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Welttag des Friedens

© ILO / A. Khemka
© ILO / A. Khemka

Das Jahr und der Monat Januar 2015 beginnen – wie seit fast 50 Jahren – am 1.1. mit dem Weltfriedenstag. Papst Franziskus hat ihn wiederum der „Geschwisterlichkeit“ gewidmet und ihm das Motto gegeben: „Nicht länger Sklaven, sondern Brüder und Schwestern!“ C. Strässer, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, geht besonders auf Kinderarbeit ein, P. Spiegel, MISEREOR-Geschäftsführer, antwortet im Interview auf Fragen zu „moderner Sklaverei“ und Erzbischof L. Schick kommentiert u. a. den Menschenhandel.

Immer wieder spielen in den Beiträgen zum Kompass-Schwerpunkt die Botschaft von Papst Franziskus vom 10.12.2014 sowie die Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz dazu eine Rolle. Auch die Ergebnisse der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und die Zahlen des „Global Slavery Index 2014“ werden mehrfach zitiert.

Grundsatz: „Kann mein Kind einen Traum haben?“ von Christoph Strässer

Menschenhandel, Zwangsprostitution, Kinderarbeit: Jede Erscheinungsform moderner Sklaverei ist eine schwere Verletzung elementarer Menschenrechte. Staaten und Zivilgesellschaft müssen vor allem die Kinder besser schützen.

„Meine lieben Kinder dieser Welt“, sagte Kailash Satyarthi vor wenigen Wochen im Osloer Rathaussaal, „mit Wärme um mein Herz erinnere ich mich daran, wie befreit ich mich fühlte, wann immer ich ein Kind aus der Sklaverei befreite. Tausende Male. Im ersten Lächeln der Kinder sah ich Gottes Lächeln.“ Er hatte soeben für seinen Kampf gegen Kinderarbeit und für die Menschenrechte der Kinder gemeinsam mit der 17 Jahre jungen Pakistanerin Malala Yousafzai den Friedens-nobelpreis erhalten.

Mehr als 80.000 Kinder erlöste der gelernte Elektroingenieur Kailash Satyarthi mit seinen Initiativen aus ihren Martyrien. Kinder, die Tafeln und Stifte produzierten, aber nie lernten, mit diesen zu schreiben. Kinder, die Teppiche knüpften, in Bergwerken und auf Feldern arbeiteten, anstatt ihre Kindheit zu erleben und zu spielen. „Noch immer steht er an vorderster Front, tritt Türen maroder Fabriken ein, in denen Kinder im Halbdunkel 12 Stunden pro Tag schuften. Seine Razzien sind Legende und machten ihn in seiner Heimat zu einem Helden der Armen“, schrieb die „Welt“ über den Friedensnobelpreisträger.

Satyarthi erzählte in seiner Osloer Rede von einem hageren kleinen Jungen, dem er vor 20 Jahren im Himalaya begegnete. Er fragte ihn: „Ist die Welt so arm, dass sie mir kein Spielzeug und kein Buch geben kann, anstatt mich zu zwingen, ein Werkzeug oder eine Waffe in die Hand zu nehmen?“ Er erzählte von einem sudanesischen Kind, entführt von einer extremistischen Miliz, missbraucht als Kindersoldat. Die Miliz zwang ihn, seine eigene Familie zu töten. Der Junge fragte Kailash Satyarthi: „Was ist mein Fehler?“

Vor 12 Jahren traf er in Kolumbien eine Mutter, Opfer des Menschenhandels, vergewaltigt, versklavt, die ihn fragte: „Ich hatte nie einen Traum. Kann mein Kind einen Traum haben?“ Nun, vor der Weltöffentlichkeit, sagte Satyarthi: „Es gibt keine größere Gewalt, als unseren Kindern ihre Träume zu verwehren.“

Mindestens 21 Millionen Menschen leben in moderner Sklaverei

Kinderarbeit in Indien und vielen anderen Staaten der Erde ist eine der Erscheinungsformen moderner Sklaverei. Zu ihren Opfern zählen nach Berechnungen der Internationalen Arbeits-organisation ILO weltweit etwa 21 Millionen Menschen, davon 11,4 Millionen Mädchen und Frauen und 9,5 Millionen Jungen und Männer. Die Arbeitskraft von fast 19 Millionen Menschen wird von kriminellen Einzelpersonen und Unternehmen ausgebeutet, etwa 4,5 Millionen von ihnen sind Opfer erzwungener sexueller Ausbeutung. Über zwei Millionen Menschen werden Opfer von Menschenhandel und Zwangsarbeit durch Staaten und Rebellengruppen. Die ILO beziffert die Einnahmen aus diesen Verbrechen mit jährlich etwa 150 Milliarden US-Dollar.

