder – und in Paris töteten sie jetzt insgesamt 17 Menschen bei einem Anschlag auf das Büro von „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt.

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Wie gewalttätig ist der Islam?

Wie ist diese spektakuläre Häufung religiös motivierter Gewalttaten zu erklären? Wie gewalttätig ist der Islam? Und was könnte in den nächsten Jahren noch an Horror auf die Menschheit zukommen? Von Lehrfundament und Ethos her ist der Islam nicht gewalttätiger als Christentum und Judentum – so der überwiegende Konsens unter den Fachleuten. Passagen, die von Gewalt oder Krieg reden, sind im Koran ähnlich selten wie in der Bibel. Und trotzdem befindet sich der Islam, vor allem der sunnitische Islam, derzeit in der schwersten Legitimationskrise seiner modernen Geschichte. Denn so wie er sich heutzutage als religiöse Institutionen organisiert, kann der Islam seine Kernbotschaft gegen die Fanatiker in den eigenen Reihen nicht mehr kohärent formulieren.

Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Sind Selbstmord-Attentäter Massenmörder oder Aspiranten für das Paradies? Entsprechen das Abschlagen von Kopf und Gliedmaßen, das Auspeitschen bei religiösen Verstößen der Lehre des Islam oder nicht? Warum ist der Eintritt in den Islam frei, der Austritt dagegen nach der Scharia mit dem Tode bedroht? Warum werden Frauen im islamischen Personenstandsrecht bis heute diskriminiert? Warum dürfen Nicht-Muslime nicht nach Mekka und Medina? Warum dürfen Christen auf dem Boden von Saudi-Arabien, dem Ursprungsland des Islam, keine Kirchen bauen und noch nicht einmal Gottesdienst feiern? Und wie hält es die islamische Doktrin mit der modernen Toleranz gegenüber Andersgläubigen oder Nichtgläubigen?

Normal oder radikal?

„Die Islamisten haben im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben schlicht die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert“, urteilt der Palästinenser Ahmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Ihre Haltung zum Umgang mit „Ungläubigen“, zur religiösen Gemeinschaft der Muslime oder zur Rolle von Mann und Frau unterscheide sich nur graduell, nicht prinzipiell. Insofern verdankten die radikalen Strömungen ihre Gefährlichkeit nicht so sehr der Differenz zum „normalen“ Islam als vielmehr der Ähnlichkeit.

Kein Wunder, dass sich angesichts dieser systematischen Unschärfe zwischen normal und radikal nicht mehr überzeugend darlegen lässt, wie das moralische Fundament des Islam und seine Anthropologie eigentlich aussehen. Herkömmliche Theologie und Koranausbildung im Nahen Osten sind den Herausforderungen der modernen Welt nicht mehr gewachsen. Das geistliche Establishment der sunnitischen Gelehrten in der arabischen Region wirkt kraftlos, kleinkariert und autoritär erstarrt – unfähig, gegen die blutrünstigen Verirrungen aufzustehen, geschweigen denn sie zu korrigieren.

Was gilt?

So brauchte der saudische Obermufti geschlagene zwei Monate und erst eine wütende TV-Gardinenpredigt von König Abdullah über die Faulheit und das Schweigen der Klerikerkaste, bis er den „Islamischen Staat“ (IS) öffentlich verurteilte. Zwei Jahre zuvor hatte der 71-jährige Chefprediger des saudischen Hofes noch selbst in einer Fatwa gefordert, den Bau christlicher Kirchen auf der arabischen Halbinsel zu verbieten und bereits bestehende zu zerstören. Ahmad Mohammad al Tayyeb, Chefgelehrter von Kairos Al Azhar-Universität, die sich gerne im Ruf der wichtigsten Lehranstalt des sunnitischen Islam sonnt, nannte den IS gar eine „zionistische Verschwörung“, die die arabische Welt auf die Knie zwingen soll. Ähnlich halbherzig und nebulös fallen auch andere Abgrenzungen zu der Gewaltbotschaft der Jihadisten aus. Und nur ganz wenige pochen auf eine breite innermuslimische Debatte zu den geistigen Wurzeln der Radikalen.

Einer ist Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sissi, der kürzlich mit den geweihten Azhar-Häuptern entnervt ins Gericht ging. Alles, was den Muslimen heilig sei, werde inzwischen im Rest der Welt als Quelle von Angst, Gefahr, Tod und Zerstörung wahrgenommen. „Wir brauchen eine religiöse Revolution“, rief er aus und plädierte für eine moderne, aufgeklärte Neuinterpretation der heiligen Texte. „Ihr Imame seid vor Allah verantwortlich. Die gesamte Welt wartet jetzt auf eure nächsten Schritte. Denn die Gemeinschaft der Muslime wird zerrissen und zerstört. Sie ist dabei unterzugehen – und zwar durch unsere eigenen Hände.“

                            

Kompass Februar 2015

Kompass_02_2015.pdf

Der erste Internationale Soldatengottesdienst des Jahres in Köln ist der Inhalt der Reportage vor Ort 02/15. Daneben wird über eine Reihe von Ehrungen und Jubiläen in der „Kirche unter Soldaten“ sowie über den Jahresbericht 2014 des Wehrbeauftragten informiert. Junge Menschen stehen im Fokus des BDKJ, der „aktion kaserne“ und des Ökumenischen Jugendkreuzwegs. Über die Lourdes-Wallfahrt im Mai unter dem Motto „Was hast du mit deinem Bruder gemacht?“ hinaus, wird auch zu weiteren Weltfriedenstags-Gottesdiensten und Soldatenwallfahrten eingeladen. Ein Buch-, ein DVD-Tipp und das Wort eines Militärseelsorgers „Vom Dunkel zum Licht“ vervollständigen die Vielfalt des angebotenen Lesestoffs.

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