Für den Global Slavery Index 2014 hat ein Wissenschaftlerteam der Walk Free Foundation, einer Menschenrechtsorganisation, die ihre Ursprünge in Australien hat und sich inzwischen global gegen moderne Sklaverei engagiert, die Situation in 167 Staaten untersucht und gar eine Zahl von 35,8 Millionen Menschen, die sich weltweit in moderner Sklaverei befinden, errechnet. Der Unterschied in den Zahlen zeigt, wie hoch die Dunkelziffer ist.

Dabei ist Menschenhandel der Oberbegriff für eine Vielzahl von Erscheinungsformen organisierter, grenzüberschreitender Kriminalität, die mit schwersten Menschenrechtsverletzungen verbunden ist. Das Palermo-Protokoll der Vereinten Nationen zur Verhinderung, Bekämpfung und Strafverfolgung des Menschenhandels, dem Deutschland 2006 beitrat, definierte erstmals einen Begriff: Danach ist Menschenhandel u. a. die Anwerbung und Verbringung von Menschen durch Drohung oder Gewalt, durch Entführung, durch Machtmissbrauch, Täuschung oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, der Zwangsarbeit oder Zwangsdienstbarkeit, der Sklaverei, Leibeigenschaft oder zur Entnahme von Organen.

Wachsamkeit und Verantwortung

Die Europarats-Konvention zur Bekämpfung des Menschenhandels, die 2013 in Deutschland in Kraft trat, ist das erste völkerrechtliche Übereinkommen, das den Opferschutz in den Mittelpunkt stellt. Es bestimmt den Grundsatz der Nichtabschiebung bei Verdacht auf Menschenhandel. Auch soziale Rechte, Aufenthalts- und Entschädigungsrechte regelt das Abkommen. Die EU-Strategie zur Beseitigung des Menschenhandels setzt neben einer effektiven Strafverfolgung ebenfalls auf den Opferschutz.

Beim Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, der 2015 unter dem Vorsitz des deutschen UNO-Botschafters in Genf, Joachim Rücker, tagt, besteht seit zehn Jahren das Mandat eines Sonderberichterstatters für Menschenhandel, das zuletzt 2014 auf Initiative Deutschlands und der Philippinen verlängert wurde. Auch eine Sonder-berichterstatterin für moderne Formen der Sklaverei hat der Menschenrechtsrat berufen.

Deutschland wird sich national und international weiter engagiert gegen Menschenhandel mit allen seinen Phänomenen einsetzen. Das erfordert große Anstrengungen in der grenzüberschreitenden Kriminalitätsbekämpfung. Ein wirksamer Opferschutz bedarf der Wachsamkeit und Verantwortung: Offene Ohren gegenüber Flüchtlingen, die in die Europäische Union und nach Deutschland kommen. Sind sie in ihren Herkunftsländern oder auf dem langen Weg nach Europa verschleppt worden, missbraucht worden, was mussten sie für ihre kriminellen Schleuser tun, woher kam das Geld für die Flucht? Offene Ohren für junge Frauen, die in deutschen Bordellen arbeiten. Ein kritisches Hinterfragen der Arbeitsbedingungen derjenigen Menschen, die T-Shirts und Jacken genäht haben, die wir hierzulande zu Billigpreisen kaufen können. Die Verantwortung, nicht wegzusehen, obliegt jedem Einzelnen.

Die Kirche und der Papst

Die Kirchen und viele zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte sorgen für Menschen, die Opfer von Menschenhandel und moderner Sklaverei geworden sind. Sie sind Zufluchtsort etwa für junge Frauen, die aus der Zwangspros-titution entkommen. Dieses Engagement wird von unzähligen Menschen getragen, die in den Gemeinden am 1. Januar 2015 den Weltfriedenstag feiern.

Papst Franziskus hat in seinem noch jungen Pontifikat einen Schwerpunkt auf die Bekämpfung des Menschenhandels gesetzt. „Slaves no more. We are all brothers and sisters“, twitterte er im Dezember 2014 nach einem Treffen mit Spitzenvertretern anderer Weltreligionen. „Menschenhandel ist eine Wunde im Körper der heutigen Menschheit. Er ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, erklärte er. In der Mitteilung des Vatikans zum Weltfriedenstag heißt es, es sei beschämend, dass kriminelle Einzelne und Gruppen weltweit von der modernen Sklaverei profitierten, indem sie die vielen Konflikte, die Wirtschaftskrise und die Korruption auf der Welt ausnutzten.

Damit hat Papst Franziskus die Aufgabe definiert, um die es auch aus meiner Sicht geht: Die Bekämpfung von Ausbeutung und Menschenhandel ist eine elementare Herausforderung an den internationalen Menschenrechtsschutz, dafür zu sorgen, dass die universellen und unteilbaren Rechte auf Leben, Freiheit und Sicherheit, und die Würde jedes Einzelnen, die Kern jedes Freiheits- und Selbstbestimmungsrechts ist, die von moderner Sklaverei betroffenen Menschen auch tatsächlich schützen.

Deutschland trägt international Verantwortung für Krisenprävention und friedliche Konfliktbewältigung. Dieses Engagement ist auch deshalb essenziell, weil nichts mehr Menschen in moderne Sklaverei treibt als Krisen und Konflikte. Dass Pakistan, der Kongo, Sudan, Syrien und die Zentralafrikanische Republik nach dem Global Slavery Index 2014 zu den zehn Staaten der Erde mit der größten Zahl ausgebeuteter und versklavter Menschen gehören, belegt dies. Wo Gemeinwesen, Infrastruktur und Rechtsordnung zusammenbrechen, sind Menschen schutzlos gegenüber Willkür, Gewalt und Machtmissbrauch.

Besonders schutzlos sind die Kinder. Die, um deren Würde und Freiheit sich Kailash Satyarthi in so beeindruckender Weise kümmert. Der Friedensnobelpreis für ihn ist Auftrag und Verpflichtung an uns alle.

 

Zum Autor:

Christoph Strässer ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages und war von 2005 bis 2014 Sprecher der Arbeitsgruppe „Menschenrechte und humanitäre Hilfe“ der SPD-Fraktion. Seit dem 29. Januar 2014 ist Strässer Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt.

Interview mit Monsignore Pirmin Spiegel

„Der Mensch wird als Mittel und nicht als Zweck behandelt.“

Kompass: Die Leitidee des diesjährigen Gebets der Christen und aller Menschen guten Willens für den Frieden in der Welt, zu dem der Heilige Vater alljährlich einlädt, rückt ein Phänomen in den Mittelpunkt, von dem wir angenommen haben, dass es so etwas nicht mehr gibt: „Nicht länger Sklaven, sondern Brüder und Schwestern“, so das Motto. Gibt es im 21. Jahrhundert noch oder schon wieder Sklavenhalter? Oder anders gefragt, gibt es „modernes Sklaventum“?

 

Pirmin Spiegel: Laut Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gibt es weltweit rund 21 Millionen versklavte Menschen. Worin bestehen die Ursachen der Sklaverei? In der Wurzel liegt ein Verständnis, in dem der Mensch als Gegenstand behandelt wird. Seine geschenkte und unverlierbare Würde wird von anderen Menschen nicht respektiert, ja sogar mit Füßen getreten. So sagt es auch Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag: Der Mensch „wird mit Gewalt, mit List oder durch psychischen bzw. psychologischen Zwang seiner Freiheit beraubt, kommerzialisiert und zum Eigentum eines anderen herabgemindert; er wird als Mittel und nicht als Zweck behandelt“.

 

 

Besonders der Gefahr ausgesetzt, in Sklaverei und Knechtschaft zu geraten, sind Menschen, die in instabilen Verhältnissen und Armut leben und die in Ländern leben, in denen der Staat die Einhaltung der Menschenrechte nicht garantiert. Fehlende Ausbildung, Mangel an würdigen Arbeitsplätzen und Diskriminierung sind weitere Faktoren, die der Sklaverei ähnliche Arbeitsverhältnisse fördern. Andere Menschen nutzen diese Situationen aus, um sich selber zu bereichern – und machen ihren Nächsten zum Gegenstand. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle. „Moderne Sklaverei“ zeigt sich in vielen traditionellen Strukturen und Verhaltensweisen gegenüber Frauen und Mädchen. Laut ILO sind 55 Prozent aller Opfer weiblich. Anfällig für rechtlose Arbeitsverhältnisse sind zudem „illegale Migranten“: Sie kommen etwa in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die großen Städte. Dafür haben sie teilweise ihr gesamtes Vermögen an einen Schlepper oder Arbeitsvermittler bezahlt. In der Stadt angekommen, müssen sie auch ausbeuterische Arbeit annehmen, um zu überleben. Wehren können sie sich so gut wie nicht.

 

 

Kompass: In welchen Formen der Sklaverei und sklavereiähnlichen Abhängigkeiten ist dieses ausgeprägt? In welchen Ländern ist dies besonders deutlich?

 

 

Pirmin Spiegel: Sklaverei gibt es weltweit. Die meisten Opfer von Zwangsarbeit müssen als Prostituierte, in der Landwirtschaft, auf dem Bau, in Fabriken, Minen und in privaten Haushalten arbeiten. Auch zwangsverheiratete Frauen und Mädchen zählen dazu. Versklavte Menschen erhalten keine oder nur sehr geringe Bezahlung, leben und arbeiten unter entwürdigenden Umständen, haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und können sich nicht ausreichend ernähren. Kindern wird zudem das Recht auf Bildung verwehrt.

 

 

So müssen im Tschad schon Neunjährige als Rinderhirten bei Wind und Wetter auf den Weiden stehen. Manche wurden von ihren Eltern an die Züchter verkauft, andere einfach geraubt. Die Eigentümer der Viehherden sind die oft neureichen, politischen und ökonomischen „Eliten“ der Hauptstadt. Werden die Hüte-Kinder krank, bedeutet das für viele den Tod, weil sie keine ärztliche Behandlung erhalten. Geht ein Tier verloren, werden sie gedemütigt und verprügelt. Wer es schafft, der Tortur zu entkommen, ist traumatisiert.

 

 

Auch aus Kamerun berichten uns Partnerorganisationen vom Leben und Leiden viel zu junger Haushaltshilfen. Oft zwingt Armut die Eltern dazu, ihre Kinder zu verkaufen. Doch auch fehlende Bildung, Zerfall der Familien und die Ignoranz der Gemeinschaft fördern das Geschäft mit Kindern, das einige wenige sehr reich macht. Kamerun ist jedoch kein Einzelfall. In ganz Afrika werden Kinder als billige Haushaltshilfen missbraucht. In der Karibik haben die Haitianer sogar einen eigenen Begriff für Kinder, die als Haussklaven arbeiten: „Restavek“ vom Französischen „rester avec“, also „bei jemandem bleiben“. Restaveks stammen in der Regel aus armen, kinderreichen Familien. Die Eltern geben ihre Kinder als Haushaltshilfen an alleinstehende oder verwitwete ältere Menschen, an wohlhabendere Verwandte oder auch an Fremde in der Stadt. Im Gegenzug sollen sie bei diesen leben und zur Schule gehen können. Soweit die Idee. In der Realität müssen jedoch schon kleine Kinder schwere Arbeit verrichten: Wasser in großen Kanistern holen, Feldarbeit leisten oder die Kinder der Familie betreuen. Die wenigsten gehen zur Schule. Viele werden misshandelt. Nach dem Erdbeben 2010 stieg der „Handel“ mit Restaveks stark an. Die Kinder, die bereits als „Haushaltshilfen“ bei Familien wohnten, wurden in der Not als Letzte versorgt oder einfach im Stich gelassen.

 

 

In Brasilien gibt es Sklaverei vor allem in Bereichen der Landwirtschaft. Ein weit verbreitetes Phänomen ist, dass Arbeitswillige auf Lastwagen mitgenommen werden – zu weit entfernten Plantagen. Am Zielort wird ihnen der versprochene Lohn für die Arbeit allerdings selten ausgezahlt, da sie die Kosten für Transport und Unterbringung abbezahlen müssen. Wer es nicht schafft, aus eigener Kraft nach Hause zurückzukehren, ist den Plantagenbesitzern und Vermittlern ausgeliefert. Noch vor einigen Jahren wurden Prüfbeamte der brasilianischen Arbeitsagentur im Norden des Bundesstaates Minas Gerais ermordet, weil sie solchen Arbeitsverhältnissen auf der Spur waren. Am Menschenhandel haben einfach zu viele zu lange und zu gut verdient.

 

 

Die meisten Sklavinnen und Sklaven gibt es in Asien. In Indien herrschen teilweise noch immer feudale Arbeitsverhältnisse und Schuldknechtschaft (bonded labour) vor: Kastenlose oder Angehörige der unteren Landarbeiterkasten können von ihrem Lohn nicht leben, verschulden sich und müssen, um sich zu „entschulden“, weiter arbeiten. Ganze Familien schuften so, ohne jede Aussicht, eines Tages schuldenfrei zu sein. Oft werden die Schulden auf die nächste Generation übertragen. Auch Kinderarbeit in Teppichfabriken, der Billigschmuck-Industrie oder Steinbrüchen ist noch an der Tagesordnung. Teilweise werden die Kinder gekidnappt. Teilweise zwingt die Armut der Eltern, die oft genug selbst als Kinder gearbeitet hatten, sie dazu.

 

 

Wir wissen bei MISEREOR von Äthiopierinnen, Filippinas und Kambodschanerinnen, die als Hausmädchen im Nahen Osten arbeiten. Um sie zu kontrollieren, nehmen ihre Arbeitgeber ihnen Pässe und Handys weg. Für ihre Arbeit bezahlt werden sie oftmals nicht. Das Beispiel der Arbeiter, die auf katarischen Baustellen Stadien für internationale Sportereignisse bis hin zur Fußball-WM 2022 hochziehen, ist ebenfalls bekannt. Aber auch in Europa arbeiten Tausende Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen. Es wird geschätzt, dass jährlich mehr als 10.000 Frauen in der Bundesrepublik zur Prostitution gezwungen werden.

 

 

Kompass: Welche Erfahrungen liegen bei Misereor im Kampf gegen moderne Formen der Sklaverei vor? Was ist politisch, rechtlich und aus Sicht des Bischöflichen Hilfswerkes zu tun, um den modernen Formen der Sklaverei Einhalt zu gebieten?

 

 

Pirmin Spiegel: Wichtig ist es, die Gründe zu bekämpfen – durch Bildung, Information und Aufklärung sowie die Unterstützung marginalisierter Bevölkerungsgruppen wie etwa Kastenloser oder Frauen. Auch politische Lobbyarbeit ist von zentraler Bedeutung, um das Leben der entrechteten Menschen nachhaltig zu ändern. Und natürlich muss man den Betroffenen selbst helfen – durch psychosoziale Betreuung beispielsweise oder Ausbildungsangebote für befreite Sklavenarbeiter. Drittens müssen die, die unbewusst oder fahrlässig von Sklavenarbeit profitieren, ihre faktische Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Menschen überwinden. Da helfen die Initiativen des Fairen Handels, Alternativen zu entwickeln.

 

 

Aus unserer Projektarbeit kann ich beispielsweise einige Initiativen nennen: So arbeiten wir in Brasilien mit der bischöflichen Landpastoralkommission CPT bei ihrer Kampagne gegen trabalho escravo, also Sklavenarbeit, zusammen. Da in manchen ländlichen Regionen nur wenige Menschen lesen und schreiben können, klärt CPT in Comics über die Gefahren des „Mitgehens“ mit den Arbeitsvermittlern auf. Darüber hinaus gibt es Schulungen und Aufklärungsveranstaltungen sowie Lobbyarbeit auf politischer Ebene.

 

 

In Indien unterstützen wir unter anderem Straßenkinder dabei, zur Schule zu gehen und eine Ausbildung zu machen. So werden sie davor geschützt, ihre Freiheit zu verlieren. Und im Tschad setzt sich unsere Partnerorganisation Association Tchadienne pour la défence et la Promotion des Droits de l’Homme (ATPDH) seit Jahren für die Hüte-Kinder ein. ATPDH sensibilisiert Behörden und religiöse Oberhäupter, arbeitet mit Eltern und Lehrern zusammen, um die Kinder besser zu schützen. Und sie kämpft dafür, dass Verkäufer und Käufer der Kinder sowie deren Komplizen strafrechtlich verfolgt werden, denn die Straflosigkeit macht es erst möglich, dass die Rechte dieser Kinder so schwer verletzt werden.

 

 

Um den Menschenhandel zu bekämpfen, hat die Justice and Peace Commission (JPC) der Erzdiözese Bamenda in Kamerun ein Monitoringsystem entwickelt. In den vergangenen Jahren haben die Mitarbeiter rund 420 Opfer von Menschenhändlern befreit und psychosozial betreut. Gleichzeitig setzen sie sich auf der politischen Ebene für ein Ende der Sklaverei ein. Das ist nicht einfach. Oft fehlt es am politischen Willen, die Situation der Sklavenarbeiter, Zwangsprostituierten und Kindersklaven zu beenden. In vielen Ländern gibt es eine große Diskrepanz zwischen der Gesetzeslage und der gelebten Realität.

 

 

Wir unterstützen daher in allen Ländern, in denen wir arbeiten, Organisationen, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Denn eigentlich dürfte es nach Anerkennung der Menschenrechte – in diesem Fall vor allem der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte – keine Sklaverei geben. Wichtig ist auch, das Thema auf der internationalen Ebene sichtbar zu machen. Deshalb unterstützen wir Partnerorganisationen dabei, die Situation der Sklavenarbeiter im Rahmen des UN-Menschenrechts-Monitoringprozesses bei den Vereinten Nationen in Genf vorzubringen – damit Millionen leidtragender Kinder, Frauen und Männer nicht länger Sklaven sind, sondern im wahrsten Sinne unsere Brüder und Schwestern.

 

 Die Fragen an Monsignore Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks MISEREOR, stellte Josef König.

Kommentar: „Ware Mensch“

Ein Kommentar von Dr. Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg

„Nicht länger Sklaven, sondern Brüder und Schwestern!“ So hat Papst Franziskus die Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2015 überschrieben. Er erinnert damit an einen wesentlichen Aspekt der Erlösung der Menschheit durch Jesus Christus und weist zugleich auf eines der drängendsten Probleme unserer Zeit hin. Der Sohn Gottes wurde „wie ein Sklave und den Menschen gleich“ (Phil 2,7), um uns Menschen und die ganze Schöpfung zur „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ zu führen (vgl. Röm 8,21). Alle, die durch Jesus Christus von der Sklaverei der Sünde und des Todes befreit werden, sind eine neue Schöpfung, in der auch eine wahre Gleichheit in Würde und Tätigkeit aller besteht: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus“, schreibt Paulus den Galatern (Gal 3,28). Diese Aussage war grundlegend dafür, dass die Sklaverei immer wieder und immer stärker im Laufe der Geschichte angeprangert und schließlich offiziell für die ganze Welt verboten wurde, was allerdings erst Jahrhunderte, nachdem Paulus diesen Satz geschrieben hatte, erfolgte.

Dennoch gibt es – und darauf weist der Papst in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2015 eindringlich hin – auch in unserer Zeit Sklaverei: Menschen geraten in Schuldknechtschaft; ihre Arbeitskraft wird ausgebeutet; sie werden zur Prostitution gezwungen. Diese Phänomene und weitere Verbrechen werden unter dem Begriff „Menschenhandel“ subsumiert. Auch Kinder fallen dem Menschenhandel zum Opfer, werden ausgebeutet und missbraucht. Wenn Menschenhandel und Flüchtlingsschicksal zusammenfallen, ist es „Menschenschmuggel“ und besonders prekär. So nehmen Verfolgte und Bedrängte, Notleidende und Schutzsuchende die „Dienstleistung“ von Schleppern in Anspruch, um ihre Heimat zu verlassen, dann übers Meer oder auf unsicheren Landwegen zu fliehen, um schließlich die restriktiven Einreisebestimmungen der Zielländer zu umgehen, in die sie gelangen wollen. Dafür müssen sie Unsummen zahlen, die sie gegebenenfalls später unter unwürdigen Bedingungen abarbeiten.

Zu den ureigenen Aufgaben der Kirche gehört es, an der Seite der Schwachen und Entrechteten zu stehen, sie zu unterstützen und für sie einzutreten. Menschen, die vom Menschenhandel betroffen sind, gehören zu den Ärmsten der Armen und sind die Sklavinnen und Sklaven der heutigen Zeit. Der langjährige Einsatz der Kirche für die Opfer des Menschenhandels hat durch die Initiativen und das Engagement von Papst Franziskus neue Aufmerksamkeit und Dynamik erfahren. Anlässlich einer internationalen Konferenz im Vatikan hat er den Menschenhandel als „offene Wunde am Körper der Menschheit“ und als „Verbrechen gegen die Menschheit“ bezeichnet. Das gilt unabhängig von der Zahl der Betroffenen, die infolge der damit verbundenen Kriminalität im Dunkeln liegt und je nach Perspektive und Definition umstritten ist. Dennoch gibt es Zahlen. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO schätzt die Zahl auf 21 Millionen, Hilfsorganisationen schätzen sie auf 35 Millionen, ca. 80 Prozent davon Frauen; mit Zwangsarbeit und Sklaverei würden jährlich rund 120 Milliarden Euro verdient.

Einzelne Christen und die Kirche setzen sich weltweit für die Betroffenen ein und leisten konkrete Hilfe. Durch Aufklärung, Informationen und Beratung potentieller Opfer von Menschenhändlern engagieren sie sich präventiv. Auf Weltebene ist der Heilige Stuhl führend an der religionsübergreifenden Initiative Global Freedom Network beteiligt, das zum Gebet und zur Bewusstseinsbildung aufruft; es hat Handlungsoptionen zur Bekämpfung von Menschenhandel und Hilfen für Opfer erarbeitet. Auch die kirchlichen Hilfswerke in Deutschland, Caritas, Misereor, Adveniat, Missio und Renovabis engagieren sich seit Langem gegen Menschenhandel. In Deutschland gibt es von der Kirche (mit)getragene Hilfsorganisationen, die Opfern von Menschenhandel juristisch und psychologisch, medizinisch und materiell, vor allem aber menschlich beistehen, z. B. Solwodi und Jadwiga für (Zwangs-)Prostituierte. Zusätzlich zur karitativen Hilfe bringt sich die Kirche in die öffentlichen und politischen Diskussionen ein. Sie fordert vor allem, dass die Perspektive der Opfer weltweit, und auch in Deutschland, noch mehr Eingang in Politik und Gesetzgebung finden soll. Ziel muss sein, den Menschenhandel auszumerzen und diese „offene Wunde am Körper der Menschheit“ zu heilen.

Trotz kleiner Erfolge, vielfältiger Initiativen und der Hoffnung auf weitere Fortschritte ist Realismus angebracht. Menschenhandel dauerhaft abzuschaffen, wird lange dauern. Allzu viel Geld wird auf Kosten der Opfer verdient; allzu viel kriminelle Energie ist im Spiel. Gerade deshalb dürfen wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen. Als Kirche stehen wir in der Pflicht, weitere Schritte gegen Menschenhandel anzumahnen und auch selbst neue Initiativen zu entwickeln. Jeder Beitrag für das Menschenwohl und gegen Menschenhandel zählt.

Dr. Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg und Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, wurde 1949 im hessischen Marburg geboren. Studium der Philosophie und Theologie in Fulda und Würzburg. In Fulda wurde er 1975 zum Priester geweiht, 1995 zum Generalvikar und 1998 zum Weihbischof dieses Bistums ernannt.

Seit 2002 ist er Erzbischof von Bamberg und seit September 2006 Vorsitzender der Kommission Weltkirche. Mit seiner eigenen Stiftung „Brot für alle Menschen“ und der Stiftung „KinderReich“ will er dazu beitragen, die Not in der Welt zu lindern und kinderreiche Familien zu fördern.

                            

Kompass Januar 2015

Kompass_01_2015.pdf

Die erste Ausgabe des Jahres (01/15) beginnt mit Neujahrsgrüßen, Gedanken zum Jahreswechsel und Ausblicken auf 2015 von Militärgeneralvikar Msgr. Bartmann, dem GKS-Bundesvorsitzenden Oberst Attermeyer, dem Wehrbeauftragten H. Königshaus und Militärpfarrer T. Funke. Aus der Militärseelsorge steht das „Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften“ im Mittelpunkt, außerdem das „Friedenslicht aus Betlehem“, Berichte von vielfältigen Ereignissen und Personalien. Der Glaubens-Teil dreht sich um Jesus von Nazaret, dessen Geburt an Weihnachten gefeiert wurde, sowie die Aktion Dreikönigssingen 2015 – Film- und Lesetipps runden den Inhalt ab.

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